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Full text of "Geschichte der Hebräer"

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http://www.archive.org/details/geschichtederlieb01kitt 



HANDBÜCHER 



DER 



ALTEN GESCHICHTE. 

I. SERIE. 
DRITTE ABTEILUIVG: 

GESCHICHTE DER HEBRÄER 

VON 

R. KITTEL. 



1. HALBBAISTD : 

QUELLENKUNDE UND GESCHICHTE DER ZEIT BIS 
ZUM TODE JOSUAS. 




GOTHA. 

FRIEDRICH ANDREAS PERTHES. 

1888. 



t:^-^ 



GESCHICHTE DER HEBRÄER 



VON 



R. KITTEL. 



L HALBBAND: 

QUELLENKUNDE UND GESCHICHTE DER ZEIT BIS 
ZUM TODE JOSUAS. 




GOTHA. 

FRIEDRICH ANDREAS PERTHES. 

1888. 



VORWORT. 



Das liier vorgelegte erste Stück einer Geschiclite des 
hebräischen Volkes tritt für sich an die Öffentlichkeit, weil 
es als die Quellenkunde und Geschichte des Hexateuch ein 
in sich geschlossenes Ganzes darstellt. Den zweiten Halb- 
band hoffe ich in Jahresfrist vollendet zu haben. 

Dem Zwecke dieser Handbücher geniäfs, nach welchem 
sie Studierenden und Ijchrern, sowie nach wissenschaftlicher 
Vertiefung strebenWen Geschichtsfreunden zur Grundlage des 
wissenschaftlichen Studiums dienen sollen, war es mein Ab- 
sehen, den heutigen Stand der Forschung zur Anschauung 
zu bringen und besonders über den Charakter und Gehalt 
der Quellen zu orientieren. Die Vorgänger habe ich dank- 
bar benutzt; wo es mir geboten schien , ist selbständig 
Stellung genonnnen ; wo ich eine Entscheidung für jetzt 
nicht als möglich erachtete, wurde die Frage offen gelassen. 
Wie weit icli liier das Richtige getroffen habe, wird ver- 
schieden beurteilt werden : es wäre mir lieb , wenn die Ar- 
beit, auch wo sie irrt, doch das redliche Bemühen, der Wahr- 
heit nahezukounnen an den Tag legte. 

Der Abschnitt S. 122 — 173 (Kap. I) ist unter dem hier 
Gedruckten zuerst, nämlich schon 1885 niedergeschrieben. 
Daher macht sich vielleicht hie und da bemerklicJi, dals die 
Beziehung auf die 5. Auflage von Dillmanns Genesis und 



VI Vorwort. 

die zweite von Kuenens Onderzoek erst nachträglich einge- 
arbeitet ist. Das letztere Werk niufste ich noch fast dnrch- 
weg im holländischen Original benützen. Da aber eine 
deutsclie Übersetzung im Werke war, habe ich, um auch ihre 
Benützung dem Leser zu ermöglichen, fast immer nach Pa- 
ragraphen und Noten citiert. In einigen Fällen sind die 
Seitenzahlen (des holländischen Originals) stehen geblieben. 

In den litterarischen Nachweisen war es bei der an 
manchen Punkten angehäuften Fülle des Materials nicht 
immer leicht, das richtige Mafs zu finden. Von biblio- 
graphischer Vollständigkeit konnte nach dem Plan des Wer- 
kes nicht die Rede sein. Auch ist vieles, was in auslän- 
dischen kleineren Zeitschriften liegt, dem deutschen Gelehrten 
fast unerreichbar. Mit rühmlichen Ausnahmen ist dasselbe 
auch nicht von zu grofsem Belang. Ich habe mich begnügt, 
was mir unter den benützten Hilfsmitteln bemerkenswert er- 
schien, der Beachtung des Lesers zu empfehlen , und mufs 
hier um ein billiges Urteil bitten. Dasselbe gilt für die 
Transskription. Geschmack und Wissenschaftlichkeit konmien 
bei ihr in einen gewissen Konflikt, aus dem der Autor sich 
nur durch einzelne Inkonsequenzen ziehen kann. Bedauerlich 
ist mir, dafs die Arbeiten von Bruston mir nicht so recht- 
zeitig zugänglich wurden, um noch ausreichend verwendet 
werden zu können. 

Für sachdienliche Belehrung jeder Art werde ich dank- 
bar sein, besonders für solche, welche dem Fortgang des 
Werkes zugute kommen wird. 

Stuttgart im Oktober 1887. 

Der Verfasser. 



INHALT. 

Einleitung. 

Seite 

§ 1. Interesse und Behandlung des Gegenstandes 3 

§ 2. Wissenschaftliche Bearbeitungen der hebräischen Geschichte . . 6 

§ 3. Israels Land und seine Produkte 9 

1. Das Land r^ • 9 

2. Klima, Pflanzen- und Tierwelt 15 

§ 4. Die Bewohner und Nachbarn Kena'ans 17 

1. Die Bewohner 17 

2. Israels Nachbarn 22 



Erstes Buch. 
Die Zeit bis zur Eroberung Kena'ans. 

A. Quellenkunde dieses Zeitraums. 
I. Der alttestamentliche Hexateuch. 

§ 5. Die Tradition und ihr Recht 25 

§ (). Geschichte der Kritik 33 

1. Periode: Bis auf K. H. Graf 33 

2. Periode : Die Kritik seit Graf 39 

§ 7. Das Deuteronomium und die deuteronomischen Stücke .... 43 

1. Die Zusammensetzung des heutigen Deuteronomiums und der 

ursprüngliche Kern des Buches 43 

2. Die Abfassungszeit von D 51 

3. Die deuteronomischen Stücke im Buch Josua 59 

§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D . . 62 

1. Verhältnis zum Deuteronomium 62 

2. Verhältnis von E und J. Ihre Zusammcnarbeituug .... 65 

3. Priorität 68 

4. Alter und Herkunft 73 

5. Quellen von E und J 81 



VIII Inhalt. 

Seite 

§ 9. Die Priesterschrift 87 

§ 10. Fortsetzung. Die Gründe für nachexilische Abfassung von P 96 

1. Das archäologische Moment (Gottesdienstort. Opfer. Feste. 
Priester und Leviten) 96 

2. Das litterarische und sprachgeschichtliche Moment . . . 112 

3. Ergebnis 119 

II. Die übrigen Quellen. 

§ II 120 

B. Geschichte des Zeitraums. 

1. Kapitel. Die Zeit der Patriarchen. 

I. Die Tradition der Quellen. 

§ 12. Die Erzählung von E 123 

1. Abraham 123 

2. Isaaq 126 

3. Jaqob 128 

4. Josef 130 

§ 13. Die Erzählung von J 133 

1. Der .Tahvist 133 

2. Abraham 135 

3. Isaaq 138 

4. Jaqob 139 

5. Josef 142 

i; 14. Priesterschrift und Redaktion 145 

1. Die Priesterschrift 145 

2. Der Redaktor 149 

II. Der historische Gehalt der Patriarchengeschichte. 

§ 15. Die Patriarchen im allgemeinen 151 

§ 16. Abraham 155 

sj 17. Die Herkunft Abrahams und der Hebräer 163 

§ 18. Die Einwanderung der Hebräer in Ägypten 166 

§ 19 Die Persönlichkeit Josefs 168 

2. Kapitel. Mose und der Wüstenzug. 
I. Die Tradition der Quellen. 

§ 20. Die Erzählung von J 174 

1. Bis zum Sinai 174 

2. Die Sinaivoi-gänge 179 

3. Das Ende des Wüstenzuges 182 

§ 21. Die Erzählung von E 184 

1. Bis zum Sinai 184 

2. Die Sinaivorgänge 188 

3. Das Ende des Wüstenzuges 192 

§ 22. Der Erzählungsstoff von P 195 



Inhalt. IX 
II. Der historische Gehalt der Moseereschichte. 

° Seite 

§ 23. Das Alte Testament für sich 201 

1. Überblick 201 

2. Der Zug durchs Rote Meer 203 

8. Der Kampf mit Siliou 206 

4. Die 40 Wüstenjahre 209 

5. Die Vorgänge am Sinai 210 

6. Lagerstätten. Volkszahl. Stiftshütte 213 

§ 24. Fortsetzung. Mose und seine Religion 216 

1. Mose geschichtliche Person 216 

2. Mose als Gesetzgeber und Religionsstifter 218 

3. Wober seine Gotteserkenntnis? 226 

§ 25. Die ausländischen Nachrichten 228 

1. Teil el-Maskhuta 228 

2. Der Pharao des Auszugs 231 

Kapitel. Die Eroberung Kena'ans. 

§ 26. Die Übersicht über die Eroberung in Rieht. 1 und 2, 1—5 . 239 

1. Der Text 239 

2. Die Verteilung und Josua 245 

3. Ergebnis 248 

§27. Die Eroberung Kena'ans nach dem Buch Josua bis zum Bünd- 
nis mit Gib'on 251 

1. Josua an der Spitze Gesamtisraels 252 

2. Josua an der Spitze des Hauses Josef 257 

§ 28. Der historische Charakter der Erzählung 263 

1. Die Art des Eindringens 264 

2. Die einzelnen Vorgänge 269 

§ 29. Die Ereignisse nach dem Bündnis mit Gib'on 273 

1 . Die Schlacht bei Gib on 273 

2. Der Rest der Nachrichten 278 



WICHTIGSTE ABKÜRZUNGEN 



AT Altes Testament. 

Bädek.'- Palästina und Syrien. Handbuch für Reisende. Heraus- 
gegeben von K. Bädeker. 2. Aufl. 1880 (bearbeitet von 

Sociii). 
Bib.-Lex Bibellexikon, Realwörterbuch zum Handgebrauch u. s. w., 

herausgegeben von D. Schenkel, Leipzig 1869 — 1875. 
Bleek* Einleitung in das Alte Testament von Friedr. Bleek. 

4. Aufl. von Wellhausen 1878. 
Dillm., ExLev. . . . Die Bücher Exodus und Leviticus. Neu bearbeitet von 

A. Dillmann 1880. 
Dillm., Gen.^ . . . Die Genesis. Erklärt von A. Dillmann. 5. Aufl. 1886. 
Dillm., NuDtJo. . . Die Bücher Numeri, Deuteronomium und Josua. Neu be- 
arbeitet von A. Dillmann 1886. 
Ebers, AgBMo. . . Ägypten und die Bücher Mose. Sachlicher Kommentar zu 

den ägyptischen Stellen in Genesis und Exodus. Von Georg 

Ebers 1. 1870. 
Ebers, Gosen'^ . . . Durch Gosen zum Sinai. Aus dem Wanderbuch und der 

Bibliothek. Von Georg Ebers. 2. Aufl. 1881. 
HWB Handwörterbuch des biblischen Altertums für gebildete 

Bibelleser. Herausg. von Ed. Riehm. 1874—1884. 

JDTh Jahrbücher für Deutsche Theologie. 

JPTh Jahrbücher für Protestant. Theologie. 

Köhler, (Bibl.) Gesch. Lehrbuch der biblischen Geschichte des Alten Testamentes 

von A. Köhler 1875 ff. 
Kuen., Ond.'^ (O.**: . Historisch-critisch onderzoek naar het ontstaan en de ver- 

zameling van de boeken des Onden Verbonds door A. Ku- 

enen, 2. Uitg. I, 1. 1885. 
PRE.^ Realencyklopädie für Protestantische Tlieologie und Kirche. 

2. Aufl. von Herzog-Hauck-Plitt. Leipz. 1877—1888. 
Reufs, Gesch. d. A T. Geschichte der heiligen Schriften des Alten Testaments 

von Ed. Reufs. 1881. 
Ritter, Erdk. . . . Erdkunde im Verhältnis zur Natur und Geschichte des 

Menschen. Von C. Ritter, 1850 ff. 



Xll Wichtigste Abkürzungen. 

Eobins., NBF. . . . Neuere biblische Forschungen in Palästina und den an- 
grenzenden Ländern von Ed. Robinson, 1857. 

Robins., Pal. . . . Palästina und die südlich angrenzenden Länder von E. Ro- 
binson, 1841 f. 

Schrader, KAT,^ . . Die Keilinschrifteu und das Alte Testament von Eberh. 
Schrader. 2. Aufl., 1883. 

Schrader, KGF. . . Keilinschrifteu und Geschichtsforschung von Eb. Schrader, 
1878. 

StKr Theologische Studien und Kritiken. 

ThStW Theologische Studien aus Württemberg. 

Wellh., EinP s. Bleek*. 

Wellh., Gesch. Isr. . Geschichte Israels von J. Wellhauseu. 1. Band, 1878. 

Wellh., Prol."^ . . Prolegomeua zur Geschichte Isi-aels von J. Wellhausen, 

2. Ausgabe der Geschichte Israels, Bd. I, 1883. 

Wellh., XXI. XXII . Wellhauseu in den Jahrbüchern für Deutsche Theologie^ 
Bd. XXI und XXII. 

ZAW Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft. 

ZDMG Zeitschrift der Deutschen Morgeuländischen Gesellschaft. 

ZDPV Zeitschrift des Deutscheu Palästinavereins. 

ZkWL Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft und kirchliches 

Leben. 



Geschichte der Hebräer. 



Kittel, Gesch. der Hebräer. 



Einleitung. 



§ 1- 

Interesse und Behandlung des Gegenstandes. 

Vielfaches Interesse kommt der Geschichte des hebräischen Volkes 
entgegen. Schon die allgemein menschHche Anteilnahme und der Drang 
psychologischer Beobachtung mögen mehr als anderwärts das Verlangen 
wecken, die Geschichte des Volkes kennen zu lernen, dessen unge- 
schwächte, allen Stürmen der Weltgeschichte und tausend Leiden be- 
sonderer Art ti'otzende Lebenskraft und dessen zähes Festhalten an 
seinem Volkstum und seiner angestammten Eigenart heute noch Staats- 
lenkern wie Menschenkennern das grölste Rätsel zu lösen geben. Inter- 
essen höherer Art aber werden rege, wenn man versucht, die Nach- 
wirkung der Geschichte dieses Volkes auf die übrigen Völker, ja auf 
die Welt und ihre Geschicke ins Auge zu fassen. 

Die Geschichte des menschhchen Geisteslebens seit dem Beginn 
unserer Zeitrechnung, wenn gleich reichlich beeinflufst von den Ideen, 
welche aus Griechenland und Rom geflossen sind, hat doch von nirgends- 
lier stärkere und nachhaltigere Befruchtung erfahren , als von dem 
kleinen Judäa aus. Der Geist aber schafft sich seine Formen im 
äufseren Leben. Das Christentum, der Träger jener neuen Gedanken, 
hat mit Glauben, Denkart und Sitte auch das äufsere Leben der Völker 
in Kultur und Staatenbildung in seinen Bereich gezogen und ilim seine 
Form geschaffen. Kaum ein Ereignis höherer Bedeutung wird bis 
zum heutigen Tag in den vom Christentum berührten Nationen sich 
aufzeigen lassen, dessen Werden und Geschehen nicht mit unter dem 
Einflufs jener grundlegenden Thatsachen stünde. 

Die Religion Jesu von Nazaret, oder vielmehr das von ihm ge- 
schaffene, Leben und Welt in ihrer Gesamtheit umfassende Werk, ist 

1* 



4 Einleitung. 

aber nicht allein auf dem Boden Judäas und des israelitischen religiös- 
nationalen Volkstums erwachsen: der Stifter der christlichen Religion 
wurzelt mit .seinem Wesen imd besonders mit seiner Lehre aufs tiefste 
in der Vergangenheit seines Volkes und den im Alten Testamente ihm 
sich bietenden Gedankenkreisen. Je tiefer die Forschung im Suchen 
nach den Quellen der christlichen Religion graben wird, desto näher 
wird sie immer wieder den Gedanken des hebräischen Altertums 
kommen. Das hebräische Volk hat in der Reihe der Nationen die Auf- 
gabe erfüllt, das Saatfeld zu sein, auf dem die Frucht der neuen welt- 
bezwingenden Ideen reifen sollte. Saatfeld und Frucht aber stehen 
immer im engsten Zusammenhang. Die Stoffe sind im Saatfeld ge- 
borgen und von lange her bereitet; nur ein neuer Lebenskeim mufs 
sie zur Entfaltung rufen und ihnen ihre bestimmte originale Form 
geben. Auch der Islam hat sein Bestes hier geholt. 

Die Ursache dieser ganz eigenartigen, von keinem Volke nur 
entfernt erreichten Stellung Israels ist seine Religion , seine Vor- 
stellung von den göttlichen Dingen. Aber nicht die Religion für sich 
und abgesondert von dem übrigen Volkstum, sondern im engsten Zu- 
sammenhang, in lebendigster greifbarer Wechselwirkung zu jenem 
stehend: getragen, mitbestimmt und mitgezeitigt von der Eigenart und 
den Geschicken des Volkes und selbst wieder sie bestimmend vind sicht- 
lich beeinflussend. 

Keine Macht der Erde gleicht dem Einflufs des religiösen Lebens. 
Das hat das Volk der Hebräer grofs und bis heute nachwirkend ge- 
macht. Mochten immerhin die neben ihm siedelnden Phöniken Länder 
und Meere durchstreifen und die Schätze dreier Weltteile aufhäufen; 
mochten die Völker der Nil- und Euphratländer die halbe Welt sich 
zu Füfsen legen; mochte Hellas durch seine Weltweisheit und die un- 
sterblichen Schöpfungen seiner Kunst, Rom durch seinen Gesetze und 
Staaten schaffenden Genius sich einen Namen in der Geschichte machen : 
an nachhaltigem, tiefgreifendem Einflufs auf Schicksale und Denkart 
der Völker stehen sie dem hebräischen Volke entfernt nicht zur Seite. 
So verschwindend klein das Land dieses Volkes, so unbedeutend das 
Volk selbst an Landbesitz und äufserer Machtstellung dasteht — es 
hat eine Macht eigener Art auf die Welt ausgeübt, eine Art Welt- 
herrschaft sich anzueignen vermocht. Seiner Weise der Gottesver- 
ehrung — verfielt und gehoben durch das Christentum, aber ursprüng- 
lich dem Volke Israel erschlossen — haben die Völker sich gebeugt. — 
Die Beleuchtung, in welcher dieses Buch die Geschichte des Vol- 
kes Israel dem Leser vor Augen zu führen suchen wird, ist in wenig 
Sätzen gekennzeichnet. 



§ 1. luteresse und Behaudluug des Gegenstandes. 5 

Ist es überhaupt die Autgabe der Gescliichte, nicht allein die 
Thatsachen zu ermitteln und aneinander zu reihen, sondern zugleich 
das Werden, Wachsen und Vergehen der Völker aus der innern Not- 
wendigkeit der in ihnen wirkenden Kräite und ihrer Verknüpfung mit 
den allgemeinen Zwecken und Zielen der Weltgeschichte zu ermitteln: 
so kann diese Aulgabe fast nirgends lohnender, nirgends aber auch 
mehr in ihrer Berechtigung und Notwendigkeit an den Geschichtschrei- 
ber herantreten als auf diesem Gebiete. 

Findet er doch hier eine Reihe seltsamer, in ihi-er Vereinzelung 
befremdlicher, ja verwirrender Erscheinungen, welche erst in der all- 
gemeinen Verkettung der Dinge sich als sinnvoll und von Werten 
erfüllt darstellen. Ein Beispiel genügt für viele. Sonst ptiegen wir die 
höchste Auswirkung der Kräfte eines Volkes mit Wachstum und Blüte 
seines Gemeinwesens vereint zu finden; höchstens rafft einmal ein sin- 
kendes Volk der untergehenden Sonne gleich im Scheiden noch einmal 
die volle Glut seines Wesens in letztem Aufflammen zusammen. Bei 
diesem merkwürdigsten aller Völker aber ist gerade der nationale 
Untergang der Quellpunkt seines Bestandes geworden. Im Volke 
Israel eröffnet sich dem erstaunten Beschauer das seltsame Bild, dafs 
der Zusammenbruch des Staatswesens und das Ende des selbständigen 
Bestandes der Nation ein neues Aufleben des Volksgeistes zur Folge 
hat. Und dies nicht etwa nur in dem Sinne, wie auch sonst unter- 
gehende Völker in ihren Trümmern die Erinnerung an die einstige 
Blüte und die Trauer um ihi* Geschick zäh und unentwegt festhalten: 
was sonst der Untergang ist, ist in Israel der Anlafs einer dauernden 
Neugestaltung. 

Die Ursache ist abermals die Rehgion, das eigenste Kleinod des 
hebräischen Volkstums. Der Staat ist gefallen. Aber in diesem Volke 
allein ist die nationale — eben darin als übernational sich er- 
weisende — Rehgion stärker als er, und an dem religiösen Glauben 
rankt das Leben des Volkes sich neu auf und schafft bleibende, alles 
Frühere überragende Gebilde — politisch untergeordnet, ja mehr als 
verschwindend, dem idealen Gehalte nach weltbezwingend. 

Dieses Bild, für sich befremdend, ja störend, erhält sein Licht von 
den Zwecken des Ganzen. Das sogenannte Judentum, d. h. die spätere 
Gestaltung des israelitischen Volkes, dem alten Hebräertum gegenüber 
abstofsend und eine Karikatur wirkhchen gesunden Lebens voll Thor- 
heit und Abgeschmacktheit, verhert im Bhck auf das Uchte Ziel, dem 
es zustrebt, seine Verworrenheit und niedere GewöhnUchkeit. 

Die Auffassung der Geschichte, welche die folgende Darstellung 
vertritt, ist sonach ein teleologischer Pragmatismus. Ein Einzelzweck 



$ Einleitung. 

Teranlafst die Handlung des Menschen; aber das Einzelereignis gliedert 
sich in die Kette des Gesamtverlaufes ein und gewinnt darin erst seine 
Stellung. Und der Einzelzweck wird aufgenommen durch den über 
ihm stehenden, den letzten Sinn des ganzen Prozesses der Greschichte 
darstellenden allgemeineren Zweck. Ist die Greschichte kein Beweis für 
eine teleologische Weltanschauung, so ist immerhin diese ein unent- 
behrliches Erfordernis für geschichtliches Verständnis. Denn nicht 
allein hat die Geschichte zurückschauend aus der Wii'kung die sie be- 
dingende Ursache zu ermitteln und vorausblickend den Keim neuen 
Werdens in dem Bestehenden aufzuzeigen : sie soll aus diesem Wechsel- 
spiel das Gesetz ergründen, dem alles menschliche Leben gehorcht, und 
das Ziel, dem es zustrebt; und sie soll nicht minder aus diesem Er- 
kennen des Allgemeinen wiederum ihr Verstehen des Einzelnen be- 
reichern und vertiefen. 

Weit entfernt, die Geschichte damit nach eingelegten Ideen oder 
vorgefafsten Meinungen konstruieren zu wollen, suchen wir hierin nur 
die in den Thatsachen selbst waltenden Gedanken als die jedem Vor- 
gang wesentlichen Elemente aus dem äufseren Hergang der Dinge 
herauszulesen. Wir wissen uns dabei in Übereinstimmung mit dem 
grofsen Meister der Geschichtschreibung ^. 



§ 2. 
Wissenschaftliche Bearbeitungen der hebräischen Geschichte. 

Über die altern Arbeiten zui* israeUtischen Geschichte von Sul- 
picius Severus bis gegen die Mitte unseres Jahrhunderts hat Köhler ^ 
sorgfältigen Bericht erstattet. 

Eine umfassende kritisch angelegte Geschichte Israels im grofsen 
Stile hat zuerst Heinrich Ewald^ geHefert. Sein Werk, wenngleich 
von teilweise nie zu voller Anerkennung gekommenen, teilweise heute 
nicht mehr haltbaren quellenkritischen Voraussetzungen ausgehend, ist 
die grofsartigste bis heute auf dem Gebiete hebräischer Geschicht- 
schreibung zutage getretene Erscheinung, vielfach bahnbrechend und 
die weitere Forschung anregend. 



1) Vgl. aufser Rankes Werken besonders über Rankes Geschichtsauffassung 
C. Röfsler in Preufs. Jahrb. Bd. LVIII, S. 64 ff. 

2) Lehrb. d. bibl. Gesch. d. Alten Bundes I (1875), S. 7 ff.; vgl. dazu bes. 
für das 17. und 18. Jahrh. Diestel, Gesch. d. Alten Testamentes, S. 460 ff. 577 ff. 

, 3) Gesch. des Volkes Israd 1843 ff., 3. Aufl. 1864 ff. 



§ 2. Wissenschaftliche Bearbeitungen der hebräischen Geschichte. 7 

Schon vor Ewald war Bertheau ^ mit einer wertvollen, heute 
noch beachtenswerten Schrift zur Geschichte Israels hervorgetreten; 
unter des ersteren Einflufs steht — im ersten Teile mit geringerer, im 
zweiten mit gröfserer Selbständigkeit dem Werke Ewalds gegenüber — 
die Geschichte Israels von Weber und Holtzmann^. 

Eine vielfach fördernde, an neuen Kombinationen reiche, aber wie 
an Scharfsinn, so auch an Avillkürlichen Einfällen und haltlosen Hypo- 
thesen seine übrigen Schriften fast noch überragende Bearbeitung 
unseres Gegenstandes hat Hitzig^ geliefert. Ihn hat neuerdings, wenn 
auch nicht an Gelehrsamkeit und philologischer Ausrüstung, so an 
Mangel kritischer Methode und historischer Vorsicht übertroffen L. Sei- 
ne cke *. 

Im Sinne der älteren traditionellen Auffassung des Alten Testa- 
mentes haben besonders Hengstenberg s, Hofmann ^ und Kurtz '^ 
gearbeitet, jener in strengerer, diese in ermäfsigter Form sich an die 
Alteren anschliefsend. Ihnen hat neuerdings sich A. Köhler^ zuge- 
sellt in seinem in fortschreitender Ausführlichkeit und Gründlichkeit 
den Gegenstand behandelnden, durch Gelehrsamkeit, Tiefe und Objek- 
tivität ausgezeichneten Werke. 

Eine neue Epoche der hebräischen Geschichtschreibung hat AVell- 
hausen^, zurückgreifend auf die anderwärts zu nennenden Schriften 
von Vatke, Graf und Kuenen, eingeleitet. Mit seinen Voraussetzungen 
und Folgerungen werden wir uns vielfach zu beschäftigen haben. Hat 
Wellhausen aufser im „Abrifs" sich wesentlich auf die Quellenkritik, 
freilich unter besonderer Betonung des reahstischen Faktors derselben. 



1) Zur Geschichte der Israeliten. Zwei Abhandlungen, Gott. 1842. 

2) Geschichte des Volkes Israel und der Entstehung des Chiüstentums, 2 Bde., 
Leipzig 1867. 

3) Geschichte des Volkes Israel von Anbeginn bis zur Erobei'ung Masadas im 
Jahre 72 n. Chr., Lpz. 1869, 2 Tle. 

4) Geschichte des Volkes Israel, I Gott. 1876, II Gott. 1884. 

5) Gesch. des Reiches Gottes unter dem A. Bunde, Berl. 1869 ff. 

6) Weissagung und Erfüllung, Nördl. 1841. 44. 

7) Geschichte des Alten Bundes, Berlin 1848 ff. (3. Aufl. 1864). 

8) Lehrbuch der bibl. Gesch. d. A. Bund., Erlg. Erste Hälfte 1875, zweite 
Hälfte, 1. Tl., 1.— 3. Liefg. 1877—1884. 

9) Geschichte Israels. 1. Band, Berl. 1878; 2. u. 3. Ausg. u. d. Titel: Pro- 
legomena zur Gesch. Isr. 1883 u. 1886; Abrifs der Gesch. Israels und Judas in 
Skizzen und Vorarbeiten, 1. Heft, Berl. 1884 (erweiterte Übersetzung aus der 
Encycl. Britan., Vol. XIII, Art. Israel). 



8 Einleitung. 

beschränkt: so hat hingegen Stade ^, seinen Spuren folgend, jüngst 
den ersten Band einer wirklichen Geschichte Israels fertiggestellt. Mit 
lichter Darstellung und vielen neuen Ergebnissen verbindet Stade ein- 
gehende Schilderung und vielseitige Behandlung des Gegenstandes. Ein 
entschiedener Mangel des bedeutenden Werkes ist der zu wenig aus- 
gebildete Sinn Stades für den Wert der Tradition. — Auch R e u f s' zu- 
nächst der Litteratur gewidmetes Werk ^ bietet reiche Beiträge zur 
Geschichte. 

Vielfache Förderung gewähren die Realwörterbücher , besonders 
Schenkels Bibellexikon, Rieh ms Handwörterbuch des bibl. Alter- 
tums, sowie, obwohl in ungleicher Weise, die Realencyklopädie für prot. 
Theologie. 

Noch ist der zusammenhängenden Werke über die Geschichte des 
alten Orients zu gedenken. Von ausländischen Werken sind zu nennen 
die grofs angelegten Arbeiten von Maspero^ und Lenormant*. 
Der erstere ist unter allen Umständen mehr Agyptolog als Kenner des 
Alten Testamentes. Dies beraubt dem an wertvollen Einzelheiten 
reichen Buche einen erheblichen Teil seiner Bedeutung für unsern 
Gegenstand. Auch bei Lenormant ist kritisches Verständnis des hebräi- 
schen Altertums zu vermissen. Hingegen ist es in Deutschland Max 
Duncker^ gelungen, im Rahmen einer allgemeinen Geschichte des 
Altertums ein kritisch gesichtetes, zugleich die Beziehungen Israels zu 
andern Völkern ins Licht stellendes Bild der hebräischen Geschichte 
zu zeichnen. Heute freiHch ist dasselbe seiner quellenkritischen Grund- 
lage nach nicht mehr haltbar. In noch glückhcherer Weise hat es 
Ed. Meyer "^ verstanden, auf Grund selbständiger Durchforschung fast 
des gesamten Quellenmaterials einen grofsartigen Überblick über die 
Geschichte der einzelnen Völker, wie über ihren wechselseitigen Zu- 
sammenhang zu geben. Leider leidet auch dieses hervorragende Werk 
für die hebräische Geschichte an demselben Mangel wie dasjenige von 
Stade. 



1) Geschichte des Volkes Israel (in Onckens Alig. Gesch. in Eiuzeldarstell.), 
1. Band, Berlin 1881 (—1886). 

2) Geschichte der heil. Schriften des A. Test., Braunschw, 1881. 

3) Geschichte der morgenländischen Völker im Altertum , übersetzt von 
R. Pietschmann 1877. 

4) Histoire ancienne de l'Orient etc. 9^ ed. 1881 sqq. 

5) Geschichte des Altertums I, 5. Aufl., Leipzig 1878. 

6) Geschichte des Altertums I, Stuttg. 1884. 



§ 3. Israels Laut! und seine Produkte. 9 

§ 3. 
Israels Land und seine Produkte. 

1. Das Land '. Der südliche Teil Syriens, vom Fufse des Li- 
banon bis zu jenem Wüstenlande, das Ägypten von Asien scheidet, und 
vom Mittelmeer bis zur syrisch-arabischen Wüste reichend, ist das Land, 
welches Israel inne hatte und als sein ihm von Gott zugewiesenes Ge- 
biet erkannte. Vom 31. bis etwas über den 33. Grad nördlicher Breite 
— von der Südspitze des Toten Meeres bis zu den Jordanquellen — 
und von 52,20 bis zum 54. Grad östlicher Länge sich erstreckend, um- 
fafst dasselbe einen Flächen räum von kaum mehr als 520 Quadrat- 
meilen. 

Die Hebräer selbst benennen ihr Gebiet Land Kena'an (Kanaan); 
wenigstens heifst so im Alten Testament das Land westlich vom Jor- 
dan. Das ostjordanische Gebiet führt den Namen Gif ad, in seiner nörd- 
lichen Hälfte auch Bashan. Der heute übliche Name Palästina ist aus 
Peleshet, der den Hebräern geläutigen Bezeichnung für die phihstäische 
Küstenebene, durch Übertragung auf das ganze Land entstanden. 

Ursprung und Sinn des auch in ägyptischen Denkmälern ^ be- 
zeugten Hauptnamens Kena'^an ist noch unaufgehellt. Eine früher fast 
allgemein übliche Fassung deutet das Wort als Niederland im Gegen- 



1) Über die aufserordentlich reiche Litteratur geben besondere Auskunft : 
Tobler, Bibliographia geographica Palaestinae, Lpz. 1867 (dazu Walsborue im 
„Serapeum" 1869 und Tobler, Bibl. geogr. Pal. ab ann. .333—1000 Dresd. 1875); 
Robinson Pal. I, S. XVIflP.; F. W. Schultz in PRE^ XI, S. 800 ff.; Socin in 
ZDPV. jährlich. — Aufser den in diesem Buch besonders benützten Werken: 
Robinson, Pal. undNBF. ; Russegger, Reisen; Ritter, Eidk. XV f.; Bädek."'' — sind 
noch vorzüglich zu nennen: U. J. Seetzen, Reisen durch Syrien etc., Berl. 1854 ff. ; 
J. L. Burckhardt, Reisen in Syrien und Paläst. 1823 ; v. Schubert, Reise nach d. 
Morgenl., Erl. 1838 ff. : Straufs, Sinai und Golgatha, Berlin 1847; Wolff, Reise ins 
gel. Land 1849 ; van de Velde , Narrative of a journey through Syria and Pal. 
1854 (deutsch von Göbel 1855. 1856) ; Furrer , Wanderungen durch Pal. 1865 ; 
V. Orelli, durchs h. Land 1878; Kiepert, Alte Geogr. 1878, S. 178 ff. ; Lortet,'La 
Syrie d'aujourd'hui 1884; Ebers u. Guthe, Paläst. in Bild und Wort 1883 f. (Neue 
wohlf. Ausg. 1886 f.). Ferner die Veröffentlichungen des Palestine Exploration 
Fund: Quarterly Statements etc. 1869 sqq. ; Survey of Western Palestine 1881 sqq. ; 
Our work in Pal. 1873, und neuestens Twenty-one years work in the Holy Land 
1887 : sowie die geogr. Artikel in Schenkels Bib. Lex. ; Riehras HWB. und 
PRE'^. — Ein grofsartiges Kartenwerk ist das vom Pal. Expl. Fund herausge- 
gebene : The great map of Western Palestine in 26 sheets . . . by Conder and 
Kitchener, Lond. 1880 (in 8 Blatt., Loud. 1881). 

2) S. E. Meyer in ZAW. III, S. 308 die Angaben über Ramses III. und 
Seti I. 



10 Einleitung. 

satz zu Aram, dem Hochlande. Die dabei sofort sich erhebende Schwierig- 
keit : dafs nämhch Israels Land vorwiegend ein Gebirgsland und nur in 
einzelnen Teilen Ebene und Tiefland ist, wird mit der Annahme be- 
seitigt, die Bezeichnung sei, ursprünglich von den am Meere ansäfsigen 
Phöniken und ihrem Lande gebraucht, je mehr diese in ihrer Ausbreitung 
nach Osten vom Meere zum Gebü'ge heraufstiegen, desto mehr auch 
auf das gesamte Westland angewandt worden ^. Es hätte demaach in 
alter Zeit schon ein der Bildung des Namens Palästina ähnlicher Pro- 
zefs stattgefunden. Mag auch die Möglichkeit des letzteren zugegeben 
werden, so steht der ganzen Annahme immer noch ein Umstand hin- 
dernd im Wege. Das vermeintliche Gegenstück von Kena*^an als Nie- 
derland — Aram als Hochland wird in dieser Bedeutung immer frag- 
licher ^. Bedeutet Aram \'ielmehr das Land der Erhabenen, Adeligen, 
der „Arier" (bne shera), so möchte man viel eher geneigt sein, in den 
Kena'^anitern die Gebeugten, Unterjochten^, somit eine Benennung für 
das überwundene Volk zu erkennen. Nur könnte der Name, falls er 
in der That als in alter Zeit schon in Ägypten bekannt sich ferner be- 
stätigt, woran kaum zu zweifeln ist, nicht erst von den die Kena'^aniter 
unterjochenden Hebräern geschöpft sein. Ein anderer Anlafs Uefse sich 
aber nicht wohl denken. Es mufs demnach vorläufig bei einem non 
liquet bleiben. — Neuere Gelehi^te haben mehrfach eine vermittelnde 
Ansicht vorgetragen. Unter Preisgebung des Gegensatzes zu Aram er- 
kennen sie in Kena'an kurzweg die Niederung, das Gesenke am Meere 
imd dem Jordan, und lassen den Namen von hier aus auch auf das 
■westjordanische Gebirgsland übertragen sein *. 

Das ganze Land Palästina wird in zwei Hälften geteilt dui'ch eine 
von Norden nach Süden laufende und über das Gebiet Israels südUch 
bis zum arabischen Meerbusen sich fortsetzende Einsenkung. Sie bildet 
vom Fufs des Hermon an bis zum Toten Meere das Thal des israe- 
litischen Hauptflusses , des Jordan. Schon am Fufse des Hermon in 
verhältnismäfsig geringer Höhe über dem Mittelländischen Meere be- 
ginnend, erreicht dieses merkwürdige Tiefthal beim Jordanausflufs ins 
Tote Meer seinen niedersten Punkt mit 394 Metern unter dem Meeres- 



1) So z. B. Bertheau, Zur Gesch. d. Isr., S. 153 f.; zweifelnd Reufs, Gesch. d 
H. Sehr. d. A. T., S. 43 f. 

2) E. Meyer, Gesch. d. Altert. I, S. 213; Tiele, Babyl.-ass. Gesch., S. 64. 

3) Vgl. den häufigen Gebrauch der hebräischen Verba yijn,-] und yj^j in die- 
sem Sinn. 

4) Dillmann in Schenkels Bib. Lex. III, S. 513ff und Genes.^ S. 179; 
Kautzsch bei Riehm, HWB., S. 216; F. W. SchuUz in FREI III, S. 116. 



§ 3. Israels Land und seine Produkte. 11 

Spiegel, um sich dann gegen den arabischen Meerbusen hin langsam, 
aber immerhin erheblich über den Meeresspiegel, wieder zu erheben. 

Vom See Genezaret bis zum Toten Meere legt der Jordan eine 
Entfernung von kaum 15 geographischen Meilen bei einem Gefälle von 
etwa 200 Metern zurück; bedeutend stärker ist sein Fall im Ober- 
laufe. Er fallt bis zum Hule-See um 437, von diesem bis zum Gali- 
läischen Meere um 274 Meter. Infolge des überaus starken Abfalles 
und des dadurch erzeugten raschen Wasserlaufes, ist der Jordan auf 
keinem Punkte ohne Gefahr schiffbar. Zwar wird im Ghör , der 
Strecke zwischen dem Galiläischen Meere und der Mündung des Jor- 
dan, des letzteren rascher Lauf dadurch zum Teil verzögert, dafs durch 
eine Fülle von Windungen, weiche der Strom zu machen genötigt ist, 
sein Weg auf etwa 40 Meilen Stromlänge sich ausdehnt. Aber Strom- 
schnellen und Strudel machen trotzdem die Schiffahrt fast unmöglich, 
und die den Flufs umgebenden W^älder und Wildnisse und der Mangel 
an Furten, dazu die in der tiefen Lage herrschende tropische Hitze, 
erzeugt durch rechts und links anstehende, jeden kühlen Wind ab- 
haltende Gebirge — kurz eine Fülle widriger Umstände erschweren 
den Verkehr auf und um den Jordan. 

Man hat schon öfter Jordan und Nil verglichen. Beide teilen ihr 
Land in zwei Hälften. Aber ist dieser die Quelle der Fruchtbarkeit 
und die wichtigste Verkehrsader für sein Land, so trennt jener die 
beiden Landeshälften so sehr, dafs sie vielfach in der Geschichte ein 
selbständiges Dasein für sich führen ^. 

Unter den übrigen Flüssen Kena'ans sind zunächst als Neben- 
flüsse des Jordan zu nennen: im Westen der Nähr Dschalüd und der 
Wadi Färi'a, im Osten der Jarmük und Jabboq, sowie, dem Toten 
Meere zuströmend, westlich der Qidron, östlich der Arnon. 

Der Nähr el Dschalüd entspringt aller Wahrscheinlichkeit nach in 
der Nähe des alten Jizreei aus zwei dort zutage tretenden Quellen, 
deren eine wohl in der im Richterbuch genannten Quelle Haröd, wie 
in der aus der Geschichte Sauls bekannten Quelle Jizreels zu erkennen 
ist. Am Fufse des Gilboagebirges sich hinziehend, fliefst er bei Bet- 
sheän in den Jordan. — Einer der schönsten ^ Flüsse des heihgen 
Landes ist der Wadi el-Färi'a. Er besitzt ^A'asser im Überflufs und 



1) S. näher über den Jordan Kobinson, Pal. II, S. 494 ff. 504 ff.; Phys. 
Geogr. d. h. Landes, S. 140 ff. ; und besonders Lynch, Bericht über d. Exped. d. 
Ver. Staat, nach dem Jordan und d. Toten Meere, Lpz. 1850 und Ritter, Der 
Jordan und die Beschiffung des T. M., Berl. 1850. 

2) Robinson, NBF., S. 97 f. 



13 Einleitung. 

erzeugt zum Teil eine üppige Vegetation ^ Aus der Gegend von Na- 
bulus herkommend, fliefst er dem über das Jordanthal emporragenden 
Qarn Sartabe zu und nimmt von hier an immer mehr eine genau 
nordsüdliche Richtung an, so dais er — im Ghor bedeutend wasser- 
ärmer geworden — erst nahe dem 32. Grad den Jordan erreicht. — 
Vom jenseitigen Laude her strömt dem Jordan im Norden der Jarmük 
zu. Von den Griechen wird er Hieromax genannt. Zwei Stunden 
unterhalb des Galiläischen Meeres ergiefst er sich im spitzen Winkel in 
den Jordan. Aus dem Hauran kommend und durch reichliche Zu- 
flüsse, besonders von Norden her, gespeist, mag er nächst dem Jordan 
der wasserreichste Flufs Palästinas sein. Er führt dem Jordan ebenso 
viel Wasser zu, als dieser selbst bei seinem Einfluls besafs ^. — Dem 
weidereichen Gif ad entströmt der stattHche Jabboq, heute Nähr ez- 
Zerqa genannt. Sein eigentlicher Quellflufs der Nähr Amman ent- 
springt bei der dem Alten Testamente wohl bekannten Stadt Rabbat 
Ammon. Zuerst nach NO. fliefsend nimmt er dann die Richtung nach 
West und SW. an und strömt fast unter dem 32. Grad, wenig südlich 
vom Wadi Färi a, in den Jordan. Er kann durch Regengüsse stark 
anschwellen, so dafs der Übergang schwierig wird ^. 

Dem Toten Meere fliefst vom Osten zu der Arnon, heute Wadi 
Modschib. Gegen das Tote Meer hin verengt sich sein Thal mehr 
und mehr, steile Felswände treten zu einer grofsartigen Schlucht zu- 
sammen, durch welche der Flufs tosend seinen W^eg ins Tote Meer 
sich bahnt. Von Westen her mündet der Qidron ins Tote Meer. Das 
Qidronthal beginnt eine halbe Stunde nordwestlich von Jerusalem und 
umsäumt die Stadt selbst von zwei Seiten, im Norden und Osten. Von 
hier wendet die Schlucht sich südösthch dem Toten Meere zu. Ein 
Bach füllt das Thal nur nach stärkeren Regenfällen *. — Nach dem 
Mittelmeere zu ergiefst sich aus dem heiligen Lande nur ein bemerkens- 
werter Flufs, der Qishön, heute el Muqatta geheifsen. Er durch- 
fliefst die fruchtbare, Samarien und Galiläa oder das efraimitische und 
nordpalästinische Gebirgsland trennende Ebene Megiddo, hebräisch auch 
'emeq Jizre el, heute Merdsch ibn 'Amir genannt. Sie ist das eigentliche 
Schlachtfeld des heiligen Landes und hat „das Blut der Jahrhunderte 
getrunken" seit Tutmes III., Debora und Gid'on, Ahab und Pharao 
Neko bis auf die Kreuzfahrer und Napoleon I. Der Qishön thefst aus 



1) Bädek.'', S. 230. 

2^ Ebeud., S. 232. 296. 

3) Ebend., S. 288; Riehm, HWß., S. 651. 

4) Robinson, Pal. II, S. 38; Bädek.", S. 98. 



§ o. Israels Land und seine Produkte. IS 

mehreren teils vom Gilboa', Tabor und kleinen Hernien, teils vom Ge- 
birge Efraim kommenden Quellbächen und unbeständigen Rinnsalen 
zusammen und fällt beim Berg Karmel ins Meer K 

Neben diesen Flüssen besitzt das heilige Land drei gröfsere Seen, 
Sie liegen alle drei in der durch den Jordanlaut' bezeichneten Linie 
von Nord nach Süd. Schon in seinem Oberlauf wird der israelitische 
Hauptstrom zweimal durch gröfsere Süfs Wasserbecken unterbrochen. 
Beide sind gebildet durch vulkanisch erzeugte Dämme, welche sich 
quer über das Jordanthal legen. Der erste derselben bildet den von 
den Arabern Bahr el Hule und von den neueren Geographen, seit Re- 
land ihn vermutungsweise mit den Wassern Merom des Josuabuches 
zusammenstellte, Merom -See genannten Sumpfsee. Er liegt noch 83 
Meter über dem Meere Auf einer Strecke von wenigen Stunden stürzt 
sodann der Jordan in wildem , zahlreiche Wasserfälle darstellendem 
Laufe durch eine tiefe Felsschlucht dem zweiten der Süfswasserseen^ 
dem Meer von Kinneret (Kinnarot), im Neuen Testament und bei Jo- 
sephus See von Gennezaret genannt, entgegen. Er liegt schon 208 
]\Ieter ^ unter dem Meere, ist 21 Kilometer lang, etwa 10^ breit und 
an der tiefsten Stelle 50 Bieter tief, an Fischen reich und schiffbar^ 
rings von Bergen umsäumt, liegt er meist als blauer Spiegel ruhig da, 
wird aber je und je auch von heftigen Stürmen aiifgewühlt *. 

Das Ende des Jordanlaufes ist bedingt durch ungeheuere am süd- 
lichen Abschlüsse der grofsen Einsenkung aufgetürmte Steinsalzlager, 
rings umgeben von hohen schroff ansteigenden Felswänden. Das zwi- 
schen ihnen liegende, 73 km. lange und 17,8 km. breite Becken ist 
durch das einmündende Jordanwasser zu einem langgestreckten Salzsee, 
dem Toten ]\Ieere, gemacht. Beide Namen führt der See mit vollem 
Recht. Die an seinem Südrande vorgelegten Salzmassen, sowie die bei 
der starken Verdunstung ^ ihm verbleibenden sonstigen mineralischen 
Bestandteile haben seinem Wasser einen stark salzigen ^, zugleich wi- 
derlich bittern Geschmack verliehen und machen dessen spezifisches 
Gewicht gröfser als das des Menschen, so dafs der menschliche Körper 



1) S über die Ebene Jizreel Ebers und Guthe I, S. 276 ff. 

2) So nach Lynch Bädeker'', S. 266; Kiepert, Alte Geogr., S. 173 giebt 191 
Meter an. 

3) je nach dem Wasserstand wechselnd. 

4) Bädek.-', S. 266. 

5) Der Jordan soll allein täglich 6 Millionen Tonnen Wasser ins Tote Meer 
ergiefsen, welche vollständig verdunsten. Bädek.*, S. 158 f. 

6) Nach Kiepert, Alte Geogr., S. 174 über 18 Prozent (5—6 mal soviel als 
der OzeanY 



14 Einleitung. 

in ihm nicht untersinkt. Ein lebendes Wesen kann ebendeshalb hier 
nicht bestehen; weder Fische noch Muscheln oder Korallen finden 
sich in ihm \ Trotzdem ist er der ,, Mittelpunkt einer Landschaft von 
seltener Schönheit und mannigfaltigen Reizen" ^. Sein Spiegel liegt 
jetzt 394 Meter unter dem Meere, lag aber einst 106 Meter höher; die 
fortgesetzt starke Verdunstung hat seine Wassermasse langsam ver- 
mindert. Seine gröfste Tiefe ist 399, die mittlere 329 Meter; die Süd- 
bucht zeigt nur etwa 3 Meter Tiefe ^. 

Nächst der Jordanniederung und der Ebene Megiddo besitzt das 
Land Kenaan nur noch Eine bedeutendere Einsenkung, die grofse, am 
Mittelländischen Meer von Gaza bis Cäsarea und Dör sich liinziehende 
Küstenebene. Sie heifst in ihrer südlichen Hälfte Shefelä, in der nörd- 
lichen Sharon. Das Alte Testament *, wie neuere Reisende ^ , wissen 
die Fruchtbarkeit und Schönheit dieser Ebene zu rühmen. 

Alles übrige Land ist Gebirgsland. Auf beiden Seiten des Jor- 
dans füllen das Land zwei grofse, den Libanon und AntUibanon fort- 
setzende Höhenzüge. Es sind im allgemeinen von Nord nach Süd 
fortgehende Kalkgebirge, aber vielfach durch Thäler und Klüfte unter- 
brochen. Sie erreichen eine mäfsige absolute Höhe, in Gahläa 1200 
bis 1300, im übrigen Westland wenig über 800 — 900 Meter, im Osten 
etwas über 1000 Meter. Können die Berge Israels also mit denen des 
Libanon und Hermon sich nicht messen, die bis zu 3000 Metern an- 
steigen, so stellen sie doch, besonders von dem erheblich unter dem 
Meere liegenden Jordanthale aus, stattliche Erhebungen dar. Die Berge 
selbst sind selten einzelstehende Spitzen; meist tritt das Gebirge in 
Form von Plateaus auf und eignet sich daher bis zur Höhe vorzüglich 
zum Ackerbau, so dafs auch das Gebirge in der Regel urbares und 
fruchtbares Land bietet. 

Hauptsächlich sind es die zwei physikalisch freilich wenig ge- 
schiedenen Gebirge, oder vielmehr die zwei Teile des einen vom Karmel 
und der Qishonebene südwärts sich ziehenden Gebirges, das Gebirge 
Efraim und Juda, auf welchen die Geschichte Judas sich abspielt. 

Das Gebirge Efraim besitzt , besonders in seiner nördlichen 



1) 0. Fraas bei Riehm, HWB., S. 973. 

2) Ebers-Guthe, Paläst. I, S. 170. 

3) S. näher über das Tote Meer: 0. Fraas, Das T. M., Stuttg. 1867 und die 
weitere Litteratur bei Ebers-Guthe I, S. 494. 

4) Hohesl. 2, 1. Jes. 33, 9: 35, 2; 65, 10. 

5) Vgl. Ritter, Erdkunde XVI, S. 566 ff.; Robins. Pal. II, 621 ff.; III, 327 ff. 
Fraas, A. d. Orient, S. 198. 



§ 3. Israels Land und seine Produkte. 15 

Hälfte, viel fruchtbares Land und reichliche Triften. Nur gegen die 
Ebene Sharon hin ^ und besonders gegen Osten wird das Gebirge weniger 
bebaut. Die Hügel sind hier zum Teil schroff und kahl und in wilde 
Schluchten zerrissen. Doch tiifft man auch fruchtbare Gegenden, und 
eine Reihe von Ruinen lassen erschliefsen, dafs das Land früher hier 
noch mehr angebaut gewesen sein mag ^. — Das Gebirge Juda bietet 
im ganzen das Bild eines kahlen und noch stärker durchklüfteten Berg- 
landes dar als das Gebirge Efraim ^. Doch sind auch seine Berge 
und Gründe teils mit Bäumen , teils mit Getreide - , Ol - und Wein- 
pflanzungen heute noch reichlich angebaut * und waren es ohne Zweifel 
in alter Zeit noch mehr. 

2. Klima, Pflanzen- und Tierwelt. Ein einheitliches Klima 
besitzt Palästina vermöge seiner beträchthchen Höhenunterschiede nicht. 
.Doch lassen sich gewisse allgemeine Erscheinungen festhalten ^. Auch 
mag das KHma der alten Zeit infolge des sorgfältigeren Anbaus dem 
heutigen gegenüber leise Modifikationen gezeigt haben. Im grofsen 
Ganzen kann aber das heutige Klima des Heiligen Landes als dem der 
alten Zeit konform gelten. 

Dasselbe ist, dem Breitengrade des Heiligen Landes gemäfs, sub- 
tropisch; an der Küste und auf dem Gebirge steht es dem der ge- 
mäfsigten, in dem tief eingeschlossen daliegenden Ghor demjenigen der 
tropischen Zone näher, am Toten Meere wird es geradezu tropisch. 

Palästina kennt nur zwei Jahreszeiten : Sommer und Winter, d. h. 
die regenlose und die regnei'ische Zeit. Der sogen. „Frühregen", zu 
Ende Oktober fallend und seinen Namen führend, weil er das Erdreich 
nach langer Trockenheit zur Bestellung des Feldes wieder tauglich 
macht, leitet die Regenzeit ein. Die eigentlichen Winterraonate sind, 
nachdem der November vielfach noch mild und heiter, der Dezember 
aber ti'üb und stürmisch verlaufen ist, der Januar und Februar. Sie 
bringen in der Ebene Sturm und Regen, auf der Höhe nicht selten 
Schnee. März und April führen die das Wachstum befördernden, die 
Winterfrucht reifenden „ Spätregen " herbei. Ihr Ausbleiben bringt das 
Land zum Teil heute noch, jedenfalls aber im Altertum, in die Gefahr 
der Hungersnot. — Mit dem Mai beginnt der Sommer. Bis Ende Ok- 



1) Robinson, NBF., S. 157. 161. 175 f. 

2) Ritter, Erdk. XVI, S. 462 ffi Robinson, NBF., S. 379 flf. 

3) F. W. Schultz in PRE.^ XI, S. 746. 

4) Robinson, Paläst. I, S. 352ff.; II, S. 410ff. 418 ft. u. ö. Russeger III, 
S. 74 ff. 

5) S. näher Riehm, HWB., S. 1761 ff". F. W.Schultz in PRE.- XI, S. 744 ff 



16 Einleitung. 

tober sind Wolken und Regen nur noch Ausnahmen. Auch die zu- 
weilen noch sichtbaren Nebel im Gebirge schwinden mehr und mehr. 
Der Himmel bleibt monatelang wolkenlos klar. Mond und Sterne 
entfalten des Nachts den wunderbarsten Glanz. Ist der Tag heifs, so 
die Nacht in der Regel erquickend kühl, durch erfrischenden Tau ge- 
würzt. Der Weizen wird, höhere Lagen ausgenommen, meist im Mai, 
die Gerste in der Niederung oft schon im April zur Ernte reif. Be- 
sonders im Ghor, mit seiner höheren Temperatur, reift jede Frucht frü- 
her als im übrigen Lande ^ 

Die Flora Palästinas ist im allgemeinen diejenige der Mittelmeer- 
länder, doch mit manchen Eigentümlichkeiten. P"'ür die Zwecke der 
Geschichte hat eine Aufzählung der wichtigsten Nährpflanzen und 
Baumarten das erste Interesse. 

Korn, Ol, Wein, auf Tenne und Kelter, wie sie das Alte Testa- 
ment oft genug zusammen nennt, gewonnen, bilden die wichtigsten 
Produkte des Heiligen Landes. Die Geschichte Salomos lehrt, dafs das 
Land imstande war , aufser seinem eigenen Bedarf noch erhebliche 
Mengen an Getreide und Ol an das Ausland abzugeben ^. Die wert- 
vollste Getreideart war und ist der Weizen; als Brot der Armeren gilt 
die Gerste, doch oft genug genannt. Daneben sind Dinkel, Hirse, 
Roggen, Mais, Bohnen, Linsen, und eine JNIenge von Küchengewächsen 
viel gepflanzt ^. 

Neben dem Ertrag des geackerten Bodens kommt besonders der- 
jenige der Rebe und des Olivenbaumes, sowie des Feigenbaumes in 
Betracht. „Weinstock, Ölbaum und Feigenbaum" sind eine dem Alten 
Testament überaus geläufige Zusammenstellung, wenn der Segen des 
Landes vorgeführt wird. Die Frucht der durchs ganze Land hin, be- 
sonders am Libanon und auf dem Gebirge Juda, wachsenden Rebe 
dient frisch oder gekeltert als vorzügliches Nahrungs- und Genufs- 
mittel *. Die Olive gedeiht besonders an der phönikischen Küste. Der 
Feigenbaum liefert seine Früchte fast das ganze Jahr hindurch; sie 
werden frisch, wie getrocknet und geprefst genossen. Auch Sykomoren- 
und Granatbäume, Apfel- und Birnbäume, sowie Mandeln, Pfirsiche 
und Aprikosen, Orangen u. a. kennt das Heilige Land, wenngleich in 



1) Robinson, Pal. II, S. 308 f. 5I9fF. 650. 660 ff. ; III, 370f. Ritter, Erdk. 
XV, 1, S. 504 ff.; XVI, S. 134f. 

2) iKön. 5, 11. 

3) S. Rüetschi, „Ernte" in PRE.^ Riehm „Ackerbau" im HWB. 

4) Vgl. V. Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere in ihr. übergange a. Asien etc. 
C 1874), S. 62 ff; ferner die Art. „Wein" in den RealWB. 



§ 4. Die Bewohner und Nachbarn Kenaans. 17 

beschränkterer Ausdehnung. Die Dattel reift, Ausnahmen abgerechnet, 
nur bei Jericho, „der Pahnenstadt ", und an einigen andern Punkten. 

Aufser den Fruchtbäumen ist Jedem Leser des Alten Testamentes 
wohlbekannt der edelste Baum Palästinas, die Zeder des Libanon, einst 
die Kämme und Abhänge dieses Gebirges füllend, heute im Aussterben 
begriffen. Ferner sind Eiche, Terebinthe, Tamariske, Cypresse dem 
Alten Testament wie dem heutigen Palästina gleichsehr eigen. 

Unter den Haustieren sind dem Alten Testament besonders ge- 
läufig Schaf und Rind. Die Schafzucht ist heute noch wie voralters 
über das ganze Land hin in Blüte, wogegen das Rind heute bedeutend 
seltener geworden zu sein scheint, als es ehedem war. Auch die Art 
scheint degeneriert. Daneben sind Ziege und Esel geschätzte Haus- 
tiere, jene um der Milch willen, dieser als Reit- und Lasttier. Das 
Pferd, heute in ganz Palästina viel benutzt, hat sich im alten Israel 
erst seit der Königszeit eingebürgert ^ Auch dann noch scheint es in 
Israel ein kostbarer und nur dem König und den Vornehmen zugäng- 
licher Besitz gewesen zu sein. Das Kamel ist zwar den Israeliten sehr 
wohl bekannt, doch findet es mehr bei den Beduinen der Wüste als 
bei der ansässigen Bevölkerung Verwendung. 

Unter den wilden Tieren, zu denen wohl auch schon der im Orient 
herrenlos umhergehende Hund , sowie die im H. Land selten zahme 
Katze gerechnet werden können, steht obenan der in Poesie und Prosa 
Israel wohl bekannte Löwe. Er ist heute aus Palästina verschwunden, 
scheint aber im Altertum besonders in den Dickichten der Jordan- 
niederung und im Libanon nicht ganz selten gewesen zu sein. Wolf 
und Bär sind im Libanon heute noch zuhause. Hyäne und Schakal 
finden sich häufig durchs ganze Land hin. 



§ 4. 
Die Bewohner und Nachbarn Kenaans. 
1. Die Bewohner. Das in der Zeit nach Mose in Kenaan 
ansässige Volk, dessen Geschichte dieses Buch gewidmet ist, nennt sich 
selbst Söhne Israels. Die Annahme liegt nahe, dafs der Name Söhne 
Israels, wie er in geschichtlicher Zeit noch lange an den nördlichen 
Stämmen haftete, so ursprünglich einem einzelnen Hauptstamrae ^ zu- 



i) Dazu Hehn, Kulturpfl. und Haust., S. 20 ff. Riehm im HWB., S. 1179 ff. 
2) Stade, Gesch. Isr. 1, S. 124 ff. 

Kittel, Gesch. do?r Hebräer. ^ 



18 Einleitung. 

kam. Derselbe müfste dann seiner Bedeutung wegen in der Folgezeit 
seinen eigenen Namen der ganzen nördlicheren Stammgruppe und so- 
dann dem Gesamtvolke geliehen haben. Ahnliche Vorgänge zeigen- auch 
viele andere Stammnamen , welche mit der Zeit zu Völkernamen ge- 
worden sind. 

Wird ferner in der Vätergeschichte Israel als der spätere Name 
des ursprünglich Ja'aqob genannten Stammvaters des Volkes bezeichnet, 
so darf daraus wohl geschlossen werden, dafs einst ein Stamm Jaqob 
existierte, welcher mit einem verwandten Stamme Israel sich ver- 
schmolzen und dessen Namen angenommen hat. In der That glaubt 
denn auch Ed. Meyer den Namen Jaqob in der Liste der durch Tut- 
mes III. besiegten palästinensischen Völkerschaften entdeckt zu haben ^ 
Die Wahrscheinlichkeit, dafs Israel einst ein Stammname war, wird 
dadurch vermehrt. Nach Meyer hätte dann der Name Israel vorzüg- 
lich am Ostjordanland und am Gebirge Efraim, Jaqob an Südpalästina 
gehaftet. Später '^ hätten die beiden sich nebst anderen Stämmen zu 
Israel geeinigt, wobei der alte Stamm Israel spurlos verschwunden wäre, 
wogegen andere Stämme wie Josef, dessen Name Meyer ebenfalls in 
der Liste Tutmes' III. zu finden glaubt, sich als Unterstämme Israel- 
Jaqobs bis in die geschichtliche Zeit hinein behaupteten. 

Mag es immerhin verwunderlich sein, dals gerade der namen- 
gebende, weil bedeutendste dieser alten Stämme, aus denen das spätere 
Volk sich bildete, spurlos verschwunden ist, so wird man den Ursprung 
des Israelnamens für das Volk des Heiligen Landes sich doch wohl 
kaum in anderer Weise vorstellen können. Man sieht hier einiger- 
mafsen in die Entstehung des Systems der zwölf Stämme Israels. Wie 
Jaqob und Josef, so waren auch sie und manche andere, die sich 
später nicht mehr als selbständige Hauptgeschlechter zu halten ver- 
mochten, ursprüngHch für sich bestehende Clans, welche durch Ge- 
meinsamkeit des Blutes, der Interessen und der Wohnsitze mehr oder 
weniger vorher schon aufeinander angewiesen, sich mit der Zeit enger 
aneinander anschlössen und allmählich eine Volkseinheit darzustellen 
begannen ^. 

Im Munde der Ausländer und ihnen gegenüber führt Israel den 



1) In der Form ^.y^py, (-, = ^), S. ZAW. VI (1886), S. 1 ff , 

2) Aber nicht erst, wie Meyer will, in der Zeit Sauls und Davids. Diese 
Stammverschiebungen müssen vielmehr, wie die Namen in die vorägyptische Zeit 
zurückweisen, so auch in die letztere fallen. Vgl das Deboralied. 

3) Über die Entstehungsgeschichte der einzelnen Stämme hat nach A^organg 
lEwalds eingehend gehandelt Stade, besonders in Gesch. Isr. I, S. 145 ff. 



§ 4. Die Bewohner und Nachbarn Kena'ans. 19 

Namen 'Ibrim, Hebräer. Seine ohne allen Zweifel in Hinsicht auf die 
Einwanderung dieser Stämme nach einem ihnen vorher nicht zu- 
kommenden Gebiete geschaffene Bedeutung „Jenseitige'' läfst zwei Er- 
klärungen zu. Glaubte man früher den Namen als eine Erinnerung 
an das einstige Ilerüberwandern der hebräischen Stämme aus Meso- 
potamien und die Überschreitung des Eufrat fassen zu sollen, so 
herrscht gegenwärtig die Neigung vor, Israel mit dem Namen Hebräer 
als die über den Jordan Gewanderten bezeichnet sein zu lassen ^ 

Die Sprache Israels ist, soweit wir in seiner Geschichte zurück- 
gehen können, jener Zweig des grofsen, unter dem Namen des semi- 
tischen bekannten Sprachstammes ^ , welchen wir kurzweg als das 
Hebräische zu bezeichnen pflegen. Israel hat die hebräische Sprache, 
kleinere mundartliche Abweichungen — wie sie aber auch innerhalb 
des Nordens und Südens Israels selbst vorkommen — abgerechnet, mit 
der vor ihm im Lande ansässigen kenaanäisch-phönikischen, wie mit 
der gleichzeitig oder vor und nach ihm hierhergewanderten, ihm stamm- 
verwandten Nachbarbevölkerung gemein. Ob Israel die hebräische 
Sprache von der kenaanäischen „Urbevölkerung"' angenommen hat ^ 
— in welchem Falle die Sprache eher kenaanäisch oder phönikisch ^ 
zu heifsen verdienen würde — ; oder ob umgekehrt die Kenaanäer 
irgend einmal in alter Zeit ihre dem Hebräischen fremdartige Ursprache 
durch einen Sprachwechsel mit ihrer späteren, dem Hebräischen nächst- 
verwandten Sprache vertauschten ^ ; oder aber ob Israel und die Ke- 
naanäer schon von Hause aus dieselbe Sprache besalsen ^ und daher 
weder sprachlich noch ethnisch so stark geschieden zu denken sind, 
wie die Tradition an die Hand zu geben scheint, läfst sich noch nicht 
endgültig entscheiden \ Die Frage, soweit sie überhaupt zur Ent- 
scheidung reif ist, hängt mit der sofort zu berührenden nach der Her- 
kunft der Kena'anäer aufs engste zusammen. 

Jedenfalls wohnen vor Israels Eindringen ins Land die Kenaanäer 
daselbst. Über die Bedeutung dieses Namens ist oben schon (§ l) ge- 



1) Redslob, Altt. Namen, S. 13. Stade, Hebr. Gramm. I, S. 1 ; Gesch. Isr. I, 
S. 110. Meyer, ZAW. I, S. 142. Reufs, Gesch. d. AT., S. 52. 

2) S. Hommel, Die semit. Volk, und Sprach. 1881; Stade, Hebr. Gramm. I, 
S. 2 ff. Nöldeke, Die semit. Sprachen 1887, bes. S. Iff. 17 ff. 

3) Reufs, Gesch. d. AT., S. 53 und viele andere. 

4) Vgl. Jes. 19, 18 „Sprache Kena'ans". 

5) Kautzsch bei Riehm, HWB., S. 1201. 
G) Smend bei Riehm, HWB., S. 1526. 

7) Eine weitere, der zweitgenannten nahe verwandte Möglichkeit s. bei Bertheau 
„Hebr. Sprache" in PRE.''' V, S. G87. 

9* 



20 Einleitung. 

redet. Im engeren Sinne werden als Kenaanäer in späterer Zeit auch 
die an der nördlichen Hälfte der Mittelmeerküste angesiedelten Phöniker, 
die hierher zurückgedrängten Reste jener Urbevölkerung, bezeichnet. 
Kenaani kann dann geradezu gleichbedeutend mit „ phönikischer Han- 
delsmann" werden ^. Ihre Herkunft ist immer noch dunkel, insofern 
die einen ^, dem Alten Testament folgend , welches Kenaan als Sohn 
Hams bezeichnet ^, in den Kenaanäern ein hamitisches, von Süden her 
eingewandertes Volk erkennen, wogegen die andern ^ aus dem semi- 
tischen Sprachidiom dieses Volkes seine semitische Abkunft mit Sicher- 
heit glauben entnehmen zu können. Zur Evidenz wird sich die letztere 
Annahme immerhin schwer erheben lassen, da weder die Möglichkeit 
eines Sprach wechseis schlechthin von der Hand zu weisen ist, noch 
auch, angesichts der Thatsache, dafs auch die Babylonier, nicht aber 
die Assyrer, in der Völkertafel von Harn abgeleitet werden, die An- 
gabe des Alten Testamentes blofs auf Nationalhafs ^ zurückgeführt wer- 
den kann. Auch steht das Zeugnis der Alten ^ aufseiten des Alten 
Testaments. 

Die Bezeichnung Kenaaniter für die Gesamtheit der vorisraelitischen 
Bevölkerung des Landes besitzen wir übrigens nur bei dem hexateu- 
chischen Quellschriftsteller J und den etwa an ihn sich anschliefsen- 
den Autoren. Die Quelle E nennt jene alte Bevölkerung vorwiegend 
oder ausschliefslich Emoriter ''. Auch dieser Name, wie der Name Ke- 
naaniter ist als uralte, schon dem 16. Jahrhundert v. Chr. geläufige Be- 
zeichnung altpalästinischer Bevölkerungselemente durch die ägyptischen 
Zeugnisse belegt *. 

Neben den beiden Hauptnamen, welche offenbar die zwei wichtig- 



1^ Jes. 23, 8. Ez. 17, 4. Hos. 12, 8. Seph. 1, 11. Zach. 14, 21. Prov. 31, 
24. Hiob 40, 30. 

2) Bertheau, Zur Gesch., S. 163 ff. Ewald, Gesch. Isr.'' I, S. 343. Hitzig, 
Gesch. Isr., S. 26 f. Dillmann, Geu.S S. 179. Kauztsch in Riehms HWB., 
S. 1200 f. 

3) Gen. 10, 6. 15 f.; vgl. 9, 20 ff. 

4) Movers, Phönicier I, S. Iff. Reufs, Gesch. d AT., S. 43. Meyer, Gesch. 
d. Altert. I, S. 2 14 f. 

5) Spreuger, Geogr. Arab., S. 294 f.; Tuch, Genesis, S. 196 f. 

6) S. darüber besonders Bertheau a. a. 0., S. 163 ff. 

7) Wellhausen, JDTh. XXI, S. 602: auch Steinthal. Ztschr. f. Völkerpsych. 
und Sprachwiss. XII, S. 267 und besonders Ed. Meyer, Z.\W. I, S. 122 ff. — Ob 
der Sprachgebrauch ausschliefslich oder nur vorwiegend herrscht, hängt von dem 
Urteil über einzelne Stellen wie Ri. 1, 34 f. ab. 

8) Meyer, ZAW. I, S. 127; III, S. 306 ff.; Gesch. d. Altert. I, S. 21 3 f. 



i^ 4. Die Bewohner und Nachbarn Kena'ans. 31 

sten Bevölkerungsschicliten ' jener vorisraelitischen Bewohner des Lan- 
des darstellen, nennen besonders jüngere Schriftsteller eine Reihe unter- 
geordneter kena'anäischer Völkerschaften: die Girgashiter, Perizziter 
(Pheresiter), Hivviter, Jebusiter und Hetiter. 

Ihre Namen haben zum Teil nur lokale Bedeutung, so heifsen Je- 
busiter die alten Ein- und etwa Umwohner von Jebus, Hivviter die Bevöl- 
kerung von Gib'on und Sikem. Zu einem andern Teil sind die Na- 
men ihrer Bedeutung nach überhaupt nicht mehr erkennbar. Hin- 
sichtlich der Hetiter besteht der Streit, ob sie aus blofser Verwechselung 
mit dem bekannten, im Norden Palästinas sitzenden Kulturvolk gleichen 
Namens entstanden ^ oder als eine eigene kleinere palästinensische 
Völkerschaft, vielleicht ein abgetrennter Zweig jenes Volkes, anzusehen 
seien. Das letztere ist wahrscheinlich. — Die Annahme, dafs jene klei- 
neren Völkerschaften überhaupt nur einer späteren Interpolation der 
deuteronomistischen Überarbeiter der früheren Quellen ihr Dasein ver- 
danken, hat neuerdings mehrere Vertreter, aber auch energischen Wi- 
derstand gefunden ^. Die Frage läfst sich nur auf Grund sorgfältiger 
und definitiver Scheidung der Quellen lösen , zu welcher wir noch 
nicht gelangt sind. Ich wenigstens gestehe, noch zu keiner Ent- 
scheidung hierüber gekommen zu sein ^. 

Dafs die Kenaaniter nicht die autochthone Urbevölkerung des 
Heiligen Landes darstellen, geht im Alten Testament auch weiterhin 
daraus hervor, dafs noch die blasse Erinnerung an die von ihnen ver- 
drängte Urbevölkerung lebt. Der Umstand, dafs dieselbe als riesen- 
haft — liefaim, 'Auaqim — bezeichnet wird, ist noch kein Grund, 
jene Erinnerung kurzweg in das Gebiet der Dichtung zu verweisen. 
Ebenso sollen in Israels Nachbarschaft vor den sofort zu nennenden 
späteren Völkerschaften reckenhafte Stämme dunkler Art und Her- 
kunft gehaust haben: in Moab und 'Amnion die Zamzummiter und Emiter, 
in Edom und Philistäa die Horiter und 'Avviter. 



1) Dafs beide Namen einfach dasselbe bedeuten, möchte ich nach wie vor 
nicht behaupten. Schon die Zweiheit, auch der ägyptischen Namen (Kauäua und 
Amär) spricht dagegen. 

2) So besonders Meyer, ZAW. I, S. 125. Stade, Gesch. Isr. I, S. 143. Budde, 
Urgesch., S. 347 f. Dagegen Dillmann, Gen.^ S. 190. 

3) Vgl. Wellh. XXI, S. 403 f. Meyer, ZAW. I, S. 124 ff. Budde, Urgesch., 
S. 222. Dagegen DiUm., Gen.\ S. 189. NuDtJo., S. 272. 

4) Dafs sie au vielen Stellen eingeschoben sind, ist sicher; ob an allen, ist 
die Frage. Aber auch dann können die Namen nicht wohl aus der Luft g(!gi*iffen 
sein, sondern verdanken ihre Einfügung dem Bedürfnis der Späteren, mehr ins 
Einzelne zu gehen. 



22 Einleitung. 

2. Israels Nachbarn. Als Israel nächstverwandte Nachbar- 
völker, die daher im weiteren Sinne mit ihm unter die hebräischen 
Stämme befafst werden können, gelten die Söhne Moabs, 'Ammons und 
Edoms. Geradezu als Bruderstamm Israels gilt Edom, die Nach- 
kommenschaft von Jaqobs Bruder Esau darstellend. Edom ist der 
ältere, fi'üher zu Selbständigkeit gelangte, aber auch durch Jaqob um 
die Erstgeburt gebrachte, d. h. später überflügelte Bruder. Demgemäfs 
erfahren wir, dafs in Edom schon lange vor Sauls Zeit ein Königtum 
bestand ^, hingegen später seit Saul und David die Edomiter mehr und 
mehr in Abhängigkeit von Israel gerieten ^. Ihre Nationalität anlangend, 
so haben die Edomiter ihr ursprüngHch hebräisches Blut reichlich mit 
fremden Elementen gemischt. Die lioritischen ^ Urbewohner der 
von Edom besetzten Gegenden scheinen allmählich ganz in Edom 
aufgegangen zu sein, noch längere Zeit aber ihre Eigenart bewahrt zu 
haben *. Auch arabische Wüstenstämme haben den Edomitern, be- 
sonders bei ihrem Vordringen nach Süden sich angeschlossen; und im 
Norden ihres Gebietes, in Südjuda, vermengen sie sich mit kenaanäischen 
Elementen : Esau ehelicht neben einer Horiterin eine Ismaelitin und 
eine Hittitin ^. Das Gebiet Edoms ist das wilde, zerklüftete , seine Be- 
wohner mehr auf Raub und Jagd als auf Ackerbau und Herdenzucht 
anweisende Gebirgsland Se'ir. Mit diesem Namen bezeichnet das Alte 
Testament das bergige Land zwischen dem Toten Meere und dem 
älanitischen Meerbusen, doch so, dafs früher ^ die 'Araba die Ostgrenze 
bildete, während in späterer Zeit "^ auch das Gebiet östlich dieses vom 
Toten zum Roten Meere sich hinziehenden Einschnittes hierzu gerechnet 
wird. Die Hauptorte Edoms, soweit sie uns bekannt sind, liegen in 
dieser östlichen Hälfte: Elat, 'Esjon-Geber, Sela*^ u. a., wogegen die 
Edomiter aus dem Westen, auch dem judäischen Norden, mit der Zeit 
verdrängt werden. 

Ebenfalls Israel nahe verwandt, und vielfach in Beziehung mit ihm 
tretend, ist sein südöstlicher Nachbar Moab. Sein Gebiet ist im Westen 



1) Gen. 36, 31 ff. Num. 20, 21. Jud. 11, 17. 

2) ISam. 14, 47. Ps. 60, 2. 1 Chrou. 19, 12. 2Sam. 8, 13 ff. (Ues a-i}< 

statt D"1n)- 

3) = troglodytischen ; über den Höhlenreichtum des Edomiterlandes s. Robin- 
son, Pal. II, S. 695. 

4) S. Dillmann, Gen.^ S. 375. Stade, Gesch. Isr. I, S. 122. 

5) Gen. 26, 34; 28, 9; 36, 2; s. besonders zur letztern Stelle Dillmann, 
Gen.s 

6) Jud. 5, 4. Deut. 33, 2. Gen. 14, 6. 

7) Deut. 2, Iff. Ezech. 25, 8; 35, 15. 



§ 4. Die BewoliDor uud Nachbax'u Kenakns. SS 

durch das Tote Meer, im Süden gegen Edom hin durch den Arabbach 
(ualial ha-arabah), im Osten durch die Wüste, teilweise auch durch 
das nordöstlich anstofsende 'Ammonitergebiet begrenzt. Seine Nord- 
grenze ist für die spätere Zeit (seit Mesha') jedenfalls der Arnon. In 
alter Zeit safsen die Moabiter ohne Zweifel auch erheblich weiter nörd- 
lich, bis in die Gegend Jerichos. Über die Nordgrenze Moabs in der 
Zeit Moses ist weiter unten zu reden. Das Volk dieses durch Bäche 
gut bewässerten, nach manchen Anzeichen einst wohl bebauten Berg- 
landes scheint nach Sprache, Kultur und Rehgion den Israeliten sehr 
nahe gestanden zu haben. Die Inschrift Mesha's läfst auf einen ver- 
hältnismäfsig entwickelten Sinn für Litteratur und Schrifttum schhefsen. 

Der uordösthche Bruderstamm Moabs ist 'Ammon. Sein Gebiet 
ist zwischen das von Rüben, Gad und Manasse besetzte südliche Ost- 
jordanland und die Wüste eingelegt und mochte sich in gewöhnlichen 
Zeiten vom oberen Jabboq, der die Nordwestgrenze gebildet haben 
soll ^, bis zum Arnon im Süden erstreckt haben. Doch haben die 
'Ammoniter öfter versucht, sich Aveiter auszudehnen. Besonders gegen 
Norden hin scheint ihnen dies gelungen zvi sein. Schon die Lage ihrer 
Hauptstadt Rabbat-'Ammon am Jabboq selbst, wie ihre spätem Kämpfe 
um den Besitz von Gil'ad machen dies wahrscheinlich. 

Im Südwesten stöfst au Israel das streitbare, den Nachbarn oft 
aufsässige Volk der Philister (hebr. Pehshtim). Ihr Gebiet ist der 
am Mittelmeere sich hinziehede Küstenstrich in seiner südlichen Hälfte 
von Gaza bis Japho, d. h. von der ägyptischen bis an die phönikische 
Grenze. Hier versperren sie Israel den Zugang zum Meere. Sie be- 
sitzen eine Reihe fester Städte, die unter selbständigen Fürsten stehen: 
Gaza, Ashdod, Ashqelon, Gat, 'Eqrön. Von hier aus sind sie teilweise 
weit in das eigenthche Kenaan eingedrungen. Ihrer Herkunft nach 
sind auch sie, wie schon die gewöhnhche Etymologie ihres Namens an- 
giebt, nicht Eingeborene Kenaans. Sie sind nach dem Alten Testa- 
ment - aus Kaphtor eingewandert, worunter schwerlich das ägyptische 
Delta ^, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach die Insel Kreta * zu ver- 
stehen ist. Dafs die Philister später einfach semitisiert erscheinen, 
unterliegt keinem Zweifel, aber auch die Annahme, dafs sie von Hause 



1) Deut. 3, 16. 

2) Am. 9, 7. Deut. 2, 23. Über Gen. 10, 13 f. s. Dillmann, Gen.^ 

3) Ebers, Äg. und BBMos., S. 127 fi. Stark, Gaza, S. 76 f. Dietrich in Mei-x 
Archiv I, S. 313 ff. Köhler, Gesch. I, S. 83. 

4) Bertheau, Zur Gesch., S. 187 ff. Ewald, Gesch. Isr.« I, S. 353 f. Hitzig, 
Philist., S. 16 f. Dillmann, Gen.^ S. 189. Stade, Gesch. Isr. I, S. 142. Über den 
mutmafslichen Zeitpunkt der Einwanderung vgl. Meyer, Gesch. d. Alt. I, S. 319 f. 



34 Einleitung. 

aus Semiten waren, wenngleich ein vielfach mit fremdartigen, wohl auch 
pelasgischen Zügen und Besonderheiten aller Art gemengter Zweig der- 
selben, hat immerhin die meiste Wahrscheinlichkeit für sich ^. 

NördHch reihen sich an die Philister die Phöniken an. Sie sind, 
wie oben erörtert wurde, die an die Küste zurückgegangenen Reste der 
Kenaanäer. Sie scheinen nicht allein materiell, durch Reichtum und 
Beherrschung des Handels, erheblichen Einflufs auf Nordisrael geübt, 
sondern auch auf die Kultur und das geistige Leben Israels überhaupt 
vielfach bestimmend gewirkt zu haben. Von ihrer alten „ Fischerstadt " 
Sidon, dem ursprünglichen Zentrum ihres grofsartigen Seehandels, führen 
sie unter sich wie bei den Hebräern und Griechen den Namen Sidonier. 

Im nördlichen Binnenlande endlich stofsen an Israel die Aramäer 
und Hetiter. Dafs beide eines und dasselbe sind, ist trotz der ge- 
meinsamen assyrischen Benennung ^ in hohem Grade zweifelhaft, da die 
Aramäer Semiten, die Hetiter hingegen aller A'N'ahrscheinlichkeit nach 
kein ursprünglich semitischer Stamm sind. Das ältere der beiden Völ- 
ker sind die Hetiter. Sie haben ihre Sitze in Kölesyrien und am Oron- 
tes mit der Hauptstadt Qadesh am Orontes. Von hier aus haben sie 
in der Zeit der 18. — 20. ägyptischen Dynastie ein Vorderasien bis zum 
Eufrat beherrschendes mächtiges Reich gegründet ^ , das später der 
ägyptischen und assyrischen Übermacht erlag. Auch das Alte Testa- 
ment kennt sie noch in Syrien *. Obwohl vielfach semitisiert, mögen 
sie doch schwerlich ursprünglich Semiten gewesen sein ^. Die palästi- 
nensischen Hetiter, welche das Alte Testament nennt, waren wohl ein 
nach Süden gelangter kleiner Zweig dieses Volksstammes. 

Neben ihnen und an ihrer Stehe haben sich nach dem Sinken ihrer 
Macht mehr und mehr die Aramäer (später Syrer genannt) im Norden 
und Nordosten Palästinas festgesetzt. Sie sind ein wohl vom armeni- 
schen Hochland und vom Eufrat her kommender semitischer Stamm, 
den Hebräern nach Sitte und Sprache nahe verwandt. Ihre Hauptsitze 
haben sie bei Damaskus, am unteren Orontes und weiterhin in der 
östlichen Ebene bis gegen den Eufrat und zerfallen dort in mehrere 
Einzelreiche. 



l^ S. Schrader, KAT.S S. 167. Baur bei Riehm, HWB., S. 1198. Stade, 
Gesch. I, S. 142. Anders Hitzig, Urgesch. d. Phil., auch Kneucker bei Schenkel, 
Bib.-Lex. IV, S. 541 ff. ; ferner Köhler, Gesch. I, S. 83. 

2) Schrader bei Riehm, HWB,, S. 79. 

3) S. u. a. Meyer, Gesch. d. Altert. I, S. 213. 218. 276 ff. 

4) IReg. 10, 29. 2 Reg. 7, 9. 

5) Meyer a. a. 0., S. 213. 



Erstes Buch. 

Die Zeit bis zur Eroberung Kenaans. 

A. Quellenkunde dieses Zeitraums. 

I. Der alttestameiitliciie Hexateuch. 

§ 5. 
Die Tradition und ihr Recht. 

Seit langem besteht unter Juden ^ und Christen ^ die Tradition^ 
das unter dem Namen „ die fünf Bücher Moses " ^ zusammengefafste Ge- 
schichts- und Gesetzeswerk entstamme der Feder Moses selbst. Es war 
nur die Frage, wer etwa die über Moses Tod selbst handelnden und 
daher nicht wohl von dem Gesetzgeber selbst abzuleitenden letzten 
Verse des 5. Buches , geschrieben und dem Buche zugefügt haben 
könne. In ähnlicher Weise wurde das Buch Josua seinem Helden als 
Verfasser zugeschrieben, Bei der nahen Verwandtschaft des Buches 
Josua mit dem Pentateuch ist es, wie die weitere Untersuchung er- 
weisen wird, für unsern Zweck geraten, Pentateuch und Josua unter 
dem neuerdings gerne gebrauchten Gesamtnamen Hexateuch zusammen- 
zufassen. Dafs die Verwandtschaft beider doch wieder ihre Grenzen 
hat, wird später zu erörtern sein. 

Wurden nun zwar auch in früheren Jahrhunderten * schon ver- 



1) Philo; Josephus; Talmud Baba bathra 14b; spätere Juden. 

2) Die Kircheuväter bis auf neuere Exegoten. 

3) Der Name ist jedoch nicht ursprünglich, sondern stammt in dieser Form 
von Rufinus und Hieronymus. S. Bleek*, S. 9. 

4) S. darüber § 6. 



26 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

einzelte und schüchtei'ne Versuche gewagt, an jener hergebrachten Auf- 
fassung zu zweifehl, so bheb dieselbe doch im grofsen Ganzen bis vor 
nicht allzu langer Zeit die herrschende Meinung. Es ist bei der grund- 
legenden Bedeutung, welche der Hexateuch für die Gesamtauffassung 
der Geschichte des alten Israel besitzt, die erste Aufgabe des Geschicht- 
schreibers, mit jener Auffassung und überhaupt mit dem Charakter 
und den Abfassungsverhältnissen des grofsen hexateuchischen Werkes 
sich auseinanderzusetzen. In der Kürze summarischer Zusammenfassung 
der Resultate gesicherter Forschung — wie sie bei manchen anderen 
Quellen hebräischer Geschichte vorhanden sind — kann dies nicht ge- 
schehen. Denn trotz mancher anerkannter Ergebnisse, auf welchen der 
Geschichtschreiber mit gutem Gewissen festen Fufs fassen darf, be- 
gegnet er doch, wie jeder Kundige weifs, in der Hexateuchforschung 
noch einer Fülle ungelöster Fragen und erst gestellter Probleme. Soll 
die Darstellung hebräischer Geschichte überhaupt den Charakter der 
Mitteilung einer verläfslichen Kunde von der Vergangenheit des merk- 
würdigsten aller Völker an sich tragen, so wird sie, für jetzt wenig- 
stens, des mühevollen und nur durch seinen inneren Wert dankbaren 
Geschäftes der Nachprüfung der über den Hexateuch zutage getretenen 
Hypothesen sowie der auf Einzelbeobachtung gegründeten Stellungnahme 
zu denselben sich nicht entschlagen können. Die Zukunft mag diese 
für Leser und Verfasser wenig reizvolle Methode zur Erleichterung der 
hebräischen Geschichtschreibung entbehrlich machen: die Gegenwart 
und der jetzige Stand unserer Kenntnisse scheinen sie zu fordern. 

Der Satz von der mosaischen Abfassung des Pentateuch — und 
mit ihr fallt auch die des Buches Josua durch seinen Helden — läfst 
sich nicht erweisen. Man hat sich zu diesem Behufe auf das Zeugnis 
des Hexateuch selbst, wie auf dasjenige anderer Schriften über ihn be- 
rufen. Im Ernste kann aber nur das Zeugnis des Hexateuch selbst in 
Frage kommen; alle andern Daten liegen anerkanntermafsen der mo- 
saischen Zeit so ferne, dafs sie nicht in Betracht zu ziehen sind. — 

Entstellt an einigen Stellen des Hexateuch bei oberflächlicher Be- 
obachtung der Schein, als wollten sie die Niederschrift des ganzen 
Pentateuchs durch Mose aussagen, so wird derselbe alsbald bei ge- 
nauerer Prüfung des Thatbestandes gehoben. Immer handelt es sich 
dabei nur um einzelne Abschnitte des Ganzen. Bei ihnen wird be- 
sonderer Wert darauf gelegt, dafs Mose sie niederschrieb. So die Ama- 
leqiterschlacht, das Bundesbuch, das Stationenverzeichnis ^ und den Kern 



1) Ex. 17, 14; 24, 4. 7: 34, 27. Num. 33, 2. 



§ 5. Die Tradition und ihr Recht. 27 

des Deuteronoraiums, die eigentliche deuteronomische Gesetzeslelire 
(Deut. 5 — 26) ^ Die letztere Angabe hat, nachdem einmal das 5. Buch 
mit den vier übrigen zu einem geschlossenen Ganzen vereinigt war, 
ohne Zweifel den Anlafs gegeben, weshalb man glaubte, die Abfassung 
aller fünt Bücher Mose selbst zuschreiben zu sollen. Begründet ist die 
Annahme somit jedenfalls in den direkten Aussagen des Pentateuch 
nicht. — Dasselbe gilt von einer Stelle des Buches Josua ^ , aus wel- 
cher die Niederschrift dieses Buches durch Josua hervorzugehen scheint. 
Sie bezieht sich nur auf Kap. 24, allenfalls noch Kap. 23. Das ganze 
Buch in seinem heutigen Bestände ist nie zum „Gesetzbuch" ge- 
rechnet, sondern stets scharf von ihm geschieden worden. — Im übri- 
gen zeigen gerade solche Aussprüche des Hexateuch, in welchen eine 
Niederschrift des betreffenden Abschnittes durch Mose oder Josua aus- 
drücklich hervorgehoben wird, deutlich genug, dafs die Erzähler sehr 
wohl ihre eigenen Berichte von dem wenigen, was sie auf Moses Feder 
selbst zurückführen, zu scheiden wissen und auch so geschieden wissen 
wollen ^. 

Viel wichtiger aber ist das indirekte Zeugnis, welches der In- 
halt des Hexateuch an die Hand geben kann. Derselbe besteht aus 
Gesetz und Geschichte. Nach beiden Seiten hin müssen sich Anhalts- 
punkte für oder wider die mosaische Abkunft dieser Bücher er- 
geben •^. 

Der gesetzliche Teil des Hexateuch läfst keinen Zweifel, dafs die 
Gesetze weder von einem Verfasser geschrieben noch zu einer und 
derselben Zeit gegeben sind. Schon daraus ergiebt sich, dafs die grofse 
Masse der hexateuchischen Gesetze Mose nicht zum Verfasser und die 
mosaische Zeit nicht zur Entstehungszeit haben kann. 

Die im Hexateuch zu einer scheinbaren Einheit zusammengefafsten 
Gesetze treten dem genauer zusehenden Auge sofort in eine gröfsere 
Anzahl von Gruppen auseinander, von denen jede ihren eigenartigen 
Sprachgebrauch und ihre charakteristische Darstellungsweise besitzt. 
Der Leser findet geradezu stehende Redensarten, die den Charakter 



1) Deut. 31, Off. 24f. , vgl. 28, 58. 61; 29, 19. 20. 26; 30, 10. 

2) Jos. 24, 26. Eine etwas andere Deutung giebt Kue. 0.*^, S. 17. - Stellen wie 
Jos. 1, 8; 8, 31. 34; 23, 6 sagen über den Verfasser nichts aus; sie gehen wie ihre 
deuteronomische Abkunft — s. unten — und die Ähnlichkeit mit den analogen 
Stellen des Deuteronomiums (Deut. 28, 58 etc. s. d. vor. Anm.) zeigt auf das Deu- 
teronomium. 

3^ S Reufs, Gesch. d. hl. Schriften d. AT., S. 232. 

4) Vgl. hierüber Reufs, L'histoire sainte et la loie 1879, p. 39 sqq.; Gesch. 
d. AT., S. 84 ff.; Kuenen 0.^ § 3 und 4. Dillmaun, NuDtJo., S. 593 ff. 



28 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

bestimmter von dem einen Autor angenommener Formeln tragen, wo- 
gegen sie bei einem andern selten oder nie auftreten. Gleichartige Ver- 
ordnungen können auf diese Weise in ganz verschiedener Darstellung 
behandelt sein. Öo schreibt ein und derselbe Verfasser nicht. Beson- 
ders gehören hierher die bekannten die Priesterschrift P ', das Heilig- 
keitsgesetz H ^ und das Deuteronomium ^ kennzeichnenden Formeln, 
welche jedem Leser fast auf den ersten Blick als die charakteristischen 
Merkzeichen jener Bücher ins Auge fallen *. 

Dieser sprachliche Unterschied wird noch fast übertroffen 
durch die Verschiedenheit des Gebotenen selbst und der thatsächlichen 
Voraussetzungen, von welchen die Gesetze ausgehen. Über Opfer und 
Festfeiern, über die Stätten des Gottesdienstes, über die Priester und 
Leviten, über die heiügen Abgaben, die Wohnorte der Leviten und 
Priester gehen die Gesetzesbestimmungen der einzelnen Gruppen soweit 
auseinander, dafs von einer Einheit der ganzen Gesetzgebung nach Zeit 
und Verfasser entfernt keine Rede sein kann. Das Bundesbuch kennt 
drei jährliche Feste, an welchen zum Heiligtum Jahves gewallfahrt wer- 
den soll, Levitikus und Numeri nennen sieben Feste ^ ; dort sind sie 
vorwiegend agrarischen, hier religiös - kultischen Charakters; das Passa 
tritt im Deuteronomium in ganz anderer Weise auf als im Exodus ^. 
Das Bundesbuch gestattet , dafs Jahve an verschiedenen Orten des 
Landes Altäre errichtet und Opfer dargebracht werden; das Deutero- 
nomium hebt diese Verordnung aufs bestimmteste auf und verlangt, 
dafs Jahve nur an dem einen Ort, w^elchen er erwählt, damit man 
seinem Namen dort diene, verehrt werde ^. Als Priester kennt die Ge- 
setzgebung von Levitikus und Numeri nur Aaron und seine Söhne, 
wogegen der übrige Stamm Levi mit der untergeordneten Stellung von 
blofsen Gehilfen der Priester sich zu begnügen hat, im Deuteronomium sind 
die Söhne Levis kurzweg als die Priester bezeichnet *. Ist nun auch, 



1) Z. B. ,, Aaron uud seine Söhne" = Priester; „und die Seele soll ausge- 
rottet werden (nfT^Dj) ^^^ ihren Stämmen"; ,,die ganze Gemeine (^-\V ^^^^ niu) 
der Söhne Israel" u. v. a. 

2) Z. B. „Ich bin Jahve" oder „Ich bin Jahve euer Gott". 

3) Z. B. „die Priester und Leviten" u. dgl. = Priester; „Ihr sollt den Bösen 
aus eurer Mitte vertilgen (ly^) " u. dgl. m. 

4) S. hiezu weiter Knobel, NuDtJo., S. 515 ff. 527 ff. 587 ff", und Kue. , 0.', 
S. 88 f. 109 fl\ 115. 119 f. 131. 281 ff". 

5) Vgl. Ex. 23 uud Lev. 23. Kum. 28 f. 

6) Vgl. Deut. 16 uud Ex. 12. 

7) Vgl. Ex. 20, 24 und Deut. 12, Iff.; 14, 23 ff.; 16, 2. 6f. u. s. w. 

S) Vgl. Ex. 28 f. Num. 3f. 8. 18 u. s. w. mit Deut. 10, 8f.; 17, 9. 18; 18, I; 
21, 5 u. s. w. 



g 5. Die Tradition und ihr Recht. 39 

wie sich späterhin erweisen wird , dieser Unterschied der beiden Ge- 
setzgebungsschrit'ten nicht so durchgreifend, wie er vieh^ch dargestellt 
wird, so ist er unter allen Urnständen weitgehend genug, um die Ab- 
fassung beider Gruppen von Vorschriften durch denselben »Schrii't- 
steller unbedingt auszuschliefsen. In derselben Weise weichen die Ge- 
setze über die Leistung dos Zehnten, über die Erstgeburten, über die 
Priesterstädte ^ und vieles andere unter sich ab. 

Wollte man jedoch, um diese Verschiedenheit des Inhaltes mit der 
Einheit des Verfassers zu vereinigen, sich auf die 40jährige Dauer der 
Gesetzgebung berufen und somit alle Differenzen als nachträgliche, durch 
Mose selbst vollzogene Abänderungen der ursprünglichen Gesetzgebung 
erklären : so wiü-de sich bald auch diese Auskunft als durchaus unzu- 
reichender Notbehelf ausweisen. Die Verschiedenheiten sind so häufig 
und so grofs, dafs sie auf einen und denselben Gesetzgeber notwendig 
den Schein grofser Unsicherheit und willkürlichen Experimentierens 
bringen müfsten. Sie erklären sich nur befriedigend als Erzeugnisse ver- 
schiedener Zeitalter und in ihnen lebendiger, je nach den Bedürfnissen 
und Verhältnissen des betreffenden Zeitaltex's wechselnder, legislatorischer 
Bestrebungen. 

Hierzu kommt , dafs überall in den hexateuchischen Gesetzen 
Ackerbau und Städteleben als die Lebensweise der Empfänger der Vor- 
schriften vorausgesetzt wird, ohne dafs (aufser im Deuteronomium) auf 
den Übergang vom nomadischen zum sefshaften Dasein hingewiesen 
wäre. Ebenso wenig läfst sich irgendwo aufser im Deuteronomium die 
Voraussetzung erkennen, dafs die hier vorgetragenen Gesetze erst für 
die Zukunft zu gelten hätten. Der Kommentar zum Dekalog setzt 
Knechte, Mägde, Vieh und Fremdlinge in den Städten Israels voraus. 
Das Bundesbuch kennt die Sklavei'ei in derjenigen Form, wie sie für 
das Nomadenleben nicht denkbar ist, redet von Weinberg und Ge- 
treide, Ol- und Feigenbaum, Ochs und Esel und besonders vom Fremd- 
Hng und Beisafsen, als von dem Volke und der Gegenwart des Ge- 
setzgebers selbstverständlichen, nicht erst zukünftigen Dingen ^. Ebenso 
sind sich das Deuteronomium und die Priesterschrift, jenes ausdrück- 
lich, dies emehr stillschweigend, der Wüstenwanderung wohl bewufst, aber 
in einer Weise, die zugleich das Bedenken wachruft, ob nicht doch der 
Gesetzgeber selbst das Leben in Kenaan sehr wohl aus Anschauung 
kenne. Denn Dinge wie der Opferdienst und die Festfeiern oder die 
Darbringung der Erstgeburten und Zehnten, die doch im einzelnen erst 



1) S. darüber z B. Kue., 0.^ § 3, Anm. 17-19. 

2) Ex. 20, 10; 21. IfiF.; 22, 4f. 28; 2.3, 4f. 10—12. 16. 19. 



30 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

im Lande selbst praktisch werden konnten, sind zum Teil so sehr bis 
in die kleinsten Details und mit solcher Kenntnis der wirklichen Übung 
geschildert, dafs sie nur von einem im Lande selbst Lebenden und 
mit dem religiösen Leben des Volkes in Kenaan Vertrauten scheinen 
herstammen zu können ^ 

Die Bestimmungen endlich über rechtliche Verhältnisse, wie sie der 
Hexateuch bietet, fordern für den Fall, dafs sie einem des Lebens im 
Lande noch unkundigen Volke gegeben sind, fast noch mehr als die- 
jenigen über den Kultus und das gemeine Leben, die nähere Erklärung 
über die Art und Weise ihrer Aasführung. Wird sie nicht gegeben, 
so liegt darin die bestimmte Andeutung, dafs der Leser im Leben 
selbst die Ergänzung finden konnte, d. h. dafs die Gesetze einem schon 
mit Verfassung versehenen Volk — Israel in Kenaan gelten ^. Nicht 
mit Unrecht hat man übrigens auch daran erinnert ^, dals die im gan- 
zen spärhchen Vorschriften über Staatsrecht und Verfassung Israels 
schon durch ihre geringe Zahl und Ausführlichkeit gegen mosaische 
Abfassung sprechen. Denn ein im Übergang vom Wüstenleben zur 
Ansäfsigkeit befindliches Volk mufste in erster Linie eine rechtliche 
Anordnung seines bürgerlichen Lebens nötig haben. Fehlt sie grofsen- 
teils, so liegt hierin ein Zeichen dafür, dafs zur Zeit der Gesetzgebung 
Israel Ordnung und Regel des bürgerHchen Lebens schon besafs. — 
Nehmen wir dazu noch den Umstand, dafs, wie aus dem Bisherigen 
erhellt, eine Reihe von Vorschriften zwei- und mehrmal, teilweise in 
erheblich verschiedener Gestalt gegeben werden, so wird nach allen 
diesen Gründen das Urteil, dafs die Gesamtheit unserer hexateuchischen 
Gesetze nicht das Werk Moses sein kann, kaum einem ernsthaften 
Widerspruch mehr begegnen können. 

Zu denselben Ergebnissen führt ein etwas näheres Eingehen auf 
die geschichtlichen Partien des Hexateuch. 

Auch hier läfst sich zunächst unverkennbar die Wahrnehmung 
machen, dafs der gesamte hexateuchische Erzählungsstoff, was vielfach 
schon aus seinem nahen Zusammenhang mit den Gesetzen hervorgeht, 
in eine Reihe von Schichten zerfällt, deren einzelne Bestandteile unter 
sich nach Sprachgebrauch, Stil und charakteristischen Redeweisen enge 
zusammengehören, während sie von anderen, möglicherweise dem In- 
halte nach gleichartigen oder verwandten Erzählungen sich aufs be- 



1) Vgl. dazu Lev. 14, 40 f. 45. 53; 19, 9 f. 19; Kap. 25; 27, 16flP. Deut. 20, 
5f.; 21, 3; 22, 8; 23, 25. 

2) Vgl. Ex. 21, 6; 22, 7 f. Deut. 17, 8-13 und dazu Kue. 0.', S. 25. 

3) S. z. B. Dillm., NuDtJo., S. 595. 



t^ 5. Die Trailition und ihr Recht. 31 

stimmteste abheben. Die Beispiele hierfür liegen überall im hexa- 
teuchischen Geschichtsstoffe auf der Hand und treten demjenigen, der 
die Urgeschichte der Welt und des Volkes Israel auch nur oberlläch- 
lich im Urtexte durchliest, auf Schritt und Tritt und ungesucht ent- 
gegen. Wer die zwei Berichte über die Schöpfung der Welt, die Er- 
zählung über die Sintflut in ihren einzelnen Bestandteilen, die Ge- 
schichte von Moses Berufung, von den ägyptischen Plagen, dem Durch- 
gang durchs Rote Meer, der Gesetzgebung auf Sinai ^ und vieles andere 
auf diesen Punkt hin ansieht, kann sich leicht davon überzeugen. 

Im Zusammenhang mit dieser Erscheinung tritt, wie sich erwarten 
läfst, die weitere Thatsache hervor, dafs auch im Erzählungsstoff sich 
mancherlei Verschiedenheiten und Wiederholungen wahrnehmen lassen. 
Von einer grofsen Anzahl der hexateuchischen Erzählungen haben wir 
zwei und mehr Berichte. So über die oben genannten Gegenstände, 
über die Zerstreuung der Völker, den Ursprung gewisser Namen und 
Heiligtümer, die Einzelheiten der Josefsgeschichte, die Verkündigung 
des Jahvenamens, den Abfall nach der Gesetzgebung, die Wachteln 
und das Manna, die Kundschafter, die Rotte Korah, die Bileams- 
geschichte, die Einsetzung Josuas ^. Eine Anzahl dieser Wiederholungen, 
die sich leicht ins Ungemessene vermehren liefsen, könnte zur Not als 
aus Absicht des Schriftstellers hervorgegangen erklärt werden. Wenig- 
stens ginge eine solche Erklärung an, wenn nicht fast immer zugleich 
mit der Wiederholung des Inhaltes jene oben erwähnte Verschiedenheit 
des Sprachgebrauches Hand in Hand ginge. Auf diese Weise ist die 
Erklärung der Wiederholung als Nachtrag des (einen) Erzählers selbst 
oder als Wiederaufnahme des von ihm früher fallen gelassenen Er- 
zählungsfadens schon erheblich unwahrscheinlich gemacht. Geradezu 
unmöglich aber wird sie dm-ch die damit fast immer sich verbindende 
Wahrnehmung, dafs die zwei und mehr Berichte über dieselbe Sache 
in einer Reihe von bald wichtigeren, bald untergeordneteren Zügen 
auch sachlich auseinandertreten. Der zweite der oben genannten 
Schöpfungsberichte weifs nichts von 6 Tagen und kennt eine ganz 
andere, aus andern Gesichtspunkten sich ergebende Reihenfolge der 
Schöptungsakte ^ als der erste. In der Sintflut sollen das eine Mal 
sieben Paare der reinen Tiere, das andere Mal ein Paar jeder Tierart 



1) Gen. If. Gf. Ex. 3 u. 6. 14. 19ff. 

2) Gen. 10 u. 11, Iflf. ; 21, 31 u. 26, 33; 32, 29 u. 35, 10: 28, 18 f. u. 35, 14 f. 
Gen. 37, 19flF.; 39, IflP. Ex. 3 u. 6: .32. Num. 11 u. Ex. 16. Num. 13 f.; IG; 
22—24 u. 25; 27, 15 ff. u, Deut. 31, 7 ff. 

3) Mann — Bäume und Gewächs — Tiere — Frau: Gen. 2, 7, Sf. 19. 21 f. 



33 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

in die Arche gelangen ^ Die Namen Beersheba^ Betel Israel sind 
geradezu verschieden erklärt, in einer Weise, wie ein und derselbe 
Autor nicht schreiben konnte. Josef wird das eiiie Mal auf Rubens 
Veranlassung in eine Grube geworfen und von Midjaniteru gestohlen, 
das andere Mal auf Judas Rat an Ismaeliter verkauft ^. Moses 
Schwiegervater heifst bald Jitro, bald Re'üel ^. Die Stiftshütte steht 
in der vorherrschenden Erzählung in der Mitte des Lagers, daneben 
aber auch aufserhalb desselben ^. 

Es mag an dieser kleinen Auswahl von Beispielen genügen, da 
der Leser im weiteren Verlauf dieser Schrift die verschiedenen Schich- 
ten der hexateuchischen Erzählung in getrennter Darstellung vergleichen 
und daher das hier vorläufig zusammengetragene Material beliebig 
selbst vermehren kann. So viel aber mufs aus diesen Proben schon 
unzweideutig hervorgehen, dafs die bisher vorgeführten Erscheinungen, 
für sich schon, und vollends in ihrem Zusammenhang unter sich, nur 
darin ihre befriedigende Erklärung finden, dafs wir auch für die Ge- 
schichtserzählung des Hexateuch, wie für seine Gesetze, nicht einen 
einzelnen, sondern eine Reihe von Verfassern annehmen. Alle jene 
Differenzen in Sprache und Stil, wie in Lihalt und Gedankenkreis sind 
nur zu verstehen als Belege für das Vorhandensein verschiedener 
Schichten und Gruppen von Erzählungen, in welche die hexateuchische 
Geschichte auseinandertritt. Die nähere Charakterisierung und Zu- 
sammenfügung derselben in ihren ursprünglichen Bestand wird uns 
später als Voraussetzung des geschichtlichen Urteils über die von ihnen 
erzählten Vorgänge noch zu beschäftigen haben. Hier kommt zunächst 
nur die Thatsache selbst in Frage. 

Ist damit die Verschiedenheit der Verfasser erwiesen, so könnte 
auch unter Anerkennung derselben immerhin noch die Abfassung des 
Ganzen in mosaischer Zeit, etwa durch Gehilfen des Mose im Verein 
mit dem Meister, behauptet werden. Auch sie läfst sich jedenfalls für 
einen erheblichen Teil des ganzen Erzählungsstoffes schon in dieser 
vorläufigen Untersuchung zurückweisen. Mit vollem Recht hat man 
hierfür schon seit langer Zeit auf die mancherlei Notizen der Hexa- 
teucherzählung gewiesen, welche Ereignisse und Verhältnisse der spä- 



1) Vgl. Gen. 7, 2 f. und 6, 13 f.: 7, 8 f. 14 f. 

2) S. unten § 12 und 13. 

3) Vgl. Ex. 3, 1:4, 18; 18, Iff und 2, 18. 21. Über Hobab s unten § 23, 
Nr. 5. 

4) Vgl. Num. 2 ff. und Ex. 33, 7 ff. Num. 11, 16. 26: 12, 4. Deut. 
31, 14f. 



§ 6. Geschichte der Kritik. 33 

teren Zeit ^, besonders der Richterperiode und der früheren und zum 
Teil der späteren Königszeit, zur Voraussetzung haben. So wird die 
Mosezeit '-^ und die Vertreibung der Kena'aniter als längst vergangene 
Thatsache behandelt^; die Israeliten wohnen im Lande Kena'au*; die 
Himmelsgegenden werden zum Teil nach den nur für das Land Re- 
na' an passenden Bezeichnungen genannt^; Israel ist im Besitz von 
Königen ''. 



§ 6. 

Geschichte der Kritik ''. 

I. Periode : Bis auf K. H. Graf. 

1. Die ersten, freilich vereinzelt und ohne System und Methode 

unternommenen Versuche einer kritischen Behandlung des Hexateuch 

fallen schon ziemlich frühe. Sie beschränken sich meist auf zufallige 

Bemerkungen über diese oder jene Bedenken erregende Stelle ^. Auf 

einen etwas allgemeineren Boden stellen sich schon Hobbes ^ und Isaak 



1) Im allgemeinen gekennzeichnet durch den häufigen Ausdruck : ,, bis auf 
diesen Tag", vgl. bes. Deut. 3, 14; 10, 8: 34, 6. Jos. 6, 25; 14, 14; 15, 63; aber 
auch die anderen Stellen wie Gen. 19, 37 f.; 26, 33: 35, 20; 47, 26. Deut. 2, 22; 
11, 4. Jos. 4, 9: 5, 9: 7, 26; 8, 28f.: 9, 27: 10, 27: 13, 13: 16, 10 gehören 
hierher. 

2) Deut. 3, 11. Num. 21, 14 vgl. Jos. 10, 13. 

3) Gen. 12, 6: 13, 7; 40, 15. 

4) Deut. 2, 12: 19, 14a. Vgl. Gen. 14, 14. Deut. 34, 1. Jos. 19, 47. 

5) Vgl. die Bezeichnung tv auch ^jj und niiH ~iD>' für das Ostjordanland. 

6) Gen. 36, 31 und dazu die vielen Anspielungen auf die Königszeit in den 
Liedern Gen. 49. Ex. 15. Num. 24. Deut. 32 f. 

7) Vgl. dazu Kuenen, Theol. Tijdschr. IV, S. 396 fl'.: Merx, Nachwort zur 
2. Aufl. von Tuchs Kommentar über die Genesis (1871), S. LXXIXff. : Diestel, 
Gesch. d. Alten Testaments (1869), § 61: Bleek-Wellhausen , Einleit.*, S. 152 ff.; 
Reufs, L'histoire sainte et la loi , p. lOsqq ; Vuilleumier in Rev, de Theol. et 
de Philos. (^Laus.) 1882 sq.: Steiner in Thool. Zeitschr. a. d. Schweiz 1887, 
S. 42 ff. — Eine französische Monographie von Alex. Westphal über den Gegen- 
stand befindet sich unter der Presse. 

8) Eine Anzahl von Namen s. bei Strack, Einleit. ins A. T. (in Zöcklers 
Handb. d. theol. Wiss.)', S. 131. 

9) Leviathan (1651), Kap. 33. 

Kittel, Gesch. der Hebräer. O 



34 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Peyrerius ^ , sowie besonders Spinoza ^ und Richard Simon ^. Hatte 
schon Peyrerius sich an Stellen wie Deut. 1, 5; 3, 14. 11, sowie nach 
Num. 21 an dem Vorhandensein eines nicht wohl von Mose verfafsten 
liber bellorum Dei gestofsen, so hat Spinoza diesen Stellen eine Reihe 
weiterer beigefügt (Deut. 31, 9. Gen. 12, 6 ; 22, 14. Deut. 34), auch 
schon den Versuch einer positiven Anschauung vom Ganzen gewagt 
— für den Verfasser erklärt schon er Esra — ; wogegen „ der gelehrte 
Oratorianer aus der letzten Glanzperiode katholischer Wissenschaft" 
(Reufs) für unsere spezielle Frage zwar nicht allzu viel Ausbeute ge- 
währt, aber doch mit seiner kritischen Geschichte des Alten Testaments 
der eigentliche Begründer der alttestamentlichen Einleitung als Wissen- 
schaft geworden ist. 

Ein sicherer Boden für positive Vorschläge, wie der Hexateuch, 
bzw. Pentateuch — denn auf ihn beschränkte man sich meist — , zu- 
stande gekommen sein könnte, war jedoch erst noch zu schaffen. Hierzu 
den ersten Anstofs zu geben war einem Laien, dem Leibarzt Lud- 
wigs XIV. Jean Astruc*, vorbehalten. Er hat den Schritt von 
blofsen Bemerkungen oder vagen Vermutungen zur Auffindung cha- 
rakteristischer Merkmale gemacht. In dem Wechsel der Gottesnamen 
Jahve und Elohim in der Genesis hat Astruc die Spur verschiedener 
Quellenschriften erkannt. Von diesem Prinzip aus konnte weiter ans 
Werk gegangen werden. 

2. Im wesenthchen auf Astrucs Schultern stehend , aber mit 
gröfserem Scharfsinn und einem ungleich reicheren Schatz von Wissen 
arbeitend, hat dann Joh. Gottfr. Eichhorn ^ die Entdeckung seines 
Vorgängers fortgebildet und vertieft. Nicht die Gottesnamen allein, 
sondern ebenso sehr der Inhalt führt ihn auf verschiedene Urkunden 
der Genesis. Der „Genius" dieses Buches scheint ihm zu fordern, 
dafs der gröfste Teil der Genesis aus Stücken zweier besonderer histo- 
rischer Werke zusammengesetzt ist. Nur so erklären sich ihm die 
mannigfachen Wiederholungen, die verschiedenartige Schreibart und 
Phraseologie, der Charakter der Schriften. 

Einen Schritt weiter wird die Kritik geführt durch K. Dav. 



1) Systema theologicum ex praeadamitarum hypothesi (1655), Buch 4. 

2) Tractatus theologico - politicus etc. , Hamb. 1 670. Vgl. Siegfried, Spinoza 
als Kritiker u. Ausleg. d. AT. 1867. 

3) Histoire critique du V. Test. 1678. Vgl. Bernus, Rieh. Sim., Lausanne 
1869. 

4) Conjectures sur les memoires origiuaux dont. . . . Moyse s' est servi etc. 
1753. Vgl. über ihn Böhmer in PRE. Art. Astruc. 

5) Einleitung in das AT., Leipz. 1780 ff. (4. Aufl. 1823 ff.). 



§ 6. Geschichte der Kritik. 35 

Ilgen ^ Er will einen kritischen Beitrag bieten „zur Geschichte der 
Religion und Politik" durch Ordnung der im Lauf der Zeit „zer- 
rissenen, zerstückelten und in einander geflossenen" Urkunden des 
Tempelarchivs (Vorrede S. XIV). Das Neue, was llgen von Eichhorn 
unterscheidet, ist die von ihm geraachte Wahrnehmung, dafs innerhalb 
der den Gottesnamen Elohim führenden Stücke sich wieder zweierlei 
Quellen finden. Dabei fallt ihm auf, dafs dem Charakter nach diese 
Stücke sich wieder den jehovistischen nähern (S. 393). Er ist damit 
der Entdecker des lange so genannten jüngeren Elohisten. Ilgens Ge- 
danke an einen zweiten Elohisten wurde von Hupfeld und Böhmer 
später aufgenommen und hat sich, wenn gleich seine Durchführung, 
besonders am Anfang der Genesis, willkürlich und unhaltbar war, bis 
heute neben demjenigen Astrucs Anerkennung verschafft. 

3. Waren somit bis jetzt drei Quellen ermittelt, so lag der Ge- 
danke an eine vierte und fünfte nahe. Aus der von Astruc und 
llgen geschaffenen Quellenhypothese entwickelt sich so durch Über- 
spannung des richtigen Prinzips von selbst Vaters Fragmenten- 
hypothese. Zugleich dehnt Vater ^ die Untersuchung von der Genesis 
auf den ganzen Pentateuch aus und gelangt zu dem Satze : alle Bücher 
des Pentateuch zerfallen in einzelne Stücke, gröfsere oder kleinere, von 
denen sich nicht zeigen läfst, dafs ursprünglich zwischen ihnen ein Zu- 
sammenhang stattfand. Nur zuweilen ist der Faden der Erzählung 
länger fortgesponnen, im übrigen ist jedes Buch stückweise zusammen- 
gesetzt. — Die Frage nach dem Zeitpunkt dieser Sammlung beschäftigt 
Vater ebenfalls. Er hat sie mit Geschick und Erfolg behandelt. Eich- 
horns Vorstellung, dafs Mose in der Wüste Tagebücher, ein sogenanntes 
Reisejournal, geführt habe, woraus er später den Pentateuch verfertigte, 
verwirft er und legt den Hauptwert auf die historischen Zeugnisse, die 
sich etwa im Pentateuch bzw. im Alten Testament selbst finden lassen. 
Dafs dieselben nicht die mosaische Abfassung des ganzen Pentateuch 
beweisen, erkennt schon Vater. Zugleich betritt Vater schon in er- 
folgreicher Weise den Weg der sachlichen Kritik. Eine Reihe der 
von ihm hervorgehobenen Thatsachen behalten bis heute in der Form, 
wie er sie vorträgt, ihre Gültigkeit. Die allein für ihn in Betracht 
kommende Frage, in welchem nachmosaischen Zeitalter die Sammlung 
entstanden sei, beantwortet er dahin: das Deuteronomium scheint ihm 
zuerst entstanden, etwa zur Zeit Davids oder Salomos ; hierauf kommen 



1) Die Urkunden des jerusalemischen Tempelarchivs in ihrer Urgestalt 
1798. 

2) Commentar über den Pentateuch, Halle 1802 ff. 

3* 



30 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

allmählich die übrigen Stücke des Pentateuch hinzu; die Sammlung 
des Ganzen denkt er um die Zeit des Exils vollzogen. 

4. Hier greift in bahnbrechender Weise deWette^ ein. Hatte 
Vater wenigstens angefangen, neben dem litterarhistorischen Gesichts- 
punkt der Untersuchung auch den sachlichen beizuziehen, so hat hier- 
auf de Wette sein ganzes Gewicht gelegt. Er untersucht die Frage 
nach dem Alter des Pentateuch zum erstenmal von der Geschichte aus 
und fragt, ob das Geschichtsbild der übrigen Geschichtsquellen mit 
dem im Pentateuch gegebenen übereinstimme. Daneben hat er mit 
ebenso viel Glück das litterarhistorische Moment in Betracht gezogen 
und ist aufserdem der erste, der das Deuteronomium einer eigenen ein- 
gehenden Untersuchung unterzieht. Er weist zum erstenmal auf das 
Verhältnis der Chronik zu den Büchern Samuels und der Könige hin- 
sichtlich ihrer Darstellung des Kultus und Priestertums und stellt den 
Grundsatz auf, dafs die Chronik in der Frage nach dem Pentateuch 
als Partei gar keine Stimme haben könne. Er ist auch der erste, 
welcher die für das Deuteronomium mafsgebende Stelle 2 Kön. 22 über 
die Auffindung eines Gesetzbuchs zur Zeit Josias näher untersucht und 
verwertet hat. Auch die Verwendung von Jer. 7, 21 ff. für die Kritik 
des Pentateuch stammt von ihm. — Sodann hat de Wette schon in 
grofsartigen Zügen eine Geschichte des Kultus in Israel entworfen, um 
aus ihr den Mafsstab für die Beurteilung des Pentateuch zu gewinnen. 
Besonders die Frage nach dem Ort des Gottesdienstes hat er in geist- 
voller Weise abgehandelt. Kommt de Wette zunächst für das Deute- 
ronomium zu dem Resultat, dafs es in der Zeit Josias abgefafst sei, 
so sind ihm auch die andern Bücher schwerlich mehr aus allzu früher 
Zeit. Den Nachweis hierfür liefert er hauptsächhch aus dem Charakter 
der älteren Geschichte (Beitr. II). de Wette ist damit auf diesem Ge- 
biete der Überwinder des alten Rationalismus geworden. An die Stelle 
der gewaltsamen, unredlichen und geschmackwidrigen Worterklärung 
des letzteren setzt er die poetisch - ästhetische Betrachtung. Die Ver- 
fasser der hebräischen Urgeschichte sind ihm Dichter, die letztere selbst 
das Nationalepos der hebräischen Theokratie. 

Dieselben in seinem Jugendwerk schon aufgestellten Grundsätze hat 
de Wette in seinem sechsmal von ihm selbst bearbeiteten Lehrbuche ^ 
vertreten. Hier hat er, der mit seiner Annahme eines planmäfsig ge- 
arbeiteten Epos von Anfang an schon innerlich mit Vaters Zerstücke- 



1) Beiträge zur Einleitung ins Alte Test. 180 '> f. 

2) Lehrb. der histor.-krit. Einl. in die kanon. und apokr. Bücher des Alten 
Test., Berl. 1817, 6. Aufl. 1844, 8. Aufl. s. u. 



§ G. Geschichte der Kritik. 37 

lungshypothese gebrochen hatte, den Schritt von dieser zur Ergänzungs- 
hypothese inuner klarer vollzogen, bis er sich dann in der 6. Auflage 
formell von ihr lossagt, um sich Stähelins Ergänzungshypothese anzu- 
schliefsen. 

5. Hatte de Wette sich mehr mit Abfassungszeit und Charakter 
des Pentateuch und seiner einzelnen Bücher befafst, so wird von seinen 
Mitarbeitern und Nachfolgern in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts 
wieder mehr die Frage nach der Komposition des Pentateuch in Arbeit 
genommen. Dabei ergiebt sich vorläuhg wieder eine gewisse Be- 
schränkung auf die Genesis. In dem Bestreben , die mechanische 
Aufserlichkeit der Vaterschen Fragmententheorie durch Betonung des 
einheitlichen Plans und wohlbedachten Zusammenhangs zu überwinden, 
tritt ihm zunächst der jugendliche Ewald in seiner Erstlingsschrift ^ 
kräftig zur Seite. Die sinnige Planmäfsigkeit der Urgeschichte tritt 
ihm so überzeugend nahe, dafs er ihr sogar die Verschiedenheit der 
Quellen glaubt opfern zu sollen. Erst später überzeugt sich Ewald ^, 
dafs beides sich wohl vereinigen lasse. Er hat sich jetzt im wesent- 
lichen -^ der im Gegensatz gegen ihn selbst aufgestellten Ansicht Stähe- 
lins angeschlossen und hat dieselbe auch später, wenn gleich mit vielen 
selbständigen Beobachtungen bereichert und im Lauf der Zeit nach 
dem Fortgang der Wissenschaft modifiziert, in seinem Hauptwerk ^ bei- 
behalten. 

Der eigentliche Ui'heber dieser von de Wette vorbereiteten , von 
Ewald anerkannten Ergänzungshypothese ist Stähelin^. Nach ihm 
liegt dem jetzigen Pentateuch eine alte (bis Ex. 6 elohistische) Schrift 
zugrunde, deren Reste sich durch alle fünf Bücher durchziehen. Da- 
nach entstand eine zweite , jüngere Sitten sowie den Jahvenamen in 
frühere Zeit übertragende Schrift — sie gebraucht jedoch in anderen 
Teilen auch den Namen Eloliim. Ein dritter vereinigt beide, indem 
er die erste durch die zweite ergänzt. Auch B 1 e e k *" tritt dieser 
Annahme bei, jedoch mit der nicht unwesentlichen Modifikation, welche 
von da an der Ergänzungshypothese eigen bleibt: dafs der Ergänzer 



1) Die Compositiou der Genesis 1823. 

2) Stud. und Krit. 1831, S. 595 ff. 

3) Doch nimmt er jetzt schon eine freie Stellung ihr gegenüber ein , vgl. 
Bleek*, S. IGd, Anm. 2. 

41 Gesch. des Volkes Israel, 1. Aufl. 1843 ff., 2. Aufl. 1851 tt'., 3. Aufl. 
1864 ff- 

5) Kritische Untersuchungen über die Genesis 1830. 

6) In seinem im übrigen gegen Bohlen gerichteten Bonner Progrannn, De libri 
Geneseos origine ac indole etc. 183(1. 



38 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

und Redaktor nicht ein dritter sei, sondern der Verfasser der jahvi- 
stischen Teile selbst. Ihre eingehende Begründung aber erhielt die 
Hypothese durch T u c h ^ , sowie durch Bleeks übrigens erst nach 
seinem Tode erschienene Einleitung ^. Tuch ist zugleich der Schöpfer 
des lange herrschenden Namens „ Grrundschrift ". 

6. Tuch und Bleek besitzen das Verdienst, die Scheidung der 
Quellen, welche vorher meist auf den äufserlich wahrnehmbaren Unter- 
schied der Gottesnamen gebaut war, aus inneren Merkmalen tiefer be- 
gründet zu haben. Anderseits lag in ihrer Hypothese ein Moment, das 
notwendig wieder über sie selbst hinausführte. Dem Jehovisten oder 
Ergänzer werden unter sich unvereinbare Dinge zugemutet: er soll 
blofs gelegentlicher Ergänzer und daneben Vertreter einer eigenen re- 
Hgiösen Theorie, die in seinem Werk erkennbar sein mufs, sein. Dies 
liefs erkennen, dafs mehr als zwei Personen zurate zu ziehen seien. 

Hup fei d hat diesen Schritt gethan 3. Die Ergänzungshypothese 
war damit überwunden, und an ihre Stelle trat eine dem ersten Haupt- 
stadium verwandte, aber dasselbe vertiefende Wendung, die man des- 
halb die neuere Quellentheorie nennen kann. Die Grundzüge 
der Anschauung Hupfelds haben bis heute sich in Geltung erhalten. 
Unter den mancherlei Ergebnissen seiner Schrift sind hauptsächlich drei 
von bleibendem Wert : a) Der Jehovist ist so gut wie der Elohist selb- 
ständiger Autor; seine Berichte sind so gut wie die elohistischen in 
sich zusammenhängend, b) Der Jahvist ist so wenig blofser Er- 
gänzer, dafs sich sogar behaupten läfst, er habe den Elohisten gar 
nicht gekannt. Wiederholungen und Widersprüche erheischen diese 
Annahme, c) Ilgens zweiter Elohist mufs in der That als selbständige 
Quelle anerkannt werden. Denn aufser der Grundschrift findet Hupfeld 
eine zweite und zwar jüngere elohistische Schrift in der Genesis. 

Hiermit war eine Grundlage gegeben, auf welcher weiter gebaut 
werden konnte. Zunächst that dies Böhmer*, indem er manches ge- 
nauer sonderte, dem jüngeren Elohisten und Redaktor besondere Auf- 
merksamkeit schenkte und die Scheidung der Quellen auch äufserlich 
zur Anschauung brachte. Die weitere Arbeit unternahm Schrader, 
zunächst unabhängig von Hupfeld ^, sodann auf Grund seiner Resultate 



1) Commentar über die Genesis, 1. Aufl. 1838. 

2) Einl. ins Alte Test, herausg. von Job. Bleek und A. Kamphausen 1860. 
3. Aufl. herausg. von Kamphausen 1870. 4. Aufl. s. u. 

3) Die Quellen der Genesis 1853. 

4) Liber Genesis pentateuchicus 1860. Das erste Buch der Thora 1862. 

5) Studien zur Krit u. Erkl. d. bibl. Urgeschichte 1863. 



§ 6. Geschichte der Kritik. 39 

in de Weites Einleitung ^ Besonders um die sorgsame Scheidung der 
Quellen hat Schrader sich grol'se Verdienste erworben. Ein ähnliches 
Verdienst hat Knobels Kommentar 2. Beide Werke stellen eine Art 
von Vez'mittelung zwischen der Ergänzungs- und Quellenhypothese dar. 
Dasselbe kann von Ewalds oben schon genannter Geschichte Israels 
gelten, mit dem Unterschied jedoch , dafs Knobel und Schrader ihre 
Stärke mehr in der Einzelbeobachtung haben, Ewald mehr in der all- 
gemeinen Reflexion. Auch Colensos grofsai'tiges Werk ^ wird am 
richtigsten hier einzureihen sein. 

Dem längere Zeit ungebührHch beiseite gelassenen Deuteronomium 
hatte schon 1854 Riehm * sein Recht widerfahren lassen. Besonders 
die Frage nach der zeitweilig selbständigen Existenz des Buches wird 
von ihm endgültig erledigt. Wie bedeutsam diese Erkenntnis war, 
zeigte der weitere Verlauf der Kritik. 

Die Fragen nach der Quellenteilung und der Art der Quellen 
sind damit zu einem gewissen vorläufigen Abschlufs gelangt. So wenig 
sie erledigt sind, so treten doch jetzt wieder neben sie und vielfach 
an ihre Stelle diejenigen nach dem relativen und absoluten Alter der- 
selben. 

II. Periode: Die Kritik seit Graf. 

1. Der Name K. H. Graf bezeichnet eine neue Wendung der 
pentateuchischen Kritik durch die von Graf in die Hand genommene 
Bestreitung der bisher fast allein herrschenden Annahme der Priorität 
der elohistischen sogen. Grundschrift gegenüber den übrigen penta- 
teuchischen Schi'iften, besonders dem Deuteronomium. Freilich hatten 
schon lange vorher Reufs^, Vatke^, George 7, Bohlen^, sodann 
kurz vor Grafs Schrift Popper^ denselben Gedanken vertrete'^, ohne 
jedoch damit weitere Beachtung zu finden. Erst Graf hat der eben- 
deshalb mit Recht seinen Namen tragenden Hypothese die methodische 
und durchgreifende Begründung gegeben. Besonders hat er den so 



1) 8. Aufl. 1869. 

2) Commentar zum Pentateuch und Josua 1852 — 1861. 

3) The Pentateuch and book of Joshua critically examined 1862 sqq. 

4) Die Gesetzgebung Mosis im Lande Moab 1854. 

5) Zuerst 1833 in Thesen, sodann 1850 im Art. „Judentum" bei Ersch und 
Gruber, Skt. II, Bd. 27. 

6) Bibl. Theologie I (1835). 

7) Die älteren jüdischen Feste 1835. 

8) Commentar zur Genesis 1835. 

9) Der bibl. Bericht über die Stiftshütte 1862. 



40 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

ungemein fruchtbaren, aber seit de Wette fast ganz zurückgetretenen 
sachlichen Gesichtspunkt wieder kräftig hervorgehoben. 

Grafs Schrift ^ zerfällt in zwei Monographieen ; die erste behandelt 
die Chronik als Geschichtsquelle und kommt auf die negativen Er- 
gebnisse de Wettes über dieses Buch zurück. Die zweite , viel wich- 
tigere, untersucht die geschichtlichen Bücher von Gen. 1 bis 2 Kön. 25, 
doch ruht hier das Hauptgewicht auf dem Pentateuch. Zwei Voraus- 
setzungen bringt Graf mit. Einmal steht er, ohne auf Hupfeld Kück- 
sicht zu nehmen, noch auf dem Boden der Ergänzungshypothese. Er 
kennt eine von dem Jahvisten ergänzte Grundschrift, freilich anders als 
Tuch und seine Freunde — ohne das levitische Gesetz. Sodann glaubt 
er, in der kurz vorher erwiesenen Abfassung des Deuteron omiums zu 
Josias Zeit den festen Punkt für die Bestimmung der übrigen Bücher 
zu besitzen. Grafs Untersuchung geht somit vom Deuteronomium aus 
und sucht durch Vergleichung desselben mit dem übrigen Pentateuch 
zu ermitteln, welche Teile des Pentateuch dasselbe voraussetzen und 
welche dagegen von ihm vorausgesetzt werden. In breiter vielseitiger 
Untersuchung wii'd das Resultat erzielt, dafs das Deuteronomium zwar 
die jahvistischen Gesetze in Ex. 13. 20 — 23. 34 kennt, nicht jedoch 
das grofse elohistische Gesetzbuch. Das letztere ist vielmehr, wie 
auch die äufseren Zeugnisse der Profeten belegen, nach dem Exil, am 
wahrscheinlichsten durch Esra, verfafst. 

An Grafs Schrift schlofs sich eine Kontroverse zwischen ihm und 
ßiehm^, welcher letztere eine Reihe schwacher Punkte in Grafs Auf- 
steilungen heraushob und diesen zwang, jedenfalls seine Positionen rich- 
tiger zu formulieren. Besonders hatte Riehm mit Erfolg die Unnatur 
der Trennung der gesetzhchen von den erzählenden elohistischen Stücken 
nachgewiesen. Graf bekannte sofort sein Unrecht auf einzelnen Punk- 
ten, aber nur um seine Hauptposition desto fester zu stützen. Er giebt 
Riehm die Unmöglichkeit jener Trennung zu, erkennt auch nun die 
Unhaltbarkeit der Ergänzungshypothese ^ zugunsten von Hupfelds 
Quellentheorie au. Aber den von Riehm gezogenen Schlufs kehrt er 
um. Gehören Gesetz und Geschichte des Elohisten zusammen, so wird 
für ihn nicht etwa durch die Geschichte das Gesetz mit in die alte 



1) Die geschichtUclien Bücher des Alten Test. 186G. 

2) Vgl. Riehm in StKr. 1868, S. 350 ff. Graf in Merx' Archiv für wissensch. 
Erforsch, d. Alten Test. 1869, S. 466 ff. Riehm in StKr. 1872, S. 283 ff. 

3) Wenigstens in der hergebrachten Form. Streng genommen stellt er sie 
jetzt auf den Kopf und erklärt die Grundschrift für eine Ergänzung des Jehovisten. 
S. dagegen Riehm, StKr. 1872, S. 283 ff. 



§ ('}. Geschichte der Kritik. 41 

Zeit hinaufgehoben, im Gegenteil jene durch dieses in die nachexilische 
Periode herabgezogen. 

Hiermit erst war das Problem richtig formuliert. Die weitere 
Untersuchung mul'ste notwendig an der Grundschrift und ihrem in Frage 
stehenden Charakter einsetzen. 

2. Dies thut Nöldekes Schrift ^ Nöldeke macht Ernst mit dem 
Hupfeldschen Satz von der Selbständigkeit der Grundschrift und des 
Jahvisten. Daher mufs jene sich, falls nicht erhebliche Teile verloren 
sind, durch den ganzen Hexateuch hin als zusammenhängendes Werk 
vorfinden lassen. Die Erwartung bestätigt sich, und seitdem ist der 
Streit über den Umfang der Grundschrift im wesentlichen geschlossen. 
War das erste Stück Arbeit gethan, so konnte es auch nicht schwer 
fallen, über den schriftstellerischen Charakter des Buches Klarheit zu 
schaffen. Auch hierfür hat Nöldeke die Bahn gebrochen. Er erweist 
die in erster Linie gesetzgeberische, nicht historiographische Tendenz, 
die künstliche Systematik, die priesterliche Abkunft des Buches, seine 
sorgsame Einkleidung des Stofies in das Gewand der mosaischen Zeit. 

Grafs Ausführungen über die Grundschrift erkennt Nöldeke zu 
einem grofseu Teil als richtig an. Nur in der Hauptfrage, hinsichtlich 
der Datierung des Buches nach dem Exil, lehnt er dessen Ergebnisse 
mit Entschiedenheit ab. Immerhin macht er Graf die Konzession, man 
dürfe auf keinen Fall die Forderung stellen, dafs die sogen. Grund- 
schrift gerade die älteste unter den Quellen des Pentateuch sein 
müsse. 

3. Trotzdem mehrten sich jetzt die Stimmen, welche für Graf ein- 
traten. Die gewichtigste erhob sich zunächst aufserhalb Deutschlands. 
A. Kuenen, welcher früher in seinem Einleitungswerk ^ bei vielfach 
selbständiger Förderung der Arbeit im ganzen der damals herrschenden 
Theorie gefolgt war, trat nun ^ mit Nachdruck für Grafs These ein 
und hat derselben zunächst in Holland, allmählich aber auch in 
Deutschland, immer mehr Anhänger zugeführt. Ihm folgten in Deutsch- 
land A. Kayser*, der Grafs Theorie auf dem Utterargeschichtlichen 
Wege zu stützen unternimmt , und D u h m ^ , welcher das Verhältnis 
der Profeten zum Gesetz ins Auge fafst. 

1) Unters, z, Kritik d. AT. (I. Die sogen. Grundschrift des Peutat.) 18G9. 

2) Histor.-crit. ouderzoek naar het outstaan en de verzameling van de boeken 
des Ouden Verbouds. Leiden I, 18ül. 

3) De Godsdienst van Israel, Harl. 1869 sq. De vijf boeken van Moses, Leid. 
1872. Zahlreiche Beiträge in Theolog. Tijdschr. XI fF. 

4) Das vorexilische Buch der Urgeschichte Israels 1874. 

5) Theologie der Profeten 1875. 



43 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Dem letzteren ist S m e n d ^ entgegengetreten , wogegen K 1 e i - 
n e r t ^ , auf das Deuteronomium als den Stützpunkt Grafs sich be- 
schränkend, den Nachweis versucht, dafs dasselbe, wc^nn auch nicht 
mosaisch, so doch bald nach Moses Tod, spätestens etwa von Samuel 
verfafst sei, hingegen Graf das Zugeständnis der Priorität des Deute- 
ronomiums gegenüber der Grundschrift macht. Endlich ist Di 11 mann ^ 
zunächst für die Genesis auf dem Wege der Exegese und genauen 
Quellenscheidung Graf entgegengetreten, während Wellhausen in 
seiner Komposition des Hexateuch * und darauf in seiner Bearbeitung 
von Bleeks Einleitung ^ sich die Grundlage schuf für einen umfassenden 
Neubau im Sinne der Grafschen Theorie, seine Geschichte Israels ^. 

4. Mit Wellhausens Geschichte Israels ^ geht die Geschichte unserer 
Frage in die Gegenwart über. Die durch ihn in Flufs gebrachte Be- 
wegung dauert bis heute fort, und die seit seinem Werke erschienenen 
Äufserungen über den Hexateuch nehmen alle Stellung zu dem von 
ihm neu gestellten Problem. Sie werden daher bei der Erörterung der 
Sache selbst ihre Besprechung finden müssen, und es kann genügen, 
die bemerkenswerteren Erscheinungen hier einfach zu nennen. Biblio- 
graphische Vollständigkeit ist dabei nicht angestrebt, besonders nicht 
hinsichthch der teilweise ephemeren englisch-amerikanischen Litteratur. 

Man vergleiche: S. Y. Curtiss, De aaronitici sacerdotii atque thorae 
eloh. origine 1878 (s. schon The levit. priests 1877); Ryssel, De elo- 
histae pentateuchici sermone, Lips. 1878; Reufs, L'histoire sainte et la 
loi 1879; D. Hoffmann in Magazin f. Wissensch. d. Judentums 1879 f.; 
Valeton in Studien (Theol. Tijdschr.) 187 9 ff.; Dehtzsch in Zeitschr. f. 
kirchl. Wissensch. etc. 1880; Dillmann, Komm, zu Exodus und Leviticus 
1880; Marti in JPTh. 1880, S. 127 ff. 308 ff.; Giesebrecht in ZAW. 
1881, S. 177 ff. ; E. Reufs, Geschichte der heiligen Schriften des Alten 
Test. 1881; Horst, Levit. XVH— XXVI und Hezekiel 1881; Robert- 
son Smith, The Old Testam. in the jewish church 1881; Kayser in 



1) Vgl. schon Moses apud prophetas 1875, sodann StKr. 1876, S. 599 ff. 

2) Das Deuteronomium und der Deuteronomiker 1872. 

3) 3. Aufl. von Knobels Genesis 1875. 

4) JDTh. XXI (1876), S. 392 ff. 532 ff, XXII (1877), S. 407 ff Neu abge- 
druckt in Skizzen und Vorarbeiten II, 1885. 

5) 4. Aufl. 1878. 

6) Vgl. ferner Delitzsch in Zeitschr. f. luth. Theol. 1877, S. 445 ff.: Kloster- 
mann ebenda S. 401 ff und StKr. 1877 , S. 391 ff. ; Lagarde , Symmicta 1877, 
S. 116 ff 

7) Geschichte Israels I, 1878. Zweite und dritte Aufl. u. d. Tit. Prolegomena 
z Gesch. Isr. 1883 und 1886. 



§ 7. Das Deuteronomium und die deuteronomischen Stücke. 43 

JPTh. Ih81; S. 32Gff. 520 ff. 630 ff. ; Bredenkamp, Gesetz und Profeten 
1881; R. Kittel in TbStW. 1881, S. 29ff. 147 ff. , 1882, S. 278ff.; 
Delitzsch in ZkWL. 1882; Dillniann, Genesis* 1882; Driver in Journ. 
of Philol. 1882, S. 201 ff.; Jülicher, JPTh. 1882, S. 79 ff. 272ff.; 
Bruston in Revue theologique (Montaub.) 1882, p. 13 sqq. 97 sqq. und 
in Revue de Theol. et Philos. (Laus.) 1883, p. 329 ff.; Strack, Einleit. 
ins Alte Testament (in Zöcklers Handb. d. theol. Wiss.) 1882 und 
Art. „ Pentateuch '^ in PRE.^ (1883); Budde, Die bibl. Urgeschichte 
1883; Maybaum in Zeitschr. f. Völkerpsych. 1883, S. 191 ff.; Bissei, 
Proposed reconstr. of the pentat. in Bibl. sacra (Andov.) 1883 sq. ; 
AVurster in ZAW. 1884, S. 112 ff.; Curtiss, Sketches of Pent. crit. 
Bibl. Sacra 1884; Bruston in Rev. de Theol. et Philos. 1885, p. 5 sqq. 
499 sqq. 602 sqq. ; 1886, p. 33 sqq. Vatkes Ansicht in Zeitschr. f. wiss. 
Theol. 1885, S. 52 ff. 156 ff.; Vatke, Einleit. ins Alte Test, (herausg. 
V. Preiss) 1886; Kuenen, Hist.-crit. Onderz.* I, 1. 1885 (deutsch von 
Weber 1886 — 1887); Dillmann, Komment. zurGenesis^ 1886; Komment, 
zu Numeri, Deuter, und Jos. 1886; Finsler, Darstell, und Krit. d. Ans. 
Wellh. 1887. 



§ 7. 

Bas Deuteronomium und die deuteronomischen Stücke. 

1. Die Zusammensetzung des heutigen Deuteronomium s und der 
ursprüngliche Kern des Buches. 

Die Geschichte der Kritik orientiert hinlänglich über die bis jetzt 
gemachten Versuche der Lösung des Problems, um dem Leser den Ein- 
druck zu erwecken, wie nötig als Voraussetzung hebräischer Geschicht- 
schreibung die Scheidung und zeitliche Fixierung der hexateuchischen 
Hauptquellen, vor allem der grofsen elohistischen Priesterschrift, ehe- 
mals Grundschrift genannt, des Jahvisten und des sogen, zweiten Elo- 
histen — sie werden besser mit P, J und E bezeichnet — ist. Diese 
Schriften selbst lassen sich aber nur in ihrem Verhältnis zum Deute- 
ronomium bestimmen. Von dem letzteren, wenngleich es selbst ge- 
schichtlichen Stoff im engeren Sinn weit weniger enthält als die anderen 
ebengenannten Schriften, ist hier auszugehen. Denn das Deuteronomium 
darf als der feste Punkt gelten, von dem aus nach vorne wie nach 
rückwärts gegriffen werden kann. Je nach ihrem Verhältnis zu diesem 
Buche wird sich daher auch für die andern Schriften wenigstens der 
allgemeinste Rahmen ilirer zeitlichen Bestimmung ergeben. 



44 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Wir wissen , dafs unter König Josia ein Gesetzbuch im Tempel 
zu Jerusalem aufgefanden wurde, welches \vdr überwiegende Gründe 
haben, für unser Deuteronomium zu halten ^ Aber ebenso sicher ist 
auch, dafs das unter Josia gefundene Gesetzbuch nicht das ganze heute 
unter dem Namen Deuteronomium zusammengefafste Buch gewesen ist. 
Es erhebt sich daher zunächst die Frage nach den Bestandteilen und 
dem ursprünglichen Kern des heutigen Deuteronomiums. 

Dafs wir in dem heutigen Deuteronomium kein vollkommen ein- 
heitliches Buch vor uns haben, zeigt die Vergleichung von Kap. 1 — 4 
und Kap. 2 7 ff. mit dem grofsen Mittelstück des Buches wie unter sich 
selbst '^. Werden jene beiden Aufsenteile, der Eingang Kap. 1 — 4 und der 
Epilog Kap. 27 if., vorläufig ausgeschieden, so bhebe das Stück Kap. 
5 — 26 als der eigentliche Kern des Buches übrig. 

Hiergegen hat Wellhausen Widerspruch erhoben ^. Nach ihm um- 
fafst ■^ das Urdeuteronoraium nur Kap. 12 — 26. Die längere Einleitung 
in Kap. 5 — 11 dagegen, „diese beständige Aufforderung zum Halten 
noch gar nicht bekannt gemachter und nur zum Teil inhaltlich ante- 
zipierter Gebote '^ gehört ihm schwerlich zum ursprünglichen Bestände 
des Gesetzbuches. Denn „die Gesetze gehen erst Kap. 12 an, vorher 
will zwar Mose immer zur Sache kommen, kommt aber nicht daza*^. 
Schon 5, 1 kündige er die Satzungen und Rechte an, die das Volk im 
Lande Kena'an halten solle, verwickle sich aber dann in die historische 
Darstellung. Zu Anfang von Kap. 6 mache er abermals Miene, die 
Satzungen und Rechte mitzuteilen, um dann wieder davon abzukommen. 
Ebenso in den folgenden Kapiteln °. 

Niemand, der das Deuteronomium im Zusammenhang liest, wird 
leugnen wollen, dafs damit das Verhältnis der beiden Teile Deut. 
5 — 11 und Deut. 12 — 26 richtig gekennzeichnet ist. Trotzdem mufs 
es sich fragen, ob die von Wellhausen hieraus gezogenen Schlüsse be- 
rechtigt sind. Denn sie sind weder für sich nötig, noch erldären sie, 
was sie erklären sollen. Aus einer umständlichen, nicht zur Sache 
kommenden Redeweise der Einleitung kann noch nicht gefolgert wer- 
den, dafs sie einer andern Hand entstamme als die Ausführung, liir 
den Fall, dafs die Einleitung sonst die Zeichen der Zugehörigkeit zur 



1) Wellhausen, JDTh. XXII, S. 458 f. 

2) Wellh. XXII, S. 460 f. 

3) JDTh. XXII, S. 462 ff. 

4) Nach dem Vorgang von Vater, Abhandlung über Moses und die Verfasser 
des Pentateuchs (Comm. III, S. 393-728, bes. S. 458 ff.). 

5) Ähnlich Valeton, Studien VI, S. 157 ff. 



§ 7. Das Deuteroiiomiuin uud die deuteronomiscben Stücke. 45 

Ausführung; an sich trägt. Anderseits erklärt sich das Verhältnis der 
beiden Kapitelreihen auf diese Weise vollends nicht. Hat ein und 
derselbe Autor sich, ohne an seinen eigentlichen Gegenstand gelangen 
zu können, lange bei den Vorbereitungen und Ankündigungen aufge- 
halten, so ist das ein Vorgang, der sich im Leben oft genug wieder- 
holt, mündlieh wie schriftlich, und der, so lange die Welt steht, psy- 
chologisch begreiflieh sein wird. Hat aber zu einem für sich leidUch 
geordneten und im grofsen Ganzen für sich selbst sprechenden Buche 
ein zweiter sich bemüfsigt gesehen, ein langatmiges Vorwort von der 
Art wie dasjenige in Deut. 5 — 11 ist, zu schreiben, so ist das ein 
Unternehmen, welches unverständlich scheint. Der ganze Hergang hat 
dann keinen Sinn. 

Vollends aber hat Wellhausen nichts gethan, die Verschiedenheit 
der Verfasser aus sachUchen oder sprachlichen Gründen zu erhärten. 
In der That sprechen diese Rücksichten gegen seine Annahme. 

Die Situation ist thatsächlich durchgehends dieselbe in Kap. 
12 — 26 wie in Kap. 5 — 11. Der Standpunkt des Verfassers von Kap. 
12 ff. ist, worauf Kuenen mit Recht weist \ genau mit demjenigen der 
Überschrift^ zu Kap. 5 — 26 übereinstimmend. Nicht allein Kap. 
5 — 11, sondern ebenso Kap. 12 — 26 scheinen deutlich auf Grundlage 
dieser Überschrift geschrieben zu sein. Auch darf wohl an den Deka- 
log Deut. 5 erinnert werden ^. Bei dem engen Verhältnis, in welchem 
Kap. 12 — 26 zum — um diesen Ausdruck vorgreifend anzuwenden — 
älteren Gesetze steht, wäre es höchst verwunderlich, wenn sein Ver- 
fasser nicht auch das Hauptstück jenes Gesetzes, den Dekalog, repro- 
duziert hätte. Hat er das Zehngebot an die Spitze seines Buches in 
Kap. 5 gestellt, so ist die nachherige Weglassung erklärt; ist Kap. 
12 — 26 das ganze ursprüngliche Buch, so steht das Fehlen des Deka- 
log in hohem Grade befremdlich da ^. 

Von besonderer Y/ichtigkeit aber ist die Vergleichung des Sprach- 
gebrauchs, wie sie in fast abschliefsender Vollständigkeit Kuenen und 
Dillmann vollzogen haben •''. Die formelle Übereinstimmung des Ab- 
schnitts Kap. 5 —11 mit demjenigen Kap. 12 — 26 ist nach ihr, wie eine 
Vergleichung der beiden Abschnitten charakteristischen Redewendungen 
jedem zeigen kann, so grofs, dafs die Verschiedenheit der Verfasser 



1) Onderz.'- § 7, No. 7. 

2) Deut. 4, 45-49. 

3) S. auch Kayser, JPTh. VII, S. 532. 

4) Weitere Punkte vgl. noch Kuen. Ond.^ 4j 7, No. 8 u. 9. 

5) Kuenen, Onderz.\ § 7, No. 4 u. 10; Dillmann, NuDtJo., S. 2G3 f. 292. 



46 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

geradezu zu einem neuen Probleme würde, dessen Lösung in ungleich 
gröfsere Schwierigkeiten verwickeln müfste, als die sind, welche die 
Annahme der Einheit des Verfassers drücken. 

Eine andere Frage ist nun freilich, ob Deut. 5 — 11 zur selben 
Zeit und in demselben Anlauf wie Deut. 12 — 26 geschrieben ist, oder 
nicht. Kuenen, welcher die Einheit des Verfassers entschieden und, 
wie ich glaube, mit überlegenen Gründen, behauptet, hat dies bestrit- 
ten ^ Er ist der Meinung, der Verfasser von Kap. 12 — 26 habe die 
Einleitung Kap. 5 — 11 später und mit Rücksicht auf die damals schon 
gesammelten Gesetze geschrieben. 

Ich kann mich dieser letzteren Ansicht Kuenens nicht anschliefsen. 
Ein erheblicher Teil der gegen die Verschiedenheit der Verfasser oben 
geltend gemachten Bedenken scheint mir auch gegen die hier ange- 
nommene Verschiedenheit der Abfassungszeiten zu sprechen. Das 
Fehlen des Zehngebots, dessen Einführung hier wie bei der Ansicht 
Wellhausens den Charakter der blofsen Nachbesserung tragen würde; 
das Befremdliche einer erst nachträglich beigefügten Vorrede von sol- 
cher Weitschweifigkeit; die durchgehende Übereinstimmung des Ganzen 
mit der Überschrift des ersten Teiles, welche, wenn ein längerer Zeit- 
raum zwischen der Abfassung beider Teile hegt, ungleich unwahr- 
scheinlicher wird, als bei gleichzeitiger Abfassung: alle diese Momente 
scheinen Kuenens Vorschlag zurückzuweisen ^. 

Kann danach der Abschnitt Deut. 5 — 26 mit oder ohne die jetzt 
dazu gehörige Überschrift 4, 45 — 49 als einheitlich und wohl auch 
gleichzeitig abgefafstes Ganzes angesehen werden, so dürfen wir in 
diesem Abschnitt das eigenthche, unter Josia gefundene Deuteronomium 
erkennen. Wir nennen diesen ursprünglichen Kern des heutigen Deu- 
teronomiums kurzweg D. 

Wie verhält sich nun hierzu der Rahmen in Kap. 1 — 4 , 44 und 
Kap. 27 ff.? 

Was zuerst die einleitenden Kapitel 1 — 4, 44 anlangt, so hat man 
länger schon erkannt , dafs sie nicht genau auf derselben Linie stehen, 
wie der Kern des Buches. Schon dafs nach ihnen erst die eingehende 
Überschrift 4, 45 — 49 folgt, welche die aus Kap. 1 ff . jetzt dem Leser 
längst bekannten Zeit- und Ortsangaben umständlich, als wären sie 
neu, mitteilt; dafs ferner die eigenthche Gesetzgebung von Kap. 12 ff. 
in Kap. 5 — 11 schon hinreichend eingeleitet ist; ebenso aber gewisse 
inhaltliche Verschiedenheiten wiesen unzweideutig darauf hin. 



1) Ondel•z.^ § 7, No. 11. 

2) Vgl. dazu ferner Dillmann, NuDtJo., S. 263 f. 292 f. 



§ 7. Das Deuterouomium uud die deuteronoraischen Stücke. 47 

Aus diesem Sachverhalte, besonders den Differenzen im Inhalte ^ 
haben Klostermann 2, Hollenberg ^, Wellhausen * , Valeton ^ , Kuenen ^ 
und andere'' den Schlufs gezogen, dafs Kap. 1 — 4 gar nicht D selbst, 
sondern einen andern Schriftsteller zum Verfasser habe. Bei der 
grofsen Übereinstimmung des Sprachgebrauchs dieses Abschnittes mit 
demjenigen von D ^ mufste aber in dem Verfasser unter allen Umstän- 
den ein D nahestehender Autor, sei es nun Rd oder ein älterer, der 
Schule des D angehöriger Mann (D'), erkannt werden. 

Die Ansicht Hollenbergs, dafs der Verfasser von Deut. 1 — 4 mit 
Rd identisch zu denken sei, stöfst auf das erhebliche Bedenken, dafs 
dem Inhalte nach Deut. 1 — 4 den Erzählungsstoff der Bücher Exodus 
und Numeri voraussetzt ^. Es hatte daher für einen Redaktor , der 
das Deuteronomium mit den übrigen Büchern verbinden wollte, keinen 
Sinn, das hier Erzählte noch einmal — dazu noch in Einzelheiten 
etwas abweichend — wiederzugeben ^^. Diese Wiedergabe hat viel- 
mehr nur dann einen Zweck, wenn sie als Bestandteil des noch selb- 
ständigen Deuteronoms gedacht und verfafst war. 

Von dieser Erwägung ausgehend haben die übrigen der genannten 
Gelehrten Deut. 1 — 4 einem dem ursprünglichen D geistesverwandten 
Nachfolger desselben zugeschrieben. In dieser Deutung des Verhält- 
nisses scheinen beide Merkmale von Deut. 1 — 4: Ähnlichkeit mit D 
und Verschiedenheit von ihm, ihre befriedigende Erklärung zu finden, 
besonders da man noch glaubt wahrscheinlich machen zu können, dafs 
die — doch wieder durch einzelne Verschiedenheiten temperierte — 
Ähnlichkeit im Sprachgebrauch auf Nachahmung ruhe ^^ 

Diese Anschauung hat vor der älteren von Knobel, Graf, Kosters, 
Kleinert u. a. vertretenen, nach welcher D selbst noch, nui' kürzere 
oder längere Zeit nach Abfassung von Deut. 5 — 26, diese Einleitung 
seinem Buche vorangestellt habe, einen entschiedenen Vorzug. Denn 
die mancherlei Verschiedenheiten der beiden Teile bleiben dort ohne 
Erklärung. 



1) S. über sie besonders Kuenen 0.^ § 7, No. 17. 

2) StKr. 1871, S 253flF. 

3) StKr. 1874, S. 467 ff. 

4) JDTh. XXn, S. 460 ff. 

5) Studien VI, S. 303 ff. 

6) Onde^z.^ S. llGff. 

7) Z. B. Reufs, Hist. sainte etc., p. 209 sq.; Kayser, JPTh. VII, S. 533. 
8} S. besonders Kuenen Ond!'^ § 17, No. IG; Dillm., NuDtJo., S. 229. 

9) Kosters, De historie-beschouwing van den Deuteronomist, p. 32 sqq. 

10) Kuenen Ond.^ § 7, No. 15; Dillmann, NuDtJo , S. 228. 

11) Kuenen Ond.^ § 7, No. 16. 



48 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Trotzdem hat Dillmann jüngst gegen sie energischen Widerspruch 
erhoben ^ Er sucht eine ganz neue und eigenartige Lösung der 
Schwierigkeit. Ausgehend von der eigentümHchen Verschiedenheit der 
zwei Hauptteile von Deut. 1, 6 — 4, 43: 1, 6 — 3, 29 und 4, 1—40, 
glaubt er zwischen diesen beiden Stücken scheiden zu müssen. Das 
erste erklärt er für eine geschichtliche Einleitung zum Deuteronomium, 
die erst von R*^ in eine Moserede umgesetzt wurde. Der Grund des 
Verfahrens des R'' liegt klar. Für ihn hat eine geschichtliche Ein- 
leitung zum Deuteronomium, die sich fast ganz an die Erzählung in 
Exodus und Numeri anschlofs, keinen Sinn mehr. Sie ganz wegfallen 
zu lassen, fühlte er sich auch nicht berechtigt: so Avird sie von ihm 
in eine einleitende , die historische Situation dem Hörer vor Augen 
führende Moserede umgestaltet. Natürlich kann Dilhnann sich für diese 
Anschauung in erster Linie auf die grofse sprachliche und sachliche 
Übereinstimmung dieser Kapitel mit D selbst berufen, eine Instanz, die 
immer ihr Gewicht behalten wird, während die Mehrzahl der Differenzen 
sich leicht auf die Rechnung des überarbeitenden Rd setzen lassen ^. 
Sachliche Verschiedenheiten, welche sich hieraus nicht erklären lassen, 
glaubt Dillmann nicht finden zu müssen. — Etwas anders scheint 
Dillmann die Sachlage beim zweiten Stück 4, 1 — 40 zu sein. Die hier 
gegebene paränetische Rede wird auch ihm an dieser Stelle durch die 
nachfolgende lange Paränese ausgeschlossen. Ihre Versetzung an ihren 
jetzigen Platz ist ihm das Werk von R*^. Aber die Rede selbst nimmt 
Dilhnann mit Entschiedenheit für D selbst in Anspruch, bei welchem 
sie ursprünglich unter den Schlufsreden nach Kap. 26 ihre Stelle hatte. 
Damit erklärt sich in befriedigender Weise auch die Bezeichnung 
„dieses Gesetz" für das erst nachfolgende Deuteronomium, woi'an in 
der jetzigen Kapitelfolge gerechter Anstofs genommen wird *. 

Es läfst sich nicht leugnen, dafs diese Auffassung des Verhält- 
nisses der vier ersten Kapitel zum übrigen Deuteronomium ein in 
hohem ilafse beachtenswerter Beitrag zur Lösung dieses so verwickel- 
ten Problems ist ^. Ich erkenne unbedingt an, dafs sie nicht allein 



1) Die Bücher NuDtJo., S. 228 ff. 599. 

2) So besonders auch 2, 14ff. , wodurch sieh ihm die Kollision dieser Stelle 
mit 5, 2 f. und 11, 2 ff. erklärt. 

3) Über die Hauptstelle 2, 29 im Verhältnis zu 23 , 5 vgl. den Kommentar, 
aufserdem Graf, Gesch. Buch., S. 18; Kleinert. Das Deuteron, etc., S. 34 181. 

4) Deut. 4, 8 u. 5. Vgl. dazu z. B. Wellhausen XXII, S. 462. 

5) Die Überschrift 4, 44 ff. raufs bei seiner Behandlung der Sache von Dill- 
mann folgerichtig R"! zugewiesen werden. Sprachlich steht dem nichts im Wege. 
Vgl. NuDtJo., S. 261. 



§ 7. Das Deuterouomium uud die deuteronomiscbeu Stücke. 4rl> 

miudesteus deuselbeu Grad vun Wahrscheiuliclikeit für sich hat, wie 
die audere, Kap. 1 — -4 auf D^ zurückführende Deutung, sondern selbst 
manche entschiedenen Vorzüge vor derselben besitzt. Hierunter rechne 
ich besonders die ganz ungezwungene Art, wie sich die grofse Ähn- 
lichkeit der Sprache dieser Kapitel mit derjenigen von D und ihre 
beiderseitigen relativ kleineren Differenzen einerseits, sowie anderseits 
die Voranstellung dieser Einleitung vor D erklären. So, wie die Ein- 
leitung jetzt lautet, bietet sie auch unter der Annahme der Autor- 
schaft eines D^ grofse Schwierigkeiten. Denn läfst sich auch allenfalls 
erkennen, wie ein Nachfolger und zugleich Nachahmer des D dazu 
kommen konnte, dem Buche seines Vorgängers eine aus Exodus und 
Numeri zusammengestellte Einleitung (Kap. 1—3) voranzustellen , so 
wird dagegen für den paränetischen Teil dieser vier Kapitel, also Kap. 
4 selbst, der Grund sich schwer finden lassen. Die ermahnende Ein- 
führung der Gesetze war ja in Kap. 5—11 zur Genüge gegeben. 
Neues dagegen wird in Kap. 4 nicht beigebracht. Diese Schwierigkeit 
drückt, wie mir scheint, die Annahme eines D^ für Deut. 1 — 4. War 
Kap. 4 ein Stück der paränetischen Ausleitung, so befremdet nur seine 
Stellung an diesem Platze, und sie kann Dillmaun befriedigend erklären. 
Dazu ist auch seine Erklärung der Herkunft von Kap. 1 — 3 zusagen- 
der als die andere. Denn schleppend und unbeholfen ist unleugbar 
der ganze Gang des heutigen Deuteronomiums von Kap. 1 bis Kap. 
11. Sollte jener D^ nicht auch gefühlt haben, wie schwerfällig vor 
der langen Eiuleituugsrede seines Vorbildes seine eigene sich aus- 
nehme? Vielleicht wird ein zukünftiger Gelehrter hieraus den Schlufs 
ziehen: dafs ebendeshalb l — 4, oder wenigstens 1 — 3, ursprünglich von 
D^ in erzählender Form geschrieben und erst von R*^ in die Redeform 
gebracht sei. Ich selbst schrecke vor der weiteren Verwickelung des 
Problems zurück. Aber das scheint mir festzustehen, dafs Deut. 1 — 3 
nicht in seiner jetzigen Gestalt verfafst ist. Für einen Autor besteht 
— darin hat, wie ich glaube, Dillmann recht — nur die Möglichkeit 
der Annahme, dafs er der grofsen Rede eine erzählende Einleitung 
voranstellte. Wie die Kapitel jetzt lauten, können sie m. E. nur 
Werk eines Redaktors sein, der, wollte er den vorgefundenen Bestand 
nicht allzu sehr schädigen, keine Wahl hatte, als die Erzählung in Rede 
zu verwandeln. Denn bei der Vereinigung des Deuteronomiums mit 
dem hier wiedergegebenen Erzählungsstoff in Exodus und Numeri hatte 
die Erzählung in Deut. ! — 3 ihren Sinn als Erzählung verloren. 

Noch gesicherter würde die Anschauung Dillmanns, wenn sich der 
von ihm angetretene Nachweis bestätigen würde, dafs der Verlässer J 

Kittel, Gesch. der Hebräer. 4 



50 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

und E noch als selbständige Schriften vor sich hatte. Wenn ich mich 
trotzdem nicht entschliefsen kann, ihr rückhaltlos zuzustimmen, so ge- 
schieht es, weil bei allen Vorzügen dieser Deutung das Bedenken einer 
sachlichen Verschiedenheit einzelner Stellen bestehen bleibt. Aus diesem 
Grunde scheint mir auch durch Dillraanns Erklärung das Problem noch 
nicht endgültig gelöst. Man wird, will man nicht auf eine neue Er- 
klärung lossteuern, angesichts der Schwierigkeiten, welche auch die 
von Kuenen und den andern vertretene Deutung bietet, die Frage 
offen lassen müssen. Für die geschichtliche Verwertung selbst ist 
die Frage von untergeordnetem Belange. 

Über den Schlufsabschnitt des Deuteronomiums Kap. 27 — 34 ist 
nach mancher Richtung schon Übereinstimmung erzielt. Als unter 
allen Umständen dem Deuteronomium ferneliegend sind der Abschnitt 
32, 48 — 52^, sowie Bestandteile aus Kap. 34^, ferner das Lied 
Kap. 32, 1—44 und der Segen Kap. 33, 1 — 29 ^ anerkannt. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach trifft dies auch für Kap. 31, 14 — 23 zu ^. Es 
bleiben somit von dem 2. Teil des Schlufsabschnittes Kap. 31 — 34 als 
nach Inhalt und Sprache deuteronomisch nur noch übrig: Bestandteile 
von Kap. 34 ^ und die kleinen Abschnitte Deut. 32, 45 — 47 und 31, 
24 — 30. Für sie, wie für die entschieden deuteronomische Hauptmasse 
des ersten Teiles, Kap. 27, 1 — 31, 13 mufs nun in derselben Weise 
wie für Kap. 1 — 4 die Frage entstehen, ob sie dem D selbst, oder 
einem seiner Nachfolger zuzuschreiben sind. 

Anerkannt ist die Abkunft von D selbst iür Deut. 27, 9. 10 und 
31, 9 — 13 •'. Sie läfst sich aber auch trotz Wellhausens'' und Klei- 
nerts ^ Widerspruch von Kap. 28 erweisen^, wenn auch kleinere Zu- 



1) S. uiiteu § 22. 

2) S. unten § 20. 21. 22. 

3) S. unten § 21. Widerspruch erheben F. W. Schultz, Deut, S. G49ff.; 
Keil, NuDtJo., s'. 537 f. 

4) S. unten § 21. Über das Verhältnis von V. 14 f. 23 zu V. 16—22 s. 
Klostermauu, StKr. 1871, S. 249 tf. Kuenen Ond.% § 7, No. 20. Dillmann, 
NuDtJo., S. 388. 

5) Es gehören dazu jedenfalls V. 1 1 f., sowie Teile aus V. 4 (Dillmann aus 
5 und 1?) mid 6. 

G) S. Kuenen Ond.^ i? 7, Nr. 21; Dillmann, NuDtJo., S. 364. 386 f. Vgl. im 
im übrigen zu Kap. 27 besonders Kuenen in Theol. Tijdschr. XII, S. 297 ff. 

7) JDTh. XXII, S. 461 f. (das ganze Kap. sekundär). 

8) Das Deuteronomium etc., S. 205 f. (^gröfsere Bestandteile sekundär); vgl. 
auch Valeton, Studien VIT, S. 44f. und Kayser, JPTh. 1881, S. 530 f. 

9) S. Kuenen Ond.^ § 7, No. 21; Dillmann, NuDtJo., S. 370. Ebenso Graf, 
Gesch. Buch., S. 8: Klostermann, Hollenberg. 



§ 7. Das Deuteronoraiuiii und die deutoronomischen Stücke. 51 

Sätze von R^ in nicht ganz unerheblicher Anzahl der Natur der Sache 
nach bei dieser Rede nicht ausgeschlossen sind. 

Als nicht von D selbst vertalst sind von den noch übrigen Ab- 
schnitten anerkannt: Deut. 27, 1 — 8. 11 — 13. 14 — 26 ^ ; sie weisen auf 
eine im Sinn und der Sprache des D arbeitende Hand. 

Zweifelhafter kann der Sachverhalt bei dem Keste: Deut. 28, 69 
bis 30, 20 — der grofsen Ermahnungsrede - und den Abschnitten 
31, 24 — 30; 32, 45 — 47, sowie Kap. 34, soweit es deuteronomisch ist, 
sein. Dafs mehrere dieser Abschnitte , so besonders die Rede in Kap. 
29 f , die Zeichen einer spätem Hand stark an sich tragen, kann 
keinem Zweifel unterliegen ^. Es könnte dies sehr wohl R^ sein. Da- 
gegen ist die Möglichkeit, dafs sie der Substanz nach von D stammen ^ 
nicht a priori abzuweisen. Eine endgültige Antwort, besonders über 
Abschnitte wie Kap. 34, läfst sich \nelleicht überhaupt nicht, jedenfalls 
nicht an diesem Orte schon, geben. Die Frage hängt mit dem Urteil 
über D im Bache Josua zusammen. Hat D eine Erzählung besessen 

— wofür wir oben manche Gründe sprechen sahen — und hat er sie über 
Kap. 26 fortgesetzt, besonders ins Buch Josua hinein, so ist selbst- 
redend kein Grund, ihm den Bericht über Moses Tod abzusprechen. 
Ist das nicht der Fall, so ist auch über diese Abschnitte das Urteil 
gefallt. 

2. Die Abfassungszeit von D. 
Mag nun blofs Deut. 4, 44 — Kap. 26 nebst Deut. 28 und den 
aus Kap. 27 und 31 ausgeschiedenen Bestandteilen, oder Deut. 1 — 30 

— auch hier kleinere Zusätze von R*^ abgerechnet — nebst einigen 
Stücken der folgenden Kapitel und Bestandteilen des Buches Josua den 
ursprünglichen Inhalt des Deuteronomiums gebildet haben: die uns hier 
beschäftigende Frage nach der Abfassung dieses D wird hiervon nicht 
direkt berührt. Erst später bei der Besprechung der deuteronomischen 
Teile des Buches Josua ergiebt sich \äelleicht Gelegenheit, aus dem 
hier gewonnenen Resultat einen weiteren Schlufs auf den mutmafslichen 
Umfang von D zu ziehen. 

Das Buch der Könige enthält ^ bekanntlich eine eingehende Er- 



1) Graf. Gesch. Buch., S. 8. Kayser. Vorexil. Buch, S. 101. Kuenen, Theol. 
Tijdsch. Xn, S. 297 ff. und Ond.», § 7, No. 22. Dillmann, NuDtJo., S. 364. 

2) Daher Kuenen § 7, No. 20 und 22 sie ebenfoUs D^ zuschreibt. 

3) Sie wird von Dillmann, NuDtJo., S. 379. 390 für Kap. 29 f. und 31, 24—30 
in Anspruch genommen, wogegen 82, 45 — 47 (S. 412) D allein zugewiesen wird. 

4) Kap. 22 und 23. 

4* 



53 Erstes Buch. A. Der Hesateucb. 

Zählung über die Auffindung eines Gesetzbuches im Tempel zu Jeru- 
salem. Im 18. Jahr des Königs Josia wird im Tempel ein Buch ge- 
funden. Der Priester Hilqia, durch dessen Hände dasselbe läuft, über- 
giebt es dem königlichen Schreiber Shafan mit dem Bemerken, dies sei 
„das" Gesetzbuch. Der König selbst, welcher das Buch sich vorlesen 
läfst, erschrickt ob der in ihm enthaltenen Drohungen und veranstaltet 
auf den Rat der Profetin Hulda eine Reform des Kultus, deren Grund- 
züge das Königsbuch mitteilt. 

Der Bericht trägt alle Züge der Glaubwürdigkeit; er mag wenig 
mehr als 50 Jahre nach dem erzählten Ereignisse verfafst sein. Auch 
kann wohl kein Zweifel bestehen, dafs Hilqia, obwohl er den Namen 
Moses nicht nennt, mit der Bezeichnung: das Gesetzbuch an ein mo- 
saisches ' Buch dachte. 

Man hat — aus naheliegenden Gründen — lange Zeit geglaubt, 
das hier gefundene Buch sei unser heutiger Pentateuch gewesen ^. Der- 
selbe, seit Jahrhunderten ^ fertiggestellt, soll, nahm man an , im Lauf 
der Zeit, besonders unter Josias abgöttischen Vorgängern verloren ge- 
gangen sein ; das einzige noch übrige Exemplar wurde hier unter 
Josia im Tempel unter Schutt und Gerumpel vergraben wieder auf- 
gefunden. 

Diese Annahme ist aus vielen Gründen unhaltbar. Wir führen 
die wichtigsten in Kürze auf'*: 

a) Das gefundene Buch wird in einem Tage zweimal nacheinander 
durchgelesen ^. Vom Pentateuch in seiner Gesamtheit ist dies un- 
denkbar. Ein mäfsig rasches, das Verständnis noch zulassendes Vor- 
lesen des ganzen Pentateuchs wird nach einer wie ich glaube nicht zu 
hoch gegriffenen Schätzung 23^ Stunden in Anspruch nehmen. Denkt 
man sich nur „das Gesetzbuch" gelesen, also mit Weglassung der hi- 
storischen Einleitung den Pentateuch von Exod. 19 an — -zu welcher 
Verkürzung man aber keinerlei Recht hat — : so wären auch hierzu 
immer noch für einmalige Vorlesung 16| Stunden erforderlich. 

1) Reufs, Gesch. d. AT., S. 352. 

2) Die älteren uad in neuerer Zeit aufser Hengstenberg, Keil u. a. besonders 
Riehm, Gesetzgebung Mosis im Lande Moab, S. 98 und Kleinert, Deuteronomium, 
S. 251 if. 

3) Nach Riehm a. a. 0., S. üSff. wäre das Deuteronomium erst unter der Re- 
gierung des Manasse verfasst und zum übrigen gekommen. Später erklärte Riehm 
sich für die Abfassung unter Hizqia. Kleinert nimmt Abfassung unter Samuel an. 
S. darüber unten S. 55. 

4) Vgl. dazu besonders de Wette - Schrader, Eiul.*, S. 323 ; Reufs, Gesch. d. 
AT., S. 352 if.; Kueueu Ond.^ § 12, No. lif.; Dillmann, NuDtJo , S. 613 f. 

5) 2Kön. 22, 10; 23, 2. 



§ 7. Das Dewteronomiiiin und die deuteronomischen Stücke. 53 

b) Das gefundene Buch wird „ Gesetzbuch " ' und „ Bundesbuch " ^ 
genannt. Nun könnte zwar die erstere Bezeichnung an sich wohl den 
Pentateuch vermuten lassen. Die zweite dagegen schliefst ihn aus. 
Nie heifst der ganze Pentateuch so, wohl aber einzelne Teile des- 
selben. 

c) Ein so spurloses Verlorengehen des ganzen Pentateuchs ist 
— und gerade je älter und daher bekannter derselbe war, desto mehr — 
durchaus undenkbar. Konnte auch das eine im Tempel niedergelegte 
Exemplar allenfalls verschwinden, so mufsten doch in den Kreisen der 
Priester iinTl der jalivetreuen Israeliten immer noch Exemplare v^or- 
handen sein. 

Die zwei ersten der ebengenannten Gründe weisen mit Entschie- 
denheit auf einen blofsen Teil des Pentateuchs als das unter Josia ge- 
fundene Buch. Als solcher hebt sich unter den selbständigen Be- 
standteilen des grofsen, Moses Namen tragenden Gesetzbuchs ungesucht 
und fast von selbst das Deuteronomium heraus. Dafs es mit dem 
Buche Josias eines und dasselbe ist, kann heute kaum mehr im Ernste 
bezweifelt werden. Wir stellen auch hierfür die wichtigsten Gründe 
kurz zusammen. 

a) Der Name „ Bundesbuch " kann unter den uns heute noch vor- 
handenen Büchern, soweit wir wissen, nur für das Ex. 24, 7 gemeinte 
Buch oder aber für das Deuteronomium ^ gebraucht werden. Dem 
Inhalte nach ist das Bundesbuch des Exodus * ausgeschlossen. Die 
AA'ahrscheinlichkeit spricht somit für unser Buch. Dazu kommt, dafs 
der andere dem josianischen Buch beigelegte Name „Gesetzbuch'^ im 
Deuteronomium selbst und aufserhalb desselben der geläutige Name für 
das letztere ist ^ 

b) Der Umfang des Deuteronomiums stimmt zu den Angaben des 
Königsbuches. Nach dem oben angelegten Mafsstab würde eine ein- 
malige Vorlesung von Deut, i — 34 die Zeit von 4 Stunden 12 Mi- 
nuten in Anspruch nehmen. Dürfen nun, wenn von D die Rede ist, von 
dem heutigen Bestände des Buches jedenfalls einige Kapitel abgerechnet 
werden, so würde sich, falls das Buch Josua keine Reste von D mehr 
enthält, die Verlesungszeit auf 3 — 4 Stunden stellen. Nimmt man solche 



1) 2Kön. 22, 8. 11; 23, 24 f. 

2) 2Kön. 2.S, 2 f. 21. 

3) Vgl. Deut. 26, 17—19; 5, 3; 28, G9. 

4) Für dasselbe hat sich ausgesprochen Vatke, Bibl. Theol. I, S. 5ü4ff. 511. 
S. dagegen Kueuen Ond.-, § 12, No. 3. Vatke wiederholt seine Ansicht in seiner 
Hist. krit. Einl. ins AT. (188G), S 385. 

5) Kuenen Ond.-, § K», No. 24. 25. 



54 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Eeste an, so würde immerhin noch etwas über 4 Stunden genügt 
haben, das ganze Buch in mäfsig raschem Tempo einmal zu lesen. 

c) Besonders aber zeigt der Inhalt von D, dafs dieses Buch mehr 
als sonst irgendein Bestandteil des Pentateuch den im Königsbuch 
gemachten Voraussetzungen entspricht. Ein hervorstechender Charakter- 
zug des im Königsbuch beschriebenen Gesetzes ist: dafs sein Inhalt 
den König in Schrecken setzte ^ Vergleicht man hiermit die im Deu- 
teronomium mehrmals ^ , besonders aber in Kap. 28 ausgestofsenen 
Drohungen, welche an Schärfe und Furchtbarkeit alle sonst im Pen- 
tateuch enthaltenen Straf drohungen weit hinter sich lassen,* so wächst 
die Wahrscheinhchkeit für das Buch noch mehr ^. 

d) In derselben Linie hegen noch zwei weitere Gründe, und sie 
erbringen vollends den unumstöfshchen Beweis für die Identität des 
josianischen Buches mit D. Die nächste Folge des Bekanntwerdens 
jenes Buches ist eine durchgreifende Reform des Kidtus : die Höhen 
werden abgeschafft, der Opferdienst am Tempel zentralisiert ^ , Wahr- 
sager und Zauberer beseitigt \ Dahin zielende Vorschriften enthält 
nur D, dieses aber dafüi' aufs aUerbestimmteste ^. 

e) Die weitere Folge des Bekannt werdens jenes Buches ist eine 
grofse allgemeine Passahfeier. Von ihr ist vorausgesetzt und ausdrück- 
lich hervorgehoben, dafs sie dem neugefundenen Gesetze gemäfs ge- 
halten werde '^. Nun passen aber die Einzelheiten der Feier unter 
allen pentateuchischen Passahgesetzen nur auf das deuteronomische ^. 

Das unter Josia gefundene Gesetzbuch ist somit D gewesen. Über 
das Alter dieses Buches ist hiermit freihch noch nichts gesagt. Nur 
so viel kann aus dem Bisherigen entnommen werden, dafs der oben 
S. 53 unter c genannte Beweisgrund auch für die Annahme eines 
hohen Alters von D nicht gerade sehr günstig ist. Ist es vom Pen- 
tateuch in seiner Gesamtheit geradezu undenkbar, dafs er, einmal vor- 
handen und längst öffeutHch anerkannt, so spurlos hätte verschwinden 



1) 2Kön. 22, 13. 

2) Vgl. Deut. 6, 15: 8, 19 f.: 9, 13; 11, 28. 

3) Dies Argument bestreitet Seinecke, Gesch. d. Volk. Israel I, S. 386 f., da 
die Drohungen des Deut, nur hypothetisch seien. Siehe dagegen Kuenen Ond.'', 
§ 12, No. 3. 

4) 2Kön. 23, 4 ff . 

5) 2Kön. 23, 24 f. 

6) Deut. 12, 8; 18, 9 f.: vgl. ferner 13, Iff. 7 ff . 13 fi^; 14, 23 ff.; 15, 20: 17, 
8. 10; 2G, 2. 

7) 2Kön. 23, 21 f. 

8) Deut. 16, 1 ff. 



§ 7. Das Deuteronomium und die deuteronomischen Stücke. 55 

können, wie die Erzählung im Königsbuch dies voraussetzt: so ist dies 
auch bei einem wesentUchen Bestandteil des Granzen, wenn gleich in 
vermindertem drade, der Fall. Dafs einzelne Exemplare des Buches 
verloren gingen, vermöchte jedermann zu verstehen; dals aber das Buch 
in einer Zeit, wo doch der Jahvekult vielfach noch treu bewahrt wurde, 
in allen Exemplaren und zugleich in den Herzen der Jahvebekenner 
sollte soweit verloren gegangen' sein, dafs niemand mehr seinen In- 
halt kannte — ist schwer zu glauben. Denn das Königsbuch be- 
handelt den Fund nicht etwa als etwas Bekanntes, sondern als etwas 
ganz Neues, bisher oder wenigstens zui- Zeit Unbekanntes \ 

Hiermit stimmt es, dafs im Buch selbst liegende Gründe dasselbe 
als eine verhältnismäfsig junge Schrift ausweisen ^. 

Die Sprache des Deuteronomiums hat manche Beziehungen zu 
derjenigen des b. und 7. Jahrhunderts, seine Vortragsweise klingt nichts 
weniger als frisch und ursprünglich: vielfache Wiederholungen, grofse 
Fülle und eine gewisse Breite der Rede, nicht selten anakoluthische 
Wendungen sind die Merkmale seines Stils. Sie weisen unverkennbar 
auf eine schon vorgeschrittene Übung des öifentUchen Schi-eib- und 
ßedewesens, nicht auf den Anfang einer Litteratur ^. Dies Argument 
erhält noch erhebliche Verstärkung durch das unten * zu erweisende 
Abhängigkeitsverhältnis unseres Buches gegenüber anderen Partieen des 
Hexateuch. 

Dasselbe ergiebt der Inhalt des Buches. Auch hier ist zunächst 
auf die erst zu zeigende Beziehung des D zu J und E, besonders zur 
letzteren Schrift zu verweisen. Jedoch auch abgesehen hiervon ergeben 
manche Gründe spätere Abfassungszeit. Das Königsgesetz '' des D ge- 
hört, schon deshalb, weil die thatsächlicben Abwege, in welche die 
Könige seit Salomo gerieten, darin gerügt sind, der Königszeit ^' an. 
Dasselbe vom übrigen D loszutrennen ^ ist kein Grund vorhanden ^. 



1) Vgl. Reufs, Gesch. d. AT., S. ;352f. 

2) Gegenüber Kleinert, Das Deuteronomium und der Deuteronomiker 1872, 
welcher bekanntlich die Abfassung unter Samuel zu erweisen suchte, vgl. be- 
sonders Riehm, StKi-. 1873, S. 165 flF.: Kuenen Ond.^ § 12, No. 5. 

3) S. Dillmann, NuDtJo., S. 611. 

4) S. § 8, Nr. 1. 

5) Deut. 17, 14 tr. 

6) S. gegenüber Hengstenberg, Keil u. a. besonders Riehm, Gesetzgeb. Mosis, 
S. 82f.; Dilhnann, NuDtJo., S. 322 f.; Kuenen Ond.^ § 12, No. 5. 

7) So z. B. Wellhausen XXII, S. 463; Diestel , JPTh. V (1879), S. 286. 
Etwas anders Kleinert, Deuteron, etc., S. 243. 

8) Vgl. Riehm, StKr. 1873, S. 186 f.: Kuenen Ond.\ § 7, No. 11; Dillmann, 
NuDtJo., S. 321 ff. 



56 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Das Gesetz über den obersten Gerichtshof^ setzt voraus, dafs ein sol- 
ches Appellp,ericht in Jerusalem schon seit einiger Zeit bestand. Nun 
erhalten wir weder in der Richter- noch in der frühern Königszeit 
irgendwelche Notiz über das Bestehen desselben. Wohl aber erfahren 
wir aus der Chronik "^ , dafs Josafat einen solchen Gerichtshof ein- 
setzte. Mit dem häufigen Hinweis auf den Ort, welchen Jahve er- 
wählen werde, kann ferner kaum etwas anderes als der Tempel in Je- 
rusalem gemeint sein ^. An und für sich ist damit freilich eine weis- 
sagende Hindeutung auf das später zu bestimmende Eine Heiligtum 
möglich. Sieht man aber Wortlaut und Zusammenhang der betreffen- 
den Aussprüche näher an, so gewinnt man den bestimmten Eindruck, 
dafs dem Verfasser das in diesen allgemeinen Ausdrücken bezeichnete 
Heiligtum doch aus klarer persönlicher Erfahrung vorschwebt *. 

Sind wir damit schon in die Zeit des Tempels und zwar frühe- 
stens unter König Josafat geführt, so nötigt uns der Blick auf die Art, 
wie dieser Gedanke der Zentralisation des Gottesdienstes in Jerusalem 
sonst in der israelitischen Litteratur auftritt, mindestens bis auf die 
Zeit Hizqias herabzugreifen. Der Zentralisationsgedanke mufste, ehe er 
im Gesetz auftreten konnte, erst durch die Profeten vorbereitet und 
durch den Hinweis auf die Erhabenheit Jenisalems begründet werden. 
Dies geschieht negativ erst durch die Profeten seit Amos in der Zu- 
rückweisung der Höhen , positiv durch Jesaja ^. Durch Hizqia wird 
die Zentralisation zum erstenmal praktisch zu machen versucht ". Es 
scheint aber beim blofsen Versuche geblieben zu sein ^. Jedenfalls be- 
ruft Hizqia sich nicht auf ein Gesetzbuch ^ wie das Deuteronomium, 
was er, hätte er dasselbe gekannt, gewifs hätte thun müssen. Die An- 
nahme nun, dafs D unter Hizqia zwar schon vorhanden, aber noch 
nicht gefunden war, wird ebenfalls unwahrscheinlich gemacht durch die 
in dem Buch enthaltene Warnung vor dem Heer des Himmels ^ als 



1) Deut. 17, 8 ff. 

2) 2Chron. 19, 8 ff. 

3) S. Deut. 12, 5. 11. 14. 18. 21, 26: 14, 23 ff.: 15, 20; 16, 2. 6f. 11. 15f.: 
17, 8 10; 18, 6; 26, 2f. 

4) Vgl. besonders -iiü^t»' "DND Deut. 12, 14 im ganzen Zusammenbang der 
Rede. Man möcbte fast übersetzen: „in dem bekannten Stamm". 

5) Jes. 2, 2f.: 4, 5-, 18, 7: 28, 16; 30, 29; 31, 9; 33, 14. 20. 

6) 2Kön. 18, 4. 22; 21, 3. 

7) Der Zweifel an der Geschichtlichkeit desselben (Wellhausen, Proleg.*, S. 26. 
48f ) ist unberechtigt. S. Kuenen Ond.'^ § 11, No. 9. 

8) S. Kuenen Ond />, § 12, No. 2. 

9) Deut. 17, 3 f.; 4, 19. 



§ 7. Das Deuteronomiiim und die deuteronomischen Stück". 57 

einer besonderen Form des Götzendienstes. Sie weist noch etwas 
weiter herab, nämlich auf" Manasse. Von jener Art des Gottes- 
dienstes ^ erfahren wir zum erstenmal von den Profeten des 7. Jahr- 
hunderts wie Jeremia ^ imd Sefanja ^, während das Königsbuch uns 
geradezu seine Einführung durch JManasse meldet ^. 

Es bleibt somit nur noch die Frage, ob das Buch unter jManasse 
entstanden und bis auf Josia verborgen geblieben ist: oder ob es sofort 
nach seiner Abfassung proklamiert, also erst unter Josia selbst — dann 
vielleicht unter Mitwissenschaft und Mitwirkung von Hilqia und wohl 
auch Shafan, wenn nicht von ihnen selber ^ — verfafst wurde. Beide 
Ansichten haben ihre Vertreter gefunden ^'. 

Für die unmittelbare Veröffentlichung nach der Abfassung unter 
Josia wird geltend gemacht, dafs das Deuteronomium von Anfang an 
nicht für die Verborgenheit, sondern für die Öffentlichkeit bestimmt 
war ' und besonders, dafs bei der anderen Annahme die beteiligten 
Personen, weil sie nicht zugleich die intellektuellen Urheber der Reform 
seien, bei der Durchführung derselben die Rolle blofs blinder Werk- 
zeuge spielen ^. Ich kann diese Gründe nicht für zwingend erkennen. 
Allerdings läfst sich die Zeit der Verborgenheit des Buches im Tem- 
pel nicht bestimmen. Dafs aber doch eine solche und zwar nicht allzu 
kurz — nicht blofs einige Tage oder Wochen — angenommen werden 
mufs, scheint mir aus dem Umstand hervorzugehen, dafs dasselbe erst 
gelegentlich einer baulichen Veränderung im Tempel gefunden wird. 
Dies setzt ein ganz zufälliges Finden an irgendeinem entlegenen Ort, 
nicht ein offenes Daliegen im Tempel voraus — andernfalls müfste eine 
Mystifikation angenommen werden. 

Die letztere wird durch den Bericht des Königsbuchs, an dessen 
Glaubwürdigkeit zu zweifeln kein Grund ist, unbedingt ausgeschlossen. 



1) Eine unrichtige Deutung desselben bietet Kleinert, Deuter., S 106 ff. 
Gegenüber der ganzen Beweisführung hinsichtlich der späteren Entstehung des D 
s. Kleinert, S. 83ff. und dazu Kuenen Ond.'^ § 12, No. 5. 

2) Jer. 8, 2; 19, 13 f.; 33, 22. 

3) Sef. 1, 5. 

4) 2Kön. 21, 8. 5; vgl. 23, 4 f. 

5) Z. B. Reufp, Gesch. d. AT., S. 3.i2: „angeblich ein Fund der Priester". 

G) Unter Manasse: Ewald (mit Hilfe einer abenteuerlichen Hypothese auf 
Grund von 28, 68) Riehm (früher), Bleek, Valeton. Unter Josia: Knobel, Graf, 
Schrader, Reufs, Kuenen, Dillmann — teilweise unter Ablehnung der Mitwirkung 
Hilqias. 

7) Dillmann, NuDtJc, S. 614. 

8) Kuenen Ond.^ § 12, No. 6. 



58 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Dazu wird durch das Deuteronomium selbst ^ die Mitwirkung Hilqias 
höchst unwahrscheinhch geruacht. Nun läfst sich unter Josia selbst bei 
der theokratischen Gesinnung dieses Königs allerdings kein genügendes 
Motiv der vorläufigen Geheimhaltung des Buches denken. Daher 
scheint mir am richtigsten doch die Regierung Manasses als Abfassungs- 
zeit des D angenommen werden zu müssen. 

Der Hergang läfst sich dann am einfachsten folgendermafsen vor- 
stellen. Ein jahvetreuer profetischer Mann unter Manasse schrieb, 
durch Hizqias Reform versuch und Manasses Götzendienst veranlafst, das 
Buch. In der Not der Zeit und bei der feindseligen Gesinnung des Königs 
wagte er nicht, es zu veröffentlichen. Er mochte wohl sich selbst und 
seines Buches Wirkung nicht gefährden. Auf bessere Zeiten hoffend 
birgt er es im Tempel. Der Verfasser mag die lange Regierung Ma- 
nasses nicht überlebt haben, sonst wäre er wohl bald nach Josias 
Thronbesteigung mit dem Buch an die Öffentlichkeit getreten. So 
scheint es vergessen und erst durch einen günstigen Zufall im 18. Jahr 
Josias gefunden worden zu sein -. 

Jede Art der Unredlichkeit ist damit von Hilqia und Shafan von 
selbst abgewälzt. Aber auch den Verfasser von D kann dieser ihm 
oft gemachte Vorwurf ^ nicht im Ernste treffen. Er war sich bewufst, 
mosaische Gedanken und mosaisches Recht, nur in neuer Einkleidung 
und Anwendung seinem Volke vorzutragen. Ja noch mehr. Er, 
der unzweifelhait profetische Mann, wufste sich vom besonderen Auf- 
trage und der offenbarenden Erleuchtung seines Gottes erfüllt , wenn 
er das alte mosaische Recht neu einschärfte und manches, was von 
Mose stammte, oder in seinem Geiste und daher unser seinem Namen 
im Laufe der Zeit zugefügt war, nach dem Bedürfnis einer vorge- 
schrittenen und vielfach verderbten Zeit umgestaltete. Haben wir Heu- 
tigen, die wir mit unsern modernen Begriffen uns nur schwer und 
immer dürftig in das Geistesleben jenes Altertums versetzen können, 



1) Deut. 18, ü— 8 uud die überhaupt, besonders P gegenüber, verhältnis- 
mäfsig dürftige Dotierung der Priester. Vgl. auch die in Deut. 12 , 12. 19 ge- 
führte Sprache; sie pafst nicht in den Mund eines Priesters in Jerusalem. 

2) Noch weiter herabzugehen wie z. B. Vatke, Einl. ins AT., S. 385 f. will, ist 
kein Grund. Die zum Beweis angeführten Stellen erklären sich teilweise anders, 
teilweise sind sie auf Rechnung von R^ zu setzen. — Für Abfassung von Jeremia 
sind eingetreten Zunz in ZDMG. XXVII, S. 670 ff. und Colenso, The Pentat. and 
book of Joshua VII, App., p. 85 sqq. S. dagegen Kleinert, Deuteron., S. 186 ff. ; 
Duhm, Theol. d. Prof., S. 240 ff.; Kuenen Ond.S § 10, No. 14; Dillmann, 
NuDtJo., S. 614. 

3) Z. B. noch von Orelli PRE.» XVI, S. 720 ff. 



§ 7. Das Deuteronomium und die deuterouomischen Stücke. 59 

das Recht, einen Mann, der den Stempel des wahren gotterfüUten Pro- 
leten so unverkennbar an sich trägt, darüber zu meistern? Haben 
wir das liecht ihm — frommen oder unfrommen — Betrug vorzu- 
werfen und an seinem göttlichen Auftrag zu zweifeln, vermöge dessen 
er einem in Abgötterei und falschen Jahvedienst versinkenden Ge- 
schlechte die erste theola-atische Heldengestalt wieder aufleben läfst 
und aus den \^^orten und dem Geiste des gröfsten Gesetzgebers heraus 
der neuen Zeit ein neues und doch zugleich das alte mosaische Gesetz 
vorlegt? Was er vortrug, war, das wufste er, Jahves Offenbarung und 
Moses Sinn. Mose konnte, wollte er auf des Verfassers Zeit sehen, 
nicht anders reden, als er ihn reden läfst. Darum heifst er in pro- 
fetischer Einkleidung Mose selbst zu dem vergangenen Geschlechte, 
aber im Blick auf eine ferne Zukunft, das Wort ergreifen. Aber die 
Einkleidung hat schon dadurch einen harmlosen, halb poetischen Cha- 
rakter , dafs sie , fast mit Absicht etwas durchsichtig gehalten , den 
wahren Sachverhalt je und je durchbhcken läfst. 

3. Die deuteronomischen Stücke im Buch Josua. 

Es erübrigt noch die schwierige Frage nach der Herkunft der 
deuteronomischen Bestandteile des Buches Josua. Seit längerer Zeit 
hat man erkannt, dafs dieses Buch gröfsere Partieen enthält, welche 
nach Sprachgebrauch und Ideenkreis ^ eine überraschende AhnHchkeit 
mit D zeigen. Die Ausscheidung derselben vollzieht sich im ersten 
Teil des Buches (Kap. 1 — 12) ziemhch leicht und übereinstimmend, 
wogegen im zweiten Teil (Kap. 13 — 24) noch wenig Einhelligkeit er- 
zielt ist. Doch läfst sich schon aus der ersten Hälfte der Charakter 
dieser Bestandteile in seinen wesentlichen Zügen ieststellen. 

Hollenberg ^ hat in eingehender verdienstlicher Untersuchung zum 
erstenmal genauer über die Frage gehandelt. Er kommt zu dem Er- 
gebnis, dafs die deuteronomischen Bestandteile des Buches Josua nicht 
von D selbst, sondern von dem Redaktor, welcher D mit dem übrigen 
Hexateuch verband (R*^) — und der nach Hollenbergs Ansicht zugleich 
Deut. 1- — 4 und 27. 29 — 31 schrieb — stammen. Ihm hat sich im 
wesentlichen Wellhausen angeschlossen ^. 

Allein gegen einen solchen Redaktor als Verfasser so ausgedehnter 



1) Über beides vgl. die eingehende Untersuchung bei Kuenen Ond.'^, § 7, 
No. 2(J: ferner Diilmann, NuDtJo., S. 440. 

2) StKr. 1874, S. 4ti2— 5UG. 

3) JDTh. XXI, S. 585 tr. 



60 Erstes Bucli. A. Der Hexateuch. 

Stücke sprechen — abgesehen von der oben ^ erwiesenen Unmöglich- 
keit der Abfassung von Dent. l — 4 durch W — triftige Gründe. Hat 
auch R^ aller Wahrscheinlichkeit nach erheblich stärker in die ihm 
vorliegenden Texte eingegriffen und freier mit ihnen gewaltet als R'', 
so geht die Thäti2:keit des Verfassers dieser Stücke doch weit über die 
Arbeit eines blofsen Redaktors hinaus, ja widerspricht ihr teilweise ^. 
Es ist daher mit Sicherheit anzunehmen, dafs R"^ auch in diesen deu- 
teronomischen Partieen nach Quellen, an welche er sich gebunden er- 
achtete, gearbeitet hat. 

Mit Recht hat daher Kuenen ^ für diese Elemente einen selb- 
ständigen von R^ zu unterscheidenden Verfasser behauptet. Ihn findet 
er in einem D^, dem Verfasser von Deut. 1 — 4 und 27 ff., nahestehen- 
den Manne oder einigen dieser Art. Von derselben Wahrnehmung 
einer selbständigen Verfasserthätigkeit ausgehend , will dagegen Dill- 
mann *, entsprechend seiner zu Deut. 1 — 4 und 2 7 ff. eingenommenen 
Stellung, auch die Grundlage dieser deuteronomischen Bearbeitung des 
Buches Josua D selbst zuweisen. Aus einer Reihe von Anzeichen zieht 
er den Schlufs, dafs D sein Werk wie mit einer geschichtlichen Ein- 
leitung, so auch mit einer gleichartigen Ausleitung von Anfang an 
versehen habe und dafs diese letztere über den Tod Moses hinaus- 
gehend sich in Kürze auf die Ereignisse unter Josua erstreckt habe. 

Die Möglichkeit dieser Annahme Dillmanns wird sich nicht wohl 
bestreiten lassen. Doch scheinen mir manche Gründe sie in dieser 
Fassung nicht ganz zu empfehlen. Immerhin ist dabei zuzugeben, dafs 
gegenüber der Hauptfrage: ob R*^ von sich aus oder auf Grund einer 
Quelle arbeitete, die andere: ob diese Quelle mit D selbst oder D^ 
identisch ist, nur untergeordnete Bedeutung beanspruchen kann. Haben 
wir oben Dillmanns Hypothese über Deut. 1 — 4 ziemlich gröfsere Wahr- 
scheinlichkeit als derjenigen Kuenens zuerkannt und zugleich die Er- 
wartung, dafs D selbst seinem Werke eine über die Ereignisse vom 
Horeb bis zum Abschlufs der Gesetzgebung orientierende Einleitung 
werde vorangeschickt haben, für an sich durchaus annehmbar eiachtet: 
so können wir über die Annahme einer geschichtlichen Ausleitung 
nicht dasselbe Urteil fällen. Die Gründe sind : 

a) Das Deuteronomium ist nicht Geschichtswerk wie die andern 



1) S. 47. 

2) S. besonders über einzelne Widersprüche zwischen den deuteronomischen 
und andern Abschnitten des Buches Josua Dillmann, NuDtJo , S. 440. 

3) Onderzoek^ § 7, No. 30. 31. 

4) NuDtJo., S. 440. 600. 



§ 7. Das Deuterouomium und die deuterouomiscLeu Stücke. Ol 

Eüclier, es hat keine selbständige Geschichtschreibung — nicht einmal 
in der kurzen Weise von P — enthalten. Hatte es den Leser bis 
zu dem Punkte gelührt, wo Mose im Lande Moab redet, so hatte es 
alles, Avas ihm nötig scheinen konnte, erreicht. Diese Sätze enthalten 
keine willkürliche N'eriügung über Ds Intentionen, sondern folgen aus 
dem Verhältnis der beiderseitigen Geschichtsberichte. Derjenige in 
Deut, i — i ist, seinem blofs rekapitulierenden Charakter gemäfs , fast 
ganz von E (und J) abhängig; die deuteronomische Quelle in Josua 
hält sich ungleich unabhängiger von E und J. Sie ist nicht blofs 
orientierender Auszug aus E und J, sondern selbständige Bearbeitung. 

b) Der im Königsbuch vorausgesetzte Effekt der Veilesung des 
D gipfelt in dem Schi ecken Josias über die im Buch enthaltenen hef- 
tigen Drohungen. Dieser Erfolg rät, wie er gegen den Pentateuch im 
ganzen als das vorgelesene Buch spricht, entschieden ab, D als mit 
einer längeren die Josuageschichte behandelnden Erzählung schliefsend 
zu. denken. Schlofs das Buch mit den Flüchen, so konnte der gewifs 
beabsichtigte und thatsächlich erreichte Erfolg der Erschütterung viel 
sicherer erwartet werden. 

c) Mag auch die Wahrnehmung, dafs der deuteronomische Ver- 
fasser in Josua sich mehr an Deut. 1 — 4 und 27 fF. als an Deut. 
5 — 26 anschliefse ^ zum Teil auf blofs subjektiven Eindrücken beruhen, 
so lassen sich doch gewisse Unterschiede zwischen D und jenen Josua- 
stücken - nicht ganz leugnen. Dies rät zur Annahme eines in der 
Weise und Sprache des D arbeitenden Verfassers (D^). 

Ob dieser D^ eine von D^ verscliiedene Person war, oder ob wir 
unter ihm D' selbst, aber als in späterer Zeit sich selbst ergänzend, 
erkennen dürfen ist schwer zu sagen. Für das letztere würde die 
grofse sprachliche Ähnlichkeit mit D' sprechen ^, wälu'end die kleineren 
sachlichen Differenzen eine eigene Person anzunehmen empfehlen. 
Unter allen Umständen ist D^ in Josua dem Bestreben , die von den 
andern Quellen über Moses Ende hinaus fortgesetzte Geschichte eben- 
falls und zwar in der Weise und dem Geiste Ds zu bearbeiten ent- 
sprossen. Und aller Wahrscheinlichkeit nach hatte D' bei Abfassung 
des D noch nicht das Bedürfnis zu dieser Arbeit, — mag; es nun nach- 



1) Hollenberg, StKr. 1874, S. 472 ff. 

2) Vgl. Jos. 1, J— 5 mit Deut. 11, 24 und dazu Hollenberg a. a. 0., S. 474; 
"Wellhausen XXI , S. 586 ; Kuenen Oud."^ , § 7 , No. 30 ; aber auch Dillmaan, 
NuDt Jo., S. 443. — Über Jos. 8 , 30—35 im Vergleich mit Deut. 27 , 1 ff. s. 
Hollenberg, S. 479 f. und dagegen Kuenen a. a. 0. ; Dillmann, S. 477 f. 

3) Sie macht besonders Dillmann geltend NuDtJo , S. 440. 



62 Erstos Buch. A. Der Hexateuch 

träglich von ihm selbst oder von einem andern gefühlt worden sein. 
Das oben noch zurückgehaltene Urteil über die nicht unmittelbar zu 
D selbst gehörigen deuteronomischen Partieen von Deut. 2 7 ff. ergiebt 
sich nun von selbst. Sie hingen ursprünglich mit D'^ in Josua als dessen 
Anfang zusammen und sind von R^ ans Ende des D gesetzt worden. 



§8. 
Die öuellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 

Wird vom Deuteronomium und den ihm verwandten Stücken ab- 
gesehen, so bleiben innerhalb des Hexateuchs die vier ersten Bücher, 
Genesis bis Numeri, fast vollständig und dazu ein erhebHcher Teil des 
Buches Josua übrig. Dieser ganze Stoff teilt sich zunächst nach leicht 
zu erkennenden und längst erkannten Merkmalen in zwei grofse Haupt- 
gruppen, die man ihrem allgemeinsten Charakter gemäfs als die ,, prie- 
sterliche" und die „ profetische " Gruppe bezeichnen kann. Mit der 
letzteren haben wir es hier zu thun. Dafs auch sie nicht, wie man 
früher — ihre abweichenden Bestandteile irrtümhcherweise der priester- 
lichen Gruppe zuweisend — annahm, eine in sich geschlossene Einheit 
darstellt, ist heutzutage kein Gegenstand der Frage mehr. Sie scheidet 
sich in zwei Hauptschriften. 

Die eine derselben, welche im Gegensatz zu den andern die Ur- 
geschichte erzählenden Quellen schon hier den Gottesnamen Jahve ver- 
wendet und ihn später immer beibehält, führt von dieser Eigentüm- 
lichkeit den Namen: jahvistische Schrift (J). Die andere gebraucht in 
der Urgeschichte bis auf Mose durchgehends die Bezeichnung Elohim 
für Gott und hält sie auch nach der Offenbarung des Jahvenamens 
nicht selten ^ fest. Sie führt von diesem Brauche den Namen elo- 
histische Schrift (E). Im Unterschied von der demselben Grundsatze 
huldigenden Priesterschrift P wurde ihr Verfasser früher, als P fast 
unwidersprochen für die „Grundschrift" des Hexateuchs galt, der 
„jüngere Elohist" genannt. Heute wird er von vielen lieber der ältere 
Elohist, oder richtiger kurzweg Elohist genannt. Dillmann hat diese 
Schrift mit B, die jahvistische mit C, Herm. Schultz umgekehrt die 
jahvistische mit B, die elohistische hingegen mit C bezeichnet. 

1. Verhältnis zum Deuteronomium. Um einen ungefähren 



1) Dillmann, NuDtJo., S. 617 nimmt an, dafs dies durchgängig geschah und 
der Jahvename in E auch nach Ex. 3 überall auf redaktioneller Überarbeitung ruhe. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 68 

Anhalt für die Altersbestimmung dieser profetischen Stücke zu ge- 
w"r!nen ist es zuerst angezeigt, sie geschlossen ins Auge zu fassen und 
mit L). dessen Alter wir nun kennen, zu vergleichen. 

Der Geschichtsbericht des D (und D', sofern und soweit ein solcher 
anzunehmen ist) zeigt deutlich die Abhängigkeit dieses Schriftstellers 
vom profetischen Erzählungsstoff. Wo der Grundstock des Deutero- 
nomiums, Deut. 5 — 26, auf die ältere Geschichte zu reden kommt 
— dies ist besonders in Kap. 5, 9 und 10 der Fall — , wird dieselbe 
mit steter Rücksichtnahme auf jenen Teil der alten Tradition wieder- 
gegeben. Mehrfach zeigt sich eine geradezu wörtliche Übereinstimmung ^ 
Auf welcher Seite die in diesem Falle notwendig anzunehmende Ab- 
hängigkeit der einen Darstellung von der andern liege, kann dabei 
keinem Zweifel unterliegen. Denn bei JE, um der Kürze halber die 
von Wellhausen geschöpfte Bezeichnung zu gebrauchen, besitzen wir 
eine in zwei Hauptströmen fortlaufende Erzählung, bei D eine vielfach 
abspringende, bald kurz andeutende, bald breit ausmalende paränetische 
Rekapitulation. Denselben Charakter weist, und zwar in erhöhtem 
Mafse, besonders die Einleitung Deut. 1 — 4 auf. Wird auch vom Ver- 
fasser in manchen Punkten von JE abgewichen ^, so ist die Quelle, aus 
der er das meiste schöpft, doch JE. Was zu ihm nicht stimmt, mag 
zum Teil freie Ausgestaltung, zum Teil wohl auch aus andern Quellen 
oder Traditionsschichten entnommen sein. Unter keinen Umständen 
wird die Abhängigkeit auch dieser deuteronomischen Erzählungsschicht 
von JE dadurch in Frage gestellt ^. Die profetische Erzählung ist so- 
mit, wie denn auch allgemein anerkannt ist *, älter als das Deute- 
ronomium. 

Von besonderem Interesse ist die weitere, jüngst besonders von 
Dillmann ^ betonte Erscheinung, dafs das Deuteronomium in der Wie- 
dergabe der älteren in J und E niedergelegten Erzählung die Schrift 
E in auffallender Weise bevorzugt. Dafs der Verfasser auch J kennt 



1) Vgl. Deut. Kap. 5. 9. 10 mit Ex. Kap. 19-24. 32—34, besonders aber Deut. 
9, 9 mit Ex. 24, 18: 34, 28. Deut. 9, 10 mit Ex. 31, 18; 32, IG. Deut. 9, 12—14 
mit Ex. 32, 7—10 u. a. m. 

2) S. Wellhausen, JDTh. XXTI, S. 4G9 •, Dillmann, NuDtJo , S. GIO. 

3") Vgl. besonders Deut. 1, 6—19 mit Ex. 18, 13—27 und Num. 11, 11—17. 
24—29. Deut. 2, 2-23 mit Num. 20, 14—23; 21, 1 ff. u. a. 

4) Vgl. Grraf, Gesch. BB. , S. 9ff. ; Kosters, Die historie beschouwing van 
den Deuteronomist etc. (1868"): Kayser, Vorexil. Buch, S. 141 ff".; Wellhauscn, 
JDTh. XXII, S. 465ir.; Kuenen Onderz.^ § 9, No b; Dillmann, NuDtJo., 
S. 609. 

5) NuDtJo., S 609. 



gj. Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

und als Quelle benutzt, kann keinem Zweifel unterliegen '. Aber er 
hält sich ungleich mehr an E, und er thut dies in einer Weise, welche 
erraten läfst, dafs er in einem näheren Verhältnis zu dieser Quelle als 
zu J stand ^. Dieses nähere Verhältnis läfst sich kaum erklären, wenn 
dem Verfasser E und J schon als ineinander gearbeitetes Ganzes vor- 
las" "^ Es weist vielmehr darauf, dafs er die beiden Bücher noch als 
selbständige Schriiten vor sich hatte und unter ihnen E den Vorzug 
gab. Hierfür sprechen denn auch einige spezielle Anzeichen *. 

Ist die Geschichte in J und E älter als in D, so darf dasselbe 
Verhältnis in den gesetzlichen Partieen erwartet werden. Beim Deka- 
log, welchen bekanntlich beide Bücher enthalten ^, lassen sich zwar 
auch in JE wie in D spätere den ursprünglichsten Bestand erweiternde 
Zusätze erkennen '^ ; allein trotzdem bietet doch die Formulierung des 
Zehuwortes in D einige zu derjenigen in JE hinzugekommene Ele- 
mente ^, welche die in D überlieferte Form entschieden als die spätere 
erkennen lassen ^. Ebenso wird in den Gesetzen des D das Bundes- 
buch des E '■* vielfach benutzt, also auch vorausgesetzt ^^. In beson- 
derem Mafse gilt dies von den Gesetzen in Deut. 12 — 20 '^ Weniger 
deutlich nachweisbar, aber doch möglicherweise findet dasselbe Ver- 
hältnis in dem Abschnitte Deut. 21 — 25 statt '^. Auch in dem ersten 
Teil des D, Deut. 5- — 11 läfst es sich nachweisen*^. — Herrscht hier- 
über Einhelligkeit unter deii Gelehrten, so ist dies nicht ganz ebenso 
der Fall hinsichtlich des in J au Stelle des Bundesbuches stehenden ^* 



I) Vgl. Deut, 9, 9 — 10, 5 mit Ex. 32-34. Deut. 1, 11 mit Num. 11, 11. 17. 
"2) Horeb uicht Sinai Deut 1, 2 und sonst, Emoriter nicht Kenaaniter Deut. 

1, 7 und sonst ; vgl. weiterhin den Inhalt der Mehrzahl der Parallelen. 

3) S. Meyer in ZAW. I, S. 123. Kueuen Onderz.^ S. 242 nimmt die Zusammen- 
arbeitung von .1 und E zu JE in der Zeit zwischen D^ und D^ an. 

4) ö. die Bemerkungen bei Dillmann, S. 609 über die Zeit des Ex. 18 Er- 
zählten und das Verhältnis von Num. 13 f. zu Deut. 1, 20 ff. 

5) Ex. 20, 2—17 und Deut. 5, 6—18. 

6) In Ex. 20, 10. 12. Über Ex. 20, 11 gegenüber von Deut. 5, I4b. 15 s. 
Kuenen Ond.^ § 9, No. 2. 

7) S. Deut. 5, 12. 14. 16. 18. 

8) Vgl. Graf, Gesch. BB , S. 10 f. 

9) Ex. 20, 23 - 23, 33. 

10) S. Graf, Gesch BB , S. 21 ff. Kleiuert, Das Deuteron., S. 47 ff. Kayser, 
Vorex. Buch, S. 13i;f Kueueu Ond.^ § 9, No. 3. Dillmann, NuDtJo , S. 604 f 

II) S. Graf a. a. 0. Kuenen a. a. 0. 

12) S. Graf a. a. 0, S. 24. Kuenen, S. 161. Dillmann, S. 604. Vielleicht 
lag D eine andere ältere Gesetzessammlung zugrunde. 

13) Graf a. a. 0., S. 20 f. 

14) Ex. 34, 10—26. 



§ 8. Die Quellen J uud E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. <{5 

und einiger andern in diesem Buche vorhandenen gesetzh'chen Ab- 
schnitte K DiUmann ^ nimmt Abhängigkeit des D von ihnen an, 
Kuenen ^ giebt dies nur mit grofsem Vorbehalt zu. Der Grrund ist die 
eigentümliche Quellenscheidung Kuenens in diesen Partieen. Hiervon 
hängt dann auch naturgemäfs das Urteil ab. Darüber jedoch kann 
kein Zweifel sein: soweit jene Gesetze wirklich J angehören, sind sie 
auch älter als D; mögen einzelne Teile derselben einer späteren Über- 
arbeitung — für uns R*^ — zuzuweisen sein, so können sie immerhin 
von D abhängig sein. 

2. Verhältnis von E und J. Ihre Zusammenarbeitung. 
Die beiden Schriften E und J behandeln in der Hauptsache denselben 
Stoff: sie erzählen die Geschichte des heiligen Volkes von den ältesten 
Zeiten an bis zur Niederlassung in Kena'an. Beide * leiteten wohl diese 
Geschichte Israels ein durch eine Darstellung der ältesten Menschheits- 
geschichte bis auf Abraham. Von J besitzen wir auch diese Einleitung 
noch, bei E ist es nicht sicher, ob uns heute noch Reste von ihr er- 
halten sind ^. Begreiflicherweise legt sich bei dieser Gleichheit des 
Stoffes der beiden Schriften und der AhnKchkeit der Behandlung, die 
ihm vielfach von beiden zuteil wird, die Frage nahe: ob nicht die eine 
dieser Schriften mit Rücksicht auf die andere und unter Benutzung 
derselben verfafst sei. Es ist notwendig, diese Angelegenheit, die sonst 
den Schlufs der Erörterung über E und J bilden könnte, schon hier 
zu behandeln, weil mit dem Urteil über das gegenseitige Verhältnis der 
beiden Quellen zu einander möglicherweise dasjenige über ihr Alter 
schon abgegeben ist. 

Nöldeke hat jene Frage mit aller Entschiedenheit bejaht ^. Er 
glaubt nachweisen zu können, dafs nicht allein E von J gekannt und 
benützt wurde, sondern dafs sogar J das ihm vorliegende Buch des E 
geradezu in sein eigenes Buch aufgenommen und mit demselben ver- 
arbeitet habe. Ihm hat Wellhausen ^ mit Nachdruck widersprochen. 
Er tritt den Nachweis an — und man wird zugeben müssen, dafs der- 
selbe erbracht ist — , dafs J und E derartig von einander abweichen, 
dafs nicht angenommen werden kann, einer der beiden Schriftsteller 



1) Ex. 13, 8-6; 12, 21-27. 

2) NuDtJo., S. 605. 

3) Onderz.^ § 9, No. 4; nach § 13, No. 21. 29 gehören sie teils dem 7. Jahr- 
hundert, teils dem Ende des 7. oder Anfang des 6. an. 

4) Dillmann, NuDtJo., S. 617. 

5) S. unten § 12. 

6) Unters, z. Kritik d. AT., S. 3 f. 23. 

7) JDTh. XXI, S. 406 ff. 419. 440. 450. 

Kittel, Gescb. der Hebräer. 5 



66 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

habe das Buch des andern in sein eigenes Werk eingearbeitet. Mit 
vollem Recht sagt z. B. Wellhaiisen von Genesis 20ff. : J hätte unter 
jener Voraussetzung doch „ seine eigene Erzählung, die er ja als Autor 
und Konzipient frei zu gestalten die Macht hatte, mit Rücksicht auf 
die aufzunehmenden fremden Stücke einrichten müssen, so dafs sie 
hineinpafsten ; aber ganz das Gregenteil ist der Fall" ^. Dieselbe Wahr- 
nehmung läfst sich an einer Reihe anderer Punkte , wo die zwei 
Quellen in heute noch zu erkennender Weise zusammengearbeitet sind, 
machen 2, am deutlichsten vielleicht innerhalb der Genesis an der Ge- 
schichte Josefs, wo die einzelnen unter sich verschiedenen Angaben 
so enge aneinandertreten und mit solcher Härte aufeinanderstofsen, dafs 
schon hieraus die Unmöglichkeit dieser eine Zeit lang vielbeliebten An- 
schauung hervorgeht ^. Im Buche Exodus verweise ich besonders noch 
auf die Geschichte der Sinaivorgänge Ex. 19 ff., bei welchen dasselbe 
Resultat sich wiederum mit aller Deutlichkeit ergiebt ^. Es mufs aus 
allen diesen Thatsachen der Schlufs gezogen werden, dafs die Zusam- 
menarbeitung von J und E nicht das Werk eines dieser beiden ur- 
sprünglichen Autoren selbst, sondern dasjenige eines dritten ist. Derselbe 
mufs den zwei sich vielfach widersprechenden Quellen schon so objektiv 
gegenüber gestanden sein, dafs ihm beide gleich wertvoll erscheinen 
und er — als Redaktor — nur darauf bedacht ist, sie in annehmbarer 
Weise zu vereinigen, ohne von einer derselben zu viel verloren gehen 
zu lassen. 

Darf somit angenommen werden, dafs J und E einst als eigene 
— wenn auch damit noch nicht notwendig als von ihren Verfassern 
selbständig konzipierte — Schriften bestanden haben , so ist freilich 
weder über die Art der Zusammenarbeitung beider durch einen dritten, 
noch über die weitere Bestimmung des Verhältnisses der beiden Schrif- 
ten unter sich eine Übereinstimmung erzielt. Wellhausen, der die Zu- 
sammenarbeitung von J und E durch eine dritte Hand zuerst eingehend 
begründet hat, denkt sich als den Redaktor einen nicht allzu lange 
nach der Abfassung der zweiten seiner Vorlagen, aber noch vor dem 
Deuteronomium lebenden Mann. Immerhin war derselbe nach ihm 
von dem Geiste des Deuteronomiums schon beeinflufst ^. Er nennt ihn 



1) JDTh. XXI, S. 406. 

2) Z. B. in Gen. 28 ff. 

3) Gen. 37. 39 ff. S. dazu Kuenen Onderz.^, § 8, No. 26. 

4) Man vergleiche die in § 20 und 21 gegebene Analyse der Sinaivorgänge, 
so wird man an der Uuhaltbarkeit jener Annahme nicht zweifeln können. 

5) JDTh. XXI, S. 564. Gesch. Isr.', S. 372. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 07 

als denjenigen, in welchem J ixnd E zusammengefafst sind, JE. Well- 
haiisen gründet die Annahme eines in dieser Weise bestimmten JE auf 
die von ihm behauptete Thatsache, dafs J und E im Hexateuch überall 
in einem viel engeren Verhältnis zu einander als zu P stehen, so dafs, 
wie er glaubt, unmöglich erst der Redaktor, welcher P dem jetzigen 
Hexateuch einverleibte, J und E mit einander und zugleich mit P ver- 
bunden haben könne ^ Dillmann 2, obwohl er mit der Annahme selb- 
ständiger Verfasser sich einverstanden erklärt, widerspricht der Schei- 
dung von JE und R. Der engere Anschlufs des R an J und E als 
an P ist ihm aus inneren Gründen erklärlich; daneben findet er doch 
auch Beispiele, wo R den J oder E mit P näher verbunden habe. 

Die Entscheidung dieser Frage ist von der Datierung der Quelle 
P ganz wesentlich mitbedingt. Doch lassen sich auch unabhängig von 
ihr einige Gesichtspunkte geltend machen. Die manchmal zutage tretende 
aufserordentlich enge Zusammenschweifsung der beiden Schriften JimdE, 
welche in vielen Fällen eher an einen freien Bearbeiter als an einen 
blofsen Redaktor denken läfst, stöfst dem Leser am stärksten im Buch 
Josua auf Dort sind die Stücke aus J und E mit solchen aus D durch 
eine tief eingreifende, nicht selten geradezu frei erzählende Hand ver- 
woben ^. Es läfst sich, wie mir scheint, wenigstens für das Buch 
Josua der Gedanke wahrscheinlich machen, dafs dieser deuter onomische 
Redaktor (R*^), derselbe, welcher D bzw. D^ überarbeitet und mit J 
imd E verbunden hat, auch mit demjenigen identisch zu setzen sei, 
welcher J und E zusammenarbeitete. Diese Annahme wird durch die 
weitere Thatsache wesentlich unterstützt, dafs D selbst in seinem an- 
erkannten Kern wie (D^?) in Deut. 1 — 4 gar nicht den Eindruck ge- 
winnen läfst, als hätte er J und E schon in Form des Wellhausen- 
schen JE, also als zusammengearbeitete Einheit gekannt. Besonders'* 
der Umstand, dafs D in ganz auffallender Weise sich fast nur an die 
Erzählung von E anschliefst ^, diejenige des J dagegen fast vollkommen 
ignoriert, macht es wahrscheinlich , dafs ihm nicht die Zusammen- 
arbeitung JE, sondern E für sich als Lieblingsquelle und daneben, aber 
als von untergeordnetem Wert für ihn, J vorlag. Es ist in manchen 
Fällen geradezu undenkbar, wie D aus dem schon zusammengearbeite- 
ten Werke sollte nur die Darstellung von E herausgeschält, die von 
J aber sollte haben zur Seite liegen lassen. 

1) JDTh. XXI, S. 425. 440. 564. Bleek- Wellhausen, Einl.*, S. 178. 

2) Gen.^ S. XVIII. NuDtJo., S. G77f. 

3) Vgl. Jos. If. 3 f. Kap. <; u. a. 

4j S. übrigens auch Meyer, ZAW. I, S. 123 Anm. 
5) S. oben Nr. ]. 

5* 



68 Erstes Buch. A. Der Hesateuch. 

Die uachdeuteronomisclie Zusammenarbeitung von J und E ist 
damit mehr als wahrscheinlich. Ist dies aber so, und giebt Wellhausen 
selbst zu, dafs JE grofse Verwandtschaft mit D aufweise, so sehr, dafs 
es ihxn früher selbst zweifelhaft schien ^, ob man JE vom deuterono- 
mistischen Bearbeiter trennen dürfe: so sehe ich keinen Grund, einen 
eigenen von E,'^ verschiedenen JE anzunehmen. JE verdankt den 
Glauben an seine Existenz — obwohl auch Kuenen ohne dieselbe ihn 
noch festhält — hauptsächlich der Annahme einer vor dem Erscheinen 
des Deuteronomiums geschehenen Zusammenfügung von J und E. 
Fällt sie, so ist die dem R'^ zugemutete Aufgabe, J und E zu ver- 
einigen und mit D und bzw. D"^ zu verknüpfen, nicht zu grofs. Auch 
Dillmann könnte vielleicht mit dieser Lösung eher als mit der von 
Wellhausen gegebenen sich einverstanden erklären. Denn dafs auch 
in Genesis, Exodus und Numeri Spuren von R** sich finden, wenn auch 
seltener als in Josua, läfst sich wohl nicht bestreiten. Ist also doch 
noch eine weitere Hand als der letzte R (R^ nenne ich ihn als den- 
jenigen, welcher die QueDen zum jetzigen Hexateuch zusammenarbeitete) 
thätig gewesen und ist anderseits die Verbindung von J und E oder 
von J, E und D unter sich eben doch eine viel engere als mit P, so 
mag auch eine selbständige Verarbeitung dieser Quellen nicht zu den 
Unmöglichkeiten gehören. 

3. Priorität. Noch gröfsere Schwierigkeit bietet die Frage, wel- 
cher der beiden Quellen, J oder E, die Priorität der andern gegenüber 
zukomme. Die Ansichten stehen sich hier schroff gegenüber und die 
von beiden Seiten geltend gemachten Gründe sind nicht immer so 
zwingender Art, dafs man sich ihnen ohne näheres Eingehen auf die 
Sache anschliefsen könnte. 

Die Schwierigkeit, zu einem abschliefsenden Urteil zu gelangen, 
mehrt sich noch durch den Umstand, dafs die Einheitlichkeit der beiden 
Schriften J und E keine absolute ist. So sehr im allgemeinen diese 
beiden Quellen ein in sich geschlossenes Ganzes darstellen, so lassen 
sich doch sowohl in J als in E unverkennbar Fälle zeigen, aus welchen 
die Mitarbeit einer weiteren und wohl meist späteren Hand an dem 
jetzigen Bestand der Schrift hervorzugehen scheint. Für J hat dies 
besonders Budde ^, Anregungen Wellhausens folgend, nachzuweisen ver- 
sucht. Er hat neben J selbst (J^) wenigstens in der Urgeschichte eine 
jüngere jahvistische Quelle J^ und einen beide zusammenarbeitenden 



1) Gesch. Isr.', S. 372. 

2) Budde, Die bibl. Urgeschichte 1883. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 69 

jahvistischen Redaktor J^ unterschieden. Dan letzteren hat Kuenen ^, 
im übrigen wichtige Punkte der Scheidung Buddes anerkennend, be- 
stritten. Ebenso hat für E Kuenen selbst eine Reihe späterer Zusätze 
vermutet. Unsere Stellung zu den Ergebnissen Buddes für Gen. 1 — 11 
wird bei der Darstellung des Zusammenhangs der Schrift J noch näher 
zu erläutern sein. Ebendort ist auch für einige andere Stellen (z. B. 
Ex. 4 und Num. 23 f.) die Möglichkeit der Mitwirkung einer weiteren 
Hand ausgesprochen. Zu den Vermutungen Kuenens wird bei E in 
§ 21 mehrmals Stellung genommen werden. Aber auch wo im jetzigen 
Bestand der Schrift J und E eine spätere Hand, also ein J^ und E^ 
erkennbar ist, kann immer noch die Frage bestehen, ob hier ein spä- 
terer Zusatz oder nur eine spätere Überarbeitung eines ursprünglichen 
Stückes von J und E vorliege. Das letztere ist vielfach das Wahr- 
scheinlichere, da spätere Zusätze in Fällen, wo die sachlichen und 
besonders die sprachlichen Merkmale einer Quelle gewahrt sind, immer 
ihre Bedenken erwecken. 

Die oben angeführte Ansicht Nöldekes über die Art der Zusammen- 
arbeitung von J und E knüpft sich, wie aus ihr selbst hervorgeht, 
an die Voraussetzung, dafs E älter als J sei. Diese früher überhaupt, 
so auch noch von Schrader und Kayser geteilte Annahme, hat zunächst 
Wellhausen bestritten. Seiner Ansicht sind eine Reihe anderer Forscher 
wie H. Schultz ^, Meyer ^, Stade ^, Kuenen u. a. beigetreten. 

Die Gründe, welche Wellhausen für seine Anschauung geltend 
macht ^, sind : 

a) J ist noch am wenigsten vom spezifisch profetischen Geiste be- 
rührt, wogegen E eine fortgeschrittenere und grundsätzlichere Reli- 
giosität erkennen läfst. Beweisend dafür ist die Auffassung des goldnen 
Kalbs in E, die Darstellung Abrahams als Nabi u. a. 

b) Die Gottheit selbst erscheint in J noch urwüchsiger, sie tritt 
leibhaftig dem Menschen nahe ; in E ruft Gott vom Himmel oder offen- 
bart er sich in Träumen. 

c) Vorgänge, die in J noch natürlich vermittelt gedacht sind, wer- 
den in E auf das Wirken Gottes zurückgeführt. 



1) Theol. Tijdschr. XVIII, p. 121 sqq. 

2) Alttest. Theol.2, S. 58. 

3) ZAW. I, S. 132. 141 fF. 

4) Gesch. Isr. I, S. 58. 

5) Besonders Gesch. Isr.', S. 370 ff. Die hier gegebene Ausführung ist zwar, 
so viel ich sehe, nicht in die Prolegomena aufgenommen, aber auch von Wcli- 
hausen nirgends als seiner Ansicht nicht mehr entsprechend bezeichnet worden. 
Jedenfalls hat Kuenen sie (s. nächste Seite) zu der seinigen gemacht. 



70 Erstes Buch. A. Der Hexateucb. 

d) E nähert sich mehr als J dem Deuteronomium und dem Prie- 
stercodex. 

e) Die Vergleichung einzelner Parallelgeschichten in J und E 
zeigt die Abhängigkeit des E von J. Am lehrreichsten ist hierfür 
Gen. 20 gegenüber Gen. 26, 6 — 11. 

Mit diesen Gründen Wellhausens hat Kuenen sich einverstanden 
erklärt. Er hat aber doch auf der einen Seite zugegeben, dafs die 
Vergleichung der Parallelerzählungen selbst ein vollkommen sicheres 
Resultat nicht zutage fördere ^; auf der anderen Seite hat er zu weit 
gehende Schlüsse, welche Ed. Meyer ^ und ihm folgend Stade ^ auf die 
Annahme der Priorität des J vor E gebaut haben, mit Entschiedenheit 
zurückgewiesen *. In der That können weder die von Wellhausen be- 
tonten ^, noch die von Kuenen angeführten Beispiele ^ eine schrift- 
stellerische Abhängigkeit des E von J wirklich beweisen. Und wofern 
einzelne von ihnen eine frühere Gestaltung des Erzählungsstoffes bei J 
zu belegen scheinen, so stehen ihnen mindestens ebenso viele und ge- 
wichtigere Beispiele einer Abhängigkeit des J von E gegenüber. Be- 
sonders die Josefsgeschichte des E macht durchaus den Eindruck, dafs 
wir in ihr die originalere Version, in J dagegen eine Fortbildung be- 
sitzen. Auch vom Beginn der Mosegeschichte Ex. 1 — 5 behauptet dies 
Dillmann ^ wie mir scheint mit Recht. Dabei wird man zugeben 
müssen, dafs zwei Erzählungen von so einschneidender Bedeutung 
gröfseres Gewicht haben als einzelne kleinere Stücke. 

Liefern sonach die Parallelerzählungen mindestens kein sicheres 
Ergebnis hinsichtlich des höheren Alters der einen von beiden Quellen, 
so sind auch die übrigen von Wellhausen angeführten Gründe nicht 
mehr so beweiskräftig, als sie unter jener Voraussetzung erscheinen 
könnten. Sie lassen sich, so weit sie überhaupt mit dem wirklichen 
Sachverhalt sich decken , auf andere Weise befriedigend erldären. 
Mit vollem Recht hat dies jüngst Dillmann geltend gemacht ^. 

1) Onderz.^ § 13, No. 11. 

2) a. a. 0. 

3) Gesch. d. V. Israel I, S. 113 ff. 

4) Theol. Tijdschr. XVIII, S. 516 ff. Ouderz.^, § 13, No. 13. 14. Vgl. auch 
die Erwiderung Meyers, ZAW. V, S. 36 ff. 

5) Über die Parallele zwischen Gen. 20 und 26, 6 ff. s. u. § 13, woraus sich 
ergiebt, dafs eine Abhängigkeit des E von J hieraus nicht gefolgert werden kann. 
Über das goldene Kalb s. unten § 20 und 21. 

6) Gen. 16, If. 3—14 gegenüber 21, 22—31; 30, 28—43 gegenüber 31, 
4—13 u. a. 

7) NuDtJo., S. 628. 

8) NuDtJo., S. 630 f. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältuis unter sich und zu D. 71 

Dillmanu giebt zunächst unumwunden zu, dafs J, besonders von 
der Mosezeit an, manche höchst altertümlichen Erzählungen und An- 
gaben besitze, sowie dafs ihm in manchen Fällen gröfsere Glaub- 
würdigkeit zukomme als den vom Redaktor bevorzugten Berichten von 
E und D. Allein er will darin nur den Umstand erkennen, dafs J für 
die Mose- und Josuazeit andere und teilweise bessere Quellen als E 
zur Verfügung standen. Das letztere wird man denn auch für ein- 
zelne Fälle nicht bestreiten können, während für eine Reihe anderer E 
unsti'eitig die genaueren ^ und älteren ^ Nachrichten zur Verfügung 
stehen. 

Hinsichtlich der oben unter b und c genannten Gründe Well- 
hausens räumt Dillmann das Thatsächliche durchaus ein. Es ist wahi-, 
dafs E eine gröfsere Neigung zur Hervorhebung des Übernatürlichen 
als J und eine gewisse Scheu vor der Vermenschhchung Gottes be- 
sitzt ^. Allein warum soll aus dieser Eigenart der Denkweise gerade 
jüngeres Alter gefolgert werden können? Man wird darin Dillmann 
Recht geben müssen. Die Zurückführung eines Vorgangs auf gött- 
liches Eingreifen verbunden mit verhältnismäfsiger Zurückstellung der 
natürlichen Mittelursachen ist kein Beweis dafür, dafs dem Verfasser die 
letzteren unbekannt sind, sondern nur, dafs seinem religiös empfindenden 
Gemüte das erstere wichtiger ist. Man darf als Analogie vielleicht das 
Verhältnis geltend machen, in welchem unter den griechischen Ge- 
schichtschreibern Herodot und Thukydides zu einander stehen. Hier 
ist es der frühere und im übrigen noch naiv erzählende Herodot, wel- 
cher gegenüber dem menschliche Ursachen aufzeigenden Thukydides 
überall das göttliche Walten zur Geltung bringt. Sollte dieselbe Eigen- 
tümlichkeit bei E Zeichen gröfserer Jugend sein? Und die grofse 
Neigung des J zur anthropomorphen Darstellung Gottes beweist, be- 
sonders angesichts der vielen Anthropomorphismen der Profeten, weit 



1) Vgl. seine Namen wie Eli'ezer Debora Potifar Pitom Pu'a Sifra (Gen. 15, 
2; 35, 8; 37, 36. Ex. 1, 11. 15; 17, 12; 24, 14); Daten über alte Grabstätten, 
Altäre u. dgl. wie Gen. 35, 8. 19 f. Jos. 24, 30. 32. 33. Gen. 33, 19 f.; 28, 18 f. 
(mas.sebaj. Jos. 4, 9; 5, 3 (?) 24, 26. Num. 21, 9 

2) Wird man schon die vielen Namen und Thatsachen, welche E bietet, nicht 
für Erfindung halten können , so noch weniger altertümliche Mitteilungen und 
Redensarten aller Art, z. B. Gen. 15, 2; 20, 16 oder Notizen wie Gen. 31, 19flF. ; 
35, 2 ff. (aramäischer Ursprung der Terafim) Ex. 15, 22 ff. Jos. 24, 26, s. darüber 
Dillmann, NuDtJo., S. 619 f. 

3) Doch sind es im ganzen nur wenige Fälle, wo E die übernatürliche , J die 
natürliche Wendung bietet (s. Dillmann, NuDtJo., S. 631 ob.), während im übrigen 
J so gut wie E auf dem Glauben an göttliches Eingreifen besteht. 



73 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

weniger sein höheres Alter als seine volkstümliche^ zwar immer rehgiös 
und ethisch durchdrungene, aber weniger theologisch reflektierende Denk- 
und Redeweise. Auf dieselbe Eigenart kann auch seine Zurücktragung 
des Jahvekults in das früheste Altertum zurückgeführt werden, falls 
sie nicht, wie Dillmann lieber will ', auf bewufster Absicht ruht ^. 

Wenn aber aufserdem Wellhausen (s. oben unter a und d) bei E 
gegenüber J ein gröfseres Berührtsein vom spezifisch profetischen Geiste 
und infolge davon eine gröfsere Annäherung an das Deuteronomium 
erkennt, so ruht diese Auffassung allerdings zum Teil auf der von 
ihm — freiüch selbst wieder erst auf Grundlage dieses angenommenen 
Charakters von J — vollzogenen eigenartigen Ausscheidung von J. 
Wellhausen und ihm nach die an seine Auffassung sich anschliefsenden 
Kritiker haben in einer Reihe von Fällen Stellen, die im übrigen nach 
Inhalt und Form ganz wohl zu J gehören könnten, nur deshalb ihm 
ab- und JE zugesprochen, weil darin eine stärkere Annäherung an die 
profetische Rede erkennbar ist. So richtig es nun sein mag, dafs die 
älteren Quellen unter dem Einflufs einer deuteronomischen Bearbeitung 
stehen , so wenig ist es doch berechtigt , alle hieran anklingenden 
Stellen J abzusprechen und auf diese Weise aus J eine vom profe- 
tischen Geiste vollkommen unberührte Quelle machen zu wollen. Sie 
ist das so wenig als E, ja fast noch weniger. 

Die Richtigkeit dieses Satzes und damit die Unrichtigkeit jenes 
vom rein „ vorprofetischen " Charakter von J ausgehenden quellen- 
kritischen Grundsatzes geht zur Genüge aus den unbestritten J ange- 
hörigen Stellen hervor. Der ganze Aufbau und Gedankenkreis dieser 
Quelle in der Genesis kann weit eher profe tisch als vorprofetisch ge- 
nannt werden. Die Art und Weise, wie J vom Entstehen und Um- 
sichgreifen der Sünde in der Welt ^, von der Berufung Abrahams und 
der Heilsaufgabe Israels unter den Völkern ^, vom Glauben und dem 
göttlichen Ratschlufs ^ und vielen anderen Dingen ^ redet , ist Beweis 
genug hiefür. Bedenkt man nun, dafs profetische Ideen zwar auch in 
E keineswegs fehlen, aber doch nicht in demselben Grade das ganze 
Buch durchdringen, so wird auch nach dieser Richtung hin die Ent- 



1) NuDtJo., S. 631. 

2) Vgl. Stelleu wie Geu. 4, 26; 12, 7 f.; 13, 4; 21, 33; 26, 25. 

3) Gen. 2—4; 8, 1—6. 21; 9, 22fl.; 11, Iff.; 19, Ifi. 

4) 12, 1—3; 24, 7; 18, 18 f.; 27, 29 f. Num. 24, 9. 

5) Gen. 15, 6 Ex. 4, 1. 5. 8f.; 14, 31. Gen. 3, 15; 5, 29; 8, 21; 9, 25-27; 
12, 2f.; 18, 18f.; 28, 14. Num. 24, 17f. 

6) S. Dillmanu, NuDtJo. , S. 629 , soweit die dort angeführten Stellen nach 
unserer Scheidung in § 13 und 20 aus J stammen. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 73 

Scheidung nicht zugunsten der Priorität von J gegenüber E ausfallen. 
Auf Grund der Aneinanderhaltung der beiden Schriften läfst sich sonach 
die Frage nach ihrem relativen Alter jedenfalls nicht im Sinne Well- 
hausens beantworten. Scheint aber die vielfache Ähnlichkeit des In- 
halts die Unabhängigkeit der beiden Schriften von einander, an welche 
man nach den bisherigen Ergebnissen vielleicht denken könnte, auszu- 
schliefsen, so mufs eher für die UrsprüngHchkeit der Quelle E als für 
diejenige von J gesprochen werden. Dieses vorläufig etwas unbe- 
stimmte Resultat wird sich weiterhin , wenn die übrigen Momente , be- 
sonders die Herkunft der beiden Schriften, in Betracht gezogen werden 
können, in noch bestimmterer Gestalt bestätigen. 

4. Alter und Herkunft. Es empfiehlt sich gegenüber diesem 
mehr die eine Meinung ablehnenden als eine andere behauptenden 
vorläufigen Ergebnis, die Frage nach dem Alter von J und E nun füi* 
sich, ohne Hilfe vonseiten der Vergleichung beider Quellen untereinander, 
anzufassen. 

Steht einmal fest, dafs J und E älter sind als D, so mufs der 
nächste Anhaltspunkt zur Rückdatierung der beiden Schriften in den 
schriftstellerisch auftretenden Profeten gesucht werden. Die ersten mit 
Sicherheit zu bestimmenden Profeten dieser Art sind Amos und Hosea 
im Beginn des 8. Jahrhunderts. Der vergleichende Blick auf sie führt 
zu dem Ergebnis, dafs beide Schriften älter als jene beiden Profeten 
sind. Schon im allgemeinen läfst sich erwarten, dafs der profetischen 
Litteratur die geschichtliche werde vorangegangen sein. Sodann läfst 
der profetische Ton und die Redeweise bei Amos und besonders bei 
Hosea entschieden eine vorgeschrittenere Stufe der Profetie erkennen 
als, sie in diesen profetischen Bestandteilen der Tora zutage tritt. Es 
wird dies freilich mehr empfunden werden müssen, als es sich strikte 
beweisen läfst. Aber wer beispielsweise in Hosea eine Weile gelesen 
hat und sodann sich zu J oder E wendet, wird sich diesem Eindruck 
nicht entziehen können ^ Endlich finden sich sowohl in Amos als in 
Hosea Verweisungen auf die ältere in J und E behandelte Geschichte 
des Volkes, die man, besonders da sie an Zahl über das sonst zu er- 
wartende Mafs hinaus gehen, immerhin weitaus am einfachsten als 
Citate aus schon vorhandenen Schriften wird zu deuten haben. Einen 
zwingenden Beweis für die der historischen Anspielung zugrunde lie- 
gende schriftliche Vorlage zu erbringen ist freilich schwierig, wenn 
nicht ein Ding der Unmöglichkeit, so lange nicht geradezu von einem 
Schriftsteller die citierte Quelle selbst genannt wird. Allein schon die 



1) Man achte auf Begriffe wie „ huren ", die Verwerfung der Höhen u. dgl. 



74 Erstes Buch. A. Der Hexateueh. 

Thatsache der gerade in diesen Profeten auftretenden öfteren Ver- 
weisung auf die Geschichte zeigt den nun im Volksbewufstsein erwach- 
ten historischen Trieb. Man darf fast erwarten, dafs, hätte er nicht 
schon seine Befriedigung gefunden gehabt, Arnos und Hosea ihre An- 
spielungen anders, und zwar eingehender hätten fassen müssen. Sie 
konnten dann nicht einfach voraussetzen, sie mufsten zugleich er- 
zählen. 

So aber spielen Arnos und Hosea nur an, thun dies aber um so 
häufiger. Hosea berührt die Versündigung Israels mit Ba'^al Pe'or ^, 
die Umstände bei der Geburt Jaqobs ^ , des Erzvaters Kampf mit 
Gott ^, seine Flucht nach Mesopotamien und seine dortigen Schicksale ^. 
Er nennt Mose einen Profeten ^ , wie E ihn mit Vorliebe zeichnet. 
Amos erwähnt Esaus Charakter ^, er nennt, wie E zu thun pflegt, die 
Urbewohner Kena ans Emoriter '' , wie die Kundschaftergeschichte , so 
kennt auch er sie als ein starkes und hochgewachsenes Volk ^ und er- 
innert an die Umkehrung der Städte Sodom und 'Amora ^. Manche 
dieser Berührungen würde, stünde sie für sich allein, nichts besagen. 
Im Zusammenhang mit den andern vermehrt jede derselben das Ge- 
wicht der Beweisführung. Mir selbst hefert eine Bestätigung meiner 
Meinung der Umstand, dafs die in den Noten vorausgesetzte Quellen- 
scheidung von mii' ganz ohne Rücksicht auf diese profetischen Stellen 
vollzogen wurde ^^. 

Als Endtermin für die Abfassung beider Schriften ergiebt sich 
sonach das Jahr 800 oder auch wohl einige Jahre, wenn nicht Jahr- 
zehnte früher. In diese Zeit führt die Schrift J denn auch that- 
sächlich, wie sich auf Grund der Bestimmung ihrer Herkunft ergiebt. 

Als ihre Heimat läfst sie das Reich Juda erkennen. Vergleicht 
man nemlich die Josefsgeschichte dieser Quelle mit derjenigen in E, so 
springt als einer der wichtigsten Unterschiede in die Augen, dafs in E 



1) Hos. 9, 10 vgl. Num. 25, 3 (E). 

2) Hos. 12, 4 a vgl. Gen. 25, 26 a (E). 

3) Hos. 12, 4 b. 5 vgl. Gen. 32, 25 ff. (J). 

4) Hos. 12, 13 vgl. Gen. 31, 41 (E); 27, 43 (J und E): 29, 18 ff (E). 

5) Hos. 12, 14. 

6) Am. 1, 11 vgl. Gen. 27, 40 (J und E). 

7) Am. 2, 10. 

8) Am. 2, 9 vgl. Num. 13, 27 ff. (J und E). 

9) Am. 4, 11 vgl. Gen 19, 25 (J). 

10) Kuenen Onderz ^, S. 221 will keine Beziehung auf E, sondern nur auf J, 
Dillmann, NuDtJo., S. 630 keine Bekanntschaft mit J, sondern nur mit E finden. 
Ich kann mich keiner dieser Auffassungen anschliefsen. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr N'erhältuis unter sich und zu D. 75 

Kuben, in J Juda an der Spitze der Brüder steht ^ Mag im übi'igen 
die Geschichte Josefs, die ja freilich jederzeit zur Verherrhchung der 
Nordstämme Efraim und Manasse verwandt werden konnte, noch 
so sehr nordisraeHtischen Ursprung verraten: in der in J vorHegenden 
Form ist sie durch eine judäische Hand gegangen. Nur diesen Sinn kann 
die Hervorhebung Judas haben. Dasselbe drückt der von J auf- 
genommene Segen Jaqobs mit seiner VerherrHchung Judas und seines 
Königtums und anderseits seiner schroffen Rüge gegen Kuben ^ aus. 
Ebenso wird man den Sinn von Gen. 38 richtiger damit bezeichnen, 
dafs man es eine im spezifisch judäischen Interesse geschriebene ju- 
däische Stammesgeschichte nennt , als wenn man darin eine bittere 
Verhöhnung Judas ^ erkennen wollte. Bedeutsam ist ferner, dafs in J 
Abraham seinen dauernden Aufenthalt bei der alten judäischen Haupt- 
stadt Hebron * hat ^, wogegen er nach E im Negeb, in der Gegend des 
auch für die Kordisraehten in Ehre stehenden Heiligtums Beersheba' 
mit Vorhebe weilt "^i weiterhin, dafs in den Sprüchen Birams in J auf 
das Königtum Davids deutlich Beziehung genommen wird ^ ; und end- 
hch ^, dafs in J die Versündigung Israels mit dem goldenen Kalbe 
— wenngleich sie wohl auch von E nicht verschwiegen war — in be- 
sonderer AusführHchkeit erzählt und mit besonderer Schärfe gerügt ist ^. 
Die judäische Abkunft der Schrift J ist mit diesem Nachweis der 
Bearbeitung nicht weniger ihrer Erzählungen im judäischen Sinn ge- 
sichert. Parallelerzählungen im — wie hier voraus genommen wer- 
den darf — israelitischen Sinn besitzen wir von Josef und Abraham. 
Vielleicht ergiebt sich nun, nachdem die Heimat von J erkannt ist, ein 
noch näheres Urteil über das gegenseitige Verhältnis beider Quellen, 
als es vorher möglich war. Die Josefsgeschichte zu formulieren und 
niederzuschreiben, war, da sie ziir Verherrhchung des Nordreiches von 
selbst diente, innerhalb der Nordstämme die erste und natürlichste 



1) Gen. 37, 2i3ff.; 43, 3flP.: 44, 16 ff. ; 46, 28. 

2) Gen. 49, 3 f. 8 ff . 

3) S. Reufs, Gesch. d. H. Sehr. d. AT., S. 250. 

4) Gen. 13, 18; 18, 1. 

5) Ahnlich wie in der ebenfalls judäischen Priesterschrift. 

6) Zu beachten ist, dafs daneben Abraham auch in J zeitweilig in Betel, 
Sikem und dem Süden, wie in E vorübergehend in Hebron weilt (s. unten § 12 
und 13). 

7) Num. 24, 17. 

8) Für diejenigen, welche Jud. 1 als Bestandteil von J ansehen , raüfste auch 
die Bevorzugung Judas in diesem Kapitel beweisen. 

9) Ex. 32. S. näher unten § 20 und 21. 



76 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Veranlassung. Schon zum voraus darf die erste Niederschrift derselben 
im Nordreich und nicht durch J im Süden erwartet werden. Auch 
abgesehen davon aber ist Rüben der Erstgeborne unter den Jaqob- 
söhnen. Ihn an die Spitze der Brüder zu stellen ist das Natürliche 
und von selbst Gegebene. Judas Primat ist später, erst geworden und 
nie unbestritten anerkannt. Es erhellt: die israelitische Form des E 
ist die ursprüngliche, die des J ist spätere und beabsichtigte Um- 
arbeitung im judäischen Sinn. — Dasselbe gilt für die Geschichte 
Abrahams ^ Wissen wir nun, dafs die in J erzählte Form die judäische 
ist, so scheint gerade die Festhaltung des Patriarchen bei Hebron eine 
jüngere Fortbildung zu enthalten. E nämlich kennt Hebron ebenfalls 
als Aufenthalt Abrahams, aber er legt keinen Wert darauf. J allein 
betont Hebron , kennt aber auch die andern Orter ^. Der Aufenthalt 
Abrahams in der Mitte und dem Süden des Landes scheint hier als 
das beiden Quellen Gemeinsame das Ursprüngliche, die Betonung 
Hebrons jüngere Fortbildung ^. 

Die Behauptung der nordisraelitischen Abkunft ^ von J kann den 
obigen Gründen gegenüber nicht aufkommen. Denn einzelne für nord- 
israelitisch geltende Wörter ° besagen nicht allzu viel. Die Geschichte 
Josefs und Abrahams aber kommt nach dem Bisherigen für uns nicht 
mehr in Betracht. Die Thatsache ferner, dafs J so gut wie E die 
nordisraelitischen Heiligtümer in Ehren hält ^, zeigt nur, dafs in seiner 
Zeit der Tempel von Jerusalem noch nicht jene überragende Bedeutung 
gewonnen hatte, dafs nicht auch judäische Schriftsteller und Leser die 
Heiligkeit jener dem Gesamtvolke noch gemeinsamen Opferstätten 
hätten anerkennen können. Die zur Erklärung des Charakters von J 
(und E) durch Kuenen "^ vorgeschlagene Hypothese einer doppelten, 
zuerst israelitischen, sodann judäischen „Ausgabe" beider Quellen 
scheint uns eine unnötige Verwickelung des Problems. In E ist ein 
doppelter Charakter nicht vorhanden, in J aber erklärt er sich weit 
einfacher aus der nun ermittelten Abhängigkeit des J von E. 



1) Gegen Kuenen Onderz.-, § 13, No. 7. 

2) S. oben S. 75, Anm. 0. 

3) Unter allen Umständen kann an sich Abraham um Sikem und Beersheba' 
ebenso gut wie um Hebron mit besonderem Interesse gedacht sein. Man hat da- 
her auch von dieser Seite kein Recht, Abraham gerade als eigentümlich judäische 
Figur zu denken, 

4) Sie nehmen an Schrader, Reufs, Kuenen. 

5) Schrader, Einleit.», S. 322f. S. dagegen Dillmann, NuDtJo., S. 627. 

6) Kuenen Onde^z.^ § 13, No. 7 und S. 223. 

7) Onderz,*. § 13, No. 25. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 77 

Damit läfst sich denn auch des Verfassers Zeit noch etwas näher 
bestimmen. Steht er nach seinem übrigen Gedankenkreise der er- 
neuten Profetie in Arnos und Hosea noch so nahe: die alten Heilig- 
tümer stehen noch in ganz anderer Weise in Geltung als bei jenen 
Profeten ^ Die oben geäufserte Vermutung, dafs noch über die 
Schwelle des 8. Jahrhunderts und in das Ende des d. hinauf zu greifen 
sein werde, wird dadurch bestätigt. Weiter hinauf zu gehen hindert 
der stark profetische Geist, die in manchen Punkten nun doch zu 
hoher Wahrscheinlichkeit gekommene Abhängigkeit des J von E, sowie 
der Umstand, dafs die assyrische Weltmacht schon stark in den Ge- 
sichtskreis des Verfassers hereinragt ^. Dies weist auf die zweite Hälfte 
des 9. Jahrhunderts. Innerhalb derselben können wir wohl bis zu den letz- 
ten Jahrzehnten (830^ — 800) herabgehen. Weiter herabzugehen liegt keine 
Nötigung vor. Denn dafs Jos. 6, 26 in seiner heutigen Formulierung 
aus J stamme, ist unsicher; unter keinen Umständen braucht die Stelle 
erst nach der Erfüllung geschrieben zu sein ^. Ebenso können die 
letzten Bil amsprüche , auch wenn sie von J stammen und nicht etwa 
späterer Zusatz * sind, ganz wohl aus dem seit 850 reichlich motivier- 
ten allgemeinen Bewufstsein der drohenden Feindschaft Assurs heraus 
geschrieben sein. — 

Noch einige Jahrzehnte höher führt uns E. Dafs die Erzählungen 
dieser Quelle Abhängigkeit von J an den Tag legen, haben wir oben 
nicht bestätigt gefunden. Wohl aber haben wir für einzelne Fälle das 
Gegenteil sich erweisen sehen. Wenn sich nun, was oben voraus- 
genommen war, wirklieh zeigt, dafs nämlich die Heimat von E im 
nördlichen Reiche zu suchen ist, so mufs hierdurch schon die Wahr- 
scheinlichkeit der Annahme wachsen, dafs diese Quelle der andern gegen- 
über die ältere ist. 

Die nordisraelitische Abkunft von E darf als gesichert gelten ^. 
Denn die eigentliche Stätte der althebräischen Geschichtschreibung kann 



1) Dillmann, NuDtJo., S. 630 bestreitet dies und glaubt aus diesem Grunde 
bis vor Hizqia herabgehen zu können. Allein nach Am. 3, 14; 4, 4; 5, 5; 8, 14 
und Hos. 4, 15; 9, 15 5 10, 5. 15 konnte über Betel und Beersheba' nicht wohl mehr 
geschrieben werden wie Gen. 12, 8; 28, 16. 13flP.; 21, 33 (26, 23 J?) geschieht — 
jedenfalls nicht von einem profetischen Manne, ar.ch wenn er betonte, dafs Jahve 
dort verehrt wurde. 

2) Gen. 10, 8—12; 11, IfF. 

3) So Reufs, Gesch. d. HSchr., S. 250; eine andere Erklärung siehe bei Kuenen 
Onderz.-^ § 13, No. 15. 

4) Was von Num. 24, 23 f. jedenfalls anzunehmen ist. 

5) S. hierüber besonders Kuenen Onderz.^, S. 223 ff. 



78 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

doch nur das Nordreich sein. Hier pulsierte in den ersten Jahrhun- 
derten nach der Reichsspaltung und zu einem grofsen Teile schon vor- 
her das öffentHche Leben des Volkes. Hier wurden gewifs jene Er- 
zählungen von Jaqob - Israel und Josef, aber auch von Abraham 
und Isaaq , von Mose und Josua zuerst gestaltet. Hat sich J als 
ihre judäische Form erwiesen, so mufs schon um deswillen E die 
efraimitische sein. Hier in Efraim hat man sie wohl der Mehrzahl 
nach zuerst in die bestimmte Form gegossen, welche dann herrschend 
geworden und meist, wenn auch mit Moditikationen , in J überge- 
gangen ist ^. 

Dazu kommt der spezifisch efraimitische Charakter der Erzählung 
in E selbst, wie er aus der Josefs- ^ und Abrahamsgeschichte ^ und dem 
Anschlufs der Tradition an jene vorwiegend dem Nordreich angehörigen 
alten HeiHgtümer wie Betel, Sikem, Gilgal, 'Ebal, Mahanaira, Pnuel 
sich ergiebt. Weiterhin ist für die efraimitische Abkunft von E be- 
sonders bezeichnend , dafs hier * geradezu Betel als der Ort genannt 
ist, wohin man Jahve den Zehnten bringt, sowie dafs in Jaqobs Segen 
Josef mit seinen Söhnen Efraim und Manasse in hervorragender Weise 
ausgezeichnet wird ^ ; endlich, dafs der Verfasser mit Vorhebe auf das 
Vorhandensein des Grabes einer hervorragenden Persönlichkeit der alten 
Heldenzeit wie Josef, Josua, El'azar, Debora, Rahel, hinweist, wenn 
dasselbe im Gebiete des Nordreichs gezeigt wurde ^. 

Die Zeitbestimmung für E wird nach diesen Ergebnissen von 
selbst anders ausfallen müssen, als sie Wellhausen '' , Kuenen ® und 



1) Nur in verhältnismäfsig wenig Fällen hat J eine selbständige und abwei- 
chende Erzählung des Hergangs. Es begi-eift sich daher vollkommen , dafs man 
die Auffassung, als wäre J die ältere der beiden Quellen neuerdings (Kuenen 
Onderz.'^, § 13, No. 9) in erster Linie mit dem Nachweis seiner efraimitischen Ab- 
kunft zu stützen suchte. So allein könnte seine Priorität Aussicht auf Glauben 
haben. Aber gerade jener Nachweis wird dem bestimmt judäischen Charakter des 
J gegenüber auch immer auf Widerspruch stofsen. 

2) Vgl. Gen. 37, 22. 29; 42, 22. 37. Hier tritt Rüben an die Spitze der 
Brüder. 

3) S. oben S. 75. Hebron spielt in E nur eine untergeordnete Rolle gegen- 
über der Gegend von Beersheba' und Sikem. 

4) Gen. 28, 22. 

5) Gen. 48, 8 ff., welche Erzählung, wenngleich sie wohl auchj besafs, doch 
schwerlich in Juda entstanden wäre. 

6) Jos. 24, 32; Jos. 24. 30. 33. Gen. 35, 8. 19 f. 

7) Gesch. Isr.i, S. 371 ff. 

8) Onderz.^ § 13, No. 24. 



§ S. Die Quellen J und E. Ihi- Verhältnis unter sich und zu D. 79 

Stade ^ vollzogen haben. Die untere Grenze ist auch hier zunächst mit 
Hosea und Arnos, zugleich aber — nach dem, was über das Verhältnis 
von E und J nun als höchst wahrscheinlich ermittelt ist, — auch mit 
dem Auftreten von J gegeben. Hat sich ferner, auch abgesehen von 
den Citaten jener Profeten, schon bei J mit seiner noch ungetrübten 
Hochhaltung der alten Lokalheiligtümer ein vor Arnos und Hosea 
liegendes Zeitalter ergeben, so ist dies bei E in noch höherem Mafse 
der Fall. In noch viel ungezwungenerer und natürlicherer Weise als 
dies bei J geschieht, werden in E jene alten Stätten Avie Betel ^, Beer- 
sheba' ^, Sikem *, Gilgal ^ mit ihren Altären, Masseben, heiligen Steinen 
und Bäumen erwähnt und als heilig behandelt. Eine Entweihung der- 
selben zum Götzendienst wird nirgends berührt, nicht einmal in der 
gelegentlichen Art, wie man sie in J erwähnt zu finden glaubt ^. 

Auch von dieser Seite angesehen tritt also E vor J. Damit stimmt 
denn überein, dafs nichts in E auf einen Niedergang oder Zerfall des 
Reiches Israel, wie er seit Jerob'am II. begonnen hat, hinweist. Ein 
Aufblühen der nationalen Geschichtschreibung, wie E es darstellt, setzt 
schon an sich eine Zeit der Blüte und Machtstellung voraus. Und 
fehlen auch im allgemeinen Anspielungen politischer Art, so zeigt doch 
der ganze Ton des E eine gewisse Sättigung des nationalen Gefühls, 
die Freude an dem Errungenen ''. In gehobener Weise kommt diese 
Freude an der Gegenwart in den Bil'amsprüchen des E zum Aus- 
druck ^. 

Dies führt uns erhebhch über JeroVam II. , also jedenfalls ins 
9. Jahrhundert hinauf. Mit Rücksicht auf den profetischen Geist des 
Buches hat daher Dillmann die Zeit des Ehas und Elisa, also die 
erste Hälfte des 9. Jahrhunderts als Zeit des E vorgeschlagen ^. Man 
wird mindestens so weit zurückgehen müssen. Ja, wenn es ein Kenn- 
zeichen dieses Verfassers ist, dafs er die Höhenheiligtümer Israels noch 



1) Gesch. d. Volks Israel I, S, 59. 

2) Gen. 28, 18 f.; 31, 13; 35, 7. 

3) Gen. 21, 31 f.-, 46, If. 

4) Gen. 33, 19 f.; 35, 4 (E?). Jos. 24, 26. 

5) Jos. 5, 3. 

6) D'illmann, NuDtJo., S. 630, Nr. 5 a. Ende. 

7") Gen. 27, 40 läfst keinerlei Schlüsse zu, da die eine Befreiung Edoms aus- 
sagenden Worte sehr wohl späterer Zusatz sein können. Ist das nicht der Fall 
und gehören die Worte zu E, was ebenfalls unsicher ist , so würden wir in die 
Zeit nach Joram geführt. 

8) Num. 23, 9fF. 21 ff. 

9) NuDtJo., S. 621. 



80 Erstes Buch. A. Der Hexateucli. 

in einer augenscheinlich durch Götzendienst ^ ungetrübten Gestalt 
kennt, so möchte man sogar geneigt sein, noch einige Zeit über Elias 
zurück, sonach in den Beginn des 9. Jahrhunderts (ca. 900) zu gehen ^. 
Denn nach dem heftigen Kampfe, welchen Elias gegen die Ent- 
weihung des Jahvedienstes durch Vermischung mit dern Ba'alkulte ge- 
führt hat, mufste auch E, der doch als Gesinnungsgenosse der Pro- 
feten zu denken ist, sich weniger unbefangen äufsern. Darf anderseits 
die ein- oder ein paarmal in E durchblickende Warnung vor fremden 
Göttern ^ auf den Kampf des Elias gegen den Ba'al bezogen werden, 
so könnten wir den Verfasser sehr wohl als Zeitgenossen des Elias oder 
Elisa uns vorstellen. Doch ist dies unsicher. 

Dafs er im allgemeinen dem Zeitalter und Lebenskreise jener Pro- 
feten angehörte, ist, nachdem wir einmal E als einen verhältnismäfsig 
alten Schriftsteller kennen, kaum zu bezweifeln. Denn über Salomo 
und die Reichsspaltung werden wir unter keinen Umständen zurück- 
gehen dürfen * ; des Verfassers religiöse Weltanschauung aber ist 
— wenn auch der Aufbau seiner Erzählung sich nicht in derselben 
Weise profe tisch lehrhaft ^ giebt wie bei J — reich an Gedanken, wie 
sie nur in echt profetischen Kreisen lebendig sein konnten. Er hält 
die göttliche Offenbarung, die er in Träumen sich vollziehend denkt, 
hoch ^. Er weifs vom götthchen Gnadenrat zum Heil des Menschen '^. 
Ja er nennt Abraham geradezu einen Profeten ^ und behandelt Mose 
ganz und gar als solchen ^. 

Damit stimmt es denn auch, dafs er die Verehrung Jahves im 
Stierbilde zu Betel und Dan entschieden verui'teilt. Ich kann es nicht 



1) Wenigstens der offiziell und im gröfseren Mafsstabe betriebene Götzen- 
dienst kann hier in Frage kommen. Vereinzelter Abfall in heidnischen Natura- 
lismus ist natürlich jederzeit da. 

2) Schi-ader, Einl.*, S. 318 will sogar bis 975—950 zurückgehen, während Böh- 
mer das 1. Buch Mose, S. 11 9 f. bis Jerob'am II. herabgreift. 

3) Jos. 24, 14 ff. Gen. 35, 2 — 4, letzteres für E nicht ganz gesichert. 

4) S. z. B. Deut. 33, 7, welche Worte jedenfalls auf die Reichsspaltuug zu 
deuten sind (vgl. Wellhausen, Prol.^ S. 296; Stade, Gesch. Isr. I, S. 177; Dillmann, 
NuDtJo., S. 420), überhaupt aber das unten über das Alter des Sefer ha-jashär 
und der übrigen Quellen von E zu Sagende. 

5) In stärkerem Mafse tritt dies nur bei der Josefsgeschichte hervor. 

6) Gen. 15, Iff.; 20, 6 (21, 12; 22, 1); 28, llf.; 31, lOf. 24. 29; 37, Gff. 
Oen. 40 f. Num. 22, 8 ff . 

7) Gen. 50, 20. 

8) Gen. 20, 7. 

9) Deut. 33, 1. Jos. 14, o vgl. Ex. 3, Es. 33, 7 ff. Num. 12. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 81 

für begründet halten, wenn Dillmann ^ annimmt, ein nordisraelitischer 
Protet hätte den in Ex. 32 enthaltenen Protest gegen den Ötierdienst 
Jerob'ams nicht verfassen können. Er konnte es nur dann nicht, 
wenn er entweder kein Bewufstsein von dem darin liegenden Abfall 
oder nicht den Mut, dasselbe auszusprechen, besafs. Beides ist nicht 
mit Grund anzunehmen. Legt daher die Quellenscheidung die Be- 
teiligung des E an der Erzählung vom goldenen Kalbe nahe, so wer- 
den wir kein Recht haben, aus apriorischen Gründen sie ihm abzu- 
sprechen. Ein Hecht hierzu besteht um so weniger , als ja doch das 
Bilderverbot des Dekalog ^ , war es etwa nicht schon von E vorge- 
funden, ihm selbst zufällt. Wer dieses kannte oder schrieb , mufste 
wohl auch gegen das Stierbild Jerob'ams auftreten, wenn er dies auch 
als Nordisraelite schonender that als der judäische J. 

5. Quellen von E und J. Für die geschichtliche Verwertung 
der beiden Schriften E und J wäre es von der gröfsten Bedeutung, 
wenn wir über die Quellen , aus welchen ihre Verfasser geschöpft 
haben. Genaueres wissen könnten. So gewifs nun anzunehmen ist, 
dafs sowohl E als J solche Quellen, und zum Teil wohl schon schrift- 
licher Art, vorgelegen haben, so ist es doch im übrigen nicht allzu viel 
Sicheres, was sich darüber ermitteln läfst. Manche Differenzen inner- 
halb J und E, die man jetzt kurzer Hand zur Annahme späterer Nach- 
träge zu E und J verwertet, liefsen sich, wären wir hinsichtlich der 
Vorlagen besser unterrichtet, auf diese Weise aufhellen. Besser als in 
J sind wir noch in E beraten. Hier stellt sich die Sache verhältnis- 
mäfsig günstig. Teils nämlich werden von E mehrmals ältere Quellen 
geradezu genannt, teils treten sie sonst in deutlich erkennbarer Weise 
zutage. Es darf dies zugleich als weiterer gelegentlicher Beweis für 
das höhere Alter von E gegenüber J angesehen werden. Denn die Ten- 
denz, alte Quellen nur vorzuschützen wird man einem Schriftsteller wie 
E billigerweise nicht zuschreiben ^vollen. Schriften, auf welche E sich 
geradezu beruft als auf Quellen, aus welchen er geschöpft hat, kenneu 
wir wenigstens zwei : das Buch der Kriege Jahves ^ und den Sefer ha- 
jäshär *. 

Unter dem ersteren haben wir ohne Zweifel ein altes, die Hel- 
denzeit Israels mit ihren Kämpfen verherrlichendes Liederbuch zu 



1) ExLev., S. u'o2-^ s. jedoch auch NuDtJo., S. 627. 

2) Ex. 20, 4. 

3) Num. 21, 14f. und wohl V. 27 ff. 

4) Jos. 10, 12 f. 

Kittel, Gesch. der Hebräer. 



83 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

denken. Dafs die in ihm geschilderten Kämpfe der Heldenzeit nicht 
die Zeit der Eroberung des Landes, sondern die im 9. Jahrhundert 
ausgefochtenen Kämpfe Israels mit den Nachbarstämmen zum Gegen- 
stand gehabt haben, wird von E. Meyer ^ und Stade ^ gewils mit Un- 
recht behauptet. Schon unsere Festsetzung der Zeit des E macht diese 
Annahme für uns unmöglich. Aber abgesehen hiervon wäre auch bei 
der Annahme einer relativ späteren Abfassungszeit für E eine der- 
artige Verwirrung der geschichtlichen Anschauung in Israel, wie jene 
Hypothese sie voraussetzt, schlechthin vmdenkbar. E hätte dann, indem 
er entweder selbst an jener Verwirrung teilnahm oder sie bei seinen 
Lesern voraussetzte und benützte, Lieder, die im Gedanken an eine so 
kurz hinter ihm liegende Zeit gesungen waren, auf das Altertum be- 
zogen — ein Prozefs für welchen , von allem andern abgesehen , ein 
zwischen E und den Liedern angeblich liegender Zeitraum von etwa 
einem Jahrhundert ^ viel zu kurz ist. Die Leser des E müfsten doch 
jenes Liederbuch ebenfalls gekannt haben. Es müssen sich wohl unter 
ihnen auch solche befunden haben, welche den Kämpfen der Zeit 
""Omris durch eigene Jugenderinnerung oder die Erzählung der Väter 
noch nahe standen. Jedenfalls aber müssen noch Leute existiert 
haben, welche die angebliche Entstehung und ursprüngliche Verwendung^ 
der Sprüche noch kannten. Wie konnte also E eine solche Ver- 
wechselung wagen? oder wie hätte sie vor ihm schon entstanden sein 
können * ? 

Beziehen sich vielmehr die Lieder jenes Buches auf die alte Zeit, 
so wird man immerhin das Recht haben, ihre Sammlung, mit welcher 
wohl eine Verbindung der Lieder mit kurzem begleitenden Text Hand 
in Hand ging, in die Periode Salomos oder Davids zu legen ^. Die Zeit 
der nationalen Einigung und Erhebung mufste von selbst an die Kämpfe 
der alten Zeit erinnern und die Sammlung der aus ihr vorhandenen 
Lleldenlieder nahelegen. Die Lieder selbst sind dann naturgemäfs noch 
in frühere Zeit ^ zu legen und werden in der Regel den Ereignissen 
selbst auf dem Fufse gefolgt sein. 

Frühestens in die Zeit Davids, weil ein auf ihn zurückgeführtes 



1) ZAW. I, S. IcOf. Vgl. auch unten § 2L 

2) ZAW. I, S, 146. Gesch. d. V. Isr. I, S. 50. 117 f. 

3) S. Stade, Gesch. I, S. 59 (E um 750). 

4) Einen weiteren Grund bietet (s. S. 8b) die Vergleichung mit dem Sefer 
ha-jashär. 

5) Reufs, Gesch. d. AT., S. 202. 

6) Ewald, Gesch.^» I, S. 99 ff. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 85 

Lied ^ iu ihr sich fand, fällt die Sammlung des anderen Buches. Sein 
Name ist nicht ganz klarer Bedeutung ^, mochte aber doch am wahr- 
scheinhchsten „das Buch des Braven" besagen, also auf edle Thaten 
der besten Söhne Israels gehen ^. Nach den zwei uns erhaltenen Bruch- 
stücken * war es ein nationales Liederbuch ähnlicher Art wie das Buch 
der Kriege. Schon der Umstand, dafs sein Inhalt zweifellos die 
Kämpfe der Eroberungszeit mit betraf, wirft ein Licht auf die vorhin 
bekämpfte Meinung E. Meyers hinsichtlich des Buches der Kriege. 

Weiterhin besitzen wir eine Reihe von Bestandteilen der Schrift 
des E, bei denen der Verfasser zwar nicht geradezu sich darauf be- 
ruft, dafs er das hier Erzählte oder Mitgeteilte aus einem von ihm 
namhaft gemachten Buche geschöpft habe, wohl aber angiebt, was er 
mitteile, sei in alter oder ältester Zeit, so wie er es biete, im Volks- 
mund oder von bestimmten Personen gesungen, oder auch von Per- 
sonen, die er nennt, niedergeschrieben worden. Von derartigen Ver- 
weisungen auf ältere Zeit lassen jedenfalls die erstere und die letztere 
Kategorie auf alte, seien es nun mündliche oder schriftliche, Quellen 
schHefsen. 

Der ersteren Kategorie gehören an: das Lied über die Kämpfe im 
Moabitergebiet ^ und das Brunnenlied ^ ; jenes wird man seinem Inhalte 
nach mit ziemHcher Sicherheit dem Buch der Kriege Jahves zuweisen 
dürfen. Zur zweiten Klasse gehört das Siegeslied nach dem Durch- 
gang durchs Kote Meer ^ in zwei Formen, einer kürzeren und einer 
ausgeführten, der Mosespruch beim Aufbruch der Bundeslade in der 
Wüste ^ , sowie der sogen. Segen des Mose ^ und ein heute nicht 
mehr in der von E überlieferten Form vorhandenes Lied des Mose^". 



1) 2 Sam. 1, 18; ob auch 1 Kön. 8, 35 nach LXX, wie Bleek- Wellhauseu, 
Einl., S. 236 glaubt, ist höchst unsicher. 

2) Reufs, Gesch. d. AT., S. 202 denkt an den Anfang des ersten Liedes. 

3) So die meisten. S. Dillmann, NuDtJo., S. 488. 

4) Aufser 2 Sam. 1, 18 stand darin Jos. 10, 12 f. 

5) Num. 21, 27—30. 

6) Num. 21, 17. 18 a. 

7) Ex. 15, 20 f. Dies ist der Anfang der ältesten, Mirjam zugeschriebenen 
Form des Liedes. Daneben kennt E (vielleicht auch J ?) schon eine ausgeführtere, 
Mose in den Mund gelegte Form des Liedes Ex. 15 , 1 — 19. S. unten § 21 
und 23. 

8) Num. 10, 35 f. 

9) Deut. 33. Der Segen Jaqobs in Gen. 49 wurde viel eher von J als von E 
aufgenommen. S. unten § 13. 

10) S. unten § 21. 

6* 



84 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Zu der dritten Klasse sind zu rechnen das Bundesbuch samt dem De- 
kalog ^ und der Bericht über die Amaleqiterschlacht ^. 

Dafs in allen diesen Fällen E alte, mündliche oder schriftliche Vor- 
lagen benutzte, kann kaum einem Zweifel unterliegen. In den beiden 
letztgenannten Fällen ist die Annahme schriftlicher Vorlagen durch die 
direkte Aussage des E, welche für eine Fiktion zu halten ^ schon die 
Seltenheit dieses Appells an die schriftliche Vorlage hindern sollte, ge- 
boten. In der Mehrzahl der übrigen liegt sie nahe. Die Sprüche aus 
dem Volksmunde liefen wohl mündlich um ; die Lieder mögen zur Zeit 
des E längst entweder in einer der zwei obengenannten oder in 
ihnen ähnlichen Sammlungen Eingang gefunden haben. Moses Segen 
war, wie derjenige des Jaqob in J (Gen. 49), ohne Zweifel ursprüng- 
lich ein Schriftstück für sich. 

Die Zeit dieser alten Vorlagen zu bestimmen hält schwer. Das 
Moselied am Roten Meere, vielleicht auch das einst in Deut. 32 ge- 
standene, dürfen wohl am ehesten als dem Sefer ha-jäshär einverleibt 
angesehen werden. Das Meerlied weist, wenigstens in seiner ausgeführten 
Gestalt, jedenfalls auf Kena'an, vielleicht sogar auf die Zeit Davids oder 
Salomos ^. Die Grundlage des Liedes kann sehr wohl auf die Mosezeit 
zurückreichen. 

Den Jaqobssegen in J legen Wellhausen ^ und Kuenen ^ in 
die Zeit der Kämpfe zwischen Aram und dem Reiche Efraim im 
9. Jahrhundert, Stade ^ in die Zeit Ahabs. Allein weit mehr Gründe 
als für späte Abfassung geltend gemacht werden können, sprechen für 
eine viel frühere , noch der Richterperiode angehörige Zeit ^. Der 
Mosesegen hingegen führt jedenfalls über die Reichsspaltung hinaus ^, 
aber auch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um vieles. Denn die 
Art, wie sie erwähnt wird, läfst sie als noch frische Wunde erkennen. 



1) Ex. 20, 1 — 17 (aufser V. 11 und einzelueu Zusätzen). 18—26. Ex. 21 und 
22. Ex. 23, 1—7. 20—22; vgl. Ex. 24, 4. 7. 

2) Ex. 17, 8-16-, vgl. V. 14. 

3) Jülicher, wenigstens bei Ex. 17. 

4) V. 13 ff. setzt die Ansiedlung im Lande und V. 17 vielleicht diejenige um 
das Heiligtum voraus. S. unten § 21. 

5) Gesch. Isr.S S. 375. 

6) Onderz.^ § 13, No. 16. 

7) Gesch. d. V. Isr., S. 150. 

8) So nach Ewald und vielen andern Dillmann, Gen.*, S. 448. Gegen Reufs, 
Gesch. d. AT., S. 200 (David — Salomo) spricht das noch vorausgesetzte Dar- 
niederliegen des Stammes Levi. 

9) Wegen Deut. 33, 7 s. oben S. 80. 



§ 8. Die Quellen J und E. Ihr Verhältnis unter sich und zu D. 85 

Man wird daher eher an die Zeit unter Jerob'am I. ^ als an die unter 
Jerob'am II. ^ denken müssen. 

Über die Zeit des Dekalogs und Bundesbuchs ist später im Zu- 
sammenhang der mosaischen Geschichte näher zu handeln. Hier mufs 
es genügen festzustellen, dafs E jedenfalls eine schriftliche Vorlage zur 
Hand hatte ^ ; aber auch , dals die uns heute vorliegende Form des 
Bundesbuches — abgesehen von einzelnen Spuren späterer Über- 
arbeitung ^, wie sie bei einem so grundlegenden Denkmal begreiflich 
genug ist — ganz wohl erheblich über die Zeit des Königtums hin- 
aufreichen kann. Eine Anspielung auf sie läfst sich nirgends ent- 
decken. Auch im übrigen macht nichts in dem Buche den Eindruck, 
dafs wir es hier nicht, wie E angiebt, mit einem Denkmal des ältesten 
Schrifttums der Hebräer zu thun hätten. Nur die Frage kann sich er- 
heben, ob das Bundesbuch die Zeit der Ansäfsigkeit Israels im Lande 
oder den Wüstenaufenthalt voraussetze. Das erstere wird aus einer 
Reihe von Andeutungen geschlossen, und wohl mit Recht. Zwar läfst 
an sich die Hinweisung auf die Ansäfsigkeit in Kena'an in der Weise, 
wie sie im Bundesbuch zutage tritt, die Erklärung zu, dafs der Gesetz- 
geber, ehe Israel ins Land kam, Vorkehrungen traf, in welchen er die 
Ansässigkeit voraussetzte. Für unmöglich kann daher jene Annahme 
nicht erklärt werden. Allein die Art, wie jenes Wohnen in Kena'an 
hier vorausgesetzt und als selbstverständliche Thatsache behandelt ist, 
läfst doch den unbefangenen Leser die Annahme der Abfassung jener 
Gesetze in ihrer heutigen Gestalt in Kena'an selbst und aus der Praxis 
des dortigen Lebens heraus als die natürlichere erkennen ^. Damit 
wären wir in die Zeit nach dem Eintritt Israels in Kena'an gewiesen. 
Eine nähere Bestimmung über die Abfassung wage ich nicht zu geben. 
Nur die Meinung, als liefsen sich Berührungen der Profeten des 8. Jahr- 
hunderts mit dem Bundesbuch und Dekalog auf Gleichzeitigkeit ihrer 
Entstehung deuten ^ , scheint mir entschieden Zweifel zu verdienen. 
Kennt E das Buch als uraltes Schriftstück und führt er es so seinen 
Lesern vor: so wäre dies Beginnen unbegreiflich gewagt, wenn das- 
selbe — auch nach Kuenen — kaum einige Jahrzehnte alt war! 



1) S. de Wette-Schrader, Einl.«, S. 318 fF. 

2) So nach Graf und Bleek Reufs, Gesch. d. AT., § 213. 216. Kueneu Ond.^ 
§ 18, No. 16. Stade, Gesch. Isr., S. 160. 

3) S. oben und bes. Dillmann, ExLev., S. 220 f. 

4) Besonders am Ende von Kap. 22 (V. 19—26?) und in Kap. 23 (jedenfalls 
Y. 23 ff.). 

5) S. oben § 5. 

6) Kuenen Onderz.^ § 13, No. 20. 



86 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Neben den von E ausdrücklich genannten Quellen müssen nun aber 
noch manche andere ihm zur Verfügung gestanden haben, deren Vorhanden- 
sein durch mehrere Anzeichen angedeutet ist. So zählt E die letzten Sta- 
tionen Israels, ehe es nach Kena'an gelangte, in einem Stück von höchst 
eigenartiger Schreibweise auf ^, dessen Fortsetzung wir an ganz anderem 
Orte 2 wiederfinden und das wohl einst in seiner vollständigen Gestalt 
die Parallele zu dem ausführlicheren uns noch überlieferten ^ Verzeichnis 
in P bildete. Dafs in der hier benutzten Quelle nicht diese Stationen 
allein gestanden haben werden, ist ebenso wahrscheinlich, wie es nahe- 
liegt, dafs in dem Buche, in welchem E den Bericht über die Amale- 
qiterschlacht vorfand *, noch weitere Erlebnisse Israels in ältester Zeit 
verzeichnet waren. Bedenken wir nun, dafs auch Gen. 14 mit aller 
Wahrscheinlichkeit auf eine eigene dem E zugebote stehende Vorlage hin- 
deutet, so kann es nicht gewagt erscheinen, wenn wir unser Endurteil über 
die Schrift E dahin zusammenfassen: E arbeitete in vielen nachweis- 
baren Fällen nach alten und teilweise ältesten Quellen: auch im üb- 
rigen, wo dies nicht mehr erkennbar ist, dürfen wir, wofern nicht 
zwingende Gründe besonderer Ai't dagegen sprechen, seine Darstellung 
als auf älterer mündlicher oder schriftlicher Vorlage ruhend an- 
nehmen. 

In nicht gleich günstiger Lage scheinen wir uns mit der Schrift 
J zu befinden. Nur in einem Falle kann mit Sicherheit angenommen 
werden, dafs J eine Vorlage ausdrücklich nennt ^. Gemeint ist das 
dem Dekalog beigegebene, bei J das Bundesbuch vertretende kleine 
Gesetzbuch ^, welches man fälschlicherweise für den ursprünglichen De- 
kalog ausgegeben hat ''. Aufserdem ist es gesichert, dafs J den Deka- 
log in einer mit derjenigen des E in allem Wesentlichen gleichlauten- 
den und daher vom Redaktor unterdrückten Version besafs, wahr- 
scheinlich oder wenigstens möglich, dafs die ausgeführte Form des 
Meerliedes ^ von J mitgeteilt war. Weitere direkte Andeutungen von 
Vorlagen finden sich nicht ^. Höchstens kann etwa aus dem Zusammen- 
hang von J erschlossen werden, dafs der Verfasser auch den alten Be- 



1) Num. 21, 12 f. 18 b— 20. 

2) Deut. 10, 6 f. 

3) Num. 33. 

4) Ex. 17, 14. 

5) Ex. 34, 27. 

6) Ex. 34, 11-26. 

7) S. Näheres unter § 20 f. 

8) Ex. 15, 1-19. S. oben S. 83. 

9) Aufser wohl noch Gen. 49, worüber oben S. 83 f. 



§ 9. Die Priesterschrift 87 

rieht über die Amaleqiterschlacht ^ gekannt und benutzt habe. Allein 
wenn sich früher ergeben hat, dafs J das Buch des E vorgelegen hat 
und von ihm mehrfach benutzt wurde, so sind seine Mitteilungen, wo- 
fern sie sich mit denen des E decken, durch den Charakter dieser 
Schrift geschützt. Dafs er übrigens mit einer gewissen Freiheit mit 
dem von E übernommenen Gute schaltete, haben wir oben an Bei- 
spielen gesehen und wird in Betracht zu ziehen sein. Auch ist es an 
sich naheliegend, dafs J aufser E selbst auch dessen Quellen noch, 
vollständig oder zum Teile, vorgelegen haben. Die alten Lieder und 
Sprüche z. B. waren gewifs auch in seiner Zeit noch nicht verstummt, 
die alten Heldenbücher noch nicht verloren. Wo hingegen J von E 
abweicht, hat der einzelne Fall für sich zu entscheiden. In manchen 
Fällen dieser Art sprechen deuthche Anzeichen dafür, dafs J aufser 
den dem E zugebote stehenden selbständig noch manche alte und wert- 
volle Kunde vorgefunden und seinem Buche einverleibt hat. 



§ 9. 
Die Priestersclirift. 

Werden die bisher behandelten Stücke aus dem heutigen Hexa- 
teuch ausgehoben, so bleibt neben den verhältnismäfsig geringen redak- 
tionellen Zusätzen ein grofses in sich zusammenhängendes Schriftstück 
zurück. Nach Sprachgebrauch und Ideenkreis hebt dasselbe sich deut- 
lich von den übrigen hexateuchischen Quellenschriften ab. Sein eigen- 
artiger, Avenig flüssiger, meist in weitschweifigen Wendungen und brei- 
ten Wiederholungen sich ergehender Stil ^ , seine formelhaften stets 
wiederkehrenden Redeweisen, die strenge Systematik ^ seines Auf baus, 
seine fast überall durchbhckende Neigung zu gesetzgeberischen Ex- 
kursen * und manche anderen Kennzeichen haben es ermöglicht, dafs 
die Bestandteile dieses Buches sicherer als diejenigen irgendeiner andern 
Hexateuchquelle ausgeschieden werden können. Es herrscht über seinen 



1) Ex. 17, 8 ff. 

2) S. näher über seine Rede - und Erzählungsweise Dillmann , NuDtJo., 
S. G48f. 663. 

3) S. darüber besonders bei Nöldeke in der sofort zu nennenden Abhandlung. 

4) Vgl. u. a. Wurster, Zur Charakteristik und Gesch. des Priestercodex etc. 
in ZAW. IV, S. 111 ff. 



S8 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Umfang fast vollständige Übereinstimmung ^ Früher auf Grund der 
Annahme seines hohen Alters als die „Grundschrift" des Hexateuchs 
bezeichnet, wird das Buch jetzt richtiger die Priesterschrift (P), von 
Wellhausen Priestercodex (PC), genannt. Die Berechtigung zu dieser 
Benennung ist in dem überall in die Augen springenden Charakter ^ 
des Buches unzweideutig gegeben, wogegen die Bezeichnung ,, Grund- 
schrift" heutzutage höchstens in dem Sinne auf allgemeine Aner- 
kennung rechnen könnte, als die Zusammenfügung des Hexateuchs aus 
den einzelnen Schriften durch den Redaktor so vollzogen wurde, dafs 
fast überall der Gedankengang von P zugrunde gelegt und die übrigen 
Schriften, wo dies irgend anging, demselben gemäfs eingefügt wurden. 

Eine vollkommene Einheit im Sinne einer uno tenore von dem- 
selben Verfasser konzipierten und niedergeschriebenen Schrift stellt 
freilich auch dieses Buch, trotz der im grofsen ganzen so deutlich 
heraustretenden Merkmale, welche seine Bestandteile unter sich zu- 
sammenschliefsen, nicht dar. Eine Anzahl von Stücken, welche zu- 
nächst nach ihren Merkmalen dem allgemeinen Rahmen der Priester- 
schrift zugehören, scheiden sich bei genauerer Besichtigung doch wieder 
vom eigentlichen Bestände von P aus. Teils ist dies in der Weise der 
Fall, dafs der Verfasser des grofsen gescliichtlich- gesetzlichen Werkes 
P ältere — gesetzliche — Stücke schon vorfand und sie, mit gröfseren 
oder geringeren Modifikationen, seinem Werke einverleibte. Teils 
jedoch geschah es auch so, dafs nach Abfassung des Hauptwerkes P 
auf Grund jener älteren Gesetze, noch mancherlei Zusätze — wiederum 
vorwiegend gesetzlicher Art — von einer späteren, aber im Sinne und 
in der Sprache des P arbeitenden Hand, beigefügt wurden. Bei dem 
wesentlich gleichartigen Charakter aller drei Stufen des Gesamtwerkes 
hat man für alle drei die Bezeichnung P festgehalten und jene ältere 
Grundlage P', das Hauptwerk, die priesterliche Geschichtserzählung 
von der Schöpfung bis zur Ansiedelung in Kena'an enthaltend, P% die 
späteren Zusätze P' genannt. 

Das Prinzip ist ohne Zweifel richtig. Denn es liegt in der Natur 
der Sache und ist aus manchen Kennzeichen erweisbar, dafs die Ab- 
fassung des grofsen Gesetzwerkes sich in einigen Stufen vollzog. Die 



1) Besonders seit Nöldekes Schrift, Untersuchungen zur Kritik des AT. 1869 
I. Die sogen. Grundschrift des Peutateuchs. Vgl. ferner besonders Kuenen Ond.^, 
§ 6 ; Dillmann , NuDt Jo. , S. G34 ff. und die nachfolgende Ausscheidung des Er- 
zählungsstoffes von P in i^ 14 und 22. 

2) S. über denselben Kuenen Ond.^ § 5, S. 54. § 6, S. 72f.; Dillmann, 
NuDtJo., S. 652 f. 



§ 9. Die Priesterschrift. 89 

Ausscheidung derselben ist jedoch noch nicht übereinstimmend ge- 
lungen. Um Ausscheidung der Grundlage P', besonders in Lev. 
17 — 26 haben unter den Neueren hauptsächhch Kayser ^, Wellhausen ^ 
und Horst ^ sich bemüht. Ich selbst habe versucht, die Spuren früherer 
Bestandteile der Priesterschrift auch aufserhalb jenes Gesetzcorpus zu 
verfolgen *. Kuenen ^ und Dillmann ^ haben sodann jüngst gröfsere 
Stücke für dem P^ schon vorliegend erklärt. Spätere Bestandteile (P*) 
haben besonders Wellhausen '' und Kuenen ^ namhaft gemacht , jedoch 
unter teilweisem Widerspruch Dillnianns ^. Für uns ist diese im üb- 
rigen rein litterarische Frage nur insofern von Belang, als sie etwa An- 
haltspunkte für die Datierung der eigentlichen Priesterschrift (Kuenens 
P^) , und damit indirekt auch ihrer älteren und jüngeren Einsätze 
bietet. 

Auf diesem Punkte, der Zeitbestimmung von P, drängt sich denn 
auch das Interesse an dieser Schrift im höchsten Mafse zusammen. 
Früher durch die fast unbestritten anerkannte Annahme der Abfassung 
der „Grundschrift" in der frühen Königszeit scheinbar gelöst, ist diese 
Frage in neuerer Zeit durch K. H. Graf wieder in Flufs gekommen. 
Ja durch Wellhausens Geschichte Israels ist sie im letzten Jahrzehnt 
geradezu in den Vordergrund der Erörterungen gerückt und zur 
brennenden Frage der Geschichtschreibung des Volkes Israel, ja der 
ganzen alttestamentlichen Wissenschaft erhoben worden. Eine endgül- 
tige oder wenigstens allseitig anerkannte Lösung hat sie auch jetzt noch 
nicht gefunden. 

Es ist bekannt, wie nach dem Vorgange von Reufs und Vatke 
zunächst Graf und Kayser, sodann aber besonders Kuenen und Well- 
hausen die Ansicht geltend gemacht haben ^^ , dafs die Priesterschrift 
nicht am Anfang des hexateuchischen Schrifttums, sondern am Ende 
desselben stehe und in ihren Anfangen der exilischen, in der Haupt- 
sache aber der nachexilischen Zeit entstamme. Ezra hat nach dieser 
— der sogenannten Grafschen — Hypothese im priesterlichen Gesetz- 



1) Das vorexil. Buch der Urgeschichte Israels und seine Erweiterung, S. 64ff. 

2) JDTh. XXII, S. 422 ff. 

3) Levit. 17—26 und Hezekiel 1881. 

4) ThStW. II, 160— 1G2. 44f. ; III, 263 f. Näheres s. unten S. 108, Anm. 4. 

5) Onderz.^ § 6. 

6) NuDtJo., S. 637 f. 639 ff. 

7) JDTh. XXII, S. 407 ff. passim. 
81 Onderz.^ § 6. 

9) NuDtJo., 's. 641 ff. 672 ff. 

10) S. die Übersicht über den Gang der Kritik oben § 6. 



90 Erstes Buch. A. Der Hexateucli. 

buch dem aus Babylonien zurückgekehrten Volke nicht ein früher 
schon vorhandenes, sondern ein eben erst neu entstandenes Schriftstück 
übergeben. 

Man hat, besonders beim ersten Auttreten dieser Hypothese, aber 
auch bei ihrer Wiederaufnahme durch Graf und Wellhausen , vielfach 
in ihr nichts anderes als ein haltloses Luftgebilde leichtfertiger Hyper- 
kritik gesehen. Heute ist dieses Urteil nicht mehr möglich. Nach der 
vielfach glänzenden Verteidigung, immer aber eingehenden Begründung, 
Avelche sie besonders durch Wellhausen und Kuenen erfahren hat, wird 
ein besonnenes Urteil zugeben müssen, dafs es wirkliche und teilweise 
schwerwiegende Gründe sind, welche für jene Anschauung ins Feld ge- 
führt werden. Vor allem ist es die Geschlossenheit und llundung des 
Bildes von der israelitischen Religionsgeschichte, wie sie durch diese 
Anschauung über die Abfassung des Priestercodex gewonnen zu wer- 
den scheint, welche auf viele einen bestechenden Einflufs auszuüben 
imstande ist. Die strenge Scheidung der Perioden, welche durch sie 
ermöglicht wird; die ebenmäfsig fortschreitende Entwickelung des Ge- 
schichtsverlaufes, wie sie unter diesem Gesichtswinkel vor uns auf- 
taucht; die einfache Erklärung der künstlichen Systematik und des 
vielfach nicht mehr streng geschichtlichen Idealbildes in P, wie sie 
durch jene Annahme geboten wird — geben in der That zu denken. 

Wenn ich trotzdem auch jetzt, nach erneuter Prüfung aller in 
Frage kommenden Instanzen , jener Annahme nicht glaube zustimmen 
zu können, so geschieht es, weil überwiegende Gründe mir den Ein- 
druck nahelegen, als wäre jenes den ersten Blick blendende Bild einer 
in sich befriedigenden Entwickelung, ja eines natüi'lich sich ergebenden 
und wie von selbst Avachsenden Aufbaus der israelitischen Geschichte 
doch ein Trugbild, mehr bestrickenden Schein als dauernde Wahrheit 
enthaltend. 

1. Einmal nämlich erweckt die ganze Methode, mit Hilfe welcher 
jene Schlüsse gewonnen werden, ein gewisses Mifstrauen ^. Alle Ver- 
treter der Grafschen Hypothese haben seit Graf selbst sich in erster 
Linie auf die in P zutage tretenden gottesdienstlichen Verhältnisse und 
Gebräuche im Vergleich mit den im übrigen Hexateuch sowie im 
übrigen Alten Testament vorhandenen berufen. Das sprachliche und 
litterarische Moment ist diesem kultischen gegenüber stets im Hinter- 
grund gestanden und lieferte mehr nur die nachträgliche Bestätigung ^ 



1) Vgl. mit Kücksicht auf Wellhausen meine eingehende Erörterung dieses 
Punktes in ThStW. II (1881), S. 150 fF., auch S. 40. 

2) Kayser, Yorex. Buch, S. 3: „das rechts- und kultgeschichtliche Resultat 
mufs sich am litterarhistorischen erproben". 



§ 9. Die Priestcrscbrift. 91 

des von dort aus gewonnenen Resultates. Man wird dies der Lage der 
Sache nach nur natürhch finden können. Das Resultat selbst wird in 
der Weise erzielt. Mehrfach werden in P Institutionen als schon be- 
stehend vorausgesetzt, welche thatsächlich erst nach dem Exil 
zu unbestrittener Anerkennung gekommen sind. Da P sie als schon 
bestehend voraussetzt, so — wird geschlossen — kann diese Schrift 
erst nach dem Exil, jedenfalls erst zu einer Zeit, da jene Einrichtungen 
zu Recht bestanden, niedergeschrieben sein. 

Diese Methode der Beweisführung könnte nun zutreffend erscheinen, 
wenn es sich bei P um ein historisches Dokument im gewöhnlichen 
Sinne handeln würde. Ein Dokument dieser Art, das ohne weiteres 
als Geschichtsquelle für die zur Zeit seiner Abfassung bestehenden 
Zustände gelten könnte, ist P nicht. 

Die Vertreter jener Anschauung sind denn auch ausnahmslos der 
Überzeugung, dafs wir in P nicht ein streng historisches Denkmal 
seiner Zeit vor uns haben. Es kann sich für sie nur darum handeln, 
ob P eine tendenziös erfundene und in die Urzeit zurückgetragene 
Fiktion oder ein im guten Glauben an das den Priestern zustehende 
Recht hierzu entworfenes Idealbild ist. In beiden Fällen ist jenes Er- 
gebnis vorschnell gewonnen. Besonnene Kritik kann aus jenem That- 
bestande nur erschliefsen, dafs P zu einer Zeit entstanden ist, als jene 
Forderungen gestellt wurden, nicht als sie durchgeführt waren. Denn 
gehört es zur schriftstellerischen Eigenart von P, das von ihm Er- 
strebte als in der Zeit Moses bestehend darzustellen, so kann unmög- 
lich aus einer in P als bestehend geschilderten Einrichtung auf ihr 
wirkliches Bestehen, sondern augenscheinlich nur auf ihr Erstrebt- und 
Gefordertwerden durch P geschlossen werden. 

2. Die ganze Theorie fufst auf der Voi'aussetzung gradliniger ^ 
Entwickelung des israelitischen Volkslebens und seiner religiösen Insti- 
tutionen. Es ist aber mindestens unerwiesen, thatsächlich aber in 
hohem Grade unwahrscheinlich, dafs die ganze Geschichte Israels nach 
diesem Mafsstabe gemessen werden kann. Näher ist hier der Sachver- 
halt dieser. Deuteronomium und Priesterschrift sind gesetzgeberische 
Programme, jedes in seiner Art. Nun ist es in die Augen springend, 
wie P in einer Reihe von Fällen einen Fortschritt gegenüber von D, 



1) S. übrigens Stade in Theol. Litt. Zeit. 1887. Nr. 9. Allein wenn E, J und 
D in anderer Weise mit der profetischen Litteratur verglichen werden als P, so 
ruht dies nicht auf Inkonsequenz, sondern auf der Thatsache, dafs es sich hier 
um eine priesterliche , profetischen Kreisen und Gedanken fernstehende Schrift 
bandelt. 



93 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

eine weitergehende Stufe der Entwickelung, darstellt. Hieraus wird in 
der Regel die Priorität des D vor P erschlossen. Dieser Schluls mag 
in manchen Fällen richtig sein und wird von uns vollzogen werden, 
wofern anderweitige Gründe ihn zulassen oder erheischen. An und für 
sich und für alle Fälle ist er jedoch nicht berechtigt. Er wäre dies 
nur, wenn P und D Gesetzgeber genau derselben Art und Tendenz 
wären. Dies sind sie nicht. Ihre Gesichtspunkte und Verhältnisse sind 
durchaus verschiedenartig. P ist ein priesterlicher, in priesterlichem 
Interesse schreibender, D ein proletischer, im allgemein volkstüm- 
lichen Interesse darstellender Schriftsteller. Ebendaher könnte es nicht 
befremden, wenn P in einer Reihe von Fällen gleichzeitig mit D oder 
schon vor ihm weitergehende Forderungen nach der Seite des priester- 
lichen Interesses hin stellte, als jener thut ^ Die Annahme einer nach- 
deuteronomischen Zeit für P aus allen Fällen jener Art ist daher aber- 
mals ein zu weit gehender Schlufs. 

3. In sehr ausgiebiger Weise wird bei Erzielung des Resultates, 
der Grafschen Hypothese von dem argumentum e silentio Gebrauch ge- 
macht. In der That bieten D und die vorexilischen Profeten eine 
Reihe von Gelegenheiten, bei denen P, wäre es schon öffentlich aner- 
kanntes und zu Recht bestehendes Gesetzbuch gewesen, unbedingt 
hätte genannt oder doch berücksichtigt werden müssen. Ist dies mehrfach 
nicht der Fall, so scheint sich der Schlufs auf die nachexilische Ab- 
fassung von P von selbst zu ergeben, um so mehr als die nachexi- 
lischen Profeten und Schriftsteller plötzlich in auffallender Weise auf 
P Rücksicht nehmen. Allein auch dieser Schlufs wird mindestens 
fraglich, sobald man in Betracht zieht, wie P seinem ganzen Charakter 
nach ursprünglich nicht eine öflfentliche Kirchenordnung , sondern 
— wenn auch nicht eine reine Privatschrift, so doch — ein internes 
priesterliches Programm darstellt, das lange um die Anerkennung ringen 
konnte, bis die Gunst der Zeiten ihm dazu verhalf. Geschah das 
letztere anerkanntermafsen nach dem Exil, so ist doch die Nichterwähnung 
des Buches, ebenso wie seine oben besprochene Nichtbefolgung in 
früherer Zeit, entfernt noch kein zwingender Beleg für die erst nach- 
exilische Abfassung. Die Nichterwähnung der Priesterschrift an Stellen, 
wo ihre Erwähnung erwartet werden könnte, läfst neben dem Schlufs 
auf das Nichtvorhandensein zwei weitere Schlüsse zu, welche nicht zum 
voraus als unberechtigt zurückgewiesen werden dürfen. Es läfst sich 
sowohl denken, dafs P, auch wenn es vorhanden war, den profetischen 



1) S. auch meine Ausführungen in ThStW. II, S. 37 und Baudissin, Der 
heutige Stand der alttest. Wissensch., S. 50 f. 



§ 9. Die Priesterschrift. 93 

Schriftstellern unbekannt war, als auch, dafs die priesterliche Schrift 
ihnen zwar bekannt, aber von ihnen nicht anerkannt war. In beiden 
Fällen hatten sie keinerlei Grund, auf P als ein zu Eecht bestehendes 
öffentliches Gesetzbuch Rücksicht zu nehmen. Auch im ersteren Fall 
kann nicht eingewandt werden, P hätte dann eine unnatürlich latente, 
„scheintote" Existenz geführt. Seine Forderungen, wie die Priester 
von Jerusalem sie geltend machen, können den Profeten sehr wohl be- 
kannt sein, auch ohne dafs sie ihre Formulierung und ihre Zurück- 
führung auf Mose kennen und eitleren. Dazu bedarf es nur, dafs die 
Profeten in die interne Litteratur der priesterlichen Kreise keinen Ein- 
bUck besafsen. Hiermit aber ist nichts Unerhörtes vorausgesetzt. Noch 
weniger kann der zweite Fall zum voraus für unmöglich erklärt wer- 
den. Denn ein gewisser Gegensatz zwischen Priestern und Profeten 
und eine vielfache Polemik dieser gegen jene bestand thatsächlich in 
den letzten Jahrhunderten des jüdischen Staatslebens vor dem Exil. 
Gegenstand der profetischen Angriffe auf die Priester waren teilweise 
geradezu gewisse von den Priestern stammende, den Profeten als will- 
kürlich und in egoistischem Interesse verfafst erscheinende Gesetze ^. 
Sind diese priesterhchen Törot auch nicht notwendig mit P oder Be- 
standteilen desselben identisch, so würde sich aus jenem Umstände doch 
hinreichend ein gewisses Mifstrauen der Profetie gegen die Gesetz- 
gebung der priesterlichen Kreise rechtfertigen. 

4. Viertens endlich treten zu diesen allgemeinen Erwägungen 
eine Reihe einzelner Punkte, welche die Annahme nachexilischer Ab- 
fassung von P zu verbieten scheinen. 

a. Die Erzählung Neh. 8 — 10 über die Verlesung des Gesetzbuchs 
Mose durch Ezra am Neumond des 7. Monats des Jahres 445 macht 
nicht den Eindruck, als wäre dieses Gesetzbuch eben erst verfafst wor- 
den. Diese Annahme wird schon dadurch erschwert, dafs aller Wahr- 
scheinlichkeit nach das dort zur Verlesung kommende Gesetz nicht 
blofs P , sondern der ganze Pentateuch ^ war. Die entgegengesetzte 
Meinung ist ZAvar mit Entschiedenheit behauptet worden ^, sie läfst 
sich aber angesichts der bestimmten in Neh. 8 ff. vorliegenden Da- 



1^ S. auch ThStW. 11, S. 50. 

2) Coleaso; Kuenen, Godsd. v. Isr. II, S. 127 ff. Wellhauseu, Proleg.», S. 430. 
434 und JDTh. XXII, 459. D. Hoffmaiui im Magaz. f. d. Wisseusch. d Judent. 
1879, S. 5 f. Dillmann, NuDtJo., S. 672. 

3) Reufs, Histoire sainte, p. 233 sqq.; Gesch. d. AT., S. 4(32 ff. Kayser, 
Vorex. Buch, S. 195f.; JPTh. 1881, S. 534 ff. Kueuen Ond.% § 12, No. 11; 
§ 15, No. 25 (S. 294 f.). 



94 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

ten ^ schwerlich festhalten. Auf Grund dieser Voraussetzung 2, als hätte 
Ezra nur die Priesterschrift dem Volke vorgelegt, hat man sodann eine 
Parallele zwischen der Auffindung und Promulgation des Deuterono- 
miums und derjenigen der Priesterschrift konstruieren zu können ge- 
glaubt. Der letztere Vorgang erschien so nur als Kopie des ersteren. 
Wie vor Zeiten Josia ein neugefundenes seinem Inhalte nach nicht be- 
kanntes Gesetzbuch dem Volke vorgelegt hatte, so nun Ezra ^. Allein 
es ist deutlich: wenn das Gesetzbuch Ezras gar nicht P allein, sondern 
neben ihm auch anerkannt ältere Schriften enthielt, so trifft schon des- 
halb die Parallele nicht zu. Aufserdem sprechen aber weitere Gründe 
dagegen. Das Gesetzbuch Josias wird erst gefunden , die Umstände 
seiner Auffindung werden genau beschrieben: es tritt ganz und gar als 
etwas in Juda entweder überhaupt noch nicht oder jedenfalls nicht 
mehr Bekanntes vor den Leser. Vom Gesetzbuch Ezras ist nur ge- 
sagt, dafs Ezra es aus ßabylonien mitgebracht hat, weil er der hierzu 
berufene Mann war. Davon, dafs es erst gefunden worden oder 
irgendwie unversehens aufgetaucht wäre, ist nirgends die Rede. Min- 
destens müfste, soll hier derselbe Fall wie beim Deuteronomium ange- 
nommen werden können, eine Erklärung darüber erwartet werden, wie 
Ezra in den Besitz des Buches kam. Auch dies ist nicht der Fall. 
Im Gegenteil ist die Existenz des Buches dem Volke schon bekannt ^ 
und wie es scheint nur sein Inhalt bisher nicht beachtet. Hierzu 
stimmt, dafs bei Ezra, Nehemia und Haggai sich schon vor dieser Neu- 
einführung des Gesetzes Bekanntschaft mit Gesetzen des P zeigt ^. Neu 
scheint daher mehr die Redaktion und Kanonisierung als der Inhalt 
des gelesenen Buches. 

b. Auch das Verhältnis des P zu D und Ezecliiel ist, schon im 
allgemeinen angesehen, jener Annahme, wenngleich die Hauptwaffen 
zu ihrer Verteidigung gerade aus ihm geschmiedet worden sind, durch- 
aus nicht günstig. Die Differenzen zwischen P einerseits, D und Eze- 
chiel anderseits sind so bedeutend, dafs sich schwer denken läfst, wie 
ein erst neues Gesetzbuch sich mit ihnen konnte zur Anerkennung 



1) Vgl. Neh. 10, 31 mit Ex. 34, 12. 15 f. Deut. 7, 2ff. Neh. 10, 32b mit 
Deut. 15, 2 (Ex. 23, 11). 

2) Wellhausen und Kuenen im Godsd. v. Isr. ohne diese Voraussetzung. Aber 
dann stimmt das Wesentliche der Parallele nicht und fällt sie zum voraus hin. 

3) Kuenen, Godsd. v. Isr. II, S. 134 ff. Lagarde , Gott. Gel. Anz. 1870, 
S. 1557 f. Wellhausen, Proleg.'-', S. 433 f. 

4) Neh. 8, 1 : Das Volk versammelte sich . . . imd hiefj Esra das Gesetzbuch 
Moses herbeibringen. Ganz anders 2Kön. 23 beim Deuteron. 

5) Esr. 2, 36ff. Neh. (5, lOf.; 12, 85. 41. Hagg. 2, 11. 



§ 0. Die Priesterschrift. 95 

bringen. Man sagt freilich : das Buch, wenngleich neu, machte sich als 
altraosaisches Erzeugnis geltend und konnte so über seinen jungen Ur- 
sprung täuschen. Allein wie konnte es bei dem Widerspruch, in dem 
es zu D und Ezechiel stand, den Glauben an seine mosaische Her- 
kunft erzeugen ? Dieses Rätsel löst sich nur unter der Voraussetzung, 
dafs P nach dem Exil nicht erst aufkam, sondern schon vorher, wenn 
auch zuerst nur als eine Art innerpriesterlicher Privatschrift, existiert 
hat. Auf diese Weise ist es denkbar, wie ein Buch, welches neben 
dem Deuteronomium mehr und mehr aufkam und nach dem Exil gleich 
demselben und Ezechiel als geschichtliche Gröfse überkommen war, 
trotz seiner Abweichung von ihnen vom Redaktor mit D verarbeitet 
und vom Volke gleich ihm anerkannt werden konnte. Also nur wenn 
nach dem Exil blofs die Redaktion vorhandener Gesetze, nicht aber 
wenn hier die Abfassung von P sich vollzog, erklärt sich die Zulassung 
von P trotz seiner Unterschiede von D und Ezechiel. — Dafs Ezechiel 
von P abweicht, hat nichts Befremdliches ^ Es erklärt sich nicht 
allein daraus, dafs P noch nicht öffentlich anerkannt ist — denn auch 
von D erlaubt sich der Profet abzugehen — , sondern noch mehr aus 
der Freiheit des Profeten, das Bestehende und Anerkannte kraft ori- 
ginaler göttlicher Eingebung umzugestalten ^. 

c. Überhaupt aber ist es nicht denkbar, wie im 5. Jahrhundert, 
nachdem die alten Schriften längst viel gelesen gewesen und Gemein- 
gut geworden sein müssen, noch neue von ihnen total abweichende 
Traditionen gesetzlicher und besonders geschichtlicher Art in so grofsem 
Mafsstab sollten aufgekommen sein, wie wir sie in P vorfinden. Mit 
Recht weist Dillmann ^ auf Parallelen wie Gen. 1 gegenüber Gen. 2 f , 
über den Todesort Moses und Aarons u. dgl. Nur wenn der Inhalt 
von P wirklich aus alter Zeit überliefert war, hat es überhaupt einen 
Sinn, ihn neben die übrigen Schriften zu stellen. Denn entfernt nicht 
alles in P von den andern Hexateuchquellen Abweichende erklärt sich 
aus seiner eigentümlichen Tendenz. Auch hier also ist die Thätigkeit 
eines nachexilischen Redaktors, der mit Pietät die aus alter Zeit über- 
lieferten, wenn gleich zum Teil sich gegenseitig widersprechenden Schrif- 
ten zusammenstellt, sehr wohl, die Thätigkeit eines nachexilischen 
Verfassers von P dagegen schwer verständlich. 

d. Mit gutem Grund hat man endlich an eine ganze Reihe von 



1) So Kuenen Onderz.^, § 12, No. 8. 

2) Dillmann, NuDtJo., S. 6G0. Baudissin, Der heut. Staud d. altt. Wiss., 
S. 52. 

3) NuDtJo., S. 670. 



06 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Bestandteilen des P erinnert, welche nach dem Exil in den Verhält- 
nissen des damaligen Israel gar keinen Boden mehr haben. Anderseits 
mufs das Fehlen von Institutionen, die gerade in nachexiHscher Zeit 
besondere Wichtigkeit erlangt hatten, fast noch mehr auffallen. In 
letzterer Hinsicht sind beispielsweise die Wallfahrtsvorschriften heraus- 
zuheben, welche, obwohl der spätem Zeit sehr am Herzen liegend, doch 
in P keine Stelle haben. Den ersteren Punkt anlangend nennt Dill- 
mann ^ die Verordnungen über die Stammgebiete, die Leviten- und 
Asylstädte, das Kriegs- und Beuterecht, aber auch die Gesetze über 
Bundesiade, Urim und Tummim, Salbung des Hohenpriesters, sowie 
die freie Verfügung über das Land voraussetzenden Agrargesetze. 



§ 10. 
Fortsetzung. Die Gründe für nachexilische Abfassung von P. 

Allerdings sind hiermit nun erst eine Anzahl von Gründrn wider 
die Annahme der nachexilischen Abfassmig von P geltend gemacht. Es 
ist jedoch schon oben nicht verhehlt, dafs auch Gründe von nicht zu 
unterschätzendem Gewicht für jene Meinung sich geltend machen 
lassen. Ich führe sie im Folgenden den Hauptpunkten nach vor und 
überlasse dem Leser, sich ein abschliefsendes Urteil über diese noch 
ungelöste Streitfrage zu bilden. Da ich selbst durch jene Gründe von 
der nachexilischen Abfassung von P bis jetzt mich nicht habe über- 
zeugen können, so füge ich unmittelbar bei, was meiner Meinung nach 
die Beweiskraft jener Argumente zu einem erheblichen Teile aufhebt. 
Die oben aufgestellten allgemeinen Grundsätze werden dabei mafsgebend 
sein. 

1. Das archäologische Moment. Die Beweisgründe der 
Grafschen Hypothese zerfallen in drei ^ Klassen. Von der sprachlichen, 
litterarischen und inhaltlichen, d. h. archäologisch-kulturgeschichtlichen 
Seite aus haben die Vertreter dieser Ansicht den Hexateuch durch- 



1) NuDtJo., S. 670. 

2) Eiueu vierten Gesichtspunkt, den religiösen, hat jüngst Stade, Theol. Litt. 
Zeit. 1887, Nr. 9 gefordert. Man wird dem nur zustimmen können. Doch ist 
hierfür die Hauptarbeit erst zu thun Die von Stade dort weiter vorgetragenen 
Anschauungen werden manches Bedenken schon deshalb hervorrufen, weil ja nach 
sanstiger Anschauung Jesus viel weniger an P als au das religiöse Bewufstsein 
der Profeten angeknüpft hat. Wie soll überhaupt P (mit Opferdienst, levitischer 
Reinheit u. s. w.) dem ueutest. Heilsgut näher stehen als die Profeten? 



§ 10. Fortsetzung. Die Grriiude für nachexilische Abfassung von P. 97 

forscht , um auf diesen drei Wegen Matei'ial zur Begründung ihrer 
Annahme zusammenzutragen. Das bedeutsamste der in Frage kom- 
menden Gebiete ist die Geschichte des Kultus. Auf sie hatte schon 
Graf sich mit VorHebe berufen * , sie hat auch Wellhausen ^ mit be- 
sonderem Geschick und Glück wieder aufgenommen. Als die wichtig- 
sten Gegenstände kommen hierbei in Frage : der Ort des Gottesdienstes, 
das Opfer, die Feste, die heihgen Personen. 

Hinsichtlich des zum Gottesdienst geeigneten Ortes ^ weist die 
aufserhexateuchische Geschichte deutlich drei Hauptstadien der Ent- 
wickelung auf Das hebräische Altertum seit der Ansiedelung in Ke- 
na'an und von der Richterzeit abwärts zeigt eine gewisse Freiheit. 
Man kann, ehe der Tempel errichtet ist, sein Opfer darbringen, wo man 
will, d. h. wo entweder schon eine Opferstätte sich befindet *, oder man 
durch Errichtung eines Altares sich eine solche schafft ^. Auch nach 
dem Tempelbau mag diese Freiheit der Bewegung noch einige Zeit un- 
bestritten fortbestanden haben ^. Wie lange dieselbe anzusetzen sei, ist 
fraglich, da die Aussprüche der Profeten des 8. Jahrhunderts, auch des 
Micha '', in dieser Richtung nicht über allen Zweifel erhaben sind. 
Jedenfalls hat Josia eine Änderung angebahnt. Seine Reform schafil 
die Landheiligtümer, Höhen genannt, zugunsten des Tempels in Jeru- 
salem ab. Nach Josias Tode scheint manches von seiner Reform wie- 
der in Abgang gekommen zu sein. Erst die nachexilische Zeit zeigt 
uns das Bild einer unbestritten und ohne Einschränkung zur Durch- 
führung gekommenen Zentralisation des Gottesdienstes in Jerusalem. 

An diesem Sachverhalt mifst man die Priesterschrift und kommt 
auf leichtem Wege zu dem Ergebnis ihrer nachexilischen Abfassung. 
Entsprechen, was den Ort des Gottesdienstes anlangt, das Bundesbuch 
und die Erzählung von E und J mit ihrer Zulassung vieler Altäre im 



1) Die geschicbtl. Buch. d. AT., S. 36—68. 

2) Proleg. zur Gesch. Isr.^ S. 17—174. 

3) Vgl. hierüber im allgemeineu Wellhauseu, Proleg.-, S. 17 — 54 und Kueneu 
Ond.'^ § 11, S. 194—197; anderseits meine Ausführungen in ThStW. II, S. 33—47; 
Bredenkamp, Ges. und Prof., S. 129—171. 

4) Vgl. über Bokim, 'Ofra, Mispa, Gilgal, Betlehem u. a. die Stellen Rieht. 
2, 5; 6, 24fF.; 8, 27; 20, 1. ISam! 7, 9. Rieht. 20, 23. 26 ff.; 21, 2. 4. 1 Sam. 
10, 3. 5; 10, 8; 11, 15; 13, 9; 16, 4 ff.; 20, 29. 

5) Vgl. iSam. 7, 17; 14, 35. 2 Sam. 6passim. 

6) Vgl. EUa IKön. 18, 30 ff. (19, 10. 14); fromme Könige wie Asa, Josafat, 
Joas, Amasja, Uzzia, Jotam. 

7) S. über Micha ], 5 Kuenen Ond.^, § 11, No. 8. Die Lesart piDS """'d 
durch die LXX im Zusammenhang mit V. 5a zwar nicht unmöglich, aber doch 
etwas zweifelhaft gemacht. 

Kittel, Gesch. der Hebräer. 7 



^§ Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Lande, „an jedem Oi't, da ich meinen Namen ehren lasse'' ^ , der 
älteren Praxis; und ist das Deuteronomium mit seiner Forderung der 
Zentrahsation ein Produkt des 7. Jahrhunderts: so gehört, sagt man, 
P der Zeit der Restauration an. Denn nur in ihr konnte die Einheit 
des Heiligtums als anerkannt vorausgesetzt werden. Sowohl P als D 
wollen ja nur e i n Heiligtum zulassen. Der wesenthche Unterschied 
aber zwischen beiden ist, dal's dieses die Herstellung der Einheit erst 
fordert, jenes dagegen sie als durchgeführt voraussetzen kann. 

Allein mau darf nicht übersehen, dafs erhebliche Bedenken gegen 
diese Beweisführung sich geltend machen lassen. Setzt die Priester- 
schrift wirklich die Zentralisation voraus? Und, wenn sie es thut, 
weifs ihr Verfasser sie als fertige geschichthche Thatsache? Ferner: 
ist die im Deuteronomium zutage tretende Forderung der Zentralisierung 
erst in ihm, bzw. erst unter Josia zum erstenmal ins Leben getreten 
oder können wir sie schon früher nachweisen? 

Dafs P die Einheit des Heiligtums mehr als vollzogen voraussetzt, 
als er sie beliehlt, ist keine Frage. Aber dafs er sie durchweg vor- 
aussetzt, ist zu bestreiten. Lassen sich nur wenige Fälle derart kenn- 
zeichnen, wo P die Zentralisation sogut wie D fordert, so müssen sie 
als Belege für die hiei' vorzutragende Meinung schwer ins Gewicht 
fallen. Denn der Natur der Sache nach, weil es sich um ein Fallen 
aus der Rolle handelt, darf auf eine grofse Zahl derselben nicht ge- 
rechnet werden. Solche Fälle finde ich in Lev. 17 und Num. 16, 8 ff. 
Dafs die letztere Stelle, die Erzählung von der Rotte Qorali, gewisse 
Kämpfe zwischen Priestern und Leviten zum historischen Hintergrund 
hat, wird man kaum bestreiten können. Nun handelt es sich freilich 
dabei nicht direkt um die Einheit des Heiligtums. Wohl aber indirekt. 
Denn jene Kämpfe mufsten aufs engste mit der Verdrängung der Le- 
viten aus dem Opferdienste, wie er die natürliche Folge der Zentra- 
lisation war, zusammenhängen. An nachexilische Verwickelungen zu 
denken ^, liegt kein Grund vor. 

Finden wir hier erst das Bestreben nach Beseitigung der Leviten 
und damit nach Vereinigung des Gottesdienstes im Tempel , so tritt 
dasselbe in Lev. 17, 3 ff. zutage. Auch hier kann keine Rede von 



1) Ex. 20, 24. Vgl. Dillmanu z. d. St. Dafs mit dieser Bedingung nicht 
jeder beliebige Ort als Opferstätte zugelassen ist, ist richtig , wohl aber jeder, an 
welchem man eine Kundgebung Jahves nachweisen konnte. 

2) Wie Kayser, JPTh. VIT, S. 642 und Wurster, ZAW. IV, S 116 Anm. 
thun. Auch lleufs, Gesch. d. AT., S. 466 nimmt hier einen vor exilischen Anta- 
gonismus an, trotzdem er die Folgerung ablehnt. 



s5 10. Fortsetzung. Die Gi-üudo fiii* nachexilisclie Abfassung von P. 99 

wirklich erreichter Zentralisation sein. Sie wird deutlich erst gefor- 
dert ^ Dals die Sammlung Lev. 17 — 26 erst von P aufgenommen ist 
und ursprünglich, wenngleich in einfacherer Form, selbständig existierte, 
kann nicht gegen die Verwendung dieser Stelle für die Anschauung 
von P sprechen ^. Denn wenn P oder einer seiner Nachfolger ^ sie 
aufnahm, so ist allermindestens seine Übereinstimmung mit ihrem In- 
halte im höchsten Grade wahrscheinlich. Dazu hat er sie nicht nur 
aufgenommen, sondern überarbeitet ^ — ohne die ihm angeblich wider- 
sprechende Forderung zu ändern. Endlich aber ist ein Widerspruch 
derselben mit den sonstigen Grundsätzen des P — wenngleich ein sol- 
cher unserer Anschauung nicht gerade zuwider wäre — nirgends zu 
entdecken °. 

Immerhin ist zuzugeben , dafs in der Regel P die Zentralisation 
als etwas Selbstverständliches , das nicht mehr gefordert zu werden 
braucht, behandelt. Er setzt sie voraus , als wäre sie seitalters unbe- 
stritten vorhanden. Man darf jedoch die eben besprochenen Aus- 
nahmen nicht übersehen. Sodann aber: was will bei einer Schrift von 
der Art und Tendenz des Priestercodex diese Thatsache bedeuten? 
Kann man nach dem oben S. 91 gegebenen Kanon hieraus mehr 
schliefsen, als dafs P diese Form der Darstellung benützt, um die Ein- 
heit des Heiligtums zu erlangen — d. h. dafs man sie zu seiner Zeit 
noch nicht in Wirklichkeit besitzt, sondern erstrebt? 

Auf welche Zeit sind wir damit geführt? Im allgemeinen darf, 
sind die obigen Sätze richtig, gesagt werden: auf die Zeit seit dem 
ersten Aufkommen der Einheitsbestrebung. Denn es müfste wunder- 
lich zugegangen sein, hätten die Kreise des P, die Priesterschaft von 
Jerusalem, den Gedanken der Vereinigung aller Opfer in Jerusalem 
sich nicht vom ersten Augenblick seines Aufkommens an zunutze ge- 



1) So auch Wellhausen, Proleg.', S. -100. 

2) Wellhauseu, Proleg.^ S. 53. 

3) S. unten S. 115. 

4) Wellhauscn, JDTh. XXII, S. 425. Kayser, Vorex. Buch, S. 69 und JPTh. 
1881, S. 541 fF. Horst, Lev. 17- 2G und Hez. , S. 14 fF. Kuenen Ond.% § 6, 
No. 27 f. 

5) Über Gen. 9, 3 f. und Lev. 7, 22 ff. s. Dillmann, ExLev. , S. 535, auch 
ThStW. II, S. 43. Anders Wurster in ZAW. IV, S. 120. Allein Gen. 9 is^ ganz 
im allgemeinen der Fleischgenufs gestattet : ob das Tier rein oder unrein, opferbar 
oder nicht opferbar sei, wird gar nicht in Betracht gezogen. Vom Opfer ist, wie 
überhaupt in P vor Mose, gar nicht die Rede; ob profane Schlachtung zuge- 
lassen ist, kann daher erst aus späteren Stellen in P — nämlich eben Lev. 17 — 
entschieden werden. 

7* 



100 Erstes Buch. A. Der Hexateucb. 

macht. Nicht ebenso leicht ist es, diesen Zeitpunkt näher zu be- 
stimmen. So nahe e:; liegt, ein starkes Streben nach Einheit seit den 
ersten Zeiten nach dem Aufkommen des salomonischen Tempels an- 
zunehmen \ so wenig greifbare Anhaltspunkte haben wir für dasselbe 
in früherer Zeit. Unter allen Umständen aber ist es unrichtig, mit 
Wellhausen ^ die Einheitsforderung erst seit Josia aufgekommen sein 
zu lassen. Der Reform Josias ist ein Reformversuch Hizqias voran- 
gegangen, den Wellhausen ^ ohne genügende Gründe in Zweifel zieht *. 
Mag derselbe auch wenig Erfolg gehabt haben: immerhin ist er ein 
vollwichtiger Beweis dafür, dafs 80 Jahre vor Josias Werk derselbe 
Gedanke schon kräftige Wurzel gefafst hatte. Die tiefste Stelle in der 
Geschichte, bis zu welcher uns der in P vertretene Einheitsgedanke 
herabzugehen nötigt, ist somit Hizqias Reformversuch. Weiter hinauf- 
zugreifen ist aber anderseits, wenigstens für denjenigen, welcher Lev. 
17 ff. aufnahm und überarbeitete, nicht rätlich. Denn mit Beziehung 
auf das Nordreich konnte die Schlachtung in Jerusalem nicht wohl ge- 
fordert werden. Wohl aber nach dessen Wegführung ^. 

Auch das Opfer läfst sich hinsichtlich der in P uns vorliegenden 
Theorie und der in der Geschichte zutage tretenden Praxis vergleichen. 
Diese Vergleichung soll aufs neue das Resultat ergeben, dafs vor dem 
Exil die Opfertora der Priesterschrift unbekannt war ^. 

Die Geschichte zeigt auch hier grofse Freiheit. Wo in älterer 
Zeit geopfert wird, hält man sich wenig oder nicht an das in P co- 
difizierte Ritual ''. Erklären sich manche dieser Freiheiten aus lokalen 
Verhältnissen oder stehend gewordenen Mifsbräuchen, so erweisen doch 
die aus den historischen Büchern hervorleuchtenden Zustände zugleich 
die Thatsache, dafs das Ritual in P in fi-üherer Zeit und bis zum 
Exil im grofsen Ganzen nicht zur Anerkennung im Leben gekommen 
ist. Wellhausen ^ schhefst hieraus, dafs man, so lange der Tempel be- 



1) Nöldeke, Unters, z. Krit. d. AT., S. 127 f. 

2) Proleg.^ S. 28. 

3) Proleg.^ S. 26. 48 ff. 

4) S. 2E:ön. 18, 4 und bes. V. 22 und darüber Kuenen Ond.^ § 11, No. 9; 
Finsler, Darstell, und Krit. der Ansicht Wellhausens (Zürich 1887\ S. 54. 

5) Was Kuenen § 11, No. 28 a über die Zeit der Ausführbarkeit von Lev. 17 
sagt, ist nicht klar. Das Gesetz in seiner heutigen Gestalt war in der Zeit der 
vielen Heiligtümer nicht ausführbar. Wohl aber stammt es in seiner Urgestalt 
aus jener Zeit, was Kuenen, § 14, No. 6 ohne Grund bestreitet. 

6) S. Wellhausen, Proleg.^, S. 54—85; Kuenen Ond.% § 11, S. 204-206. 

7) Vgl. Rieht. 6, 19—21. 1 Sam. 2, 13 ff. (7, 6); U, 35. 1 Kön. 19, 21. 
2 Eon. 5, 17. 

8) Proleg.% S. 62. 



§ 10. Fortsetzung. Die Gründe für nachexilische Abfassung von P. 101 

stand, überhaupt kein Kitual besessen habe. Erst Ezechiel macht nach 
ihm den Anlang der Codilizierung der Opfervorschriften und vollends 
in und nach dem Exil wird es begreiflich, „ wie die heilige Praxis von 
ehemals nun zum Gegenstand der Theorie und Schrift gemacht" 
wird ^ 

Diesen Sätzen widerspricht manches, was sie nicht zu erklären 
vermögen. Mag man nämlich auch gerne zugeben, dafs das jetzt in 
P, besonders in Lev. 1 — 7, vorhandene Ritual seine heutige Gestalt erst 
in verhältnismäfsig später Zeit erlangt hat — worauf schon die Be- 
schaffenheit dieser Gesetze weist, welche ältere und teilweise sehr alte 
Bestandteile von jüngeren scheiden lehrt ^ — : so ist es doch im höch- 
sten Grade unwahrscheinlich, dafs nicht wenigstens die Grundlage des 
heutigen Opferrituals sollte unter den Priestern, besonders denen des 
Tempels seit Salomo, als Norm sowohl mündlich wie schriftlich be- 
standen haben. Gelegentliche Opfer einzelner, wie sie die historischen 
Bücher mit Vorliebe berichten, mögen, besonders in älterer Zeit nach 
Freiheit und altem eigenartigen Herkommen behandelt worden sein. 
Die grofsen Opfer am Tempel, der mit der Zeit eine stattliche Priester- 
schait um sich sammelte, können unmöglich nach Willkür und zu- 
fälligem Drange gehandhabt worden sein. Dafs man erst im Exil be- 
gonnen habe, das Ritual aus der Erinnerung ^ zu fixieren, ist an sich 
nicht walirscheinHch. Gerade je gröfser der von den Profeten gerügte 
Eifer des Volkes ist, desto näher legt sich der Gedanke , dafs das so 
eifrig gepflegte Opfer auch gewissen Regeln unterstellt war. Wenn 
vollends Jeremia * direkt gegen Opfergebote polemisiert, so liefert er 
den Beweis, dafs er solche — ob das Ritual des P oder ein anderes, 
kommt hier nicht in Frage — kennt. 

Dafs überhaupt das Ritual nicht zur Tora gehörte, weil diese 
zugleich, und vielfach vielleicht wesentlich, in mündlicher und mora- 
lischer Belehrung bestand, ist zu viel geschlossen. Dies beweisen nicht 
allein Stellen, welche Vorschriften über verwandte, an Wichtigkeit dem 
Opfer nicht überlegene Gegenstände erwähnen ° : noch mehr spricht 
dafür wie die Natur der Sache, so die Analogie der andern alten Völ- 
ker. Israel kommt aus einem Lande und steht jederzeit mit ihm in 
Verbindung, in welchem die äufserliche Satzung und Formel zu allen 



1) Wellhausen, Proleg.% S. 62. 

2) S. Dillmaun, ExLev., S. 373 flP. 386. Wurster, ZAW. IV, S. 127. 

3) Wellhausen, Proleg.% S. 62. 

4) Jer. 7, 22. 

5) Ler. 20, 25. Deut. 14. 24, 8; vgl. Dlllnaann, ExLev., S. 386. 



103 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Zeiten eine Rolle gespielt hatte. Wie in Ägypten, so ist in Babylonien 
und Assyrien der Opferdienst frühe geregelt. Die Opfertafel von Mas- 
süia hat dasselbe für die Phöniken ins Licht gerückt ^ Sollte bei 
dieser Peinlichkeit der Priesterschaften ringsum - in Israel allein bis in 
die Tage der Restauration eine urwüchsige Formlosigkeit geherrscht 
haben, die sonst ohne alles Beispiel dasteht? Ja sollte die später ent- 
standene Herrschaft der Form und des Buchstabens ganz und gar erst 
das Produkt jener späteren Zeit sein, wenn doch Jeremia ^ schon gegen 
priesterliches Unwesen und Priestersatzung aller Art auftreten raufs? 

Aufserdem aber soll die Opfertora in P sich diu'ch gewisse Neue- 
rungen gegenüber der vorexilischen Praxis als ein Produkt der Re- 
staurationsperiode ausweisen. Wellhausen ^ konstatiert in P eine fort- 
gehende Verfeinerung des Opfers, die Verdrängung des Mahlopfers 
durch das Brandopfer , sowie das Aufkommen neuer Opferarten — 
lauter Umstände, welche ihm die nachexihsche Entstehung jener Tora 
aufser Zweifel stellen. 

Die allgemeinen Grundsätze sind liier nicht zu bestreiten. Das 
Durchdringen des Priesterrituals konnte sehr wohl die Folge haben, 
das Opfer nach mancher Richtung zu verfeinern. Und besonders 
mochte das Mahlopfer, wie es bei den in Berichten früherer Zeit er- 
wähnten volkstümlichen Anlässen die Hauptrolle spielte, durch das 
Brandopfer in Schatten gestellt werden. Allein damit ist nur die 
natürliche Tendenz der Tora und ihi-e thatsächliche Frucht gekenn- 
zeichnet. Für ihre spätere Entstehung ist hiermit nichts gewonnen — 
um so weniger, als in der That auch bei P das Dankopfer durchaus 
zu seinem Rechte kommt ^. Anders freüich wäre es , wenn sich er- 
weisen liefse, dafs gewisse der Tora wichtige Opferarten überhaupt in 
der vorexihschen Praxis keinen Boden haben. Wellhausen hat dies 
vom Rauch- und den Sühnopfern ^ behauptet. Für richtig kann ich auch 
hier nur so viel erachten, dafs beide Opferarten allerdings erst in ver- 
hältnismäfsig späterer Zeit, wohl infolge des ausgebildeten Tempel- 
dienstes, zui' Geltung kamen. Die frühere, nachmosaische Zeit kennt 
sie nicht. Dafs sie aber beide in der Königszeit vor dem Exil schon 



1) S. Dülmanu, NuDtJo., S. 647. 662; auch Baethgen iu Theol. Lit.-Zeitg. 
1887, Nr. 4. 

2) S. aufserdem aucl^ Bibbeck, Die Dichtung der Bömer 1887, S. 1 flf. 

3) Jer. 7, 22; 8, 8; vgl. Jes. 29, 13. 

4) Proleg.S S- (^3 ff. 

5) Lev. 3. 7, 11—34; vgl. 22, 21 ff. 29 ff.; 23, 38. Vgl. dazu m. Ausführ, in 
ThStW. II, S. 57 f. 

6) Proleg.«, S. 66 f. 75 f. 



§ 10. Fortsetzung. Die Gründe für nachexilische Abfassung von P. 10:J 

vorhanden sind und geübt wurden, wird man schwerlich beseitigen 
kr)nnen ^ 

Dafs Hosea ^ das Öülinopfer kennt , hat gegenüber Wellhausen 
Kuenen ^ neuerdings zugegeben. Ebenso läfst sich aber auch zeigen, 
dafs Ezechiel, von dem man geradezu behauptet, er habe das Sünd- 
opter zuerst eingeführt \ das Sündopfergesetz des P gekannt hat. Ich 
habe den Nachweis an einem andern Orte ^ zu führen versucht und 
kann hier auf denselben verweisen. Kaysers Gegenbemerkungen ^ ent- 
kräften jene Beweisführung nicht. — Ahnlich verhält es sich mit dem 
Rauchopfer. Dafs dasselbe in der Tempelpraxis der Königszeit ent- 
stand, ist mir wahrscheinlich. Auch mag der Räucheraltar im Gesetz 
vielleicht erst als Zusatz zu P hinzugekommen sein. Aber weder 
Räucheropfer ^ noch Rauchaltar * weisen auf erst nachexilische Zeit. 

Einen weiteren Anlafs zur Vergleichung der Priestertora mit dem 
Leben vor dem Exil geben die Feste ^ Israels. Man schliefst auch 
hier aus dem Mangel an Nachrichten über den Gesetzen des P ent- 
sprechende Festfeiern vor dem Exil auf das Nichtvorhandensein jener 
Gesetze. Doch zeigt sich an diesem Gegenstande, wie mir scheint, 
deutlicher als an einem andern die Mangelhaftigkeit des argumentum 
e silentio. Dafs die Festgesetze des Bundesbuches und des Deutero- 
nomiums vor dem Exil vorhanden sind, ist unbestritten. Und doch — 
wie viel Festfeiern weist uns die Geschichte auf, die ihnen entsprochen 
hätten? Will man sich auf die dürftigen Nachrichten der historischen 
und profetischen Bücher als Beweise für das Vorhandensein von Ge- 
setzesbestimmungen stützen, so könnte allein die Bestimmung über das 
Laubhüttenfest die Probe bestehen. Nach geschichtlicher Feier des 
Massot- wie des Wochenfestes, suchen wir dagegen, einige blasse An- 
deutungen abgerechnet, vergeblich. Wo bleiben sie, da doch die 
anerkannt ältesten Gesetze ^*^' sie vorschreiben? Was will es also be- 
sagen, wenn auch der Versöhnungstag und der Neumond des 7. Mo- 



1) Vgl. auch Delitzsch, ZkWL. 1880, S. 8. 

2) 4, 8. 

3) Onderz.% § 11, No. 26. 

4) Wellhausen, Proleg.% S. 77. 

5) ThStW. II, S. 59 ff. 

6) JPTh. 1881, S. 646 f. 

7) Vgl. ThStW. II, S. 53 f. und dagegen Kayser, JPTh. VII, S. 647. 

8) Vgl. Delitzsch, ZkWL. I, S. 113 ff. 

9) S. darüber Graf, Gesch. BB., S. 36 ff,; Wellhausen, Proleg.S S. 85—124; 
Kuenen Ond.% § 11, S. 201—204. 

10) Ex. 2.3, 15 f.; 34, 18 ff 



104 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

nats vor dem Exil nicht erwähnt werden — vollends da man den Ver- 
söhnungstag ^ auch nach dem Exil vergeblich sucht? Geht es nach 
jener Regel, so bestand als wü'klich gefeiertes Fest nur das grofse 
Herbstfest, und die andern existierten nur im Gesetze. Waren aber 
zwei Feste blofs im Gesetze vorhanden , warum nicht auch einige 
weiteren? Wie vorsichtig man überhaupt sein raufs, P, auch da wo 
er über E, J und D hinausgeht, zu behandeln _, als griffe er aus der 
Luft, zeigt die von P allein erwähnte Feier des Neumonds, die doch 
im geschichtlichen Leben eine so grofse Rolle spielte ^. 

Wenn ferner gesagt wird, die ältere Gesetzgebung kenne die Feste 
noch ganz und gar in ihrer ursprünglichen Bedeutung als agrarische 
Feiern, P dagegen knüpfe sie an historische Anlässe und entkleide sie 
damit ihrer Naturwüchsigkeit: so ist auch dies nicht ohne weiteres 
richtig. Es bedarf grofser Kunststücke, um aus den älteren Ge- 
setzen ^ die Beziehung des Massotfestes auf den Auszug aus Ägypten 
zu entfernen und als erst aus dem Deuteronomium hereingekommen 
nachzuweisen ^. Ebenso ist anderseits in dem P zugehörigen Gesetze 
in Lev. 23 ^ der agrarische Charakter der Feste noch durchaus fest- 
gehalten. Erst in Num. 28. 29 tritt allerdiegs die agrarische Grund- 
bedeutung der Feste ganz zurück und dagegen die kalendarische Fi- 
xierung und die nüchterne Aufzählung der Abgaben in den Vorder- 
grund. Allein es ist aus anderen Gründen ^ höchst wahrscheinlich, dafs 



1) Über denselben s. näher besonders Dillmann, ExLev., S. 525; Delitzsch, 
ZkWL. I, S. 173 ff. 

2) Vgl. Dillmann, ExLev., S. 580. 

3) Ex. 23, 15: 34, 18. 

4) Wellhausen, Proleg.% S. 87 ff. 

5) Dals das Kapitel, wie es vorliegt, aus P stammt, scheint mir unbestreitbar. 
Die Versuche, zwei in sich geschlossene Teile, einen nichtelohistischen (9 — 22 u. 
39 — 43) und einen elohistischen (der Rest) auszuscheiden, wie sie früher George 
(Die alt. jüd. Feste, S. 127. 143) und neuerdings Wellhausen [3DTh. XXII, 
S. 431 ff.) vollzogen haben, scheitern an den vielfachen Kennzeichen von P auch 
im angeblich uichtelohistibchen Teile, auch daran, dafs dann kein Teil ein voll- 
ständiges Festgesetz hätte (Dillmann, ExLev., S. 576). Die Annahme Kuenens 
(Ond.^ § 6, No. 27), V. 9—22 und 39—44 gehören zu P*, erklärt ebenfalls das 
Hereinkommen der sonst P* kennzeichnenden Ausdrücke und Wendvmgen nicht. — 
Man mufs deshalb sich begnügen anzunehmen, dafs P hier wie sonst in diesen Ka- 
piteln ältere Gesetze aufnahm, überarbeitete und mit Zusätzen versah. Die Schei- 
dung im einzelnen gelingt nicht, wie schon die grofse Verschiedenheit der Versuche 
(Hupfeld, Commentatio de prim. festorum ratione II, p. 3 sqq.; Graf, Gesch. BB., 
S. 78; Kayser, Vorex. Buch, S. 73 ff.), und besonders die äufserst mechanische 
Scheidung Horsts (Lev. 17—26 und Ez., S. 26) zeigen. 

6) Nöldeke, Unters., S. 90. Dillmann, NuDtJo., S. 181. 



§ 10. Fortsetzung. Die Gründe für nachexilische Abfassung von P. 105 

diese beiden Kapitel erst zu den spätesten Zusätzen des P gehören. 
Dal's diese Kapitel einen Fortschritt gegenüber dem D darstellen, ist 
nicht zu bestreiten. Auch den Einflufs der Zentralisierung ^ wird man 
hier nicht verkennen. Allein damit sind wir immer noch nicht weiter 
geführt als in die Zeiten, in welchen nach dem Obigen die Zentra- 
lisation eine den Priestern am Herzen liegende Angelegenheit zu wer- 
den begann. Denn dafs Gesetze, wie sie in Num. 28 f. vorhegen, nur 
als nachträghche Fixierung einer ehemaligen Praxis und nicht auch als 
Theorie zu verstehen wären, wird man nicht behaupten wollen. 

Mit besonderem Nachdruck hat man sich endlich seit Graf^ auf 
den eigenartigen Passahritus ^ in P als Beweis für die späte Ent- 
stehung der Priesterschrift berufen. Ich gestehe, dafs ich auch diesen 
Beweis keineswegs als zwingend erachten kann. Erweckt es schon 
Bedenken, dafs wenigstens in der ersten Zeit nach dem Exil sich die 
Passahfeier nicht streng an P gehalten zu haben scheint * : so macht 
der Vergleich mit dem Deuteronomium die sehr späte Entstehung des 
Ritus von Ex. 12 noch unwahrscheinlicher. Die Notiz in D, das Passah 
solle „ nicht in irgendeinem deiner Thore " gefeiert werden '">, kann näm- 
lich kaum anders gedeutet werden, als dafs bisher das Passah im 
Hause begangen wurde. Die „Thore" auf die mancherlei Orte in 
Israel, an welchen Heiligtümer standen, zu beziehen, verbieten sowohl 
andere Stellen ^ als der Umstand , dafs der Zusatz bei den andern 
Festen fehlt und nur beim Passah sich findet. Die Wallfahrt nach den 
Höhen wird mit der Bemerkung: man leiere das Fest an der Stätte, 
die Jahve erwählen werde "^ , die häusliche Feier des Passah mit der 
Notiz : das Passah dürfe nicht in den Thoren Israels begangen werden, 
untersagt. — Welcher Zeit im übrigen Ex. 12 entstammt, mag immer- 
hin ein Rätsel bleiben; aber dafs die häusliche Feier nicht erst im 
Exil den Boden ihrer Entstehung besafs, scheint mir hiermit erwiesen. 



1) Wellhausen, Proleg.'', S. 106. 

2) Gesch. Buch., S. 34 f. 

3) Ex. 12, Iff. 

■4) 2Chron. 30, 15 ff.; 35, Iff. 

5) Deut. 16, 5. 

6) Z. B. Deut. 12, 12. 17. 18. 21; 16, 11. 14 Thor = Wohnort. Die Höhe 
wird 12, 13. 2. 3 (vgl. V. 5. 18. 16, 2. 6 etc.) mit mpo bezeichnet: „ (Anbetungs)- 
Stätte, die Jahve erwählt" gegenüber der Mehrheit von (-^-i) „Stätten, die du 
(rings um dich) siehst" (12, 13). 

7) Deut. 16, 2. 11. 15. 16. Beim alten Ritus Avar die Massotfeier , beim 
Jüngern des D das Passah Wallfahrtsfest. 



106 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Dadurch fällt aber der Hauptgrund weg, der veranlassen konnte, das 
Passahgesetz des P für nachexilisch zu halten. 

Neben den genannten drei Gegenständen: Ort des Gottesdienstes, 
Opferdienst und Festordnung wird nun noch das in P vorliegende 
Verhältnis der Priester und Leviten zum Beweis der nachexilischen 
Abfassung der Priesterschrift verwandt ^ Es kann sich jedoch auch 
bei dieser überaus weitschichtigen, eine eigene eingehende Untersuchung 
erheischenden Angelegenheit für uns nur um die mafsgebenden Haupt- 
punkte handeln -'. 

Bekannt ist, wie P eine strenge Scheidung zwischen Priestern und 
Leviten vollzieht; jene, die Söhne Aarons genannt, sollen allein den 
Opferdienst am Altare innehaben, die Leviten sind ihnen untergeordnete 
Hierodulen. Eine ähnliche Scheidung vollzieht auch Ezechiel '^. Ihm 
gelten die Söhne Sadoq, das von dem Oberpriester Salomos sich ab- 
leitende Geschlecht, allein als Priester ; die Leviten sind ihnen unter- 
geben. Anderseits vollzieht das Deuteronomium jene strenge Scheidung 
nicht. Hier heifsen die Priester gleichzeitig auch die Leviten, und der 
ganze Stamm Levi wird zusammenfassend als zum Priestertum be- 
rechtigt bezeichnet. Auch die älteren Geschichtsbücher wissen von 
einer so schroffen Trennung der Priester und Leviten, wie P und 
Ezech. sie vollziehen, nichts. Zwar wird die Zugehörigkeit zum Stamme 
Levi — wenngleich auch nicht selten Laien ein Priestertum beklei- 
den * — nicht als gleichgültig oder gar überflüssig erachtet ^. Man 
zieht vielmehr einen levitischen Priester einem andern vor ^. Aber von 
einer strengen Gliederung nach Rang und Stand ist innerhalb der Le- 
viten nicht die Rede. 



1) Vgl. im allgemeinen: Graf, Gesch. Buch., S. 42 — 51: Wellhausen, Proleg.'\ 
S. 125 — 157; Maybaum, Gesch. d. isr. Priestertums 1880; Kuenen Ond."', § 11, 
S. 197 — 201. Von der andern Seite: Curtiss, The levitical priests 1877: Dillmann, 
ExLev., S. 457 ff.; Kittel, ThStW. II, S. 147—169; III, S. 278—314; Bredenkamp, 
Ges. und Prof., S. 172-202: dazu in Riehms HWB. imd Herzogs RE.^ die 
betr. Art. 

2) Vgl. meine eingehendere Erörterung des Gegenstandes in der eben ge- 
nannten Abhandlung. 

3) Ex. 44, 5—16. 

4) Vgl. u. a. Rieht. 6, 26; 13, 19; 17, 5. 2 Sa. 8, 18; 20, 26. 

5) Was freilich von Wellhausen, Proleg."^, S. 131 ff. bestritten wird, wogegen 
Kuenen Ond.^, § 11, S. 197 f. wenigstens zugiebt, dafs Leviten „mehr als andere 
für geeignet galten". — Allein schon die Thatsache, dafs Eli nach 1 Sam. 2 un- 
streitig als Sprofs des altberechtigten Priestergeschlechtes gilt, mufs im Zusammen- 
hang mit Stellen wie Rieht. 17, 7 ff. als hierfür beweisend anerkannt werden. 

6) Rieht. 17, 12 f.; 18, 19 f. 27. 30 f.; 19, 18. 



i; 10. Fortsetzung. Die Gründe für nachexili.sche Abfassung von P. 107 

Die hier genannten Hauptdaten hat man dann in der Weise grup- 
piert, dafs das Residtat nachexiUscher Herkunft des P notwendig dar- 
aus hervorzugehen scheint. P und Ezechiel, fiihrte man aus, Hegen 
deuthch in einer und derselben Linie, D und die ähern Geschichts- 
berichte in der andern. Jene beiden kennen die Scheidung innerhalb 
des heiligen Personals, diese nicht. Innerhalb der ersten Gruppe aber 
ist wiederum ein Unterschied der zwei Vertreter der 1'rennung zu finden : 
P setzt die Scheidung als geschehen und als zu seiner Zeit rechtlich 
vollzogen voraus, Ezechiel stellt sie erst als Forderung für die Zukunft 
— und zwar zum erstenmal — auf. So ergiebt sich von selbst: P 
fufst auf Ezechiel, dem exilischen Profeten, ist also nachexilisch ; Eze- 
chiel selbst folgt dem D nach. Einheit der Priester und Leviten, ge- 
forderte Trennung, vollzogene Scheidung — sind die Stadien des ganzen 
Prozesses. 

Wellhausen hat diesen Gegenstand in schlagender und fast voll- 
endeter Weise behandelt. So treffend viele seiner Ausführungen sind 
und so sehr man nicht selten unter seiner Schilderung die Dinge glaubt 
wachsen zu sehen , so lassen sich doch gewichtige Bedenken nicht 
unterdrücken. Wie läfst es sich verstehen, dafs nach dem Exil nur 
eine ganz geringfügige Zahl von Leviten zurückkehrte ^, wenn ihre 
Degradation erst ihrer Durchführung harrte? Dies erklärt sich nur, 
wenn jener Zustand schon vorher feststand. Angenommen aber , sie 
seien schon durch Ezechiels Gesicht — obwohl dasselbe wenig genug 
Einflufs auf die Gestaltung der Dinge im Leben gewann ^ — von der 
Rückkehr abgeschreckt worden: so erwachsen andere Schwierigkeiten. 
Wenn das Priestertum der Söhne Aarons erst aus der Zeit der Restau- 
ration datiert und keinerlei Anknüpfung an eine vorexilische Institution 
gleicher Art zu seiner Legitimation aufzuweisen hatte ^, Avie versteht 
sich dann sein Aufkommen V Nur wenn dieses Priesterrecht der Söhne 
Aarons schon vor dem Exil bestanden hatte und er auf dasselbe sich 
berufen konnte, durfte Ezra wagen es durchzuführen *. Denn auch 
auf die Autorität Ezechiels konnte man sich dabei nicht berufen. Er 
will ja das Priestertum der Söhne Sadoqs. Endlich wenn P der Aus- 
druck der nachexilischen Ordnung des Kultuspersonals ist, so erwartet 
man auch eine wirkliche Übereinstimmung beider. Dieser Erwartung 



1) Esr. 2, 36 ff. vgl. 8, 15 ff. 

2) Vgl. z. B. über Esr. 8, 3ff Delitzsch in ZkWL. I, S. 281. 

3) Kuenen Ond.'*, S. 198: „van Aäron, den stamvader der wettige priesters, 
weet geen schrijver uit den tied vom- Ezra iets af". 

4) Vgl. m. Ausf. in ThStW. III, S. 313 f. 



108 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

entspricht es aber nicht, wenn wir sehen, dafs die Ordnung der Dinge 
nach der Rückkehr sich gar nicht an P hält. Hier besteht das Kultus- 
personal aus zwei Klassen : den Söhnen Aarons als Priestern und den 
übrigen Leviten als ihren Dienern. Dort stehen neben Priestern und 
Leviten als eine nicht unerhebliche Klasse weiterer Tempeldiener die 
sogen. Sänger, Thorhüter und Netinim ^ 

Doch kommen abgesehen von derartigen Anstöfsen hinsichtlich 
einzelner Punkte noch Schwierigkeiten allgemeinerer Art gegenüber 
jener Anschauung von der Entwickelung des Priestertums in Betracht. 

Dafs P kurzweg die Trennung der Priester und Leviten als zu 
seiner Zeit schon vollzogen voraussetze, kann ich nicht finden. Ich 
erkenne überhaupt — entsprechend dem nicht ganz einheitUchen Cha- 
rakter dieser Schrift — - in ihr zwei verschiedene Anschauungen über 
diese Angelegenheit. In der einen früheren Schicht scheint jene Scheidung 
überhaupt noch nicht in den Gesichtskreis von P eingetreten. Oder 
wenn sie es sein mag, so ist sie jedenfalls noch nicht soweit Gegen- 
stand des Interesses und der Erörterung, dafs sie in die Gesetzgebung 
von P hereinwirken würde. Sie macht sich nicht bemerklich. Ich rechne 
hierzu die Erzählung von Aarons blühendem Stabe ^, wo es sich deut- 
lich gar nicht um den Gegensatz von Aaron und Levi, also nicht um 
das aaronidische Priestertum im Unterschied von dem übrigen Leviten- 
stamm, sondern ledighch um die Erwählung Levis zmn Priesterstamm 
gegenüber den übrigen Stämmen handelt. Nicht für Aaron gegenüber 
Levi, wie sonst, vielmehr für Levi - Aaron gegenüber dem Volke tritt 
hier P ein ^. Weiterhin aber gehören hierher alle diejenigen Teile von 
P, bei welchen sich annehmen läfst, dafs in ihnen ältere priesterliche 
Gesetze erst durch die überarbeitende Hand des Verfassers der jetzigen 
Priesterschrift (P') die spezifische Färbung dieser Schrift erhalten 
haben "*. Vielfach machen diese Gesetze sich gerade durch die jetzt 



1) Esr. 2, 41— 5S. S. Baudissin, Der heutige Stand der alttest. Wissensch. 
(1885), S. 51 f. 

2) Num. 17, 16—28. 

3) S. die genauere Erörterung der Stelle in ThStW. II, S. lG2ff. 

4) Besonders in Lev. 1 — 7. Kap. 17 (worüber zu vgl. ThStW. II, 160—162. 
44f. ; III, 293f,), ferner aber auch in Lev. 11—15, wo z. B. in Kap. 13 (über 
welches auch zu vergl. Wurster in ZAW. IV, S. 124) fast in jedem Vers „der 
Priester" und nur V. 2 Aaron und seine Söhne (als Eintrag von P2) steht. Ahn- 
lich verhält es sich mit Kap. 12. 14 f Gewifs gehört auch die Stiftshütte 15, 29 
zu P2. — Weiterhin ist dieser altern Schicht beizuzählen: Lev. 21 (vgl. über die 
Art wie Aaron in den Text gekommen ist, Horst , Lev. 17 etc., S. 20.! 22), 
gröfsere Teile aus Lev. 23 (vgl. V. 10 und 20), vielleicht auch 22, 9ff. ; jedenfalls 



tj 10. Fortsetzung. Die Grüude für nachexilische Abfassung von P. 109 

noch, oder wenigstens ursprünglich, in ihnen fehlende Beziehung auf das 
aaronidische Priestertum kenntUch. Von einem Gegensatz zwischen 
Priestern und Leviten ist in diesen Abschnitten überhaupt nicht die 
Rede. Die Trennung ist daher unter keinen Umständen als vollzogen 
gedacht, sie kommt im Gegenteil gar nicht in Betracht. Die Stücke 
stehen auf der Stufe des Deuteronomiums und der historischen Bü- 
cher. — Allerdings ist in dem andern Teile von P, dem vom eigent- 
lichen Verfasser der Priester schrift herrührenden Stücke des Ganzen 
(P*j, jene Trennung vorausgesetzt. Wo dies in den Stücken von P^ der 
Fall ist, da versteht sich diese Behandlung der Frage aus dem oben 
über den allgemeinen Charakter dieses Buches Gesagten. Wie P^ 
seinen Stoff überhaupt in das Gewand der mosaischen Zeit kleidet, so 
behält er dies Gewand auch da bei, wo er auf das Verhältnis der 
Priester und Leviten zu reden kommt. Er setzt die Trennung als voll- 
zogen voraus, um den Zeitgenossen das von ihm erstrebte Ideal leben- 
dig vor die Seele zu stellen. Dafs er es nicht als in der That ver- 
wirklicht kennt, beweisen mancherlei Stellen ^ 

Setzt somit P die Scheidung der Priester und Le^äten gar nicht 
im Ernste als schon zu seiner Zeit vollzogen voraus — weder in seiner 
älteren, noch auch in seiner jüngeren Hauptschicht — so ist dadurch 
der Datierung dieser Schrift nach dem Exil die Grundlage entzogen. 
Wenigstens soweit die letztere in der Priesterfrage gefunden wird. Dies 
ist noch mehr der Fall, wenn sich zeigen läfst, dafs auch was man 
den übrigen Schriften: Ezechiel, dem Deuteronomium und den histo- 
rischen Büchern zur Stützung jener These entnahm, nicht haltbar ist. 
Von Ezechiel läfst sich dies wenigstens wahrscheinUch machen, von D 
vmd den historischen Büchern mit Sicherheit zeigen. 

Wellhausen nimmt die Worte des Profeten Ezechiel Kap. 44, 
V. 6 — 16 ^ geradezu zum Ausgangspunkt seiner ganzen Erörterung. 
Und Kuenen ^ erklärt: wer nicht anerkenne, dafs Ezechiel die Degra- 
dation der Leviten als etwas ganz Neues, vorher Unbekanntes ansehe. 



aber wieder gröfsere Stücke von Num. öf. (auch von Wurster a. a. 0., S. 125 f. 
zum Heiligkeitsgesetz gerechnet). 

1) Num. 16, 8—11. Num. 3. 4. 18. Vgl. darüber ThStW. II, S. 164— KiG 
und gegenüber Kayser, JPTh. VII, S. 642 f. ebenda III, S. 293 f., sowie wegen 
Num. 18, 23 im Vergleich mit Ezech. 44, 10 s. gegenüber Smend, Ezech., S. 363 in 
ThStW. II, S. 167 f. 

2) Vgl. neben den schon angeführten Schriften Delitzsch in ZkWL. T, S. 279 fi".; 
Dillmann, ExLev. , S. 461; Baudissin, StKr. 1883, S. 839 f.; anderseits Smend, 
Ezechiel z. d. St. 

3) Ond.», i? 11, No. 14. 



110 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

sei mehr zu beklagen als zu widerlegen. Trotzdem glauben wir, dafs 
die hier abgewiesene Erklärung sich mit der Zeit als die allein mög- 
liche Bahn schaffen wird. Sie entspricht dem Zusammenhang der 
Rede, der nicht zunächst auf Degradation der Leviten, sondern auf 
Entfernung der Ausländer und Heilighaltung des Tempels geht. Sie 
empfiehlt sich ferner durch den Umstand, dafs die von Ezechiel be- 
fürwortete Mafsregel gegen die Leviten nirgends von ihm als etwas 
Neues dargestellt wird ^ Sie wird endlich im Zusammenhang mit die- 
sen Erwägungen fast geboten durch die Thatsache, dafs die Priester 
als Söhne Sadoqs von Ezechiel schon lange vorher vorausgesetzt sind ^. 
Wäre ihre Degradation in Kap. 44 ganz neu, so könnte sie nicht in 
Kap. 40 und 43 als bekannt angesehen werden. 

Noch klarer liegt die Sache beim Deuteronomium. Dals dasselbe 
die Einheit der Priester und Leviten betont und von einer schroffen 
Trennung nichts verlauten läfst, ist anerkannt. Aber ob es sie des- 
halb gar nicht kennt? ob es in der That nur den Stamm Levi als 
Priesterstamm im Sinne hat, in der Voraussetzung, dafs jedes Glied 
desselben genau denselben Rang und dasselbe Recht an den Altar be- 
sitze? — Dies ist geradezu ein Ding der Unmöglichkeit. 

Schon die geschichtUchen Umstände, mit denen D aufs engste ver- 
flochten ist, und die ganze Tendenz des Buches fordern jene Scheidung 
innerhalb Levis unbedingt. Die Beseitigung der Landleviten von den 
Höhen ist, eine der Hauptforderungen des D. Dieselbe hat sich, wenn 
gleich das Buch darüber schweigt, ohne Zweifel nur mit manchen 
Hindernissen vollziehen lassen , welche Kämpfe und Verwickelungen 
aller Art nach sich zogen ^. Denn es war auf die gewaltsame Er- 
niedrigung der Leviten abgesehen, die sich im Leben selbst gewifs 
nicht so friedlich gestaltet hat , wie es im Königsbuch * erscheinen 
könnte. Wie D über diese Verwickelungen, die nicht ausbleiben konn- 
ten, wegsieht, als wären sie gar nicht in seinem Gesichtskreis, genau 
so behandelt er auch die von ihm gewollte Beseitigung der Höhen- 
priester ° als eine ganz harmlose und friedliche Angelegenheit, die nach 



1) „Sie sollen nicht zu mir nahen" V. 13 ist viel zu allgemein gehalten, um 
so weitgehende Schlüsse darauf bauen zu können. Man vpürde mindestens ein 
-jiy ^^ erwaxten. 

2) Ez. 40, 45 f. , 43, 19. 

3) S. Dillmann, ExLev., S. 45'J. 

4) 2Kön. 28, 9. 

5) Dafs diese Leviten zwar Höhen- , in der Hauptsache aber nicht Götzen- 
priester waren, s. ThStW. HI, 288 f. Anders (aufser den dort genannten Autoren 
auch) Dillmann , NuDtJo. , S. 327. Allein gerade um eine Gleichberechtigung 



§ 10. Fürtset/.uiig. Die (iriiiidc für iiaehexilische Abfasbuiig von P. lll 

öeinein Dai'ürluilteu nicht inistunde ist, die Leviten ernstlicli zu schä- 
digen. Sie gehören ja doch nach wie vor zum grofsen Priesterstamme. 
Auf die Betonung des letztern Gesichtspunktes ist sein Augenmerk 
fortgehend gerichtet. Daraus kann, wenn das Übrige aufser Augen ge- 
hissen wird, der Schein erwachsen, als hätte D Unterschiede innerhalb 
des Stammes Levi weder gekannt noch in Aussicht genommen. Und 
doch hat er den Hauptunterschied geradezu hervorgerufen — gewifs 
nicht ganz und gar ohne sein eigenes Wissen und Wollen. — Ist nun 
auch der Sprachgebrauch ^ in D hinsichtlich des Verhältnisses der Prie- 
ster und Leviten in einer Weise schwankend und schillernd, die sich 
beinahe nur aus absichtlich gewählter Unbestimmtheit des Ausdruckes 
verstehen läfst ^ : so geht doch aus den Hauptstellen e i n Resultat mit 
voller Sicherheit hervor. Die beliebte Annahme, als bestimme D, die 
an den Höhenheiligtümern aufser Dienst und Brot gesetzten Leviten 
düi'fen nach ihrem Belieben Priester in Jerusalem am Tempel werden ^, 
hat in D selbst keine Stütze. Eben damit auch die Annahme voller 
Gleichberechtigung der Leviten mit den Priestern nicht. D weifs zwi- 
schen den in Jerusalem ansässigen Tempelpriestern und den niederen 
Landleviten sehr wohl zu scheiden *. Von einer beliebigen Über- 
siedelung ^ und Avifnahnie in die vornehme Klasse der Tempelpriester 
weifs er kein Wort. Was er als billige Vergünstigung jenen Leviten 
zuerkennt, ist einzig, dafs sie j e und je, wenn einer der Ihren aus 
seinem Wohnort im Lande nach Jerusalem kommt, am gerade dort 
stattfindenden Opferdienst mit ihren vornehmeren „ Brüdern ^' teilnehmen 
mögen. Im übrigen bleibt er, was er ist und kehrt nach ein paar 
Tagen an seinen Ort zurück *>. Seinen eigentlichen Unterhalt gewinnt 
er nicht hieraus, sondern aus den Opfergaben und der Mildthätigkeit 
der Begüterten. 



handelt es sich m. E. nicht, sondern um eine vorübergehende Vergünstigung. S. 
Keufs, Gesch. d. AT., S. 350. 358. 

1) Vgl. darüber meine Erörterung aller hierher gehörigen Aussagen des D in 
ThStW. III, S. 278-294. 

2) Besonders Deut. 18, 1-8. 

3) Z. B. Kueneu Ond.^ § 15, No. lö. 

4) Deut. 18, 3 — 5 ist von den einen, V. G — 8 von den andern die Rede. S. 
ThStW. III, S. 284-289; Dillmann, NuDtJo., S. 324-327. 

5) So Kayser, JPTh. VII, S. (340; Riehm, HWB., S. 1223 b; ExLev., S. 458; 
auch noch in NuDtJo., S. 326 f. scheint Dillmanu dieser Auffassung den Vorzug 
zu geben. Dagegen aufser ThStW. III , S. 288 auch Reufs Gesch. d. AT.^ 
S. 3Ö0. 

(i) Die Worte q^ -\} V. (J, wie -jn^tUD "lUW i" Deut. 14, 27. 29; IG, 11. 14 
vgl. 26, llif. weisen deutlich darauf hin. 



113 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

Endlich soll der Satz^ dafs „Aaron als der Stammvater der ge- 
setzmälsigen Priester in keiner einzigen vorexilischen Schrift" vor- 
komme ^ und seine Voraussetzung^ dafs uichtlevitische Priester in frü- 
herer Zeit die Regel gebildet hätten, besonders durch den Hinweis auf 
den Priestervater Sadoq gestützt werden. Auch er soll in der That 
gar nicht Levit, sondern der Anfänger einer neuen, und zwar einer im 
Sinne des spätem Priestertums illegitimen Linie , ein priesterlicher 
Usurpator aus fremdem deblüt gewesen sein '''. Eben daher konnten 
nach Wellhausen ^ vor dem Exil die Priester schon deshalb nicht 
Söhne Aarons heifsen, weil es noch zu bekannt war, dafs Sadoq weder 
Aarons noch Levis Geschlecht angehörte. Auch diese Annahme läfst 
sich zurückweisen. Sadoq war so gut als Abjatar und Eli Levit, also 
jedenfalls nicht Usurpator, und leitete aller Wahrscheinlichkeit nach 
sein Greschlecht auch schon von Aaron selbst her. Doch ist der Nach- 
weis hierfür besser im Zusammenhang jener Ereignisse bei der Ge- 
schichtsdarstellung selbst zu erbringen *. 

2. Das litterarische und sprachgeschichtliche Mo- 
ment. Neben diesem archäologischen hat man nun aber von zwei 
weiteren Gesichtspunkten aus , dem formal litterarischen und dem 
sprachgeschichtlichen, den Nachweis der nachexilischen Abfassung von 
P in Angriff genommen. 

Der erstereu, der htterarischen Seite des Problems haben sich 
besonders Kayser und Marti angenommen. Kayser ^ versucht es, „auf 
rein Utterarhistorischem Wege, aus Citaten und Anspielungen in den 
übrigen Schriften des Alten Testaments, ein Ergebnis über das relative 
Alter der verschiedenen Bestandteile des Pentateuchs zu gewinnen" 
und gelangt zu dem Ergebnis, dafs aufser D vor dem Exil nur die 
jehovistische Erzählung und Gesetzgebung vorhanden waren ^. Vom 
Deuteronomium als festem Punkt ausgehend vergleicht Kayser zunächst 
alle Stellen des übrigen Hexateuch, welche Anklänge an D enthalten, 
auf ihre Abkunft. Er findet auf diesem Wege, dafs D das jehovistische 



1) So Kueuen Ond.-, § 15, No. 15. — Vgl. jedoch über die Nenuung Aarons 
als Priester, teilweise im Gegensatz zum ganzen Stamm Levi, Deut. 10, 6 ff. (E), 
dazu die vorexilischen Gesetzesstellen unten bei der Analyse der Quellen § 20 f. 

2) Wellhausen, Proleg.-, S. 130 f. 

3) a. a. 0., S. 131. 

4) Vorläufig ist zu vergleichen: Riehm, HWB., S. 1221 f.; Dillmann, ExLev., 
S. 459f.: Bredenkamp, Ges. und Prof., S. 180 ff.; Kittel, ThStW. III, S. 294—314. 

5) Das vorexilische Buch der Urgeschichte Israels und seine Erweiterungen, 
Strafsburg 1874. 

6) a. a. 0., S. 4 f. 



§ 10. Fort,sotzuug. Die Griinde für nachexilische Abfassung von P. 113 

]3uch (J und E) kennt und vielfach benützt, auf den Elohisten (P) da- 
gegen keinerlei llücksicht nimmt, denselben also nirgends voraussetzt K 
Kayser dehnt seine Untersuchung sodann auf die aufserhexateuchischen 
Schriften des Alten Testamentes aus und findet das frühere Ergebnis 
sowohl an den vorexilischen Geschichtsbüchern als den vorexilischen 
Profeten bestätigt. Unter den letzteren geben ihm besonders die be- 
kannten Aussprüche mehrerer Profeten ^ gegen den Opferdienst, welche 
vor ihm sclion Graf ^ und nachher wieder Wellhausen * betont haben, 
Stoff zur Begründung seiner Annahme. Den positiven Beweis seiner 
These findet Kayser aber endlich in der litterarischen Beschaffenheit 
des eigenartigen Gesetzescorpus Lev. 17 — 26. Er schreibt es, der An- 
nahme Grafs ° folgend, auf Grund der vielfachen auffallenden Be- 
rührungen mit Ezechiel der Hand dieses Profeten selbst zu ^. 

Hinsichtlich der profetischen Schriften im Vergleich mit P hat sich 
entschieden gegen Kayser erklärt Marti in seiner Abhandlung über die 
Spuren der sogen. Grundschrift des Hexateuchs in den vorexilischen 
Profeten des Alten Testaments ^. Er widerspricht einerseits der von 
Graf und Kayser vorgetragenen Deutung der die Überschätzung des 
Opferdienstes tadelnden Profetenworte und glaubt anderseits eine Reihe 
positiver Beziehungen vorexifischer Profeten auf P nachweisen zu 
können. Dafs Marti in letzterem Bestreben zu weit gegangen ist, 
mufste wohl auch von seinen Freunden anerkannt werden. Hingegen 
erfuhr Kayser in Beziehung auf Lev. 17 — 26 — nachdem schon 
Wellhausen ^ ihm in der Hauptsache beigestimmt und nur mit Nöl- 
deke '' und Kuenen" die Abfassung durch Ezechiel selbst bestritten 
hatte, seiner Meinung dagegen durch Dillmann ^^ und früher schon 
durch Klostermann 1^ nachdrücklich widersprochen worden war — er- 

1) a. a. 0., S. 148. 

2) Arnos 5, 25. Jerem. 7, 22 f. u. a. 

3) Gesch. Buch., S. G9f. 

4) Proleg.^ S. 58 ff, 

5) Gesch. Buch., S. 75ff, besonders S. 82f Ihm haben beigestimmt Bertheau, 
JDTh. 186G, S. 150ft und Colenso, The Pentat. etc. VI, p. 1 sqq. 

6) Vorexil. Buch, S. 17Gff.; vgl. JPTh. 1881, S. 548 ff. 

7) JPTh. 1880, S. 127—161 und S. 308—354. 

8) JDTh. XXII, S. 440 f. 422-444: Blcek, Einl.S S. 173. Vgl. Proleg.^ 
S. 399 ff". 

9) JPTh. 1875, S. 355 ff, vgl. schon Unters., S. 67 ff 

10) Godsdienst van Israel IT, p. 94sqq. Auch Keufs, L'histoire sainte etc. 
I, p. 252 sq. widersprach. 

11) ExLev., S. 533 ff. 

12) Zeitschr. f. luth. Theol. 1877, S. 406ff; vgl. aufserdom Delitzsch in 
ZkWL. I, S. 61 7 ff. 

Kittel, Gesch. dor Helnäer. 8 



114 Erstes Buch. A. Der Hexateuch. 

hebliche Unterstützung durch Horsts hierauf bezüghche Schrift ^ Horst 
findet die Ergebnisse Kaysers über diese Kapitel und ihr Verhältnis 
zu Ezechiel — kleinere Abweichungen abgerechnet — im wesentlichen 
bestätigt. Die Entstehun^sszeit der Kapitel, abzüglich d^r Bestandteile 
von P, scheint auch ihm in das Exil zu fallen, und als Verfasser glaubt 
er an Ezechiel festhalten zu sollen. Nur ist er bereit, dem von den 
Gegnern geltend gemachten Hinweis auf die mancherlei Unterschiede 
zwischen Ezechiel und dem Heiligkeitsgesetz , Avie Klostermann ^ das 
Corpus treffend genannt hatte , durch die Hilfsannahme gerecht zu 
werden: Ezechiel habe einerseits nicht alle diese Gesetze selbst verfafst, 
sondern zu einem Teil aufgenommen und bearbeitet; anderseits falle 
seine Thätigkeit an Lev. 17flf. in eine viel frühere Zeit, als die Ab- 
fassung seines eigenen Buches. Die Zwischenzeit habe wieder manche 
Veränderungen in der Gesetzgebung nötig gemacht ^. 

Sowohl hinsichtlich des Heiligkeitsgesetzes als der übrigen Punkte 
fanden Kayser und Horst eine wichtige Stütze in Kuenens neube- 
arbeitetem Historisch critisch Onderzoek * , das für Lev. 17 ff. freilich 
immer noch die Verfasserschaft Ezechiels selbst abweist und wie Well- 
hausen und Reufs an einen in seiner Art arbeitenden Mann denkt ^. 
Hingegen hat Dillmann ^ neuestens die ganze Angelegenheit von an- 
derem Standpunkte aus neu behandelt und kommt auf fast allen Punk- 
ten zu total anderen Ergebnissen. In Lev. 17 — 26 erkennt er ein (ab- 
gesehen von den A-Bestandteilen) durch mancherlei Hände gegangenes 
Werk, das kein geschlossenes Ganzes darstellte (S. 639). ihm gleich- 
artig sind Teile von Lev. 11 und einiges andere (S. 640 f.). Jedenfalls 
aber ist dieser Komplex (S) schon von D, sowie von P (bei Dillmann 
A) benutzt. Er ist daher alt und jedenfalls von Ezechiel weder ge- 
schrieben noch gesammelt. Nur der Schlufs (Lev. 26, 3ff) ist im Exil 
überarbeitet (S. 646 f ). Inbetreff des Verhältnisses von P zu E und J 
giebt Dillmann nun Benützung des E durch P unbedingt, des J durch 
denselben wenigstens bedingt zu (S. 655 f.). Die äufsern Zeugnisse er- 
klärt er für untergeordnet, zwar nicht gegen frühere Abfassung von P 
(S. 662), aber auch nicht gerade für sie beweisend (S. 666 f.). 



1) Lev. 17—26 und Hezekiel. Ein Beitrag zur Peiitateuchkritik (Colmar 
1881). 

2) a. a. 0., S. 41G. 

:t) a. a. 0., S. ül. 93 f. Vgl. S. 52 f. 
4"! Besornlers zu vgl. § 10 und 14 f. 

5) So auch Wurster iu ZAW. IV, S. 123 — wogegen freilich Horst ent- 
schiedene Spurfn der Priorität von H gegenüber Ez. aufweist 

6) NuDtio besond-rs S 605 ff 637 ff. 644 ff. 654 ff. 



§ lü. Fortsetzung. Die Gründe für nachexilische Abfassuug von P. 115 

Öuclie ich mir, den Gang dieser Verhandlungen übersehend , ein 
Bild von dem Ertrag der bisherigen Untersuchung auf dem litterari- 
schen Gebiete zu machen: so scheint mir die Ausbeute an gesicherten 
p]rgebnissen für unsere Hauptirage nicht allzu grofs. 

Was zuerst das Heiligkeitsgesetz in Lev. 1 7 ff. ^, dieses „ Kompen - 
diuni der Litteraturgeschichte des Pentateuch" ^, anlangt, so scheinen 
mir die vielfachen und überraschenden Beziehungen zu Ezechiel, weiche 
dasselbe unstreitig aufweist, aus blofser Vorliebe des Profeten für gei'ade 
diesen Abschnitt der Tora nicht befriedigend erklärt. Auch der sorg- 
fältige Nachweis Klostermanns ^, dafs die von beiden mit Vorliebe ge- 
brauchte Formel „Ich bin Jahve'^ auch sonst im Alten Testament, in 
Gesetz und Profeten, üblich war, erklärt weder die hier zur Manier 
gewordene Anwendung derselben, noch die mancherlei anderen, in Lev. 
26 geradezu überwältigenden Berührungen '. Das Corpus mufs wohl 
durch die Hand Ezechiels gelaufen sein. 

Den Schlüssel des Rätsels scheint mir die Thatsache zu geben, 
dafs die Berührungen mit Ezechiel sich vielfach auf Ein- und Aus- 
leitung der Gesetze beschränken. Der Profet fand die Gesetze dem 
Stamme nach vor und hat sie in seiner Sprache redigiert. Lev. 26 
hat er der Hauptsache nach frei zugefügt. Das Nächstliegende kann 
nun hinsichtlich des weiteren Schicksals der Sammlung erscheinen, dafs 
bald darauf, im Exil, ein die Sprache von P handhabender Sammler 
das Corpus in P eingefügt und mit Zusätzen in der Art von P ver- 
sehen habe. \^'enn aber, wie sich früher zeigte, Teile der elohisti- 
schen Bearbeitung entschieden auf frühere Zeit weisen, so wird sich 
auch gegen die Annahme des umgekehrten Hergangs nichts einwenden 
lassen. Die Bearbeitung Ezechiels folgte derjenigen von P erst nach. 
"Warum Ezechiel gerade diesen Teil von P noch einmal einer Über- 
arbeitung unterzog, läfst sich nicht vollkommen aufklären. Ich halte 
für das Wahrscheinlichste, dafs dasselbe nicht von P selbst, sondern 
von einem seiner Nachfolger bearbeitet und daher zu Ezechiels Zeit 
noch nicht in P eingereiht war. Liefen die Kapitel Lev. 11. 17 — 25 
noch selbständig als Corpus um, so hat es nichts Auffallendes, dafs 
Ezechiel gerade sie noch einmal bearbeitete. Anderseits erklärt sich 
auf diesem Wege die Ungleichartig keit des Stückes ^. 



1) Zu welchem wo'il auch Lev. 11 und vielleicht einiges andere gehörte. 

2) Wellhausen, Proleg.^, S. 399. 

3) a a. 0., S. 436 ö". 

4) S. bei Horst a. a. U., S. 72 ff. 

5) 8. darüber Dillmanu, NuDtJo., S. 638 f. 

8* 



110 Erstes Buch. A. Der Hexateucb, 

Dagegen kann ich mich durch den von Horst ^ und Kuenen ^ ver- 
suchten Nachweis der Abhängigkeit des Heihgkeitsgesetzes (seiner 
Grundlage nach) vom Deuteronoraium nicht für überzeugt lialten. Die 
Berührungen sind derart, dafs mit viel gröfserem Rechte auf Abhängig- 
keit des D von unserem Corpus geschlossen werden kann ^. Ist dem- 
nach das Heiligkeitsgesetz auch durch Ezechiels Hand gegangen, so 
enthält es trotzdem seinem Kerne nach vordeuteronomische und ziem- 
lich alte Gesetze. 

Auch die Abhängigkeit des P von E und J scheint mir nach dem 
Nachweis Kaysers nicht mehr, wie früher vielfach geschehen ist, ge- 
leugnet werden zu können. Um so Aveniger kann ich dagegen den 
aus dem Schweigen wie den Aussprüchen der vorexilischen Profeten 
über P hergenommenen Argumenten Beweiskraft beimessen. Indem 
ich die allgemeine Beurteilung dieser Frage betreffend auf die oben 
dargelegten Grundsätze ^ verweise, beschränke ich mich auf einige 
Hauptstellen ^. Wenn beispielsweise Arnos ^, um die Überschätzung 
des Opferdienstes zurückzuweisen, daran erinnert, dafs Israel in den 
40 Wüstenjahren Jahve keine Opfer gebracht habe : so kann doch 
wohl hieraus für die Opfergesetzgebung nicht viel gefolgert werden. 
Alles, was aus seinen Worten zu entnehmen ist, reduziert sich darauf, 
dafs Amos von einem wirklich bestehenden Wüstenkult nichts weifs. 
Ob er P kennt und von ilnn abweicht, oder ob ihm P unbekannt ist, 
läfst sich schlechterdings daraus nicht ermitteln. Wäre aber auch etwa 
das letztere der Fall, so w^äre selbst damit das Vorhandensein von P 
nicht unmöglich gemacht. Dem Hirten von Teqoa' könnte ja möglicher- 
weise auch das Priesterritual verschlossen gewesen sein. Doch scheint 
es das viel Wahrscheinlichere, Amos wolle vorwurfsvoll sagen : die von 
Mose gegebenen Opfergebote habe das götzendienerische '' Volk schon 
in der Wüste nicht gehalten. Wenn ferner Jeremja ^ geradezu aus- 



1) a. a. 0., S. 55 fF. 

2) Ond.^ § 14, No. 6: § 15, No. 8 ff. 

3) S. hierüber Dillmann," NuDtJo., S. 605 ff. 644 f. 

4) Vgl. S. 92, Nr. 3. 

5) Vgl. im übrigen Wellhauseu , Proleg.% S. 58 ö^ uud dazu ThStW. II, 
S. 49 ff. 

6) 5, 25. S. dazu Graf, Gesch. Buch., S. 69 ; Kayser, Vorexil. B. , S. 161 f. • 
Wellhausen, Proleg.^, S. 59. Aufserdem Bredenkamp, Ges. und Prof., S. 83ff. ; 
Steiner im Comment. z. d. St. 

7) Vgl. die Anspielung in V. 26. 

8) 7, 22 ff. S. Graf im Comment. z. d. St.; Gesch. Buch., S. 70; Kayser, 
Vorexil. B., S. 166 f., Wellhausen, Proleg.^, S. 61. Anderseits Bredenkamp, Ges. 
und Prof., S. 105 ff. 



§ 10. Fortsetzung. Die G-ründe für nachexilische Abfassung von P. 117 

ruft : „ Ich habe euren Vätern nichts gesagt und nichts geboten, da ich 
sie aus Agypteniand führte, inbetreff von Brand- und Schlachtopfern " — 
so ist es mir freiHch nicht vollkommen sicher, ob man hier mit der 
gewöhnlichen Deutung noch auszukommen vermag, nach welcher die 
Worte nur ein sehr starker Ausdruck des allgemeinen Gedankens von 
der Uq wesentlichkeit des Opfers und daher auch der Opfertora gegen- 
über dem sittlichen Wandel sein sollen. Für unmöglich kann ich diese 
Erklärung angesichts sonstiger sehr hetfiger Ausdrücke der Profeten 
über das Opfer nicht halten. Denkt man vollends daran, dafs mit 
dem : „ Nichts inbetreff der Opfer " streng genommen ja auch die 
Opferbestimmungen des Bundesbuchs und Deuteronomiums ^ von Je- 
remja als nicht vorhanden abgewiesen würden, so gewinnt sie an Wahr- 
scheinlichkeit. Glaubt man jedoch über diese Schwierigkeit weg- 
kommen zu können, so bliebe immer noch, ehe wirkliches Nichtvor- 
handensein von P geschlossen werden dürfte, die näherliegende Er- 
klärung, dafs Jeremja die priesterliche Tora geflissentlich ignoriert^. 
Es bedarf hierzu nur, dafs P zu Jeremjas Zeit noch nicht zur öffent- 
lichen Anerkennung gelangt ist ^. 

Über das Verhältnis von P zu D dagegen ist wohl ein einheit- 
liches Urteil überhaupt nicht möglich. Wie im allgemeinen und be- 
sonders in sachlicher Hinsicht hierüber zu denken sei , ist oben '^ dar- 
gelegt. Für die älteren Schichten von P scheint mir der Nachweis 
Dillmanns ^, dafs D auf P, auch ohne das letztere zu nennen , mehr- 
fache Rücksicht nimmt, richtig zu sein. Für die jüngeren Teile der 
Priesterschrift dagegen , wie die zu P gehörenden Teile von Lev. 
17, 4 ff. oder Num. 28 f., wird man auf nachdeuteronomische Zeit ge- 
führt werden. 

Endlich erübrigt noch ein Blick auf die aus der Sprache der 
Priesterschrift entnommenen Beweisgründe. Die erste eingehende Unter- 
suchung hierüber hat V. liyssel ** geliefert. Er scheidet die Geschichte 



1) S. darüber Bredenkamp a. a. 0-, S. 109. 111; Orelli, Jesaja und Jeremia 
z. d. St. 

2) Was durch 17, 26 (Wellbausen, Proleg. '^, S. ßl) nicht ausgeschlossen wird, 
wenn man damit Aussprüche wie Jer. 8, 8 ; 18 , 18. Jes. 29 , 13 vergleicht. S. 
darüber TLStAV. II, S. 50. 

3) Eine weit einfachere Losung wäre freilich die von Bredenkamp a. a. 0., 
S. 110, welcher im Sinne von "'IDl 7y erklärt. 

4) S. 91, Nr. 2. 

5) NuDtJo., S. (J05ff. 

0) De elohistae pentateucliici sermone, Lips. 1878. Vgl. schon Wellhausen, 
Gesch. Isr. I, S. 397 ft". 



118 Erstes Buch. A. Der Hexateucb 

der hebräisclieu Sprache in drei Perioden, deren erste bis zum Jahre 
700 reiche, wogegen die zweite von hier bis zum Ende des 6. Jahr- 
hunderts, die dritte vom Beginn oder der Mitte des 5. Jahrhunderts 
bis zum Erlöschen der alttestamenthchen Littei-atur anzusetzen sei. 
HiusichtHch der Priesterschrift kommt er zu dem Ergebnis, dafs zwar 
gröfsere Gesetzesgruppen derselben ^ ein jüngeres Gepräge aufweisen, 
aber doch noch der zweiten Sprachperiode und zwar ihrer ersten vor- 
exilischen Hälfte zuzurechnen seien. Die übrigen Gesetze und die Er- 
zählung von Gen. 1 — Ex. 6 dagegen weist Ryssel der ersten Sprach- 
periode zu, ja er glaubt, dafs sie bis in die Anfänge der hebräischen 
Litteratur zurückweisen ^. Gegen Ryssels Methode hat Giesebrecht ^ in 
seiner erneuten Untersuchung des Gegenstandes ernstliche Bedenken 
erhoben. Er verlangt, dafs nicht die Bücher nach 450 (Esra und Ne- 
hemja) , sondern die zwischen 536 und 450 verfafsten (Haggai, 
Zacharja, Maleachi) in erster Linie zur Vergleichung mit P heran- 
gezogen werden. Giesebrecht kommt so zu dem Ergebnis, dafs P der 
bis 700 reichenden Sprachperiode nicht angehöre, dafs dagegen im 7. 
und besonders im 6. Jahrhundert die Berührungen mit P immer mehr 
zunehmen, so dafs P sich auch jünger als Jeremja, Ezechiel und 
Deutero-Jesaja darstelle. Wenn trotzdem die auf die silberne Litteratur- 
periode weisenden Erscheinungen sich finden, so komme hierfür in Be- 
tracht, dafs der Elohist als Gelehrter die ältere Litteratur kenne und 
sich um ein reines, nicht aramaisierendes Hebräisch bemühe *. Allein 
auch gegen Giesebrechts Voraussetzungen und Schlüsse sind gegründete 
Bedenken, besonders von Driver ^, erhoben worden, so dafs sich selbst 
Kuenen ^ zu dem Geständnis genötigt sieht, die Sprachgeschichte könne 
überhaupt nicht den Ausschlag geben, sie habe bis jetzt höchstens ein 
negatives Ergebnis geliefert, indem sie zeige, dafs es vergeblich sei, aus 
sprachlichen Gründen P in frühere Zeit setzen zu wollen. Hiermit ist 
denn auch gegeben, dafs sie als selbständige Stütze der Grafschen 



1) Ex. 25—31. 35—40. Lev. 8—10. 27. Num. 1-10. 15—19. 2Öff. Über ein 
gewisses Schwanken in seinen Angaben s. Kuenen Ond."'*, § 15, No. 11. 

2) a. a. 0., S. 82. 

3) Zur Hexateuchkritik in ZAW. I, S. 177 ff. S. auch Kayser in JPTh. VII, 
S. 362. Über Ryssels Scheidung zwischen Gen. 1 — Ex. 6 und dem übrigen P s. 
Kuenen Ond.S § 15, No. 21. 

4) a. a. 0., S. 269. 

5) Journal of Philology XI, p. 201 sqq. Vgl. auch Steiner in Theol. Zeitschr. 
aus der Schweiz IV (1887), S. 42 ff. 

6) Ond.2, § 15, No. 11. 



i^ IV. Fcirtbetzuiig. Die Gründe für nucbexilische Abfassung von P. IIU 

Theorie nicht verwendet werden kann K Hat aber die letztere 
sich uns bisher nicht als richtig erwiesen, so besitzt jedenfalls das 
sprachgeschichtliche Resultat nicht die Kraft, sie von sich aus zu be- 
legen. 

3. Ergebnis. Damit sind wir denn auch, das Bisherige zu- 
sammenfassend, in die Lage versetzt, ein Urteil über die mutmafsliche 
Abfassungszeit von P zu fällen. Dafs die Priesterschrift kein einheit- 
liches Werk ist, also auch ihrer Abfassung nach nicht in eine und die- 
selbe Zeit weist, hat sich bisher reichhch gez'eigt. Man hat also zwi- 
schen ihren einzelnen Schichten zu scheiden. Die älteste Schicht, teils 
die Grundlage des Heiligkeitsgesetzes, teils diejenige von P' enthaltend 
— man kann diese zwar ursprünglich verschiedenartigen, als älteste 
Grundlage der Priesterschritt aber für uns doch zusammengehörigen 
Stücke kurzweg P' nennen — wird man in verhältnismäfsig Irühe Zeit, 
jedenfalls von Salomo abwärts (lO. und 9. Jahrhundert) zu setzen be- 
rechtigt sein. Die zweite Schicht, welche vom eigenthchen Verfasser 
des Priesterbuches (P') herrührt und die priesterliche Erzählung sowie 
die Überarbeitung des von P' Aufgenommenen im Sinne des aaroni- 
disehen Priestertums und der Zeutrahsation des Kultus am Heiligtum 
(der Stiftshütte), dazu eine Reihe neuer Gesetzesbestimmungen enthält, 
führt auf die Zeit des Ö. Jahrhunderts. Hizqia haben wir oben als 
untere Grenze festgestellt. Für den Bearbeiter des Heihgkeitsgesetzes 
(P*) ergab sich wegen Lev. 17, iff. Hizqia und die Wegführung des 
Nordreiches als obere Grenze, so dafs also die späteren Teile von P 
dem Deuteronomium ziemHch parallel laufen und bis auf Jeremja her- 
abreichen mögen. Das letztere wenigstens füi* den Fall, dafs sich ein 
gewisser Gegensatz in der Stellung dieses Profeten zu P, der oben 
wenigstens als wahrscheinlich angenommen ist, bestätigte. 

Das fertige Gesetzbuch wird ins Exil mitgenommen und in, oder 
wohl eher nach demselben mit den übrigen schon vorhandenen Ge- 
setzesschriften zum heutigen Hexateuch zusammengearbeitet. Bei die- 
ser Gelegenheit mögen vom Redaktor des Hexateuchs (R^) noch manche 
Zusätze teils gemacht, teils aus P nahestehenden Quellen aufgenommen 
sein. Einzelnes wurde noch später zugefügt. 

Schon vor R'' hatte aber, wohl im Exil oder kurz vorher, ein im 
Sinne des D schreibender Redaktor (R*^) jenem vorgearbeitet durch Zu- 
sammenfügung von E und J unter sich und mit D und D' und ihre 
teilweise Überarbeitung. Er nimmt besonders im jetzigen Buch Josua, 



1) S. weiterhin noch Dillmuun, NuDtJo , S. 6G3iF. 



120 Erstes Buch. A. IL Die übrigen Quellen. 

eine noch weit freiere Stellung zu seinen Vorlagen ein als R'^ und kenn- 
zeichnet sich schon deshalb als ihm vorangehend. 



II. Die üln'igeii Qiiellcji. 

§ 11- 

Neben dem grolsen die älteste Geschichte Israels behandelnden Werke, 
das uns in den ersten sechs Büchern des Alten Testamentes vorliegt^ 
geben natürlich auch im übrigen Alten Testament da und dort einzelne 
Notizen Aufschlufs über diesen Teil der hebräischen Geschichte. Doch 
sind es mit wenigen Ausnahmen gelegentliche und zerstreute Mitteilungen, 
deren quellenhafter Charakter keine selbständige Erörterung erheischt. 
Wir werden sie je am betretfenden Orte in Betracht zu ziehen haben. 

Gleichzeitige oder spätere inschriftliche Nachrichten auf Denk- 
mälern irgendwelcher Art hat Israel aus dieser Zeit nicht hinterlassen. 
Weder sind solche bis jetzt gefunden, noch ist irgend gegründete Aus- 
sicht auf künftige Auffindung derartiger Denkmale vorhanden. Ebenso 
wenig besitzen wir von den Phöniken oder einem andern der Nach- 
barvölker Israels ein Denkmal aus jener Zeit oder über sie ^ 

Anders steht es mit Ägypten und Babylon. Sowohl die baby- 
lonischen Keilschriften als die ägyptischen Denkmale verschiedenster 
Art reichen erheblich weiter zurück als die hier in Frage kommende 
Periode der Geschichte sich erstreckt. Wie Israel im späteren Ver- 
lauf seiner Geschichte vielfach sowohl mit dem babylonisch-assyrischen 
als dem ägyptischen Weltreich in folgenschwere Beziehung getreten ist, 
über welche uns die Denkmale jener Völker wichtige Aufschlüsse ge- 
währen: so weifs die Tradition der Hebräer auch für die älteste Zeit 
schon von bedeutsamen Berührungen Israels mit den Völkern der Nil- 
und Eufratländer zu berichten. Es mufs daher immer wenigstens die 
Erwartung gehegt werden, ob nicht von den gleichzeitigen Geschichts- 
urkunden jener Völker auch auf die Geschichte der Anfänge Israels 
einiges Licht falle. Ob jene Erwartung sich bestätigt, mufs die Er- 
örterung des Gegenstandes selbst zeigen. 

Über den allgemeinen Charakter dieser ausländischen Geschichts- 



1) Über einen angeblich im Altertum noch gesehenen punischen Stein s. u. 
§ 28. 



§ 11. 131 

denkmale liaben wir eine nähere Auskunft hier nicht zu geben. Es 
ist hierüber auf die ausführlichen Bearbeitungen der ägyptischen wie 
der babylonisch-assyrischen Geschichte, besonders die betreffenden Ab- 
teilungen dieses Sammelwerkes ', zu verweisen. 

Auch das Wenige , was von späteren , griechisch schreibenden 
Autoren etwa für unsern Zeitraum in Betracht kommen kann, ist besser 
je an seinem Platze in Erwägung zu nehmen. Am ehesten könnte noch 
an Josephus gedacht Averden, weil derselbe in seiner Archäologie die 
hebräische Geschichte im Zusammenhang darstellt und so gleichsam eine 
Parallele zur biblischen Erzählung bietet. Allein sein Bericht ist fast 
auf allen Punkten in so hohem Grade teils ins Fabelhafte übertrieben 
und ausgeschmückt, teils in bewufster levitisch - hierarchischer Tendenz 
gefärbt, dafs er, jedenfalls soweit er unsern Zeitraum behandelt, nirgends 
den Charakter der Ursprünghchkeit gegenüber dem Alten Testamente 
hat ^. Dagegen erheischt seine Berufung auf Manetho in der Schrift 
gegen Apion allerdings später eine eingehendere Besprechung. 



1) Wiedemann, Ägyptische Geschiebte I. 11 1884; Tiele, Babylonisch - assy- 
rische Geschichte I, 1886. 

2) S. über ihn Reufs in Ersch u. Grubers Encykl. II, 31, S. 104 ff. Baum- 
garten in JDTh. 1864, S. 616 ff. Hausrath in Sybels Hist. Ztschr. 1864, S. 285 ff". 
Sehürer in PRE.^, S. 109 &. und besonders Ranke, Weltgesch. III, 2, S. 12ff. 



B. Göschichte des Zeitraums. 

1. Kapitel. Die Zeit der Patriarchen. 

Wir geben im Folgenden für Kap. 1 und 2, d. h. für den Inhalt 
der pentateuchischen Geschichtserzählung ^ zunächst eine eingehende Dar- 
stellung des biblischen Traditions Stoffes und lassen demselben 
sodann je in gesonderter Erörterung die Prüfung seines historischen Ge- 
haltes folgen. Inbetreff alles Nähereu hinsichtlich des Alters und gegen- 
seitigen Verhältnisses der hexateuchischen Hauptquellen sind die bisher 
gewonnenen Ei'gebnisse vorausgesetzt. Wir richten hier unser Augen- 
mei'k auf den Zusammenhang der einzelnen Quellen unter sich und die 
Art und Weise, wie jede derselben für sich den historischen Stoff ver- 
arbeitet und wiedergegeben hat. Die gegebene Scheidung der Quellen 
bringt den augenblicklichen Stand der hexateuchischen Quellenforschung 
zur Anschauung. Dem der mühsamen Quellenscheidung selbst un- 
kundigen Leser hoffe ich mit dieser Anordnung einen Dienst zu thun. 
Denn welcher Art immer der Standpunkt des Lesers und seine Ge- 
samtauffassung von der israelitischen Geschichte sein möge, so mufs es 
für ihn, und zwar gleicherweise für den Historiker von Fach, wie für 
den Laien, sofern er sich ein Urteil über den historischen Gehalt der 
altisraehtischeu Überlieferung zu bilden bemüht ist, in erster Linie von 
Wert sein, die selbständig nebeneinander hergehenden und übereinander- 
gebauten Schichten des Traditionsstoffes, jede in ihrem eigenen Zusam- 
menhang blofsgelegt, kennen zu lernen. Von liier aus erst wird es 
möghch sein, sich selbst ein Urteil über ihr gegenseitiges Verhältnis 
und ihren liistorischen Gehalt zu bilden. 



1) Für das Buch Josua ist bei der ungleich eingreifenderen Thätigkeit der Re- 
daktion dieses Verfahren weniger geeignet. 



I. Die Tradition. S l'i. Die Erzählung von E. 133 

f. Die Tradition der (Quellen. 

§ 12. 
Die Erzählung von E. 

Diese Quelle , von welcher uns in der Urgeschichte entweder 
nichts ^, oder jedenfalls nur ganz dürftige Reste ^ erhalten sind, giebt 
uns auch noch über Abrahams, des Stammvaters der Israeliten, Her- 
kunft und Abstammung in der Genesis keinerlei Nachricht. Weder 
sein Vaterhaus, noch sein Zug nach Kena'an, noch seine Verheiratung 
mit Sara oder sein Verhältnis zu Lot ^ wird näher bestimmt. Erst 
Jos. 24, 2 f. erhalten wir eine kurze aber wertvolle Notiz hierüber. 
Den ersten gröfseren Zusammenhang über Abraham, der sicher dieser 
Quelle zugehörte, besitzen Avir in Kap. 20. Doch zeigt dort deuthch 
der Beginn der Erzählung, dafs ihr Verfasser schon früher über Ab- 
raham berichtet hatte ^. Möghcherweise sind einzelne versprengte Be- 
standteile des in unserer Quelle einst hierüber Erzählten noch im 
heutigen Texte von 12, 6 a und 8 a, und höchst v/ahrscheinlich einzelne 
Glieder desselben in Kap. 15 enthalten. Ferner scheinen manche An- 
zeichen die Annahme zu gebieten, dafs das zweifellos sehr alte Stück 
Gen. 14, auch Avenn es nicht ursprünglich von dem Verfasser unserer 
Schrift herstammt, sondern schon einer altern uns im übrigen unbe- 
kannten Quelle angehörte, vom Elohisten in sein Buch aufgenommen 
worden ist. 

]. Demnach giebt E von Abraham lolgendes Bild. Wir linden 
Abraham als Nomadenfürsten im Lande Kena'an umherziehend. Er ist 
von fern her hier eingewandert ^. Bald zeltet er bei Sikem, bald wendet 
er sich nach Betel ^ — au beiden Orten wohl Altäre bauend und 
Heihgtümer gründend "' — , bald wohnt er im Negeb oder auch unter 
den Terebinthen von Mamre bei Hebron *. Lot ist sein Verwandter. 



1) So Wellhauseu, JDTh. XXI, S. 407 ti.; Kueuen Oud ^ § 8, No. 8. 

2) So Dillmanu, Geues.^, S. XII (weniger entschieden Gen.'', S. XII). 

3) Die Angabe 14, 12 ist Glosse. 

4) Gen. 20, 1: „Und Abraham brach auf von dort"; der Zusatz □•^'q gehört 
(gegen Dillm.) ebenfalls zu E, wenn, was wahrscheinlich, Kap. 14 von E aufge- 
nommen ist (vgl. 14, 13). 

5) Gen. 20, 13. 

(j) Gen. 12, 6a. 8 a. 

7) Dies mufs ohne Zweifel als der Sinn dieser Notizen auch bei E angesehen 
werden, auch wenn die jetzige Form von 12, (> — 8 J augehört. 

8) Gen. 12, ;i E [oder K] (nicht J s. u.) ; 14, 13. 



124 Erstes Bueli. B. 1. Kapitel. Die Zeit der Patriarchen. 

Mit den Emoritern der Gegend von Hebron steht er im Veriiältnis des 
Schlitz- und Trutzbundes. 

Nach zwöltjähriger Dienstbarkeit haben die Könige von Sodom 
Gomorrha Adma Seboim und Bela' sich von ihrem Bedrücker Kedor- 
la'omer, König von 'Elam losgesagt. Kedorla'omer zieht mit seinen 
Verbündeten auf einem Umwege über den Süden gegen die Kena'aniter. 
Im Thale Siddim kommt es zur Schlacht. Die kena'anitischen Könige 
werden geschlagen, ihre Städte geplündert; mit reicher Beute an Men- 
schen, Vieh und toter Habe ziehen die Sieger nach Norden davon. 

Unter den Erbeuteten befindet sich auch Lot, Abrahams Vetter, 
der in Sodom wohnt. Kaum hat Abraham von seinem Geschick Kunde 
erhalten^ so rüstet er 318 erprobte Knappen, lauter hausgeborene Skla- 
ven. Dazu bietet er den Heerbann der verbündeten Emoriter auf ^ 
und jagt so dem 'elamitischen Raubzuge nach. Ein nächtlicher Über- 
fall überrascht den am weitesten zurückgebliebenen Teil der ahnungs- 
losen siegestrunkenen 'Elamiter, sie werden geschlagen und von Abra- 
ham bis Hoba verfolgt. Gefangene und Beute werden ihnen abge- 
nommen und nach Sodom zurückgeführt. Der König von Sodom 
bietet Abraham reichen Lohn. Grofsmütig und selbstbewufst schlägt 
er ihn aus, nimmt aber den Segen eines ihm an Gottesverehrung nahe- 
stehenden kena'anäischen Stadtkönigs Malkisedeq, eines Bekenners des 
El 'Eljon, an -. 

Unbestimmte Zeit nach diesen Ereignissen erscheint Gott dem 
Abraham im Gesicht und verhelfst ihm grofsen Lohn -K Abraham ent- 
gegnet Gott ungläubig: was willst du mir geben? gehe ich doch kin- 
derlos dahin und der Besitzsohn (Erbe) meines Hauses ist Damaskus 
des Eli'ezer (= Eli'ezer aus Damaskus). Gott aber führt ihn zum Zelt 
hinaus und zeigt ihm die zahllosen Sterne. Ihnen gleich soll sein 
Same sein. Abraham glaubt; das rechnet ihm Gott zur Gerechtig- 
keit, — Im näheren oder entfernteren Anschlufs hieran hat wohl auch 
E eine Bundschliefsung Gottes mit Abraham berichtet, von der uns 
aber höchstens noch einzelne Eleme'nte, in den Text des J eingearbeitet, 
erhalten sind ^. 



1) Geu. 14, 24. 

2) Gen. 14, 1 — IG. 21—24, Redaktiouszusätze und Glossen abgerechnet. 
Aulserdem der Grundstock von V. 17—20 , aber wohl ohne Shalem und den 
Zehnten. 

3) Geu. 1.5, 1 ; so nämlich lautete wohl der auf El treffende Teil dieses Verses. 
Nach andern soll der Vers zu J gehören, aber mit Unrecht. 

4) Gen. 15. Die Bestandteile von E in diesem Kapitel sind: V. 2. 5 E allein, 



I. Dio Tnulitioii. § 12. Die Erzählung von E. 135 

Von den Manu-eterebinthen ^ wendet sich Abraham dem eigent- 
licheu Negeb, dem Öüdland Kena'ans zu und lälst sich in Gerai' nie- 
der. Abimelek, der König von Gerar, nimmt sein Weib Sara, das Ab- 
raham für seine Schwester ausgegeben hatte, weg. Gott erscheint Abi- 
melek im Traum und droht ihm mit dem Tode, da Sara Abrahams 
Ehefrau, Abraham aber ein Profet sei. Abimelek, von Furcht ergriffen, 
hält Abraham sein zweideutiges Verhalten vor. Abraham weifs sich 
damit auszureden, dafs Sara, obwohl sein Weib, zugleich seine Halb- 
schwester sei. Es entspreche ihrer beiderseitigen Verabredung beim 
Wegzug aus seinem Vaterhaus, dafs Sara sich für seine Schwester aus- 
geben solle. Abimelek giebt Sara, zur Entschädigung reich beschenkt, 
zurück. Auch Abraham wird reich beschenkt, und Abimelek gewährt 
ihm freien Aufenthalt im Lande um Gerar. Auf Abraham« Fürbitte 
hebt Gott Abimeleks und seiner Frauen geheime Krankheit, die den 
König gehindert hatte, Sara ein Leid zu thun ^. 

Ein Bericht über Saras längere Unfruchtbarkeit und Ismaels Ge- 
burt von Hagar ist in unserer Quelle nicht enthalten, aber durch das 
Folgende notwendig vorausgesetzt. Dasselbe gilt von Isaaqs Geburt. 
Von letzterer sind im heutigen Zusammenhang nur noch die Isaaqs 
Namen in eigentümlicher Weise erklärenden Worte von E enthalten: 
„Sara sprach: ein Lachen hat mir Gott bereitet ^^ ^. Der Knabe 
wächst heran und am Tage seiner Entwöhnung macht Abraham ein 
Mahl *. 

Bei diesem Mahle sieht Sara den Hagarsohn ^ in jugendlicher 
Fröhlichkeit scherzen ^\ Da regt sich ihre mütterliche Eifersucht und 
läfst sie für das einstige Erbe ihres Sohnes fürchten. Sie verlangt die 
Entfernung von Mutter und Sohn. Abraham hierzu ursprünglich nicht 
geneigt, wird von Gott veranlafst, Saras Willen zu thun; auch der 
Magd Sohn soll zu einem Volke werden. 

Abraham legt den Knaben samt Speise auf Hagars Schulter und 



V. 1 und (i E gemeinsam mit J angehörig; aufserdem wohl einige Worte in V. 
und 12 und vielleicht in V. 18. S. unten § 13, Kr. 2. 

1) Q^Q 20, 1 gehört wohl zu E, nicht zu B und bezieht .sich zurück auf 
U, 13 (gegen Dillm.% S. 274). 

2) Gen. 20,- 1—17. V. 18 stammt von R und pafst nicht zu V. (i. 

3) Gegen DiUm.*, S. 26(5 f. (^ S. 278 f.), vgl. Budde, Bibl. lirgesch., S. 224. 
215. 

4) Zu E gehören hier nur 21, 6a. 8. 

5) Der Name Ismael wird nicht genannt, ist aber in V. 17 nr.'^pünglich ein- 
geführt und gedeutet gewesen vgl. Dillm.^, S. 281. 

6) Von Spotten ist nicht die Rede. 



12(> Erstes Buch. B 1. Kap Die Zeit der Patriarchen. 

entläfst sie. Sie irrt in der Wüste von Beersheba' umher, und da das 
Wasser ira Schlauch zu Ende ist, v/irft sie den Knaben unter einem 
Strauche nieder und geht eine Strecke weit weg, sein Sterben nicht 
mitanzusehen. Der Engel Gottes aber ruft ihr vom Himmel Mut und 
Gottes Trost zu. Mit wunderbar geöffneten Augen sieht Hagar einen 
Wasserbrunn und tränkt ihren Knaben. Er bleibt hier und wird 
ein Wüstenbewohner und Bogenschütze, der echte Vater der bogen- 
kundigen Ituräer und Qedarener. Seine Mutter, selbst aus Ägypten 
stammend, nimmt ihm ein ägyptisches Weib ^. 

Zu jener Zeit bietet Abimelek, durch Abrahams Glück weiter auf 
ihn aufmerksam geworden, dem Patriarchen ein Bündnis an. Abraham 
ist dazu erb()tig, wünscht aber zuerst einen Streit um einen von seinen 
Knechten gegrabenen Brunnen beigelegt zu wissen. Abimelek ent- 
schuldigt sich. Der l^runnen wird Abraham zugesprochen, der Bund 
geschlossen und die Stätte erhält den Namen Beersheba' , Schwur- 
brunn. Abimelek mit seinem ihn begleitenden Heerobersten Pikol 
kehrt nach Gerar ^ zurück ^. 

Das letzte Stück der vielfach lückenhaften Abraharasgeschichte 
unseres Erzählers ist Kap. 22 *. Sein Grundgedanke stimmt zu 15, 5f 
Mit Isaaq, dem unterdessen zum Knaben herangereiften einzigen Sohn 
seines Alters, soll Abrahams Gehorsam und Glaube die Probe be- 
stehen. Er soll mit ihm ziehen und ihn opfern auf „einem der Berge", 
welchen Gott ihm nennen wird ^. Abraham macht sich mit Isaaq auf 
und geht, bis er am dritten Tage den ihm von Gott genannten Ort in der. 
Ferne sieht. Hier läfst er die Knechte zurück und geht mit Isaaq au 
den Ort, ihn zu opfern. Schon zum äufsersten bereit, empfangt er 
eine Gottesstimme, welche ihm Einhalt gebietet und ihm zeigt, dafs 
Gott nicht das Menschenopfer will, sondern Abrahams hingebende Ge- 
sinnung erprobt hat ''. 

2. Von Isaaqs Geschichte weil's unsere Quelle in ihrem heutigen 
Bestände nur wenig zu berichten. Es scheint fast, dafs dies dem ur- 



1) Gen 21, 9—21 

2) So wohl im ursprünglichen Text von E. Die Lesung: „ins Land der 
Philister" ist harmonistischer Einsatz von R wegen Kap. 26. 

3) Gen. 21, 22-32. 

4) Der Grundstock des Kapitels gehört E, dabei finden sich allerdings viel- 
fache Spuren von J, so dafs sich der Gedanke nahelegt, au(^ll J habe ursprünglich 
einen Bericht dieses Vorgangs besessen. 

5) Wellhausen (JDTh. XXI , S. 410) vermutet als ursprünglichen Namen 
Ci"lDn NS Dillm.^, S. 287 setzt als wahrscheinlich i-jonH N- 

6) Gen. 22, 1—13 aufser Einzelnem in V. 2 und 11 und wohl auch in V. 13. 



I. ])ie Tradition, ij 12 Die Erzählung von E. 137 

sprüngliclien Sachverlicilt ziemlich entspricht. Nur so erklärt sich das 
Bestreben des R, noch einiges mehr zu bieten, wie wir es in Kap. 26 
deutlich noch erkennen können. Denn es tinden sich hier neben 
Stoffen, die wohl ursprünglich in J standen, und solchen, dio unzweifel- 
haft von R frei konzipiert sind, auch solche, welche durchaus an E 
erinnern und fast wörtlich aus ihm genommen sind, ohne doch wirk- 
lich in dieser Quelle so gestanden zu haben. R hat Teile der Ge- 
schichte Abrahams in E hier wieder eingesetzt mit leichten von diesem 
Zweck erheischten Modifikationen ^ 

Demgemäfs wird denn Isaaqs eigene Lebensgeschichte kaum weiter 
berührt und sofort auf seine Söhne übergegangen. Nur als Vater 
seiner beiden Söhne kommt Isaaq noch in Betracht. Ihre Geburt ist 
in ein paar Versen, die zum Teil Avcnigstens unserem Erzähler zuge- 
hören müssen ^ , berichtet Es sind Zwillingsbrüder , der erste , von 
rötlicher Hautfarbe (Edom) und am ganzen Leibe behaart (Se'ir) wie 
ein härener J\Iantel, heilst 'Esau (behaart). Der zweite, weil in der 
Geburt den Bruder mit der Ferse zurückhaltend, wird Ja'aqob (Ferse- 
halter) genannt. Esau wird ein Jäger im Gefilde und darum des 
Vaters Liebling, „denn Wildpret war nach seinem Munde '^; Jaqob, ein 
stiller Mann, bei den Zelten bleibend, wird von der Mutter ^ geliebt. 

Damit nehmen wir in der Hauptsache aucli schon von Isaaq Ab- 
schied. Zwar hatte unsere Quelle in ihrem ursprünglichen Bestände 
noch eine eingehendere Erzählung über ihn besessen. Sie ist aber im 
heutigen Texte durch die Redaktion mit einer gleichartigen Erzählung 
von J so enge verwoben, dafs es schwer hält, das Eigentum der ein- 
zelnen Verfasser noch im Zusammenhang herauszuheben *. Man mufs 
sich beschränken, einzelnes Charakteristische zu nennen ". E hat dem- 
nach jedenfalls (wohl neben manchem weiteren Zug) erzählt, wie Isaaq 
an seinem Lebensende Esau beauftragt, ihm ein Leckergericht zu 
bringen; er wolle ihn segnen, ehe er sterbe. Die Mutter möchte den 
Segen dem von ihr geliebten Jaqob zuwenden und nimmt den Fluch 
der That auf sich. Sie giebt Jaqob Esaus Kleider. Er geh^ zum 



1) Deatlich scheint dies der Sachverhalt in V. 26— ;5;j aufser V. 27. Ähnlich, 
aber mit noch freierem Verfahren aufseiten des R, liegt die Sache in V. 15. 
18. 7 ff 

2) Gen 25, 24 27f. E und J gemeinsam, 25. 26a E (gegen Budde, S. 217). 

3) Ob der Name Eibqa bei E stand, ist nicht verbürgt, aber der Sache nach 
wahrscbeinlich 

4) Gen. 27. 

5) Zu E gehörten wohl 27, Ib. 4. 11. 13 i:15 zum Teil) 18. 21— 2.'5, 28. 30b. 
33 b. 34. 42. 



128 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

Vater hinein und giebt sich für Esau aus, worauf er gesegnet wird mit 
Tau des Himmels und Fettigkeit der Erde und Fülle von Korn und 
Most. Nach ihm erst kommt Esau, erfährt was geschehen und weint 
über die Malsen. Esau sinnt Rache ; die Mutter heifst Jaqob zu Laban 
fliehen. Es geht daraus zugleich hervor, dafs E ursprünglich auch über 
Isaaqs Verheiratung und Ribqas Verwandtschaft mit Laban wenigstens 
eine Mitteilung besessen hat. Wahrscheinlicher ist aber eine ausführ- 
lichere, von R unterdrückte oder nicht mehr vorgefundene Erzählung. 

3. Die Darstellung ist damit auf Jaqob übergeleitet, über den 
sie wieder reichlicher fliefst. 

Jaqob zieht vom Hause weg gegen Osten ^ Unterwegs über- 
nachtet er auf einem Stein. Da sieht er im Traum eine Leiter Erde 
und Himmel verbinden. Auf ihr steigen die Engel Gottes auf und 
nieder. Er glaubt hier die Pforte des Himmels zu finden und nennt 
den Ort Betel. Den Stein salbt er mit Ol und macht ihn zur Mas- 
seba. Dazu gelobt Jaqob: wenn er heil wiederkehre, so solle aus der 
Masseba ein Tempel werden, an dem von aller Gottesgabe der Zehnte 
gegeben werde ^. So setzt er seinen Weg fort „ nach dem Lande 
der Söhne des Ostens " ^. 

Gewifs^hat unser Erzähler einst eingehender über Jaqobs Ankunft 
und Erlebnisse dort berichtet, als der heutige Text von Kap. 29 f es 
noch ausweist. Aber die Redaktion scheint die profetische Darstellung 
von J der mehr volkstümlichen von E mehrfach vorgezogen zu haben. 

Jaqob bietet sich Laban zum Dienste an. Sie bedingen als seinen 
Lohn für 7jährigen Dienst die von Jaqob liebgewonnene jüngere und 
schönere Tochter Labans , Rahel. Nach Ablauf der Zeit verlangt 
Jaqob sein Weib ; Laban unterschiebt ihm die ältere Tochter Lea. 
Jaqob sieht sich betrogen. Laban schlägt ihm höhnisch ^ vor , für 
Rahel eine weitere Jahrreihe auszuhalten. Er thut es ^. 

Rahel, anfangs unfruchtbar, giebt Jaqob ihre Magd Bilha bei. Sie 
gebiert Dan und Naftali. Lea, die Jaqob schon vorher geboren hat ^, 
erhält nun weiter Issakar, Sebulon und eine Tochter Dina; Rahel, von 
Gott gesegnet, gebiert Josef ''. 



1) Dieser Sinn stand nach 29, 1 au Stelle von 28, 10. 

2) Gen. 28, 11 f. 17 f. 20. 21a. 22. 

3) Gen. 29, 1. 

4) Die Entschuldigung Y. 26 aus J oder wohl eher aus R (geg. Dillm.). 

5) Gen. 29, 15 b— 23. 25. 27 f. 30. 
G) Nach Gen. 30, 1 u. 17. 

7) Gen. 30, 1— 3a. 6. 8. 17— 20a. 20c. 24a. 



I. Die Traditiou. § 12. Die Erzählung von E. 13J> 

Nun ergreift Jaqob die Sehnsucht nach der Heimat. Laban Avill 
ihn nicht ziehen lassen und wünscht Jaqobs Forderungen für eine 
weitere Dienstzeit zu hören ^ Jaqob stellt seine Forderungen und 
bleibt -. Gott segnet ihn und die von ihm ausbedungene Art von 
Tieren wird in Menge geboren. Laban ändert mehrmals die Be- 
dingungen, doch nur zum Segen Jaqobs. Dieser, des Betrugs über- 
drüssig und durch ein Traumgesicht des Gottes von Betel aufgefordert, 
beschliefst nachhause zu fliehen. Seine beiden Weiber, zu ihm aufs 
Feld gerufen, stimmen dem Plane bei. Labans Abwesenheit zur Schaf- 
schur wird benützt. So „täuschte Jaqob das Herz Labans des Ara- 
mäers"; Raliel aber stiehlt seine Terafim ^. 

Erst weit jenseit des Eufrat, auf dem Gebirge Gifad, ereilt ihn 
Laban. Ein Traumgesicht verbietet ihm, Hand an Jaqob zu legen. 
Nur seine Götter verlangt Laban zurück; wer sie hat, soll sterben. 
Laban durchsucht die Zelte, Rahel weifs sich durch List zu retten. 
Jaqob entrüstet, macht dem Schwäher bittere Vorwürfe. Laban, ge- 
rührt und beschämt, erbietet sich zum Bunde *. 

Er ^ errichtet am Orte eine Masseba, Jaqob dagegen einen Wall 
(gal) aus Steinen. Hier halten sie das Bundesmahl. Der Wall soll 
Zeuge sein ('ed). Daher heifst der Gebirgswall Gil'äd ^. Weiter ziehend 
sieht Jaqob das Heerlager der Engel (Mabanajim) ''. 

Nun ist nur Esaus Rache noch zu fürchten. Jaqob sendet Boten 
zu ihm nach Edom mit reichen Geschenken, in Abteilungen sich fol- 
gend ^. Die Seinen und das Vieh setzt er über den Jabboq, er selbst 
bleibt jenseit des Flusses ^. Was Jaqob hier gethan oder was ihm be- 
gegnet, erfahren wir aus dieser Quelle heute nicht mehr ^" ; es lag aber 
aller Wahrscheinlichkeit nach eine ganz ähnliche Erzählung vor, wie 
wir sie in J über den Kampf Jaqobs mit Gott besitzen. Es folgt viel- 
mehr sofort eine kurze Beschreibung der Begegnung mit Esau, welche 
durchaus freundlich ausfällt. Die Geschenke, Avelche Esau mittlerweile 



1) Gen. 30, 26. 28 (mit Dillm. geg. Wellh.). 

2) Aus Gen. 31, 7. 41 zu entnehmen. 

3) Gen. 31, 2. 4—9. 11. 13—17. 19-21. V. K) und 12 von R. 

4) Gen. 31, 22—44 aufser 25. 27. 

5) V. 45 Laban Subjekt statt Jaqob. 

6) V. 45 f. (geg. Wllb. Dillm.) 48-50 aufser (48 b. 49)-, ferner 53 f. Kap. 32, 1. 

7) Gen. 32, 2 f. 

8) Gen. 32, 4. 14b-22. 

9) Gen. 32, 24. 25 a. 

10) So auch Wellhausen, JDTh. XXI, S. 434 ; anders Dillmann z. d. St. 

Kittel, Gesell, der Hebräer. 9 



130 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

erhalten hat ^, nimmt er auf besonderes Bitten Jaqobs an. Jaqob ge- 
langt wohlbehalten in die Nähe von Sikem, avo er sich ankauft und 
eine Masseba ^ errichtet ^. 

Von hier aus zieht Jaqob als Nomade hin und her im Lande, zu- 
nächst nach Betel, um sein dort einst abgelegtes Gelübde zu erfüllen. 
Er baut dort einen Altar und giebt dem Orte seinen Namen 'K Bald 
zieht er auch von hier weiter. Bei Efrat stirbt Rahel an der Geburt 
Benjamins. Auch dort errichtet Jaqob eine Masseba ^. 

4. Die Geschichte Josefs. Ein Jüngling von 17 Jahren hütet 
Josef mit den Brüdern des Vaters Herden. Durch Angeberei dem 
Vater gegenüber macht er sich den Brüdern verhafst ^. Den Hafs 
steigern noch eitle Träume, die, zwar von seinem Vater getadelt, die- 
sem immerhin zu denken geben ^. Eines Tages nun ruft Jaqob den 
Josef zu sich und sendet ihn zu den Brüdern. Da sie ihn sehen, be- 
schliefsen sie, den Träumer zu töten. Sie wollen angeben, ein Tier 
habe ihn gefressen. Rüben, um ihn zu retten und dem Vater nachher 
zu bringen, rät, nicht Blut zu vergiefsen, sondern Josef in eine Grube 
zu werfen. Nachdem dieser angekommen, ziehen sie ihm den Rock 
aus, werfen Josef in die Grube und gehen davon zum Mahle ^. 

Unterdessen ziehen midjanitische Kaufleute vorüber. Sie heben 
Josef aus der- Grube und bringen ihn nach Ägypten. Rüben aber, zur 
Grube zurückgekehrt, findet Josef nicht und geht klagend wieder zu 
den Brüdern. Sie nehmen Josefs Rock, tauchen ihn in Blut und brin- 
gen ihn dem Vater. Jaqob erkennt den Rock seines Sohnes und 
trauert um seinen Tod, Die Midjauiter aber verkaufen Josef in 
Ägypten an Potifar, einen Eunuchen des Pharao, den Obersten der 



1) Gen. So, 11. 

2) So wohl statt mizbeali wegen des Verbums. 

3) Gen. 33, 4 b. 5 b. 11. Teile von 19 f. 

4) Gen. 35, 1. 3. 7. Vielleicht gehört dazu auch V. 2 und 4 ^^Wellh. XXI, 
S. 437 iF.), vgl. Jos. '24, 14ff. ; doch könnte man auch an R aus P denken. 

5) Gen. .'Jö, Ki— 20. 

6) Gegen Dillmann, Gen.*, Ö. 372 ft", auch Gen.^, S. 386 ff. Der Armelrock 
nämlich gehört J. Nun palst aber dem Sinne nach zum Rocke wie zur väter- 
lichen Liebe nur die P2ifersucht ; wogegen 2ur Angeberei nur der Hafs stimmt. 
Also gehören Eifersucht, Ärmelrock und Liebe zu J. Hafs und Angeberei da- 
gegen ergeben sich demnach für E , welchem aus anderen Gründen auch die 
Träume gehören 

7) Gen. 37, 2a und c (rpl^ L»is ]xy3 und von js'Di" ^n)- 'ib — 10. IIb. 

8) V. 13b (vonnziS an). 19 f. (aufser: „und in eine Grube werfen"). 22. 23 ab«. 
24. 2ja<^ 



I. Die Tradition, s? 12. Die Erzählung von E. 131 

Scharfrichter (Palastwache). In seinen Dienst kommt Josef, und bald 
setzt er ihn über sein Haus und seinen Besitz ^. 

Nach längerer Zeit zürnt der Pharao zwei seiner Eunuchen, dem 
obersten Bäcker und dem Mundschenken. Sie kommen ins Gefängnis, 
in das Haus des Obersten der Scharfrichter. Josef wird zu ihrem 
Dienste verwandt (als Sklave Potifars, nicht als Gefangener). Er 
deutet ihnen seltsame Träume, die nach seiner Deutung wunderbar ein- 
treffen -. Zwei Jahre später hat auch der Pharao merkwürdige Träume, 
die ihm niemand in Ägypten zu deuten vermag. Da erinnert der nach 
Josefs Deutung freigewordene Mundschenk sich Josefs und nennt dem 
König den Knecht des Schlächterobersten. Man läfst ihn holen, und er 
deutet auch des Pharao Träume, und zwar auf eine demnächst ein- 
tretende Zeit des Überflusses, welcher eine Periode der Hungersnot 
folgen werde. Daran knüpft Josef den Rat, man solle in den Jahren 
des Überflusses den Fünften vom Getreide erheben und dasselbe in 
Vorratshäusern iür die Zeit der Not aufbewahren -K 

Der Pharao erkennt in Josef Gottes Geist und erhebt ihn zum 
ersten Mann im Reiche: er verleiht ihm seinen königlichen Fine:errino-, 
kleidet ihn mit Byssusgewändern und legt eine goldene Kette um seinen 
Hals. Er verleiht ihm den Titel Saphnatpa'neah, was schon Hierony- 
mus als Creator muudi erldärt und was jedenfalls etwas Ähnliches be- 
"deutet, und giebt ihm Asnat, eine Priestertochter zur Gemahlin. — Wie 
Josef angekündigt, so trifft es zu. Seinen früher gegebenen Rat führt 
er selbst aus. Sein Weib gebiert ihm Manasse und Efraim. So kom- 
men allmählich die Jahre der Teuerung heran , die sich weit über 
Ägypten hinaus ausbreitet *. 

Hier sendet auch Jaqob seine Söhne aufser Benjamin nach Ägypten, 
Getreide zu kaufen. Sie fallen vor Josef nieder. Er erkennt sie und 
gedenkt seiner Träume, behandelt sie aber zunächst unfreundhch. Sie 
sollen Kundschafter sein und müssen zum Beweis der Wahrheit ihrer 
Aussagen den jüngsten Bruder von Hause mitbringen. Shim'^on soll als 
Geisel in Josefs Händen bleiben , die übrigen , mit Getreide versehen, 
mögen nachhause ziehen. Sie willigen schweren Herzens ein und er- 
kennen auf Rubens Mahnung die Schuld ihrer Sünde in ihrem Ge- 



1) Gen. 37, 28a b/3. 2!)— ol. Teile von 32 u. 33. V. 34; die drei Schlulsworte 
von 35; V. 36. In Kap. 3ü einzelnes aus V. 4 (tpn n~ltt'''l) "i^d ^us V. 5 f. 

2) Gen. 40, la«. 2. 3 a. 4 — 22 aufser kleineu Einsätzen des R aus J in V. 5 
und 15. 

3) Gen. 41, 1 — IG. 25 — 3<), abgerechnet kleine Einsätze aus J in V. 7. 31. 
34 f. 

4) Gen. 41, 37— 4(t. 42. 43a. 45f 47 f. 51 f. 53-57 teilweise. 

U* 



133 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarehen. 

schick. Ihr Geld läfst Josef in die Säcke legen. Zurückgekehrt brin- 
gen sie Jaqob die Unglückspost. Er klagt : Josef ist nicht mehr ; . 
Shim'on ist nicht mehr; Benjamin wollt ihr mir nehmen. Rüben ver- 
bürgt sich mit seinen zwei Söhnen dafür, dafs er Benjamin ihm rück- 
erstatten werde ^ 

Nun greift, nachdem E ausführlich am Worte gewesen ist, J wie- 
der mehr ein, um die zweite Reise fast allein zu erzählen. E ist nur 
noch in ein paar Notizen erhalten ^. Jaqob läfst tief bekümmert die 
Brüder mit Benjamin ziehen. Josef giebt ihnen Shim'on heraus. Auch 
in Kap. 44 scheinen die Ausdrücke für den ältesten und jüngsten 
Bruder ^ nach dem sonst in diesen Zusammenhängen streng festge- 
haltenen Sprachgebrauch noch Spuren eines Berichtes von E über die 
weitern Erlebnisse in Ägypten aufzuweisen. 

Erst bei der feierlichen EröfFnungsscene läfst R wieder beide 
Quellen mehr zur Geltung kommen. Zunächst wird wieder E zugrunde 
gelegt. Josef entläfst seine Umgebung, um sich seinen Brüdern zu er- 
kennen zu geben. Er tröstet zugleich die erschreckten Brüder, denn 
Gott selbst habe ihn hierhergesandt, damit er zum Retter der Seinen 
für die noch bevorstehenden fünf Jahre der Hungersnot werde. Sie 
sollen eilends den Vater nach Ägypten entbieten. Auch der Pharao, 
zu dem das Gerücht gelangt ist, lädt Jaqob und seine Söhne nach 
Ägypten ein. Sie sollen das Fett des Landes essen und Wagen aus 
Ägypten sollen ihnen zum Transport der Weiber und Kinder zugebote 
stehen. Reich beschenkt kehren sie heim und bringen Jaqob die Bot- 
schaft. Er glaubt erst, als er Josefs ägyptischen Wagen sieht *. 

In Beersheba', wo nach E Jaqob sich damals aufhielt ^, wird ihm, 
als er eben dem Gott seines Vaters ein Opfer bringt, ein nächtliches 
Gesicht, das ihn ermuntert, nach Ägypten zu ziehen, denn dort soll 
er zum grofsen Volke werden. Auch soll er wieder zurückkehren. So 
entschliefst er sich zur Reise mit den Seinen. Josef aber bestreitet, 
nachdem sie angekommen, ihren Unterhalt ^. 

An einer nicht mehr ganz liierher passenden Stelle trägt nun R 
ein aus E und J bis zur Unkenntlichkeit der Teile oemischtes Stück 



1) Gen. 42, 1. 2b— 4 a. 5. 6 c. 7a«. 7b -26. 29-37. 

2) Gen. 43, 14. 23 c. 

3) Besonders in Y. 12, vielleicht auch in V. 2. 23. 26. Gegen Dillm. und 
Wellh. 

4) Gen. 45, Ib. 3. 4 ab. 5«^. 5b— 9. 11 f. 15—27. 

5) DiUm.^ S. 428. 

6) Gen. 46, Ib— 5 (aufser Israel V. 2): 47, 12. 



I. Die Tradition. § 13. Die Erzählung von J. 133 

über die Verdienste Josefs um Ägypten nach ^ Nachdem alles bare 
Geld in Ägypten für Getreide aufgebraucht ist, veranlafst Josef das 
Volk, sich selbst und alle Ländereien in Ägypten der Krone zu eigen 
zu verschreiben, um dafür in der Teuerung Korn aus den Vorrats- 
kammern zu erhalten. Grund und Boden ist damit von jetzt an in 
Ägypten Eigentum des Königs, und das Volk enti'ichtet dafür in Zu- 
kunft jedes Jahr den Fünften des Ertrages. Nur die Priester bleiben 
von diesem Verhältnis der Hörigkeit ausgenommen. 

In einem ebenfalls stärker von R überarbeiteten Stücke wird nun 
vollends das Lebensende Jaqobs berichtet. Auf dem Todbette empfängt 
Jaqob den Besuch Josefs mit seinen beiden Söhnen Manasse und Efraim. 
Jaqob segnet Vater und Söhne, Efraim vor Manasse setzend. Josef ver- 
heifst er die Rückkehr nach Kena'^an und dort einen Landstrich, den 
er selbst den Emoritern mit Schwert und Bogen abgenommen. — Den 
toten Vater betrauert Josef und läfst ihn einbalsamieren. Die Brüder 
aber, deren Gewissen nach des Vaters Tode aufs neue sich regt, be- 
ruhigt er. Josef selbst stirbt in Ägypten 110 Jahre alt; er bedingt 
sich von seinen Brüdern die Rückführung seiner Gebeine nach Kena'an 
aus ^. 



§ 13. 
Sie Erzählung von J. 

1. Den Jahvisten charakterisiert gemeinsam mit der Priesterschrift 
das Bestreben, die Geschichte Israels in ihrer Beziehung zur Welt und 
den Völkern im ganzen zur Anschauung zu bringen. Demgemäfs wird 
in kurzen Zügen Israels Herkunft und seine Verwandtschaft mit den 
andern Völkern bis zu den ersten Anfängen der Völkerbildung nach 
der grofsen Flut, bzw. der Völkerzerstöruug aus Babel ziu-ückgeführt. 

Schon diese letztere Wahrnehmung weist auf zwei Hauptarme, aus 
welchen die Quelle J zusammengeflossen ist. Dieselben, von Well- 
hausen und Budde J^ und J^ genannt, gehen in der Urgeschichte neben 
einander her, vereinigen sich aber von der Geschichte der Einwan- 



1) Gen. 47, 13— 2G. 

2) Gen. 48, 1. 2a. 8. 9a. 10b. 11 f. 15f. 20. 21f. (davon 8. 11. 21 gemeinsam 
mit J). • 50, 1 — 3 (gemeinsam mit J). 15 — 26 (aufser Teilen von J in V. 18. 21 f. 
24). Vgl. übrigens Wellh. XXI, S. 449; Dillm. z d. St.; Budde in ZAW. 1883, 

S. 57 ff. ; Kuen. Ond.^ § 8, No. 5. 



134 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

derung Abrahams in Kena'an an in ein gemeinsames Bette ^ J' ist 
der Stamm der jahvistischen Erzählung. Sie kennt die Sintflut noch 
nicht ^, sondern an ihrer Stelle den Ausgang der Menschheit aus Babel 
infolge der Völkerzerstreuung. Als Noahs Söhne gelten ihr Shem Jefet 
und Kena an. Abraham stammt von Noah und Shem als siebenter 
Nachkomme des ersteren. Er geht von Haran aus nach Kena'^an. J* 
hat die Erzählung über die Sintflut eingeführt. Den Ort der Landung 
nennt er nicht ^. Noahs Söhne sind ihm Shem, Ham, Jefet. Abraham 
geht aus von Ur Kasdim und kommt nach Haran. 

Drei grofse Völkerfamilien machen demnach für J^ die gesamte 
Menschheit aus: die Nachkommen von Shem, Ham, Jefet, den Söhnen 
Noahs. Von Jefets Nachkommen erfahren wir im heutigen Text von 
J nichts mehr. Von Ham leiten sich ab Küsh, Misrajim, Kena'an *. 
Küshs Sohn ist Nimrod, der erste Gewalthaber auf Erden. Er gründet 
zuerst ein Reich in Shin'är mit den Städten Babel, Erek , Akkad, 
Kalne ; darauf wendet er sich nach Assur und baut Ninive, Rehoböt-'Ir, 
Kelah und Resen. Von Misraim werden eine Reihe von Völkerschaften, 
darunter die Philister und die Kaftorim auf Kreta abgeleitet. Von Ke- 
na' an kommen her Sidon, Het und die kena'anitischen Völker- 
schaften ^. 

unter Shems Söhnen ist für J (J* und J'^) der wichtigste 'Eber; 
so sehr, „ dafs er sogar gleichbedeutend mit Shem selber ist " ^ ; Shem 
ist Vater aller Hebräer. 'Ebers Söhne sind Peleg und Joqtän. Von 
diesem stammen die südsemitischen, arabischen Stämme ab, von Peleg 
ohne Zweifel die Nordsemiten. Die EndgUeder ihrer im Zusammen- 
hang nicht mehr erhaltenen, nach Wellhausen [vielleicht einst sieben- 
gliedrigen Genealogie '^ sind die Terahiden Abraham und Nahor nebst 
ihrem früh verstorbenen Bruder Haran. Abrahams Weib ist Sara, 
Nahors Weib Milka ; jene ist unfruchtbar ^. Ihre Heimat ist nach dem 



1) Eine Ausnahme s. u. Gen. 15, 7 ff. Über meine Stellung zur Frage s. näher 
ThStW. VII (188(i), S. 201 f.; vgl. auch bes. Riehm in StKr. 1885, Heft 4. 

2) Höchstens war sie kurz erwähnt. S. ThStW. VII, S. 202: Hommel, Gesch. 
Bab. und Ass., S. 159. 

3) Zur Annahme eines südlichen Landungsberges (Budde, Urgesch., S. 438) 
ist kein Grund. 

4) Gen. 10, 8—19 aufser V. 9. 

5) Auch 10, 16—18 gehören wohl zu J (doch ist dies von Wellhausen, JDTh. 
XXI, S. 404; Meyer, ZAW. I, S. 124 f.; Budde, Urgesch., S. 222 bestritten;. 

6) Wellhausen, JDTh. XXI, S. 396. 

7) Auch sie stand wohl schon in Ji und wii-d von J2 aufgenommen. 

8) Gen. 10, 21. 25—30: 11,28—30. Vgl. Böhmer, Lib. Gen. :i860), S. 21; 



1. Die Tradition. § 13. Die Erzählung von J. 135 

ursprünglichen Bestand dieser Quelle Aram Naharaim, nach der etwas 
späteren Bearbeitung und Erweiterung derselben, welcher, wie ich 
glaube, auch Gren. 15, 7fF. angehört, Ur Kasdim ^ Derselbe Name ist 
entweder schon von diesem Bearbeiter ^ oder erst von R als Ausgangs- 
punkt der Wanderung in 11, 28 eingesetzt. 

2. Damit hat J die nötigen Notizen gegeben, um Abrahams 
Geschichte nun weiter fortführen zu können. 

In seiner Heimat Aram Naharaim trifft Abraham der Befehl Jah- 
ves, der ihn aus Heimat und Vaterhaus ausziehen heifst in ein Land, 
das Jahve ihm zeigen werde. Dort will Jahve ihn zum grofsen Volke 
machen, ihn segnen und schaffen, dafs in ihm alle Geschlechter der 
Erde sich segnen. Abraham gehorcht im Glauben dem göttlichen Be- 
fehle; Lot zieht mit ihm ^. 

Abraham gelangt nach Kena'an * und dringt bis Sikem vor. Dort 
erscheint ihm Jahve mit der Zusage, dies sei das ihm zugedachte 
Land, das er nun auch besitzen solle. Abraham zieht hier als Noma- 
denfürst umher, zunächst in Sikem und Betel rastend und Altäre 
bauend ^. 

Abraham und Lot sind reichbegüterte Herdenbesitzer. Ihre Hir- 
ten stofsen sich in dem engen Lande. Abraham wünscht den Streit 
vermieden und schlägt brüderliche Scheidung vor, Lot grofslierzig die 
Wahl des besseren Teiles überlassend: Lot wählt die üppige Jordan - 
aue, den Ghör bis zum Südende des Toten Meeres, wohin eine Menge 
von Bächen aus den Bergen herabströmen. Abraham aber erhält als 
Ausdruck göttlichen Wohlgefallens über sein Verhalten eine neue 
Offenbarung Jahves, die ihm noch einmal den Besitz des Landes zusagt. 
Er durchzieht dasselbe nach Länge und Breite und nimmt endlich seinen 
Aufenthalt unter den Terebinthen von Mamre bei Hebron. Dort baut 
er einen Altar ''. 



Das 1. Buch derThora, S. 32: ferner Budde, S. 414 ff. und meine Erört. d. Stelle 
in ThStW. 1886, S. 193 f. 

1) Über die Zugehörigkeit dieser Stellen zu J vgl. Budde, S. 418 f. 439 f. — 
Über die Lage von Ur Kasdim im Sinne von J2 s. u. § 17. 

2) So Budde, Urgesch., S. 442. 

3) Gen. 12, 1— 4 a. 

4) Ist aus dem Zusammenhang zu ergänzen; R hat es wegen V. 5 vregge- 
lassen. 

5) Geu. 12, 6 — 8 aufser vielleicht V. 6 b imd aufser einzelnen Notizen von E 
(s. oben). Auch V. 9 gehört zu (E oder) R (gegen Dillmann^, S. 219; Budde, 
S. 7 Anm.) wegen 13, 14 ff., womit sich Wellh. XXI, S. 414 erledigt. 

6) Geu. 13, 2. 5. 7— 11 a. 12 b — 18, welche Verse sich an 12, 8 unigittelbar 
anschliefsen: vgl. Dillm.*, S. 212 (•', S. 223). 



136 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

Eine Hungersnot zwingt Abraham, nach Ägypten zu ziehen. Er 
giebt Sara für seine Schwester aus. Der Pharao nimmt sie weg und 
wird darob mit heftigen Plagen geschlagen. Er giebt Sara wieder 
frei, und Abraham zieht zurück in den Süden Kena'^ans ^ 

Hier kommt das Wort Jahves zu ihm und verhelfst ihm reichen 
Segen. Abraham wendet seine Kinderlosigkeit ein ; sein (oberster) Haus- 
genosse werde ihn beerben, Jahve verhelfst ihm einen Sohn als Erben. 
Abraham glaubt Jahve, das wird ihm zur Gerechtigkeit gerechnet ^. 

Hieran hat nun R eine ursprünglich wohl in anderem Zusammen- 
hang stehende und mit Elementen von E gemischte Erzählung unseres 
Verfassers angeschlossen, welche über eine feierliche Bundschliefsung 
Jahves mit Abraham Bericht erstattet. Jahve, der Abraham aus Ur 
Kasdim ^ ausgeführt, verhelfst ihm das Land zum Besitze. Abraham 
vermag dies nicht zu glauben und bittet um ein Zeichen. Jahve heifst 
ihn Opfertiere zerlegen, läfst nach Sonnenuntergang einen Schlaf 
über ihn kommen und kündigt ihm den 400jährigen Aufenthalt der 
Seinen in Ägypten, Rückkehr und Besitz des Landes an. Eine Feuer- 
flamme fährt an Stelle Jahves selbst zwischen den Opferstücken hin- 
durch ; so hat Jahve einen Bund mit Abraham geschlossen ^. 

Zunächst freilich ist Sara noch unfruchtbar. Daher sie Abraham 
ihre Magd Hagar beigiebt. Schwanger geworden verachtet diese ihre 
unfruchtbare Gebieterin. Sara macht ihr Recht als Herrin geltend, 
worauf Hagar entläuft. An einem QueU der Wüste findet sie der 
Engel Jahves und sagt ihr zu, dafs Jahve auf ihr Elend geachtet habe ; 
Ismael, ihr Sohn, soll ein freier unbändiger Wüstensohn ^ werden ^. 



1) Geu. 12, lU— 13, 1 (aufser i^j; m^i) : vgl. gegen Wellh. XXI, S. 413. 
419 (E); Dillm.^ S. 223; Budde, S. (If. 

2) Gen. 15, 1. 3 f. 6 (V. 1 und 6 mit E gemeinsam). Die Scheidung weicht 
hier von Wellh. XXI^. 411 f.: Dillm.^ S. 2.B0ff. {% S. 242 ff.): Budde, S. 416 f. 
ab. Vgl. noch Kuenen Ond."^, § 8, No. 4. 8. 

3) Deshalb wird diese Erzählung wohl "noch ein Stück aus J2 sein. Dafs 
V. 7 = J, vgl. Budde, S. 439. 

4) Gen. 15, 7—18 (aufser Teilen von E in V. 9. 12 [14 P?] und vielleicht 18). 
Dafs die Erzählung im übrigen ganz aus J stammt (aufser V. 19 — 21) wird von 
den meisten Erklärern (Dillmann, Gen.*, S. 231: Wellhausen XXI, S. 411 f.; 
Budde, S. 418) nur deshalb geleugnet, weil ein unmittelbarer Anschlufs an das 
Vorhergehende gesucht wird. — Der Grund der Einstellung des Stückes au diesem 
Orte ist vielleicht das Verb, »tn"' gewesen. S. näher ThStW. 188G, S. 195 ff., und 
gegenüber Dillmann Gen."' ebenda, S. 220. 

5) Ob Ismael für J in der Wüste geboren wird und aufwächst oder Hagar zu 
Abraham zurückkehi-t, hängt von V. 8 — 10 ab. 

6) Gen. 16, Ib — 14. V. 8 — 10 vielleicht mit Böhmer, Das ei-ste Buch der 
Thora, S. 203, auch Wellhausen XXI, S. 410 Zusatz. 



I. Die Tniditiou. § 13. Die Erzählung vou J. 137 

Eines Tages erseheinen bei Abraham unter den Mamreterebinthen 
drei Männer. Abraham lädt sie zu gastlicher Einkehr ein. Sic fragen 
nach Sara und einer der drei, im Verlaufe als Jahve erkannt, verheilst 
ihr iür kommendes Jahr einen Sohn. Sara, die schon gealtert ist, 
lacht ungläubig. Die Männer brechen auf in der Richtung nach So- 
dom. Unterwegs eröfihet Jahve dem ihn geleitenden Abraham sein 
Vorhaben, über die gottlosen Einwohner von Sodom und Gomorrha ein 
Straigericht zu verhängen. Abrahams Fürbitte aber bestimmt Jahve zu 
der Zusage, er werde die Stadt verschonen, wenn zehn Gerechte sich 
in ihr linden. Abraham kehrt nachhause zurück. Jahve trifft mit den 
zwei Engeln in Sodom zusammen ^ 

Die nach Sodom vorausgegangenen Engel linden bei Lot gasthche 
Aufnahme, werden aber von den Sodomiten mit grober Mifshandlung 
bedroht. Sie veranlassen Lot, mit den Seinen die Stadt zu verlassen, 
da Jahve sie verderben werde. In der That läfst Jahve Schwefel und 
Feuer über Sodom und Gomorrha regnen. Lot rettet sich mit seinen 
zwei Töchtern nach So'ar. Sein Weib, das unterwegs sich umsieht, 
wird zur Salzsäule. Abraham aber sieht von ferne den Qualm der 
verbraunten Städte ^. 

Ob die folgende Erzählung über die Entstehung von Moab und 
'Ammon ^ dieser Quelle angehörte, ist auch nach Wellhausens an sich 
gewifs richtigem Satze * , dafs morahsche Bedenken keine kritischen 
seien, immerhin zweifelhaft. Denn sie will nicht zu der sonstigen Schil- 
derung Lots bei J passen. Man wird sie deshalb doch eher mit Dill- 
mann dem hebräischen Volkswitz zuschreiben, welcher durch sie seinem 
Widerwillen gegen Moab-Ammon Worte lieh °. 

Die Sara gewordene Verheifsung trifft zu ihrer Verwunderung ein ; 
sie fürchtet, wer es höre, werde ihrer lachen ^. Der in Isaaqs Kind- 
heit fallende Aufenthalt Abrahams in Beersheba' erscheint auch durch 
unsere Quelle verbürgt ^. Hierfür spricht auch der Umstand , dafs in 
J sich heute noch die Elemente eines Berichtes über die von Beersheba' 



1) Gen. 18. Das Fehleu der letzten Notiz ist die einzige erhebliche Uneben- 
heit der schönen Erzählung. Vgl. über die Einheit des Kap. (gegen Wellhausen) 
Dillmann^ S. 260. 

2) Gen. 19, 1-28. 

3) Gen. 19, 30—38. 

4) JDTh. XXT, S. 417. 

5) Gen.^ S. 272. 

(i) Gen. 21, la. 7. dh (vgl. Budde, S. 224. 215). 
7) Gen. 21, 33; vgl. Dillm.^ S. 284. 



138 Erstes Bucli. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

ausgehende Reise zur Opferung Isaaqs vorfinden ^, falls dieselben nicht, 
wie Dillmann ^ glaubt, 11 selbst angehören. 

Als Überleitung zur Brautwerbung für Isaaq fügt nun J ein ihm 
eigentümliches Stück über die Familie Nahors, des Bruders Abrahams 
ein ^, worauf nach einer eingelegten kurzen Digression über eine zweite 
Ehe Abrahams nach Saras Tode und die wohl gleichzeitig erfolgte 
selbständige Niederlassung Isaaqs beim Brunnen Lahaj-Roi * die Braut- 
werbung selbst und Isaaqs Heirat mit Ribqa •'' folgt. In einer lieblich 
idyllischen Erzählung, die vielfach an den Verfasser von Kap. 18 f er- 
innert, wird berichtet, wie Abraham, alt geworden, darauf bedacht ist, 
seinen Sohn vor einer Verbindung mit den im Lande wohnenden Ke- 
na'anitern zu bewahren und ihm eine Frau aus seiner Heimat Aram 
Naharaim zu verschaffen. Er sendet seinen Hausverwalter dorthin in 
in die Stadt Nahors. Unter Jahves sichtlicher Leitung gelingt es 
diesem, das Ziel seiner Reise und an demselben die Isaaq bestimmte 
Jungfrau richtig zu finden. Es ist Ribqa, die Tochter Betuels des 
Neffen Abrahams. Der Knecht geleitet sie nach Kena'an, und Isaaq 
führt sie in das Zelt seiner Mutter ein und tröstet sich damit über den 
Tod seines Vaters ^. Eine weitere Notiz über Abrahams inzwischen 
erfolgten Tod scheint ausgefallen. So wird Ribqa die zweite Stamm- 
mutter des Volkes Israel. 

3. Über Isaaqs ferneres Leben hat auch unsere Quelle verhält- 
nismäfsig wenig, wenngleich mehr als E berichtet. 

Eine Hungersnot bringt ihn in die Versuchung, wie einst sein 
Vater that, nach Ägypten zu ziehen. Jahve wehrt es ihm. Er bleibt 
in der Gregend von Lahaj-Roi im Gebiete von Gerar und Jahve segnet 
ihn hier mit grofsem Reichtum. Dem König von Gerar Abimelek er- 
scheint er deshalb zu mächtig, daher derselbe Isaaq von sich weist. 
Isaaq wendet sich südostwärts nach dem Nahal Gerar. Hier graben 
seine Knechte Brunnen, geraten aber darob mit den Hirten von Gerar 



1) In Gen. 22, 2. 11. 14 und wohl auch V. 13. Gegen Dillmaün% S. 285, der 
auf 21, 19 verweist, vgl. 18, 2; 24, 63: 33, 1: 37, 25 (31, 10. 12). 

2) Gen.*, S. 274 (% S. 286). 

3) Gen. 22, 20—24. Über die Zugehörigkeit von J vgl. gegen Nöldeke (A) 
und Wellh. XXl, S. 417. 419 (E), Dillm.^ S. 289f. und Budde, S. 423 f. 

4) Gen. 25, 1—6. IIb Über die Stellung dieses Abschnittes vgl. Wellh. 
XXI, S. 417 f.: Dillm.^ S. 295; über seine Zugehörigkeit zu J Budde, S. 225. 

5) Gen. 24. 

6) V. 67 nach der von Wellhausen XXI , S. 418 vorgeschlagenen Lesart 



I. Die' Tradition, ij 13. Die Erzählung von J. 139 

in Streit, was den Wüstenstatioueu 'Eseq, Sitna (Schutein), Rehobot (Ru- 
haibe) die Namen giebt ^. 

Auch Ribqa ist, wie einst Sara unfruchtbar. Isaaq betet tür sie, 
sie wird schwanger. In ihrem Leibe stofsen sich zwei Kinder. Sie 
befragt Jahve und erfährt, dafs zwei Stämme aus ilu-em Schofse sich 
scheiden werden, der gröfsere aber dem kleineren dienen müsse. Sie 
gebiert Zwillinge, den Esau, der ein schweifender Waidmann wird, des 
Vaters Liebling, und Jaqob , den die Mutter liebt , weil er ein stiller 
Mann wird und bei den Zelten weilt. Eines Tages hat Jaqob sich ein 
Linsengericht bereitet. Esau vom Felde heimkehrend begehrt davon 
zu essen. Jaqob beutet in hinterlistigem Eigennutz des Bruders Grier 
aus und verlangt als Preis die Erstgeburt. Esau leichtfertig sein Vor- 
recht geringachtend, giebt sie hin und heifst nun der Rote (Edom) ^. 

Der hierin schon zum Ausdruck gekommene Gegensatz zwischen 
den beiden Brüdern wu'd noch verschärft und führt zum Bruche durch 
Jaqobs betrügUche Aneignung des Erstgeburt s e g e n s. Die Erzählung 
derselben in Kap. 27 ist stark mit Zügen aus E gemischt, doch lassen 
sich eine Reihe von Teilen des ursprünglichen Berichts unserer Quelle 
noch ausscheiden ^. Der Hergang verläuft fast genau in derselben 
Weise, wie sie oben für E angegeben ist. J eigentümhch ist nur die 
Erinnerung Esaus an den Namen des Bruders ^ : habe er ihm schon 
beim Verkauf der Erstgeburt die Ferse gehalten, so nun zum zweiten- 
mal. Die Benennung Jaqobs leitet demnach J nicht von der Geburt 
der Brüder ab. 

4, Von Beersheba', was jedenfalls nicht weit vom Nahal Gerar, 
dem letztgenannten Aufenthalt Isaaqs in unserer Quelle, ist, macht sich 
Jaqob auf nach Haran. Einmal des Nachts ^ träumt er , Jahve stehe 
neben ihm, gebe sich ihm als Gott Abrahams und Isaaqs zu erkennen 
und verheifse ihm glückliche Heimkehr und den Besitz des Landes, 



1) Gen. 2Ü. Die Hungersnot in V. 1, dann V. 2. 12—17 (aufser 15). 19—22 
stellen den Bericht von J dar. Das Übrige kann wegen 12, 10 ff. nicht aus J 
stammen (gegen Wellh. XXI, S. 419; Dillm.', S. 317; Budde, S. 7 Anm.) ; vgl. 
noch Kuen. Ond.^, § 13, No. 11. 

2) Gen. 25, 21—24. 27—34 (V. 24. 27 f. auch in E). Über die Stellung nach 
Kap. 26 s. Dillm.% S. 312; über V. 27 Budde, S. 217. 

3) Zu J gehörten wohl V. 7. 15 zum Teil (gegen Dillmann; vgl. nämlich 
Dillm.% S. 333 über 29, 16. 18 mit seiner Zuweisung von 27, 15 auf S. 322). 
20. 24—27. 29 b. 30 a. 35—38. 45. 

4) V. 35. 

5) 28, IIa mufs mit E gemeinsam- wenigstens dem Sinne nach in J gestanden 
haben. 



140 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der PsCtriarcheu. 

seinem Samen aber Ausdehnung über alle vier Winde. Erwachend 
erkennt er, dafs Jahve an diesem Orte sei und nennt ihn Betel ^ 

Eine 29, 1 analoge Notiz aus J über die Fortsetzung der Reise 
hat R weggelassen. Wir finden Jaqob wieder vor einem Brunnen auf 
freiem Felde, wo er sich mit den die Herden tränkenden Hirten in 
Zwiesprach einläfst und vernimmt, dafs er mit den Knechten Labans, 
des Sohnes von Nalior und des Bruders seiner Mutter redet. Bald 
kommt Labans Tochter Rahel selbst. Jaqob küfst sie als Verwandter 
und weint vor Freude. Laban selbst begrüfst seinen Schwestersohn, 
führt ihn in sein Haus und erbietet sich, mit Jaqob, nachdem dieser 
ihm eine Weile gedient hat, einen Lohn zu vereinbaren ^. 

Uie Verhandlungen um Rahel, die Unterschiebung der Lea und 
die endliche Gewinnung der Rahel durch weitere sieben Dienstjahre 
werden nun von R aus E mitgeteilt. Nur die Entschuldigung Labans 
mit Hilfe einer Sitte des Landes scheint auf unsern Schriftsteller zu 
weisen ^. 

Lea gebiert Rüben, Shim'on, Levi, Juda, Rahel aber ist unfrucht- 
bar. Von ihrer Magd Bilha erhält Jaqob Dan und Naftali, von Leas 
Magd Silpa Gad und Asher. Durch Rubens Liebesäpfel erkauft sich 
Lea von Rahel das Recht der Beiwohnung Jaqobs; Lea gebiert Issakar 
und Sebulon, Rahel den Josef '^. 

Nun wünscht Jaqob in die Heimat zurückzukehren. Laban will 
ihn nicht ziehen lassen und ist zu neuen Verhandlungen bereit, Jaqob 
verlangt für sich keinen Lohn; aber was von jetzt ab in Labans Her- 
den mit ungewöhnlicher Farbe geworfen wird, soll ihm gehören. Laban 
willigt ein ; Jaqob aber weifs durch allerlei Hirtenkniffe die Abmachung 
zu seinem Vorteil zu wenden '°. 

Jaqobs Glück erweckt Labans und der Seinen Unzufriedenheit. 
Daher heifst Jahve Jaqob nachhause kehren. Laban jagt ihm nach, 
erreicht ihn auf dem Gebirge Gifad und stellt ihn zur Rede *". Auch 
unsere Quelle mufs hier eine von R zugunsten des ausführlicheren Be- 
richtes von E unterdrückte Erwähnung der schliefslich zur Versöhnung 
führenden Verhandlungen zwischen Jaqob und Laban gehabt haben. 
Laban schichtet einen Wall auf, der Zeuge sein soll, dafs keiner von 



1) Gen. 28, lU (IIa). 13—16. 19a. 

2) Gen. 29, 2— 15 a. Über V. 4 f. wie über 28, 10 vgl. ThStW. 1886, 
S. 195. 

3) V. 26 wegen -iiyj; und "11^3. 

4) Gen. 29, 31—35; 30, 3b-5. 7. 9—16. 20b. 24b. 

5) Gen. 30, 25. 27. 29—43. 

6) Gen. 31, 1. 3. 25. 27. 



I. Die Tradition. § i;». Die Erzählung von J. 141 

beiden Teilen zum Schaden des andern die Grenze überschreite 
(Gal-'ed) K 

Zu Esau sendet Jaqob Boten voraus. Sie kehren mit der Nach- 
richt zurück, Esau ziehe mit 400 Mann Jaqob entgegen. Jaqob ver- 
mutet darin Feindschaft und teilt, um wenigstens die Hälfte zu retten, 
seine Leute und Herden in zwei Lager, erbittet sich Jahves Schutz 
und gleichzeitig durch reiche Geschenke des Bruders Gnade ^. An der 
Furt des Jabboq erwartet er die Nacht und setzt in derselben mit 
seinen Weibern und Kindern über den Flufs. Hier ringt ein Mann 
mit ihm. Da Jaqob ihn überwindet, nennt jener ihn Israel, Gottes- 
streiter. Zugleich aber verrenkt er ihm das Gelenk der Hüfte ^. 

Erst durch diesen Kampf mit Gott, im Gebete zuerst und hernach 
in Wirklichkeit, ist Jaqobs fi'ühere Schuld gegen Esau gesühnt. Nun 
bringt ihm die Begegnung mit Esau keine Gefahr. Esau kommt ihm 
versöhnt entgegen, und Jaqob gelangt wohlbehalten nach Sukkot. Von 
hier siedelt er auch in dieser Quelle nach Sikem über *. 

Über Jaqob-Israels nun folgenden Aufenthalt in Kena'an erfahren 
wir vor der Josefsgeschichte nur noch wenig. Das Hauptstück ist 
Kap. 34, die aus P und J gemischte Erzählung über Dina. Allerdings 
differieren hier Wellhausen und Dillmann stark; doch scheint mir des 
letzteren Scheidung die richtigere Beobachtung zugrunde zu liegen. 
Sikem, der Sohn des Landesfürsten Hamor, entehrt Jaqobs Tochter 
Dina. Er liebt sie, und von Jaqobs ^ Söhnen zur Rede gestellt, ist er 
erbötig, jede Bedingung einzugehen, wenn er Dina zur Ehe erhalte. 
Sie fordern die Beschneidung der Sikemiten. Die vom Wundfieber Er- 
griffenen überfallen Shim'on und Levi heimtückisch, ermorden alles 
Männliche in der Stadt und nehmen Dina weg. Jaqob fürchtet die 
Folgen der That und straft die Söhne hart •". 



1) V. 51 f., aber ohne nD^JD- ^as harraonistische Glosse ist, da (gegen Wellli. 
XXI, S. 431 f) das Verb. n~i"i nur zu ^j palst: vgl. n^pn V. 45. 

2) Geht aus 33, 9 f. hervor. 

3) Gen. 32, ö-14a. 23. 25-33 (V. 30 f. vielleicht aus R). Der Hauptgrund 
für J in V. 25 ff. (mit Wellhausen gegen Di llmaun) ist mir neben sprachlichen An- 
zeichen der Name Israel, der künftig ein Zeichen von J ist. Nur der Abschlufs 
dieser Geschichte selbst und Kap. 34 haben (ohne Zweifel durch R) der Konfor- 
mität halber noch den Namen Jaqob. - Über Elohira vgl. Dillm.*, S. 3G0, Z. 2Ü. 

4) Gen. 33, l~4a. 4c. 5a. G— 10, 12—17 (Teile aus V. litf.?). 

5) Über den Namen Jaqob s. die vorletzte Anm. und das sofort Folgende. 

G) Gen. 34, Ib. 2b. 3. 5. 7. 11-13. 14. 19. 25 f. 30 f. S. aber dagegen Well- 
hausen XXI, S. 435 flf.; Kuenen, Theol. Tijdschr. XIY, S. 25Gff.; Ond.- , § 1(5, 
No. 12. 



i43 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarcheu. 

Vielleicht infolge dieser That bricht Israel, welchen Namen der 
Redaktor mit Rücksicht auf P 35, 10 jetzt erst in J belassen hat, von 
Sikem auf zum Herdenturm bei Betleliem. Dort vergeht sich Rüben 
mit seines Vaters Kebsweib Bilha ^ Von Kap. 36, dem hier einge- 
schalteten- Geschlechtsregister Esaus und der Edomiter, gehören viel- 
leicht einzelne Teile, besonders der Anfang, unserer Quelle an ^. Doch 
ist die Scheidung überaus unsicher und bestritten. Ich fühle mich nicht 
veranlafst, den Streit zu vermehren. 

5. Eine zusammenhängende mit derjenigen von E parallele Er- 
zählung bietet unsere Quelle nun wieder über Josef und seine Schick- 
sale. Die Differenzen von E entsprechen ganz der Eigenart von J, 
wie wir sie bisher kennen gelernt haben. Der Traum tritt zurück, 
und wo er ein wesenthcher Zug der ÜberHeferung ist, ist der be- 
treffende Abschnitt jedenfalls von E mit weit mehr Ausfühi-Hchkeit ge- 
geben. An Stelle Rubens hat Juda die Führerrolle unter den Brüdern. 
Die Darstellung von J giebt folgendes Bild. 

Josef weilt als Gehilfe bei seinen Halbbrüdern. Jaqob-Israel, jetzt 
bei Hebron weilend, liebt ihn als Alterssohn besonders und schenkt 
ihm einen Armelrock. Die Brüder sind darum eifersüchtig auf Josef ^. 
Von ihrem bisherigen (in der Nähe des Vaters gedachten) Weideplatz 
ziehen die Brüder weiter nach Sikem. Israel entsendet Josef, nach 
ihnen zu sehen. Ein Mann teilt ihm mit,, dafs sie nach Dotän aufge- 
brochen sind, wo er sie denn findet. Ihn von ferne erbhckend be- 
schliefsen sie, ihn zu töten. Juda* spricht dagegen und dringt mit 
einem anderen Plane durch. Angelangt wird Josef seines Armelrockes 
" entkleidet und einer eben vorbeiziehenden ismaelitischen Karawane ver- 
kauft. Den Ärmelrock senden sie dem Vater zu, der ihn erkennt und 
Josef als von einem Wilde zerrissen beklagt. Heuchlerisch besuchen 
die Söhne den Vater, ihn zu trösten ■^. 

Die Zwischenzeit, bis wir von Josefs Ergehen weiteres erfahren, 
benützt der Verfasser, eine Erzählung über die Entstehung einiger spä- 
ter noch vorhandener judäischer Geschlechter einzuschalten, Kap. 38. 
Die Geschlechter 'Er und Önän sind früh erloschen. An ihre Stelle 



1) Geu. 35, 21 f. 

2) So Dillm.\ S. 862 (etwas geändert Gen.°, S. 376). Aoders Budde, S. 347 f. 
Vgl. auch Bruston in Rev. theol. (Montaub.) 1882, p. 18 sqq. 134 sqq. 

3) Gen. 37, 2b. 3. 4a. IIa. Über die Gründe der Scheidung s. o. § 12. 

4) V. 21 lies Juda statt Rüben. 

5) Gen. 37, 12. 13a. 14^18. 21. 23b. -loa ß— 21. 28b«. 32 f. (zum gröfsten 
Teil). 35 (aufser dem Schlafs). 



I. Die 'rraditioii. <J lo. Die Erzäbiuiig von .J. 143 

traten Peres und Zerah. Dies wird auf Vorgänge in der Familie Judas 
zurückgeführt. Juda ehelicht ein kena'anitisches Weib und erhält von 
ihr 'Er Onän Shelä. 'Er stirbt kinderlos, Onän soll als Schwager der 
Witwe Tauiar Kinder zeugen, wird aber, weil er sich weigert, früh 
weggerafft. Da der dritte Sohn aus Sorge vor dem Schicksal der 
andern von Juda der Tamar vorenthalten wird, so weils sie sich durch 
List des Schwiegervaters Beiwohnung zu verschaffen. Die Söhne Judas 
von Taraar sind die Zwillinge Peres und Zerah '. 

Josefs Geschichte wird nun wieder aufgenommen. Er ist von den 
Israaeliten nach Ägypten gebracht und an einen ägyptischen Mann als 
dessen Sklave verkauft worden. Er gewinnt das Vertrauen seines 
Herrn, so dafs dieser ihn über sein ganzes Haus setzt. Seines Herrn 
Weib aber vnrit ihre Augen auf den Jüngling und macht ihm Zu- 
mutungen, denen Josef sich durch rasche Flucht zu entziehen weifs. 
Seine Herrin, Entdeckung füi'chtend, verleumdet ihn bei ihrem Gemahl, 
der darauf Josef ins Gefängnis werfen läfst. Aber auch hier giebt ihm 
Jahve Gnade bei dem Gefängnisobersten (für J nicht identisch mit 
Josefs ursprünglichem Herrn), so dafs auch er Josef über sein Haus 
setzt ^. 

Nur vereinzelte Anzeichen ^ geben uns in Verbindung mit dem 
ganzen weiteren Verlauf der Erzählung an die Hand, dafs auch unsere 
Quelle die Befreiung und Erhöhung Josefs ähnlich wie E, wenn auch 
wohl viel kürzer, erzählte. Demnach ist auch hier Josef durch glück- 
liche Deutuno- der Träume Pharaos auf eine Periode des Überflusses 
und des Mangels in Ägypten emporgekommen und wird vom Pharao 
über Ägypten, besonders über die Getreidevorräte des Landes, gesetzt. 

Reichlicher und zusammenhängender greift J aber erst wieder ein 
bei Schilderung der durch Hungersnot in Kena'an veranlafsten Be- 
rührung Josefs mit seinen Brüdern, besonders seit der zweiten Reise 
derselben Kap. 42 ff. . Jaqob sendet seine Söhne nach Ägypten , nur 
Benjamin, von dem wir jetzt erst erfahren, soll beim Vater bleiben. 
Josef, der Gebieter von Ägypten, erkennt sie, verleugnet sich aber. 
Er fragt nach Vater und Bruder * und fordert zu ihrer Legitimation 
Benjamin zu sehen. Von Shim'on als Bürgen ist nicht die Rede. Sie 

1) Über die Heimat der Erzählung vgl. Dillmann, Gen.*, S. 392 ; Reul's, Gesch. 
d. AT., S. 250; Kuenen Ond.^, § 13, No. 9. 

2) Gen. 39, labp\ 2 f. 4 (aufser ^N r\'\W^',)- 5 b-23. 

3) Gen. 40, 1 (aufser den ersten 4 Worten). 3b; einzelnes in V. 5 und 15 und 
in 41, 7-, vgl. ferner 41, 31. 34a. 35a. 41. 43b. 44. 49. 55. Dillmaun scheint so- 
gar geneigt, 41, 17 — 24 J zuzuweisen. 

4) Gen. 43, 7. 



144 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriareben. 

ziehen heim und finden unterwegs in dem Sack des einen von ihnen 
sein Geld wieder vor, die andern entdecken das ihre zuhause ^. Die 
erschwerte Hungersnot zwingt Jaqob, seine Söhne abermals nach Ägyp- 
ten zu schicken. Juda erinnert ihn daran, dafs sie ohne Benjamin 
nicht dorthin kommen dürften. Er verbürgt sich selbst dem Vater für 
ihn. In Ägypten augekommen, werden sie in Josefs Haus geladen 
und, besonders Benjamin, mit Auszeichnung behandelt. Josef mufs sich 
Gewalt anthun, sich nicht zu erkennen zu geben ^. 

Doch hat Josef noch eine weitere Prüfung über sie verhängt. Sie 
werden entlassen, in ihre Säcke wird aufser dem Getreide noch ihr 
Geld gelegt, in Benjamins Sack aber Josefs silberner Becher. Kaum 
haben sie die Stadt verlassen, so wird ihnen nachgejagt und in Ben- 
jamins Sack der Becher gefunden. Sie kehren wieder um. Judä an 
der Spitze der Brüder geht ins Haus Josefs. Er macht keinen Versuch, 
sich zu rechtfertigen , sondern erkennt in ihrem Geschick — und 
dies ist der Zweck der ganzen Veranstaltung — Gottes vergeltenden 
Finger. Er erzählt Josef des alten Vaters ganzes Leid um Josef und 
um Benjamin und bittet, ihn selbst statt Benjamins zu behalten^. 

Nun wird Josef von Rührung übermannt. Laut weinend giebt er 
sich den Brüdern zu erkennen. Sie sollen dem Vater seine Herrlich- 
keit kundthun und ihn nach Goshen einladen. Dieser ist sofort ent- 
schlossen "^ und bricht mit allem, was sein ist, von Hebron, wo wir 
Jaqob verlassen haben, nach Beersheba' ^ auf Von hier aus geht die 
Reise. Juda wird vorausgesandt, Josef Nachricht zu bringen. Dieser 
holt Vater und Brüder feierlich ein und erstattet dem Pharao Bericht. 
Sie erhalten auf ihre Bitte die Erlaubnis, im Lande Goshen ihre Klein - 
Viehherden zu weiden. Denn nicht zwar das Hirtengewerbe ^ , wohl 
aber das unsefshafte Nomadenleben ist den Ägyptern ein Greuel ''. 

Die hier eingeschaltete Erzählung über Josefs Verdienste um 
Ägypten 47, 13 — 26 stand nun, wie einzelne Zeichen ergeben^, wohl 
auch in J, wenngleich an etwas anderem Orte. 

Auf dem Totenbette läfst Jaqob -Israel noch einmal Josef zu sich 



1) Gen. 43, 12. 

'2) Geu. 42, 2a. 4b. Gab. laß. 27 f. 38; 43, 1—13. 15— 23ab. 24—34. 

3) Gen. 44; vgl. aber oben S. 132. 

4) Gen. 45, 1 a. 2. 4 c. öaccy. 10. 13 f. 28. 

5) Gen. 46, 1 a. Ob in der folgenden Liste der Familienglieder Jaqobs auch 
einiges aus J enthalten ist, z. B. 12 b. 19 f., ist nicht sicher, aber wahrscheinlich. 

6) V. 6b. 

7) Gen 46, 28 — 47, 5 a. 6 b. 

8) In V. 13 und 25, vielleicht auch in 17. 



1. Die Tradition. § 14. PriesterBchrift und Redaktion. 145 

rufen und verpflichtet ihn eidlich, seinen Leichnam nicht in Ägypten 
zu lassen, sondern ihn bei seinen Vätern in Kena'an zu begraben '. 
Zugleich segnet Jaqob die Söhne Josefs, absichtlich den jüngeren Ef- 
raim vor dem älteren Manasse bevorzugend ^. 

Höchst wahrscheinlich stand , wenngleich nicht von J selbst ver- 
falst, so doch von ihm aufgenommen, auch Kap. 49 , 1 — 28 mit dem 
sogenannten Segen Jaqobs in dieser Quelle. Denn sowohl die Voran- 
stellung Judas als die Verwerfung Rubens und Shim'ons ^ passen durch- 
aus zum ganzen Gedankenkreis des J, während diese Züge E geradezu 
widersprechen. 

Den toten Vater betrauert Joset und läfst ihn auf ägyptische Weise 
einbalsamieren. Darauf erbittet er sich vom Pharao die Erlaubnis, Ja- 
qob -seiner Zusage gemäfs in Kena'an zu bestatten. Er kehrt sodann 
mit seinen Brüdern zurück, und eiTeicht, auch jetzt noch grofsmütig 
gegen die Brüder, ein Alter von 110 Jahren^. 



S 14. 
Priesterschrift und Eedaktion. 

Diese beiden Bestandteile des Ganzen zusammenzunehmen ist des- 
halb berechtigt und geboten, weil sie thatsächlich die meiste innere 
Verwandtschaft mit einander haben. Denn mag P die älteste oder die 
jüngste Quellschrift des Hexateuch darstellen, so ist jedenfalls That- 
sache, dafs keine jeuer Quellen den von R nachher befolgten Plan der 
Geschichtsdarstellung schon so deutlich zum Ausdruck bringt, wie P. 
Insofern bleibt diese Schrift für alle Fälle die „Grundschrift" des 
Hexateuch (wie sie früher mit Rücksicht auf das Alter hiefs) in Be- 
ziehung auf den Inhalt. Sie stellt den Grundrifs des Ganzen am rein- 
sten dar. An ihren Gedankengang hat R sich angeschlossen als an 
den „Faden, an welchem die Perlen von J und E aufgereiht wer- 
den " 5. 

1. Die Priest er Schrift. Auch P fügt die Geschichte Israels 



1) Gen. 47, 21 aß. 2^—31 

2) Gen. 48, 2b. 8— Ha. V)f. 17— l<t. 21a (in V. 8. Ha. 21a zugleich Teile 
von E). 

3) Vgl. Kap. 34. Doch s. auch Kuen. Ond.^ § 8, No. H: t; 13, No. IG. 

4^ Gen. 50, 1—3 (gemeinsam mit E). 4—11. 14; Teile von V. 18. 21 f. 24. 
5) Wellhausen, Proleg.^ S. 351. 

Kittel, Gesch. der Hebräer. 1" 



146 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

ein in die allgemeine Völkergeschichte seit der Flut, wie sie in den 
drei Völkergruppen Öhem, Harn, Jefet sich abspielt. Eingehend frei- 
lich hat der Redaktor von der Völkertafel dieser Quelle ' nur die in J 
ausgelassene jefetische Familie mitgeteilt. Als Söhne Hams nennt P 
dieselben wie J: Küsh Misraim Kena'an, mit Beifügung von Put an 
dritter IS teile. Als Söhne Kushs dagegen werden die von J dem 'Eber 
zugeteilten arabischen Stämme genannt. Man hat das Bewufstsein ver- 
loren, dafs diese Stämme von Hause aus Brüder der Hebräer waren. 
Shems Söhne sind 'Eläm, Assür, Arpakshad, Lud, Aram. 

Die wichtigsten dieser Söhne Shems sind für P Aram und Arpak- 
shad. Des ersteren Söhne werden noch in der Völkertafel wenigstens 
genannt ^, des andern Geschlecht dagegen in Form einer zehngliedri- 
gen ^ Genealogie der direkten Vorfahren Abrahams ausführlich nach- 
getragen. Abraham ist damit als im zehnten Gliede von Shem, und 
zwar durch Arpakshad, Shelali, 'Eber, Peleg, abstammend eingeführt*. 

Abrahams Vater ist Terali. Seine Brüder sind Nahor und Haran, 
der Vater Lots. Terali bricht mit seinem Sohne Abram, seinem Enkel 
Lot und Saraj, Abrams Weib °, von Ur Kasdim auf und will nach Ke- 
na'au ziehen. Sie gelangen bis Haran und verweilen dort. Terah 
selbst stirbt hier 145 ** Jahre alt; ebenso Haran ^ Abram aber setzt 
im Todesjahr seines Vaters, 75 Jahre alt, den Zug nach Kena'an fort. 
Lot geht mit ihm ^. — Über die Lage von Ur Kasdim im Sinne von 
P ist unten näher zu handeln. 

In Kena'an angekommen scheidet Abram sich von Lot und setzt 
sich im Süden bei Mamre unweit Hebron ^ lest, während Lot sich die 
Jordanaue östlich davon wählt ^". — Saraj ist unfruchtbar; daher sie 
10 Jahre nach ihrer Einwanderung in Kenaan ihre ägyptische Magd 
Hagar Abram beigiebt. Sie gebiert in Abrams 86. Jahre denlsmael'^ 

1) Gen. 10, 1—7. 20. 22 f. 81 f. 

2) Gen. 10, 23. 

3) Über die Art der Zählung s. Budde, Bibl. Urgesch., S. 412 f. 

4) Ge.i. 11, 10— 2G. 

5) Ob auch Nahor in P als mitziehend gedacht ist, ist fraglich ;^s. Budde, 
S. 424ft'. I. Natürlich kennt dann P auch keine Nachkommen von ihm in Haran. 

G) So nach dem Samar. Budde, S. 429 ff. 

7) Gen. 11, 27. 31 f. Über V. 28 vgl. meine Erört. in ThStW. VII (1886), 
S. 193 f., und dazu Dillmauu , Gen.*, S. 199; Wellhausen XXI, S. 398; Budde, 
S. 426. Gegenüber Dillmann in Gen.^ s. das Nachwort in ThStW. VII, S. 219 f. 

8) Gen. 12, 4b. 5. 

9) Gen. 23, 17. 19; dazu Dillmann^ S 229. 

10) Gen. 13, 6. Hb. 12a. 

11) Gen. 16, la Budde, S. 417 f. Vgl. Kueuen Ond.-, § G, No. 1). 3. 15f. 



I. Die Tradition. § 14. Priesterscbrift und Hedaktiou. 147 

13 Jahre später, in Abrams 9i). Jahre, schlielst Jahve einen Bund mit 
ihm und nennt ihn Abraham, in welchem Namen die Aussicht auf 
grofse Nachkommenschait verbürgt ist. Als Bundessatzung gilt das 
Gebot der Beschneidung alles Männlichen in Abrahams Hause. Ebenso 
soll Saraj nunmehr Sara, Herrin, heilsen, denn sie soll Stammrautter 
von Völkern und Königen werden. Abraham lacht ungläubig. Daher 
soll sein im nächsten Jahre zur Welt kommender Sohn Isaaq 
heilsen ^. 

Aus der Verheerung der Städte des Kikkilr eiTcttet Gott Abraham 
und Lot. Zu der vorausbestimmten Zeit aber, in Abrahams 100. Jahre, 
wird der verheilsene Sohn geboren; er wird Isaaq benannt und be- 
schnitten ^ Sara stirbt 127 Jahre alt zu Hebron. Abraham kauft für 
sie die Höhle Makpela von den Hetitern zum Erbbegräbnis. Er selbst 
wird 175 Jahre alt zu seinen Vätern versammelt. Isaaq und Ismael 
begraben ihn in eben jener Höhle ^. 

Man sieht schon an der Geschichte Abrahams das Verfahren dieses 
Verfassers. Der Geschichtsverlaut wird eigentlich nur skizziert, nicht 
erzählt. Wenige Ausnahmen, nämlich Dinge, die den Verfasser ganz 
besonders interessieren, abgereclmet, ist die Darstellung eine durchaus 
summarische. Kurz und trocken werden die Hauptdaten an einander 
gereiht. Fleisch und Blut zu dem Gerippe fehlt ganz und gar. Zahl 
und Mals spielen eine besondere Rolle. Derselbe Charakter bleibt durch 
die ganze Vätergeschichte und fernerhin *. 

Es folgen kurz die Toledot Ismaels. Er wird 137 Jahre alt, und 
von ihm kommen die Geschlechter der Wüstenaraber wie Nebäjot 
Qedär Tema ° ; woran sich sofort die Toledot Isaaqs reihen. 40 Jahre 
alt nimmt er Ribqa, die Tochter Betuels des Aramäers in Paddan 
Aram, sich zum Weibe. Ihre Abstammung von Nalior und Verwandt- 
schaft mit Abraham ist bei P nicht vorausgesetzt, wenigstens nicht ge- 
nannt. Vielmehr scheint in der Bezeichnung „der Aramäer" das 
Gegenteil zu liegen ^. Bei der Geburt seiner zwei Söhne ist Isaaq 
60 Jahre alt. 40 Jahre später heiratet Esau zum Schmerz seiner 
Eltern zwei Hetiterinnen. Dies, nicht Streit mit Esau, wird die Ur- 
sache, Aveshalb Ribqa und lsaa(]| Jaqob nach Paddan Aram zu seinem 



1) Gen. 17. 

2) Gen. 19, 29; 21, Ib. 2—5. 

3) Gen. 23. 25, 7— IIa. 

4) Vgl. oben § 9 zu Anfang. 

5) Gen. 25, 12—17. 

6") Vgl. Budde, S. 421f. 

10* 



148 Erstes Buch. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

Oheim Laban schicken, damit er sich dort ein Weib hole. Isaaq 
segnet ihn, und zwar aus freien Stücken ^ 

Über Jaqobs Aufenthalt in Paddan Aram haben wir im heutigen 
Zusammenhang von P keine Notiz mehr ^. Nur seine Rückkehr wird 
31, 18 berichtet. Doch ist aus der Aufzählung seiner Söhne ^, die mit 
den Nachrichten der andern Erzähler übereinstimmt (nur dafs Benjamins 
Geburt ebenfalls nach Mesopotamien verlegt wird), zu ersehen, dafs P, 
wenn auch keinen eingehenden Bericht über die Erlebnisse Jaqobs dort, 
so doch eine Notiz über seine dortige doppelte Verheiratung gehabt 
haben mufs. Der Aufenthalt dauert in P 80 Jahre. 

Zurückgekehrt läfst sich Jaqob in der Nähe von Sikem nieder *. 
Dort spielt die hier abweichend von J mitgeteilte Angelegenheit mit 
Dina. Sikem, der Sohn des Fürsten Hamor, begehrt Dina zum Weibe. 
Sein Vater wirbt für ihn bei Jaqob und bittet zugleich um ein Kon- 
nubium zwischen dem Jaqobhause und den Landesbewohnern. Die 
Jaqobsöhne verlangen die Beschneidung. Die Sikemiten wilhgen in 
feierlicher Versammlung ein in der Hoffnung auf den von einer Ver- 
mischung mit Israel zu erwartenden Gewinn. Der Verlauf der Sache 
scheint friedlich, da V. 27 — 29 vielleicht Zusatz von R sind ''. 

Schon vorher war, sofort nach der Rückkehr aus Paddan Aram, 
Gott* dem Jaqob erschienen und hatte ihm den Namen Israel beige- 
legt; ihm gehört das Land und Könige sollen aus ihm kommen. Den 
Ort dieser Erscheinung nennt Jaqob Betel und heiligt ihn durch eine 
Mas.seba ^. Von hier kehrt er zu Isaaq zurück nach Hebron, der 
darauf, 180 Jahre alt, stirbt. — Es folgt ein kleiner Abschnitt, die 
Töledot Esaus genannt. Esau zieht mit seiner Habe von Jaqob weg 
in ein anderes Land, denn ihr Besitz war zu grofs, so dafs das Land 
sie nicht trug. Von einer Feindschaft der Brüder ist auch hier nicht 
die Rede. Vielmehr ist das Verhältnis Abrahams und Lots zum Muster 
genommen ^. 

Der ganze Rest der Patriarchengeschichte läuft unter dem Titel 



1) Gen. 27, 46 — 28, 9. 

2) Auch wohl nicht in 29, 24. 29 (Wellhausen). 

3) Gen. 35, 22 b— 26. 

4) Gen. 33, 18. 

5) Gen. 34, la. 2a. 4. 6. 8—10 (14). 15—17. 20-24 (mit Dillmann gegen 
Wellhausen und Kuenen). 

6) Gen. 35. 9 — 15, woran sich direkt 22 b — 29 anschliefsen (gegen Wellhausen, 
Proleg.', S. 349). 

7) Kap. 36. Sicher zu P gehören V. 6—8. 40—43 (Kuenen Ond.'' , i? 6, 
No. l), doch wohl auch noch, Zusätze von R abgerechnet, 15—39. 



1. Die Tradition. § 14. Priesterschrift und Redaktion. I4ft 

Toledot Jaqobs. Jaqob wohute im Lande Kena'an '. Hieran schlielst 
sich sofort die Übersiedelung nach Ägypten. Von der ganzen Ge- 
schichte Josefs scheint aus P heute nichts Näheres mehr berichtet zu 
sein '^. Doch mufs einstens wenigstens das Gerippe der Josefsgeschichte 
erzählt gewesen sein. Denn wo P wieder einsetzt, wird vorausgesetzt, 
dafs Josef zuerst in Ägypten weilt und auf seine Veranlassung Jaqob 
und die Brüder nachkommen ^. Als der Pharao ihre Ankunft in 
Ägypten hört, erklärt er.Joset, das Land stehe ihnen offen, sie mögen 
im besten Teile Ägyptens wohnen. Jaqob, löO Jahre alt, segnet den 
Pharao ; Jose! aber giebt auf des Pharao Befehl den Seinen den besten 
Teil des Landes, das Land Ra'mses. Hier siedeln sie sich an und mehren 
sich. Jaqob lebt in Ägypten noch 17 Jahre ^. Vor seinem Tode nimmt er 
Josefs zwei Söhne Efraim und Manasse als seine eigenen Söhne an; 
sie sollen ihm sein wie Rüben und Shim ön. Auch segnet er seine 
Söhne (aulser Josef) , jeden mit einem besonderen Segen und gebietet 
ihnen, ihn in der Höhle Makpela, die Abraham erkauit hatte und wo 
er mit Sara, Isaaq, Ribqa und Lea begraben sei, zu bestatten. Darauf 
stirbt Jaqob. Die Söhne aber thun, wie er geboten. Die Kinder Israel 
aber wuchsen, dafs das Land ihrer voll wurde °. 

2. Der Redaktor. Hinsichtlich der Beteihgung der Redaktoren 
an der Zusammenstellung des heutigen Hexateuch, somit auch der Ge- 
nesis, ist auf die früheren Erörterungen zu verweisen ^. Es zeigte sich 
dort, dafs schon vor der letzten Zusammenarbeitung der Quellen durch 
R*" eine vorläulige durch R*^ stattgefunden hatte. Aber die Hauptarbeit 
blieb R^\ Ihm verdankt das Buch seine heutige Gestalt. 

Wer sich die Mühe nehmen würde, die in den vorhergehenden 
Blättern im Zusammenhang gegebenen drei Quellenschriften E, J und 
P sich in dem heutigen Texte der Patriarchengeschichte anzumerken, 
würde die Wahrnehmung machen können, dafs — vollends nach Ab- 
zug des etwa R^ Zuzuweisenden — nm- ein verschwindender Bruch- 
teil des Textes noch füi* R'' übrig bleiben würde. Daraus aber 
schliefsen zu wollen, dals die Thätigkeit dieses Redaktors nur gering- 



1) Gen. 37, 1. 2 a«. 

2) Höchstens könnte an 41, 45 f. 50 gedacht werden, aber auch dies ist un- 
sicher. 

3") Gen. 4tj, 'oi. S — 27 letzterer Abschnitt von R überarbeitet in 8b. 12b. 
lf>f.). 

4) Gen. 47, 5. »la XXX: vgl. Wellhausen XXI, S. 441 f.-, Dillmann, Gen.% 
S. 434; Kueuen a. a. 0.) 7 — 11. 27 (aufser „Israel" und „im Lande Gosen"). 2H. 

5) Gen. 48, 3-7; 49, 28b— 33; 50, 12f. Ex. 1, t-5. 7. 

6) S. oben § 8, S. (56 f. und § 10, S. 119 f. 



150 Erstes Buch.' B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarcheu. 

fügig gewesen sei, wäre durchaus verfehlt. Es folgt vieiraehr nur, dafs 
sie eine rücksichtsvoll und mit zarten Mitteln geübte Arbeit war. 

Thatsächlich ist es die Aufgabe des R, den gesamten in den drei 
Hauptquellen ihm entgegenkommenden Stoff zu einem lesbaren und be- 
sonders die mancherlei Unebenheiten und Differenzen so\'iel als irgend- 
möglich ausgleichenden Ganzen zusammenzuarbeiten. Zugleich soll aber 
das Ganze nicht blofs äufserlich zusammenpassen, sondern es sollen ganz 
besonders die in den einzelnen Erzählungsbüchern, vor allen in J, dem 
eigentlichen profetischen Erzähler, schon hervortretenden sittlich-religiösen 
und theokratisch - nationalen Gesichtspunkte den das ganze Buch be- 
herrschenden Grundton bilden. 

Dieses Ziel konnte mit wenigen und ganz geräuschlosen Mitteln 
erreicht werden. Da in P ein festes chronologisches System schon 
vorhanden ist, so wird der Erzählungsfaden dieser Schrift für den 
äufseren Aufbau des ganzen Buches zugrunde gelegt. Ebenso wird 
für die innere pragmatische Anordnung der profetische Gedankenkreis 
4es J als mafsgebend festgehalten. Damit ist Plan und Gestaltung, 
Sachen- und Gedankenfolge fest vorgezeichnet. Um sie durchzuführen, 
mufs nun aber der vielfach widerstrebende Stoff der Quellen geordnet 
und gesichtet werden. Als Hauptmittel hierzu dient R die mosaik- 
artige Ineinanderschaltung. Die einzelnen Quellen werden in kleinere 
Erzählungsteile und -Teilchen auseinandergenommen und nun sorgsam 
so zusammengefügt, dafs das zu jedem Gegenstande Gehörige aus jeder 
der Quellen zusammengetragen wird. Sind die Quellen oder zwei der- 
selben (besonders E und J) einander sehr ähnlich, oder aber weichen 
sie nach Inhalt oder Gedankenkreis zu stark von einander ab, so wer- 
den zuweilen auch gröfsere Partieen nur aus einer Quelle mitgeteilt 
und aus der oder den andern nur kleinere Zusätze als Bereicherung 
und Ergänzung beigefügt. Nur wo dieses letztere Mittel gar nicht 
zureicht und wo der Widerspruch nach dem Urteil des R zu grofs 
wäre, wird zu dem Mittel selbständigen Eingreifens aus der eigenen 
Feder des R gegriffen. 

Dasselbe vollzieht sich besonders in kleineren Glossen, Erklärungen, 
Überleitungen und Nähten; selten in gröfseren selbständigen Zusätzen, 
etwas öfter in Weglassuugen, wie sie besonders bei P in der Ge- 
schichte Jaqobs und Josefs oder in E vor Gen. 20 uns begegneten. 
Hierher gehört z. B. auch der Umstand, dals während nur P die Na- 
mensänderung von Abram und Saraj in Abraham und Sara berichtet, 
doch im jetzigen Texte alle Quellen erst von Gen. 17 an die letzteren 
Namen schreiben ^ 

1) Man vergleiche über das Einzelne der Thätigkeit des R die wertvolle 



II. Der hist. (rchalt d. Patriarchengesch § 15. Dio Patriarchen im all^pm 151 

Ist dies die Art und Weise, wie K seine Quellen zusammenarbeitet, 
so ergiebt sich daraus, dal's wir gerade ihm das Bild der Patriarchen- 
geschichte verdanken, welches wir aus dem heutigen Texte der Genesis 
zunächst entnehmen. Es ist der Natur der Sache nach ein ausge- 
führteres, an konkreten Zügen und besonders an Hervorhebung des 
moralischen und religiösen Gehaltes der Erzählung reicheres Bild als 
dasjenige jeder einzelnen unter unseren Quellenschriften. Aber ebenso 
klar ist es anderseits, dafs dasselbe an historischer Treue demjenigen 
der ursprünglichen Quellen möglicherweise nicht gleichsteht ^ 

Am eingehendsten hat wohl Böhmer ^ über R gehandelt, der aber 
eben weil er R zu viele Teile des Textes selbst zuweist, ein zu un- 
günstiges Urteil über ihn gewinnt ^. 



II. Der historische Grehalt der Patriarcheiigeschichte. 

§ 15. 
Die Patriarchen im allgemeinen. 

Überblickt man den Gesamtinhalt der in solcher Weise überein- 
ander geschichteten Quellenschriften der israelitischen Urgeschichte, so 
ist es nach dem früher über das relative und absolute Alter dieser 
Quellen Gesagten ersichtlich, dafs keine derselben unmittelbar als Ur- 
kunde im Sinne einer ausschliefslich historische Thatsachen mitteilen- 
den Geschichtsquelle verwendet werden kann. Alle drei Hauptquellen 
samt ihrer Zusammenstellung durch die Redaktion sind zu weit von 
den in ihnen berichteten Ereignissen entfernt, um hierauf begründeten 
Anspruch erheben zu können. Wir könnten es deshalb weder für 
richtig erkennen, wenn man den Versuch machen wollte, die Dar- 
stellung einer einzelnen Quelle, etwa der ältesten E (für aridere P oder 
J), als ausschliefslich den historischen Sachverhalt repräsentierend, ohne 
wesentliche Einschränkungen zugrunde zu legen; ebenso wenig aber 
kann der aus der Arbeit des Redaktors hervorgegangene heutige Text * 

Zusammenstellung bei Dillm., Gen.*, S. XV f., der wir vielfach zustimmen 
können, 

1) So auch Aug. Köhler, PRE."^ I, S. 97, obwohl die Konsequenz davon nicht 
ziehend. 

2) Das erste Buch der Thora, S. 123—302. 

3) Vgl. bes. S. 300 tJ- 

4) Wie Köhler will, wenngleich er das Recht der Quellenscheidung anerkennt ; 
vgl. PRE.» I, S. 97. 



163 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

unmittelbar als Quelle, ja als authentische Bereicherung der ursprüng- 
lichen Quellenschriften verwendet werden. 

Anderseits steht aber diesem vorläufig negativen Ergebnis eine 
andere bedeutsame Thatsache gegenüber. Die eingehende Darstellung 
der Traditionsschichten liefert augenscheinlich das Resultat, dafs der 
Gesamtverlauf der Dinge, wie er in denselben niedergelegt ist, trotz 
vielfacher Differenzen im einzelnen doch im grofsen und ganzen merk- 
würdig übereinstimmt. So wenig nun unter den obwaltenden Um- 
ständen für die Geschichtlichkeit einer Aussage ein zwingender Beweis 
in dem Umstand erbracht ist, dafs dieselbe in allen uns zugänglichen 
Quellen sich findet: so sehr ist damit doch ein fester Kern von 
übereinstimmenden Traditionsstoffen gegeben. Derselbe darf 
als ein Gewinn von nicht zu unterschätzender Bedeutung gelten, denn 
er enthält die erste Vorbedingung einer wirklichen Geschichtschreibung. 
Ginge die Tradition wirr durch einander , so trüge sie von selbst 
den Stempel willkürlicher Konstruktion oder reiner Volksfantasie au 
sich. Dafs sie dies nicht thut, ergiebt — wenn auch entfernt noch 
nicht den Beweis der Geschichtlichkeit, so doch ein wichtiges Vorurteil 
dafiü", dafs es vielleicht gehngen werde, einen historischen Kern in der 
Geschichte der Erzväter aufzufinden. Denselben — soweit er sich mit 
unsern Mitteln heute noch erweisen läfst — wirklich herauszuschälen, 
ist uns kein anderes Mittel an die Hand gegeben, als dafs wir den 
Versuch machen, in biblischen oder aufserbiblischen Zeugnissen, welche 
den Charakter historischer Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen 
können, eine Stütze hervorragender Thatsachen der Patriarchengeschichte 
zu finden. — 

Man hat freilich geglaubt, zum voraus der Patriarchengeschichte 
allen und jeden historischen Gehalt absprechen zu sollen. Der Um- 
stand, dafs sie im Gewände einer schlichten Familiengeschichte auf- 
tritt; dafs die Erzväter zugleich Einzelpersonen und zugleich die 
Stammväter des Volkes Israel darstellen ; dals ihre Geschichte vielfach 
durchwoben ist mit Erinnerungen an die spätere Zeit, erfüllt von den 
Anschauungen , Sympathieen und Antipathieen der Gegenwart der 
Schriftsteller, ist für den total unhistorischen Charakter der Erzählung 
ausgebeutet worden ^ 



1) Dozy, Die Israeliten zu Mekka 1864; Bernstein, Der Ursprung der Sagen 
über Abraham, Isaak und Jakob 1871; Kuenen in Theol. Tijdschrift 1871, 
S. 255 ff. ; Goldziher, Der Mythus bei den Hebräern 1876; Popper, Ursprung des 
Monotheism. 1879. Vgl. aufserdem u. a. Stade, Gesch. Isr., S. 127 f. Wellhauseu, 
Proleg.», S. 336. 



^I. Der bist. Gehalt d. Patriarchengesch. i^ 15. Die Patriarchen im all gem. 155 

Nun ist es unleugbar, dals niemals in der uns bekannten Ge- 
schichte ein Volk sich auf eine Einzelperson als seinen Stammvater 
zurückführen läfst. Denn es liegen immer viel zu grofse Zeiträume 
und viel zu verschiedenartige Verwickelungen und Stammesvermischungen 
zwischen dem Stammvater oder den Stammeltern und dem Volke, als 
dafs die Entmckelung sich nachweisbar bis auf jene zurückführen 
lielse K Ebenso ist nicht zu bestreiten, dafs vielfach in die Erzählung 
der Genesis das Leben und Denken einer späteren Zeit eingewoben ist. 
Esaus und Ismaels Charakter zeigen offenkundig die Züge des Wesens 
der von ihnen abgeleiteten Völker: der wilde Wüstensohn Ismael ist 
sichtlich der Typus des Beduinen der arabischen Wüste, der rauhe 
Jäger Esau, den Jaqob überlistet und um die Erstgeburt bringt, das 
Urbild der vor Israel zu selbständigem Volkstum erwachsenen, aber 
bald von ihm überflügelten und unterworfenen Edomiter ^. 

AUein was anderes ist damit erwiesen, als dafs es sich bei unseren 
Quellen nicht um historische Urkunden im strengsten Sinne handelt? 
Dem Wortlaut der Genesis oder einer ihrer Quellen geschichthchen 
Charakter zusprechen zu wollen, würde allerdings mit der Erzählungs- 
weise der Genesis so gut wie mit dem uns bekannten Thatbestande 
der Entstehung von Völkern streiten. Keiner aber von allen gegen die 
Geschichtlichkeit des Kerns der Urgeschichte vorgebrachten Gründen 
verbietet, die Erzväter als Stammhäupter zu fassen, die an der 
Spitze eines schon vorher vorhandenen und ihnen untergebenen Noma- 
denstammes stehend als seine Führer demselben für die Zukunft den 
Namen gegeben haben. So ist die Famihengeschichte der Genesis 
freilich nur die Form, in welcher der volkstümlichen Uberheferung der 
späteren Geschlechter die Vorgänge einer alten Vorzeit sich erhalten 
haben. Aber in ihr lebt ein, wenn auch nicht in allen Zügen, so doch 
in einer Reihe von wesentlichen Hauptpunkten als geschichtUch fest- 
zuhaltender Inhalt. 

Grofsen Wert hat einst Ewald ^ darauf gelegt, dafs die Erzväter 
der Tradition durchgehends als unstät wandernde Herdenbesitzer da- 
stehen, denen die Wohlthat eines geordneten sefshaften Daseins noch 
verschlossen ist, während die um sie wohnenden Kena'anäer sie längst 
sich erworben haben. Ewald findet in diesem Bewufstsein, vom noma- 
dischen Wanderleben ausgegangen zu sein, welches die spätem Hebräer 



1) Bernstein a. a. 0., S. lOf. 38. Stade, ZAW. I, S. 347 ff. 

2) Wellhausen, Proleg.», S. 340. 

3) Gesch. Isr.» I, S. 433. 



154 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

nocli bewahrt haben, eine Erinnerung an den Sachverhalt der vor- 
ägyptischen Urzeit. Nun wird man zwar zugeben müssen, dafs von 
der Kraft dieses Argumentes etwas verloren geht durch die Möglich- 
keit, dafs dieses später noch lebendige Bewufstsein sich ursprünglich 
nur auf die n a c h ägyptische nomadische Lebensweise der Hebräer be- 
zogen hätte und von ihr erst auf die vorägyptische übertragen worden 
wäre. Um so weniger aber wird man sich der Beweiskraft eines 
andern, ebenfalls von Ewald schon hervorgehobenen Umstandes ent- 
ziehen können. Er erinnert daran * , dafs die übereinstimmende Re- 
lation aller Berichte Abraham und die übrigen Erzväter, deren gött- 
liche Bestimmung es doch ist, das Land Kena'an in vorläufigen Be- 
sitz zu nehmen , nie schon das Land in seiner Gesamtheit besitzen 
läfst. Sie beschränken sich auf kleine und meist minder wichtige Be- 
standteile desselben. Abraham besiedelt den Süden, die Gegend von 
Mamre - Hebron und Beersheba' - Gerar abwechselnd beweidend , Isaaq 
hauptsächlich nur die letztere Gegend, Jaqob das Land um Sikem. 
Hätten die Erzväter nie wirklich in Kena'an geweilt ^, und wäre somit 
ihr dortiger Aufenthalt wie überhaupt ihre Person durchaus Produkt 
der Sage: es liefse sich mit Bestimmtheit erwarten, dafs die spätere 
Sage den Anspruch der Hebräer auf das ganze Land nachhaltiger und 
kräftiger zu begründen gewufst hätte, als es mit dieser nur teilweisen 
Besitzergreifung durch die Väter der Fall gewesen wäre. Auch ent- 
hält es durchaus keine so grofse Schwierigkeit, wie Stade ^ annimmt, 
vorauszusetzen, die Kena'aniter hätten nachträglich die von Abraham, 
Isaaq und Jaqob gegründeten Heiligtümer ihrerseits adoptiert. Warum 
soll, was die Israeliten später zweifellos mit den kena'anitischen Heilig- 
tümern thun und was hier nicht für unmöglich gilt *,. für die Kena- 
aniter so total unerhört sein? 

Wenn ferner sogar die Hypothese aufgestellt worden ist, die Erz- 
väter des israelitischen Volkes, Abraham, Isaaq und Jaqob bedeuten 
in letzter Instanz nichts anderes als ursprüngliche Stammesgottheiten ^, 
so hat man sich fast ausschliefslich begnügt, die Vermutung auszu- 
sprechen, ohne irgend begründete Anzeichen für sie geltend zu machen. 
In der That fehlt es denn auch an genügenden Spuren hierfür in 



1) P, S. 437 f. 

2) Nöldeke, Unters., S. 156 ff. Stade, Oesch. Isr. I, S. 110. 

3) Gesch. I, S. 127. 

4~i Vgl. Stade, Gesch. I, S. 1-28. 

ö) Nöldeke, Unters., S. 157: Dozy a. a. 0. S. 21 ff. (ebenso Goldziher und 
Popper): für Abraham": Meyer, Gesch. d. Alt. I, -S. 374. 



IT. Der bist, (lohalt der Patriarchengesch. §. Hi. Abraham. 155 

unserer tlberlieterung \ wolil aber erscheint es geradezu widerspruclis- 
voll 2, anzunehmen, daCs dann die ja schon in J auftretende Genealogie 
Abrahams hätte entstehen können, in welcher sichtlich die Stammväter 
Israels in die Reihe der als Personen bzw. Völker gedachten Urväter 
des Volkes eingegliedert werden. 



§ 16. 
Abraham. 

Gehen wir von hier aus an die Prüfung des Einzelnen, so wird 
sich zeigen, wie wir besonders mit dem Anfangs- und Endpunkte der 
Patriarchengeschichte, dem über Abraham und Josef Berichteten, uns 
vielfach auf historischem Boden befinden. Von den beiden wichtigsten 
Marksteinen der frühesten Geschichte, der Einwanderung in Kena'an 
und der Übersiedelung nach Ägypten, hat die spätere Zeit die treueste 
Erinnerung bewahrt. 

Es ist ein feststehender Zug der israelitischen Überlieferung, dafs 
die Ursprünge des hebräischen Volkstums nicht in Kena'an selbst liegen, 
sondern jenseit des Eufi-at. Abraham hat sich von seinem dort hei- 
mischen Vaterhause getrennt und ist mit einem Teile seines väterlichen 
Stammes nach Westen gezogen. Er hat sich als Nomadenfürst in Ke- 
na'an niedergelassen und hat unter besonderer göttlicher Führung dies 
Land als sein und seines Stammes Eigentum ansehen gelernt. 

Dafs die Herkunft der Hebräer in der That dieser Traditon ent- 
sprechend auf das Land der beiden Ströme weist, bedarf eines Be- 
weises nicht. Die feststehende Tradition der Hebräer in E, J, P, Deut. 
26, 5. Jes. 41, 9; die natürliche Verwandtschaft des israelitischen und 
aramäischen Volksstarames, wie die Ähnlichkeit des beiderseitigen Sprach- 
idioms sprechen zu deutlich dafür. Daher ist diese Thatsache denn 
auch einstimmig von der Forschung anerkannt, und es kann sich nur um 
die unten noch zu berührende Frage handeln, ob mit Haran zugleich 



1) Im Gregenteil ist Jaqob wohl aUer Stammname. Nur bei Esau könnte 
man mit einigem Grund an den spätem Namen 'Obed-Edom erinnern. Die Grleichung 
Abraham = Dusares hingegen (s. neben Lagarde und Mordtmann jetzt wieder 
Ed. Meyer in ZAW. VI, S. 16) bietet doch zu wenig greifbare Anhaltspunkte 
als dafs sie für zutreffend gehalten werden könnte. 

2) Vgl.iDillm., Gen.^ S. 215 f. 



156 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

auch die wirkliche Heimat oder nur ein vorübergehender Aufenthalt 
der Hebräer bezeichnet sei. 

Die israelitische Tradition erwähnt nun aber nicht aliein die That- 
sache der Einwanderung des Stammes von Osten her , sondern sie 
knüpft dieselbe aufs bestimmteste an die Person Abrahams. Wie 
steht es mit der Geschichtlichkeit des von ihm überlieferten Bildes? 

Das Nächste könnte scheinen, sich auf die Erwähnung Abrahams 
in den profetischen ^ Schriften des Alten Testaments zum Erweis seiner 
GeschichtKchkeit zu berufen. Doch würde die Berufung auf sie 
schwerlich viel Ertrag verheifsen. Denn die älteren jener Stellen sind 
bestritten ^ ; alle zusammen aber führen uns in die Zeit nach dem 
Auftreten unserer ältesten Kunde von Abraham in der Genesis. Sie 
zeigen daher nur so viel, dafs in der Zeit jener profetischen Schriften, 
besonders im Exil, die Gestalt Abrahams einen festen Bestandteil des 
Volksbewufstseins bildet, auf den die Profeten gerne zurückgreifen. 
Dafs Abraham nicht auch schon, wie Isaaq und Jaqob, von Arnos ^ 
oder seinen nächsten Nachfolgern "^ erwähnt wird, kann nicht zu dem 
Schlüsse führen, Abraham sei überhaupt die jüngste Patriarchen- 
gestalt ^. Denn in E und J, von denen jedenfalls einer den älteren 
Profeten vorangeht, steht die Gestalt Abrahams schon lest neben Isaaq 
und Jaqob und dafs man im Exil gerade seiner sich besonders er- 
innert, erklärt sich anderweitig leicht *". 

Hingegen wird man in dem Satze, dafs der Name Abram, weil 
er einen Sinn gewährt (= hoher Vater), nicht für geschichtlich, son- 
dern für symbolisch "^ , also im Interesse einer Idee erdichtet, zu er- 
achten sei, eine gewisse Willkür nicht verkennen. Ist vollends, was' 
durchaus annehmbar erscheint, Abram nichts anderes als Abiräm, so 
ist das geschichtliche Vorkommen des Namens nicht nur für Israel, 
sondern auch für Assyrien ^ unmittelbar erwiesen. Dies unter der 
Voraussetzung der Ursprünghchkeit des Namens Abram. Will man 
dagegen, wozu Stade geneigt ist ^ , die Form Abraham für die ältere 



1) Mi. 1, 20. Jes. 29, 22f.-, 41, 8f.; 52, 2; 63, 16. Jer. 33, 26. Ez. 33, 24 
(Ps. 105, 6). 

2) S. über Mi. 7, 20 und Jes. 29, 23. Wellh., Proleg.*, S. 338. 

3) Am. 7, 9. 16 (Isaaq). 

•4) Hos. 12, 3 f. Jes. 2, 3; 9, 8; 10, 20. Mi. 1, 5. 

5) So Wellh., Proleg.*, S. 338. 

6) Vgl. Rösch in StKr. 1885, S. 349. 

7) Nöldeke a. a. 0., S. 157. Dozy a. a. 0., S. 21 ff. 

8) Schrader, KAT.-, S. 200. 

9) ZAW. I, S. 348 f. 



II. Dei- bist. Gehalt d. Patriarcheugesch. § 16. Abraham. 157 

halten, so besitzt man in ihr von selbst die erwünschte Unerklär- 
lichkeit. 

EndHch raufs, will man nicht die Sendung Moses und die pro- 
fetische Auffassung über ihn total preisgeben, wofür auch Wellhausen ^ 
und Smend ^ sich nicht erklären, die Zeit der Patriarchen, besonders 
Abrahams, als die notwendige Voraussetzung der mosaischen Zeit gel- 
ten. Die religiöse Stellung Moses steht ohne Halt und unverstanden 
vor uns, wenn nicht der Tradition Glauben geschenkt wird, nach wel- 
cher Mose auf den Gott der Väter zurückgegriffen hat. Mose konnte 
schwerlich bei seinem Volke mit einem fremden, bisher unbekannten 
Gotte durchdi-iugen. Wohl aber konnte er auf Erfolg hoffen, wenn 
der in einzelnen Ki-eisen des Volkes noch verehrte und in der Er- 
innerung des Volkes noch lebende Gott Abrahams ihm sich neu 
geoffenbart hatte. Und welches Interesse konnte die israelitische Sageu- 
bildung leiten, nicht allen Ruhm der Gründung des heimischen Staats- 
und Religion s Wesens auf den grölsten Mann der nationalen Geschichte, 
Mose, zu konzentrieren und mit dem herrlichen Triumph über die 
ägyptische Knechtung, der Offenbarung Jahves an Mose am Sinai und 
der glorreichen Eroberung Kena'ans die Geschichte des Volkes beginnen 
zu lassen? Ein in der Zeit Moses dem Volke von Jahve angewiesenes 
und geschenktes Land war ja um kein Haar breit unrechtmäfsiger er- 
worben, als ein schon den Vätern übergebenes und verheifsenes. In 
beiden Fällen gehörte es ohne äufseren Rechtstitel dem Volke von 
Gottes und darum von Rechts wegen. Greift die israelitische Tradition 
in Geschichte und Profetie dennoch über Mose zurück und findet sie, 
dafs nicht nur der Besitz des Landes, sondern auch die höhere Gottes- 
verehrung des Volkes schon in den Erzvätern ihre ersten Wurzeln 
haben, so kann sie darauf nur geraten, wenn ihr eine Erinnerung 
dieses Sachverhaltes als des wahren Hergangs zugrunde hegt. 

Man darf also wohl annehmen, dafs Abrahams Person auf einem 
historischen Hintergründe ruht. Besonders die Nachricht über eine 
höhere ihm schon zugekommene Gotteserkenntnis scheint sich nicht 
wohl als blofse Erfindung verstehen zu lassen. Es ist beachtenswert, 
dafs schon die älteste Quelle Abrahams rehgiöse Stellung als Anlafs 
seiner Trennung von den Stammesgenossen nennt ^ und dafs überhaupt 
seine religiöse Bedeutung vielfältig ins Licht gerückt wird *. 



1) Abrifs dei- Gesch. Isr. und Judas, S. 1 ff . 

2) ZAW. II, S. IIH. 

3) Jos. 24, 2f. (E). Vgl. H. Schultz, ATI. Theol.-, S. 103f. 112. 

4) Vgl. Gen. l."), ß; Kap. 22: Gen. 12, 2f.; 18, 18; 22, 18; 2(5, 4. 



158 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen.. 

Eine bedeutsame Stütze erhält diese Auli'assung über Abraham 
von einem Bestandteil unserer Quellen, welcher durch seine Berührung 
mit auiserisraelitischen Nachrichten aus alter Zeit sich in bemerkens- 
werter Weise über unsere sonstigen Kunden von Abraham erhebt: 
Gen. 14 ^ 

Doch hat man gegen diese Erzählung vielfache Bedenken ge- 
äuisert. Schon ihre allgemein anerkannte litterarische Eigentümlichkeit, 
wie sie sprachhch und sachlich zutage tritt, gab Veranlassung, sie erst 
sehr spät in den jetzigen Verband der Quellen aufgenommen und wohl 
auch erst spät abgefafst ^ sein zu lassen. Besonders aber erregte ihr 
Inhalt Bedenken. Den Zweck der ganzen Erzählung glaubte man 
dm-chsichtig darin erkannt zu haben, dafs Abraham, der bisher nur 
das Bild des „Muslim und Profeten" darstelle, auch als Kriegsheld 
verherrlicht werden sollte. In den Namen der aufrührerischen kena'a- 
nitischen Könige fand man Symbole des Aufruhrs, in den von Osten 
einfallenden Fürsten teils frei für diesen Zweck erfundene, teils aus un- 
klar gewordenen Überlieferungsresten zusammengestellte Namen. Der 
Feldzugsplan der fremden Könige wurde für sinnlos, die von Abraham 
aufgebotene Streitmacht für ungenügend zu einer „Völkerschlacht", die 
Verbündeten Abrahams für heroes eponymi der Hebrongegend ausge- 
geben. — Dasselbe Schicksal ward dem mit Abraham zusammen- 
treffenden Priesterkönig von Shalem, Malkisedeq zuteil. Sein Name 
wird als symbolisch und darum ungeschichtlich, seine Stadt als späterer 
Reflex Jerusalems, seine Doppelwürde als tendenziös ersonnen, seine 
Gottesverehrung als historisch unmöglich dargestellt ^. 

Indessen reichen diese Gründe nicht zu, die Geschichtlichkeit jenes 
Ereignisses zu erschüttern. 

Dafs das Stück Gen. 14 seiner htterarischen Beschatfenheit nach 
in keine der vorhandenen gröfseren Quellschritten unmittelbar pafst, ist 
einleuchtend und anerkannt, wenngleich es nach Art und Inhalt E am 
nächsten steht. Wenn nun aus einer Reihe von Glossen und späteren 
Notizen deutüch genug eine Überarbeitung durch R hervorgeht, welcher 



1) Vgl. darüber aufseiteu der Assyriologeu besonders Schrader , KAT.*, 
S. 135 ff.; Frd. Delitzsch, Parad., S. 224; F. Hommel, AUg. Zeitg. 1880, Nr. 112; 
dess. Gesch. Assyr. und Babyl. (1885), S. 9. 150. 158; Tiele, Bab.-assyr. Gesch., 
S. 123 f. Aufserdein bes. Ewald, Gesch. Isr.^ I, S. 432: Dillmann zu Gen. 14; 
Rösch, StKr. 1885, S. 321 ff.; an letzterem Ort weitere Litteratur. 

2) Meyer, Gesch. d. Altert., S.- 165 f., mit einiger Reserve Wellhausen, JDTh. 
XXI, S. 414 f.; Justi, Gesch. d. Altert., S. 155. 

3) Vgl. besonders Xöldeke, Unters, z. Kritik d. AT., S. 156 ff.,, auch Hitzig, 
Gesch. Isr., S. 25. 44 f. und schon Bohlen. 



11. Der bist. Gehalt der Patriarcheui^esch. § 16. Abraham. Iö9 

Überarbeitung wohl auch die Beziehung auf Jerusalem uud die Ent- 
richtung des Zehnten dorthin entstammt, so ist damit doch keineswegs 
die Annahme späterer Ablassung des Stückes selbst geraten. Denn es 
zeigt anderseits unverkennbare Spuren hohen Alters. Es übermittelt 
uns Namen , die anderweitig nirgends mehr erhalten sind als in den 
assyrischen Denkmalen und dort auf hohes Alter hinweisen. Es weifs 
von Verhältnissen in Kena an, wie sie sonst hinsichtlich dieses Landes 
in den alten Erinnerungen der Einheimischen ^ wie der Ausländer ^ 
leben. Es kennt noch die älteste Guttesbezeichnung , wie sie in assy- 
rischen und phönikischen Denkmalen und innerhalb des Alten Testaments 
selbst in dem ebenfalls unzweifelliatt aut alter Uberlieteruug ruhenden 
Stück über Birani vorkommt. Läfst es sich dabei in keine der vor- 
handenen Quellen unmittelbar einreihen, so ist auch dafür eine be- 
friedigende Erklärung zu linden. Die schrütstellerische Eigentümlich- 
keit des Stückes erklärt sich thatsächüch nicht mit sehr später, sondern 
nur mit ausländischer Abiassung. Dafs ein solches von auswärts stam- 
mendes, das Gepräge des Fremdartigen an sich tragendes Stück vun 
R noch mehi' als ein anderes überarbeitet wurde, ist an sich natürÜch. 
Die aufserisraelitische Abfassung hat schon Ewald ^ mit vollem Rechte 
aus der Bezeichnung Abrahams als Hebräer geschlossen. Nimmt man 
das altertümliche Gepräge der Erzählung hinzu , so ist die Vermutung 
ansprechend, dafs es sich hier um ein uraltes, kena'anäisch-phönikisches "* 
Schriftstück handle, vielleicht entstanden im Kreise einer vorisraelitischen 
Priesterschaft Kena' ans, in den Tischreden beim Opferschmaufs in Um- 
lauf gesetzt und so in die Kreise der israehtischen Priesterschaft über- 
gegangen ■^. 

Ist dies der Ursprung unserer Erzählung, so ist damit die Ver- 
mutung einer tendenziösen Erdichtung zur \^erherrHchung Abrahams 
als Kriegshelden vvesentlich erschüttert. Sie kann ja vernünftigerweise 
ihren Halt nur in der Annahme durchaus später Abfassung haben. 
Noch mehr ist dies der Fall, wenn sich auch abgesehen von dem Alter 
der Nachrichten ihr geschichthcher Charakter aus anderweitigen Rück- 
sichten selbständig wahrscheinlich machen läfst. 

Es gelingt dies zunächst für einen Teil der 'elamitischen Namen, 



1) Riehin in StKr. 1885, S. 32i». 

2} Vgl. die grofse Reibe von kleinen k>;uaanitischen Stadtkönigtümeru in dem 
Verzeichnis der Ei-folge Tutines 111 bei Brugsch, Gesch. Ägypt.. S. 831 ff. 

3) Gesch. Isr.^' 1, S. 7'Jf. 

4) Dillm., Gen.^ S. 232. 

5) Rösch, StKr. 1885, S. 35äf. nach Stade, ZAW. I, S. 349. 



ICO Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

den zweiten und dritten: Ariok von Ellasar und Kedorla'omer von 
'Elam. Die Meinung, dafs es sich hier um erdichtete Namen und Per- 
sonen handle, verliert ihre Kraft gegenüber der Thatsache, dafs die 
Assyriologie mit fast vollständiger Übereinstimmung ' den ersteren Na- 
men und seinen Träger in einem König Eri(m)-Aku ^ von Larsai m) ^ 
positiv nachzuweisen imstande ist, während sie den andern aus der 
Analogie von Kudur-Mabug, dem Namen von Eri-Akus Vater, einer-, 
und aus dem ebenfalls nachgewieseneu Götternamen Lagamar ander- 
seits durchaus wahrscheinlich zu machen vermag. Wir wissen nämlich 
aus einer Inschrift des Asurbanipal, dafs in alter Zeit ein ebenfalls mit 
dem Vornamen Kudur ausgestatteter König Kudur-Nanhundi von 'Elam 
die Oberherrschaft der'Elamiten über Babylon ausübte (vielleicht be- 
gründete? ca. 2280)^. Demnach stimmt auch die an sich auffallende 
Bezeichnung der Fremden als 'Elamiten durchaus zu den Denkmalen, 
während sie umgekehrt aus später Erfindung. kaum zu erklären wäre. 
Ist nun nach weiteren Anzeichen ^ auch Kudur-Mabug sicher der *ela- 
raitischen Dynastie augehörig, so darf es, wenngleich uns der Name 
Kudur-Lagamar selbst bis jetzt noch fehlt, als feststehend angenommen 
werden, dafs auch sein Träger jener 'Elamitendynastie angehörte ''. Es 
erhält dies noch eine Bestätigung, seitdem man weifs , dafs auch La- 
gamar ein spezifisch 'elamitisch- susisches Götzenbild bedeutet. Viel- 
leicht darf aus dem Umstände, dafs wir in Gen. 14 Kudur-Lagamar 
als Zeitgenossen des Eriaku, des Sohnes von Kudur-Mabug kennen 
lernen, jener als älterer Bruder von Eriaku erschlossen werden. 

Als weiteres Moment von Bedeutung kommt hinzu, dafs auch von 
dem in Gen. 14 erzählten Feldzuge selbst sich wenigstens Spuren in 
der Überlieferung der Denkmale finden. Der oben genannte 'elamitische 
König nennt sich nämlich Herr von Martu = Westland, woraus ein Er- 
oberungszug der 'Elamiten gegen Syrien und Palästina hervorgeht ''. 
Er erscheint ferner als der König von Surair Akkad und Ur, also der 



1) Nm- Ticle hat. so viel ich sehe, jüng.st Zweifel geäufsert : s. a. a. 0., 
S. 124. 

2) Schrader: Iri-Aku: Tiele: Erim-Agü. 

3) Schrader: Larsav. 

4) Frd. Delitzsch, Calwer Bibellexikou , S. 170. Meyer, Gesch d. Altert" 
S. 164. Tiele, Bab.-ass. Gesch., S. 118. 

5) Schrader, KAT.^ S. 135. 137. 
G) So auch Meyer, § 136. 

7) Dies wird von Tiele a. a. 0., S. 124 bestritten. Doch ist auch seine An- 
nahme Vermutung: vgl. anderseits schon die Feldzüge Sargons I. nach Syrien, 
Tiele, S. 114 (113). 



II. Der bist. Gehalt d. Patriarchengesch. § 1(3. Abraham. 161 

Oberkönig-, zu welchem Eri-Aku, so lange der Vater lebte, im Verhält- 
nis des Vasallenkönigs stand ^. Darf man unter Kudur-Lagamar einen 
Kuduriden derselben Dynastie, etwa sogar den älteren Bruder Eri-Akus 
annehmen, so würde sich auch die beherrschende Stellung des biblischen 
Kedorla'omer den übrigen Königen gegenüber erklären ^. F. Horamel 
glaubt als die Zeit des Feldzugs rund 2150 v. Chr. berechnen zu 
können -l 

Bei diesem Stande der Dinge scheint mir die Annahme, dafs wir 
in Gen. 14 eine historische Erinnerung aus alter Zeit vor uns haben, 
immer noch die grüfste Wahrscheinlichkeit für sich zu haben. Jeden- 
falls giebt sie eine leichter zu vollziehende Vorstellung von der Ent- 
stehung des Stückes an die Hand, als die andere Annahme, bei wel- 
cher in höchst gezwungener, thatsächlich fast unmöglicher Weise auf die 
gelehrten Kenntnisse eines in der Verbannung lebenden Juden gerech- 
net werden mufs *. 

Lälst sich auch über die jeder Deutung spottenden Namen der 
abgefallenen Könige nichts Näheres aussagen, als dafs sie vielleicht un- 
verständlich hebraisierte Freradnamen darstellen, so hat jedenfalls die 
von den Rabbinen voi'geschlagene, von Hitzig und Nöldeke teilweise 
acceptierte Erklärung derselben im Sinne von Bösewicht, Schurke u. s. w. 
mehr den AVert eines launigen Einfalls als einer wissenschaftlichen Ety- 
mologie. Ist anderseits der in Frage kommende Feldzug der 'Elamiten 
Thatsache, so ist bei der ungenügenden Kunde, welche wir über die 
Ausdehnung ihrer Herrschaft im „Westland" und die zeitgenössischen 
Vorgänge besitzen, auch kein Anlafs, von einem zweckwidrigen Feld- 
zugsplane ^ zu reden. Dafs ferner von einer Besiegung der Feinde in 
offener Feld- oder gar Völkerschlacht nicht die Rede ist, ergiebt sich 
deutlich genug aus dem Texte. Es handelt sich lediglich um einen 
Überfall der feindlichen Nachhut , welcher ein Teil der gemachten 
Beute wieder abgenommen wird. Hierzu aber sind Abrahams 318 aus- 
erlesene Knechte im Verein mit der Streitmacht seiner Verbündeten 
genügend. Der eine dieser verbündeten Stämme , Mamre , ist aller 



1) Schrader, KAT.-, S. 135. 

2) Gen. 14, 4 f. 

3) Die semit. Volk, und Spr. I, S. 342; wogegen er freilich früher, Müuch. 
Allg. Z. 1880, Nr. 112 bis nahe an das Jahr 1700 herabgegangen war; ebenso Ab- 
rils der bab.-ass. Gesch., S. 3. 

4) So Meyer, S. KJÜ. 

5) Vgl. darüber Dillraann, Gen.', S. 232. 

Kittel, Gesch. der Hebräer. 11 



163 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarcheu. 

Wahrscheinlichkeit nach in der bekannten Liste der von Tutmes 11|^ 
besiegten palästinensischen Völkerschaften bezeugt ^ Es ist für den 
historischen Charakter unserer Überlieferung bezeichnend, dafs der 
Name dieses alten südkananäischen Gaus im Alten Testament nur 
innerhalb der Genesis vorkommt. Mamre scheint demnach später auch 
als Ort nicht mehr existiert zu haben. Sagenhafte Übertragung spä- 
terer Verhältnisse auf die Urzeit scheint dadurch ausgeschlossen. 

Auch für die rätselvolle Gestalt Malkisedeqs läfst sich^ wenngleich 
der sie behandelnde Teil von Gen. 14 besonders stark von R über- 
arbeitet ist, die Geschichthchkeit mit überwiegenden Gründen wahr- 
scheinlich machen. Dafs der Name frei erfunden sei, ist unrichtig. 
Malki-Sedeq ist ohne Zweifel ein altkena'anäischer bzw. phönikischer 
Name derselben Bildung und desselben Sinnes wie Adoni - Sedeq '■^. 
Man kann zweifeln , ob dabei Moloch bzw. Adon oder Sedeq der 
eigentliche Göttername sein soll. Beide Auffassungen haben ihre Ver- 
treter gefunden ^. Jedenfalls giebt jene Analogie entfernt keinen An- 
lafs, den Namen für ungeschichtlich zu erklären. Ebenso wenig kann 
die Doppelwürde eines Priesterkönigs, wie sie in Gen. 14 Malkisedeq 
beigelegt ist, in diesem Sinne verwertet werden. Denn nicht uui' 
kennen wir in Moses Schwäher Ke'uel-Jitro einen derartigen Priester- 
fürsten ältester* Zeit, sondern auch die ägyptische Geschichte weist 
eine ganze Periode (XXL Dynastie) von Priesterkönigen auf ^. Noch 
weit weniger geht es an, den Zweifel an Maikisedeqs Geschichtlichkeit 
auf die Notiz über seine Verehinmg des höclisten Gottes (El 'eljön) zu 
gründen. El 'eljön scheint ein uralt semitischer Gottesnarae, der daher 
durchaus nichts Künstliches oder für die Zeit Abrahams Unmögliches 
an sich hat. Ist doch El = 11 der Babyloniern, Assyrern, Phöniken 
und Sabäern gemeinsame älteste Gottesname '' ; einen höchsten Gott 
aber kennen sowohl Babylonier als Phöniken, letztere sogar dem 
Namen, erstere jedenfalls der Sache nach "'. Dafs es derselbe Gott 
ist , den Abraham verehrt , ist niclit gesagt. Aber er stand dem 



1) Marmaama bei Brugsch, Gesch. Agyp., S. 3;53, Nr. 85. Weniger zuver- 
sichtlich Wiedemanu, Agyp. Gesch., S. 349. 

2) Jos. 10, 1. S. uiiteu § 29. 

3) Vgl. für die eine E. Nestle, Isr. Eigenuameu, S. 17511., für die audere W. 
V. Baudissin, Stud. z. sem. Religionsgesch. I, S. 15. 

4) S. Rösch a. a. 0., S. 338. 

5) Justi, Gesch. d. Altert., S. 219. 

G) Nöldeke in Sitz.-Ber. d. Berl. Akad. d. W. 18vSU, S. 760 0'.; Meyer, Gesch. 
der Alt. I, § 173 ff. : vgl. ZAW. VI, S. 5. 

7) S. die Beweise bei Rösch u. a. 0., S. 342; vgl. auch Nuni. 24, ItJ. 



II. Der bist. Gebalt d. Patriarchengesch. § 17. Herkunft der Hebr. 16$ 

öotte Abrahams am nächsten, konnte somit von diesem am ehesten 
anerkannt werden. Denn immerhin war mit dieser monolatrischen Be- 
zeichnung „höchster Gott'* das krasseste Heidentum überwunden. 



§ 17. 
Die Herkunft Abrahams und der Hebräer K 

Die Vergleichung der Quellen hat uns gezeigt, wie hinsichtlich der 
Herkunft Abrahams und seines Stammes aus dem aramäischen Nord- 
osten (Haran-Carrhae) vollkommene Übereinstimmung derselben heri'scht. 
Dagegen hat der Befund der Quellen weiterliin ausgewiesen, dafs zwar 
E und der Hauptstrom der jahvistischen Quelle eine weiter zurück- 
liegende Heimat Abrahams nicht nennen, wohl aber J' und besonders ^ 
P eine genauere Erinnerung bewahrt haben. Nach ihr gilt Haran nur 
als Station Abrahams auf dem Wege von seiner eigentlichen Heimat 
nach Kena'an. Die eigentliche Heimat heifst hier Ür Kasdim. Es 
fragt sich, ob und auf welche Weise diese Daten sich mit einander 
vereinigen. 

Die Assyriologie glaubt seit längerer Zeit das biblische Ur Kasdim 
in der altbabylonischeu Kulturstätte Uru am unteren Eufrat wieder- 
gefunden zu haben ^. Die Stadt Uru entspricht dem heutigen Ruinen- 
hügel bei ]\Iughair *. So wenig es nun nach dem von den Assyrio- 
logen ermittelten Thatbestande angeht, die Existenz eines Ortes und 
Reiches Ur im Lande der späteren Kaldäer einfach in Zweifel zu 
ziehen, so ist doch damit über die Identität dieses Ur mit dem bibli- 
schen Ur Abrahams noch nichts ausgesagt ^. Die Identität beider Ur 
liefse sich nur dann als gesichert behaupten, wenn nach dem Sinne 
der biblischen Aussagen auch für diese an eine südbabylonische 



1) S. näher m. Ahhandl. : Die Herkunft der Hebräer nach dem AT. in ThStW. 
VII 088G), S. 187-220. 

2) Die Worte Dilt'D "IINO Gen. 11, 81 b können keinesfalls P abgesprochen 
werden; vgl. Budde, Urgesch., S. 427 und ThStW. VII, S. 190 f. 220. 

3) Schrader, KAT.^, S. 129 ff.: KGF., S. 94 ff. und bei Riehra, HWB. Art. 
Ur Kasdim: Delitzsch, Parad., S. 200. 22fif. ; Hommel . Gesch. Ass. und Bab., 
S. llö (Karte\ 

4) Über die Lage von Mughair s. die Karte bei Schrader, KAT.. auch die- 
jenige bei Hommel, Gesch. Assyr., S. 115. 

5) Vgl. aufscr Halevy jetzt auch Tiele, Bab.-ass. Gesch., S. Hf). 

11* 



164 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

Gegend als Ausgangsort Abrahams gedacht werden könnte. Dies ist 
aber nicht der Fall. 

Dals P Ur Kasdim nicht an der Stelle des südbabylonischen Ur 
sucht, erhellt uns aus folgenden Gründen : 

1. Es ist zweifellose Voraussetzung der Genealogie von P in Gen. 
11, 10 ff., dafs die Semiten der Linie Arpakshad sich mehr und mehr 
vom armenischen Norden her nach Mesopotamien fortbewegen und 
schliefslich in geradlinigem P^ortgang in Haran als vorläufigem Auf- 
enthalt anlangen. 

2. Der Name Kasdim ist zwar vorwiegend Bezeichnung der süd- 
babylonischen Bevölkerung. Doch ist es ausgemacht, dafs auch in Ar- 
menien im oberen Tigrisland ein Stamm der Kaldäer ^ wohnte, worauf 
vielleicht auch die zweite Hälfte des Namens Arpakshad hinweist ^. 
Auch ist, wenn schon Xenophon armenische Chaldäer nennt, Strabo 
aber diese mit den Chalybern gleichsetzt, damit nicht gegeben, dafs die 
Verwechselung beider schon von Xenophon ^ und nicht erst von Strabo 
vollzogen sei. Die Nachricht Xenophons verliert durch den Irrtum 
Strabos ihre Geltung nicht. 

3. P läfst (in Übereinstimmung mit Gen. 11, 10 ff. s. Nr. l) die 
Arche auf den Bergen von Ararat *, also jedenfalls im Norden oder 
Nordwesten von Assur sich festsetzen ; er hat demnach die weitere Ge- 
schichte und Ausbreitung der Menschheit von dort ausgehen lassen. Es 
ist daher fast undenkbar, wie er von hier aus die Semiten sollte plötz- 
lich an der Eufratmündung auftreten und von dort ausgehen lassen — 
nur um sie genau an dem Orte, wo sie etwa mit Serug vorher ge- 
standen waren, noch einmal ankommen zu lassen. 

Dieselben Erwägungen treffen nun aber, nur in verstärktem Mafse 
für J zu. Auch hier sind wir, wenigstens in der Schicht J^, dem Namen 
Ur Kasdim begegnet °. Budde ist nun, da ein Ort der Landung für 
die Arche in J nicht genannt ist, der Meinung, diese Quelle werde, 
ähnlich der babylonischen Überlieferung vom Berge Nizir, einen Berg 



1) Dillm., Gen^, S. 194; Justi, Gesch. des Altert., die Karte bei S. 119; auch 
Stade, Gesch. Isr., S. 126 setzt wenigstens die Möglichkeit. 

2) So Ewald, Gesenius, Dillmann. Über die Beziehung zum Namen -i^i;^ s. 
ThStW. A'll, S. 216 if. 

3) So Schrader bei Riehm, HWB., S. 1702. 

4) Vgl. gegen Reufs: Budde, Urgesch., S. 269ff. 

ö) Damit widerlegt sich der von Wellhauseu, Proleg.'', S. 330 nach Lagarde 
geäufserte A'' erdacht späterer Interpolation des Namens. Vgl. Schrader bei Riehm, 
HWB., S. 1702. 



11. Der bist. Gehalt der Patriarcheugesch. ij 17. Herkunft d. Hebr. 165 

im Süden des Zweistroralandes im Sinne gehabt haben ^ Von hier 
aus seien die Nachkommen Noas vollends in das nicht allzu ferne siid- 
babylonische Ur vorgedrungen und Terali mit Abraham von da aus 
nach Haran gewandert. Ich zweifle, ob diese Vermutung imstande ist, 
die Schwierigkeit zu lösen. An Wahrscheinlichkeit verliert sie schon 
dadurch, dafs wir ja auch eine einheimische assyrisch-babylonische Tra- 
dition kennen, welche den Landungsberg bedeutend nördlicher (im 
gordyanischen Gebirge) setzt ^. Damit steht die südbabylonische Lage des 
Landuugsberges nicht mehr als die einzige Möglichkeit da und die Be- 
hauptung, die Berge von Ararat ruhen überhaupt nicht auf Tradition, 
sondern seien lediglich gelehrter Zusatz ^, wird hinfällig. 

Vollends wertlos aber ist die Annahme eines südlichen Landungs- 
berges dadurch gemacht, dafs auch durch sie das südbabylonische Ur 
für J nicht leichter verständlich wird. Es ist einmal Thatsache, dafs 
auch J (J^ und J^) so gut wie P den Aufenthalt der vorabrahamischen 
Semiten im Norden kennt. Nun stelle man sich vor, welche wunder- 
liehe Zickzacklinie J^ zugemutet wird, wenn er die Semiten vom süd- 
lichen Landuugsberg nach dem nördlichen Mesopotamien (Peleg, Serug)^ 
von hier nach Ur-Mughair und von da nach Haran sollte ziehen 
lassen. Budde selbst erkennt diese Schwierigkeit schon für P bei dessen 
Weg : Ararat Ur-Mughair Haran an ^, — wie viel mehr mufs er für 
dieselbe bei J zugänglich sein. 

Es erhellt somit: für den Zusammenhang und das Verständnis der 
Quellen P and J ist die Grleichung Ur = Uru-Mughair wertlos. Es 
läfst sich schlechterdings nicht vorstellen, wie diese beiden Quellen die 
Herkunft Abrahams aus Südbabylonien mit ihren sonstigen Angaben 
hätten vereinigen können. Wohl aber weisen unsere sämtlichen Quellen, 
wie wir oben sahen, (mit oder ohne Nennung von Haran) auf den 
mesopotamischen Norden, das Land Aram hin, wie denn auch das süd- 
babylonische Ur weder zu Jes. 41, 9 noch zu Deut. 26, 5 stimmt. Es 
läfst sich daher mit Sicherheit annehmen, dafs die Herkunft der He- 
bräer aus dem babylonischen Süden in der biblischen Tradition keine 
Stütze findet. Ihre Heimat darf vielmehr nach dem einstimmigen 
Zeugnis der Quellen in Aram, dem mesopotamischen Norden gesucht 
werden, wohin sie vielleicht aus den noch weiter nördlich liegenden 
Gebirgsgegenden eingewandert sein mögen. 



1) Budde, Urgesch., S. 438. 

2) Berossus, vgl. Budde, S. 435. 

3) Budde, S. 450. 

4) Urgesch., S. 438. 



166 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

§ 18. 
Die Einwanderung der Hebräer in Ägypten. 

Dafs die Nachkommen Abrahams nach einem Autenthalt von un- 
bestimmter Dauer in Kena'an nach Ägypten übergesiedelt sind, ist eine 
in unsern hexateuchischen Quellen übereinstimmend niedergelegte An- 
gabe. Die Kritik hat sich auch dieses Datums bemächtigt, und erst 
neuerdings wieder ist die Ansicht aufgestellt worden : es sei überhaupt 
unwahrscheinlich, jedenfalls im höchsten Grade unsicher, dafs die Väter 
Israels sich je in Ägypten sollten angesiedelt haben ^ 

Vor allem stützt man sich dabei auf den angenommenen totalen 
Mangel einheimischer ägyptischer Nachrichten über die Anwesenheit 
der Hebräer. Ob es sich damit in der That so verhalte, wie man jetzt 
anzunehmen geneigt ist, werden wir weiterhin bei der Cleschichte 
Josefs und Moses zu untersuchen haben. Eine wesentliche Erleich- 
terung erführe allerdings unsere Autgabe, wenn es zulässig wäre, die 
in ägyptischen Urkunden sich ündende Bezeichnung 'Apuriu für 
identisch mit 'Ibrim anzusehen, somit auf die Israeliten anzuwenden ^. 
Die Frage nach der letzteren Aufenthalt in Ägypten wäre damit ent- 
schieden. Diese Möglichkeit scheint um so verlockender, als wir zwei 
Leidener hieratische Papyrus besitzen, nach welchen diese 'Apuriu nicht 
nur ein den Ägyptern dienstbares Volk darstellen, sondern geradezu zu 
schweren Fronarbeiten herangezogen werden, in ganz ähnlicher Weise, 
wie uns dies das Buch Exodus von den Israeliten berichtet ^. Allein 
sprachliche und sachliche Gründe machen das Recht der Gleichsetzung 
der 'Apuriu mit den Hebräern so zweifelhaft *, dafs man jedenfalls für 
eine geschichtliche Fixierung des Aufenthalts der letzteren in Ägypten 
sich schwerlich auf sie wird stützen können ^. 

Jedoch auch abgesehen von dem Namen 'Apuriu steht die 
Thatsache fest, dafs seit alter Zeit und so ohne Zweifel auch 
in jenen Tagen, welche der Einwanderung der Hebräer unter Josef 
entsprechen würden, vielfache semitische Wanderzüge von der Sinai- 
halbinsel aus nach Ägypten hin erfolgten. Dafs das gesegnete 



1) Stade, Gesch. Isr. I, S. 128 f. Meyer, Gesch. d. Altert. I, S. 348. Justi, 
Gesch. d. Orient. V., S. 272. 

2) Chabas, M^langes egyptol. I, p. 42 sq. Rech. p. serv. etc., p. 142 sqq. 
Ebers, ÄgBMo., S. 316. Gosen^ S. 505f. Vgl. übr. Wiedemanu, Äg. Gesch., S. 401. 

3) Brugsch, Gesch. Ägypt., S. 541. 

4) Vgl. bes. Brugsch a. a. 0., S. 582 f.; ferner Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 240 f. 

5) Auf die jüngsten Ausgrabungen von Naville und ihren Ertrag kommen wir 
unten bei der Geschichte Moses zu reden. 



11. Der bist. TJplialt d. Patriarclieiigesch. IS. Einwandr. in Agypt. Ift7 

Affvpten seit alter Zeit die Kornkammer der umwohnenden Völ- 
ker war und dals die sehnsüchtigen Blicke der ärmlich lebenden Be- 
duinen der nördlichen Wüstendistrikte je und je sich nach der frucht- 
baren Nilebene richteten, wissen wir aus den ägyptischen Denkmalen ^ 
Sicherlich ruht es auch auf alter Erinnerung, wenn die hebräische Tra- 
dition selbst von den Erzvätern schon vor Josef mehrfach erwähnt, 
dals sie in den Zeiten der Hungersnot Hilfe in Ägypten suchten , ob- 
gleich wir nicht mehr imstande sind, die einzelnen Anlässe genauer 
nachzuweisen. A\'enn nun trotzdem neben Stämmen wie die 'Amu 
und Shasu nicht auch die Hebräer namentlich genannt werden, so ist 
bei der Häufigkeit solcher fremden Einwanderungen, hauptsächlich in 
der Zeit des mittleren ägyptischen Reiches, dieser Umstand keineswegs 
zu verwundern. Nicht einmal über die doch für Ägypten bedeutungs- 
vollere Einwanderung der sogen. Hyksos hat sich eine sicher nach- 
weisbare Kunde in den altägyptischen Denkmalen erhalten. Wir sind 
für die Bestimmung ihrer Zeit imd Herkunft fcast durchaus auf späte und 
unzureichende Nachrichten angewiesen und besitzen jedenfalls auch ihren 
Namen nicht auf Denkmalen. Angesichts dieser Thatsachen ist es ge- 
radezu verwunderlich, wie man das Schweigen der Denkmäler über die 
Hebräer als gewichtiges Argument gegen ihren Aufenthalt in Ägypten hat 
verwerten können. Am allerwenigsten aber kann dieser Beweisgrund 
Gültigkeit haben, wenn wir, wie hier, Gründe aufzeigen können, die es 
dem ägyptischen Nationalstolz verboten, von Einwanderung und Auszug 
der Hebräer zu reden. „ Denn mit der Schilderung dieser Begebenheiten 
war das demütigende Bekenntnis einer Gottesheimsuchung verbunden, 
zu Avelchem sich wohl kaum ein vaterländisch gesinnter Schreiber am 
Pharaonenhofe verstanden haben würde " -. Zugleich ist es undenkbar, 
wie ein Volk von so ausgebildetem, fast dünkelhaftem Nationalgefühl, 
wie das hebräische, eine lange dauernde schmähliche Knechtung seiner 
Ahnen hätte erfinden sollen ^. 

Dazu giebt es wohl in der ganzen Geschichte Israels kein Er- 
eignis, das in höherem Mafse von der Erinnerung der späteren Ge- 
schlechter dieses Volkes selbst getragen ist, als der ägyptische Aufent- 
halt und der Auszug aus dem Nillande *. Samuel , Saul , Salomo und 
selbst fast David treten zurück hinter dem Diensthause in Ägypten 
und der herrlichen Befreiung aus ihm. Es ist ersichtlich, dafs es sich 



1) Ebers, ÄgBMos., S. 98 f. 196. 250 f. 

2) Brugsch a. a. ()., S. 583. 

:5) S. Ebers in Münch. Allg. Zeit. 1885, Nr. 110. 

4) Vgl. z. B. 1 Sam. 2, 27: (j, G. Arn. 9, 7. Hos. 11, 1 ; 12, 14; 13, 4. Jes. 10, 24. 
Mi. (5, 3f.; 7, 15. Jer. 2, (j; 7, 25. Ez. 20, Of. Jes. 43, Ißf.; 51, 9ff. ; 03, 11. 



168 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

hier nicht um ein einfaches Gebilde der Vätersage handelt, sondern um 
eine fest im Volksbewufstsein, und zwar schon dem der früheren Zei- 
ten seit Hosea und dem Samuelbuche, lebende und tief in die Er- 
innerung des Volkes eingegrabene Thatsache. Es würde einen hohen 
und mehr als normalen Grad von Geschichtslosigkeit des israelitischen 
Nationalcharakters bekunden, wenn schon in den Zeiten der ersten 
schreibenden Profeten ein lediglich mythisches Ereignis den Grundton 
des ganzen nationalen Lebens und den Ausgangspunkt des ganzen 
religiösen Gedankenkreises bilden konnte. 



§ 19. 
Die Persönlichkeit Josefs. 

Ist damit der Aufenthalt der Kinder Israel in Ägypten gesichert, 
so darf erwartet werden, dals sich auch ein geschichtlicher Kern der 
alten Überlieferung über Josef werde auffinden lassen. Mit vollem 
Rechte haben neuere Schriftsteller sich vielfach geneigt gezeigt, gerade 
in Josefs Geschichte ein besonderes Mafs von geschichtlichen Er- 
innerungen anzuei'kennen ^. Denn es kann nicht zufälHg sein, sondern 
spiegelt sicherlich eine alte Erinnerung aus der ersten Zeit des hebräi- 
schen Volkstums wieder, wenn wir in den frühesten Kämpfen des Vol- 
kes an der Spitze Israels gerade den Stamm Josefs ^ bzw. die von ihm 
sich ableitenden Stämme Efraim und Manasse treffen ^. Diese spätere 
Fühi-erschaft aber verdankt Josef seiner bahnbrechenden und mafs- 
gebenden Stellung in Ägypten. 

Im Rahmen einer blofsen Familiengeschichte ist selbstredend auch 
die Geschichte Josefs nicht zu denken ^. Sicher sind auch neben Josef 
bei seiner Einwanderung in Ägypten seine Stammesgenossen ^ gestan- 

1) Ewald, Gesch. Isr.^ I, S. 580 ff. Ebers, ÄgBMos., S. 256. Dillm. , Geu.^ 
S. 397 f. 438 f. Reufs, Gesch. d. AT., S. 04. Brugsch, Gesch. Äg., S. 243 ff. Wiede- 
mann, Ägypt. Gesch., S. 293 (mit Vorbehalt). 

2) Rieht. 1, 22 ff. Jos.17, 14ff. und unten § 27, Nr. 2. 

3) Rieht. 8, If.: 9, If.; 12, If. Vgl. Wellh., Proleg.-, S. 341; Reufs, Gesch. 
d. AT., S. 64. 

4) Ewald P, S. .580 ff: Ebers, ÄgBMos.. S. 255. Dillm., Geu.^, S. 397. Reufs, 
Gesch. d. AT., S. 64. 

5) Vgl. besonders die interessante Abhandlung von Ed. Meyer in ZAW. VI 
(1886), S. lft\ welcher in der bekannten Liste der von Tutmes IIl. unterworfenen 
Stämme neben dem Namen Jaqob auch den für Josef ("iNDtt'"" i ") = ^) i^^ ^^^ 
Form Josef-el gefunden zu haben glaubt. S. dazu oben § 4, Nr. 1. 



II. Der liist. Gehalt d. Patriarchengesch. § 19. Josef. IGJ) 

den, und wir werden olnie Zweifel berechtigt sein, das Eindringen Jo- 
sefs und seines Stammes in Ägypten durchaus in die Parallele jeuer 
uns aus den Gräbern von Benihassan und sonst bekannten Semitenstämme 
zu setzen, die in der Nilebene sich Einlafs verschaffen. Was den An- 
lafs der Wanderung Josefs gab, ist im einzelnen nicht zu bestimmen. 
Es Hegt am nächsten, dem Sinn der Familiengeschichte gemäfs an eine 
unter Nomadenstämmen so leicht erklärbare Entzweiung mit den üb- 
rigen Abrahamstämmen zu denken, welche Josef nötigte, sich nach 
Süden zu wenden. Vielleicht geht man sogar nicht fehl, wenn man 
als Anlafs der Flucht nach Ägypten unverschuldete Anfeindung und 
Verrat, von den Bruderstämmen an Josef geübt, annimmt \ Jedenfalls 
wird man als festen und geschichthchen Zug der Überlieferung gelten 
lassen dürfen, dafs der Josefstamm, von den andern verdrängt, in ge- 
ringer Stellung nach Ägypten gelangt, hier aber zu Macht und Ansehen 
vorgedrungen, seine Brüder nachkommen läfst und nun die Vorherr- 
schaft über sie sich zueignet. 

Es ist, wie schon die Geschichte Abrahams gezeigt hat, damit, 
dafs wir Josef als Stammeshaupt fassen und seine Geschichte wie die 
der andern Patriarchen teilweise aus dem engen Rahmen eines volks- 
tümlichen Familiengemäldes herauszuheben suchen, nicht ausgeschlossen, 
dafs Josef selbst geschichtliche PersönHchkeit war. Über den Namen 
freilich könnte mau streiten, da Josef anerkanntermafsen ein alter, 
später eingegangener Stammname ist; noch mehr über das der Tradi- 
tion geläufige Verwandtschaftsverhältnis dieses Stammhauptes zu Abra- 
ham und Jaqob. Die Familienverhältnisse bringen ja oft genug gröfsere 
Stammes Verhältnisse zum Ausdruck. Aber irgendeine Person dieser 
Art, wie sie die Genesis unter dem Namen Josef schildert, mufs wohl 
existiert haben. Der nach Ägypten einwandernde Stamm Josef mufste 
sicherhch ein hervorragendes, zu Ägypten in besondere Beziehung tre- 
tendes Stammeshaupt besitzen. Die Tradition benennt dasselbe mit 
dem Namen des Stammes. 

Man hat, um den Nachweis der GeschichtUchkeit Josefs und des 
in der Genesis über ihn Berichteten zu liefern mit Vorliebe die genaue 
Bekanntschaft der Josefsgeschichte mit ägyptischen Verhältnissen und 
Bräuchen, wie sie sachkundig und sorgfaltig besonders Ebers dargelegt 
hat 2, ins Feld geführt. Dafs dieser Umstand, so wertvoll er an sich 
sein mag, als voll genügendes Argument für jenen Zweck nicht gelten 
kann, ist ersichtlich. Er beweist zunächst nur die Bekanntschaft des 



1) Reufo a. a. 0., S. G4. 

2) Ägypten und die B. Mosis; siehe auch Riehm im HWB., Art. Josef. 



170 Erstes Buch. 1. Kap. Die Zeit der Patriarehen. 

Verfassers bzw. der Verfasser unserer Berichte mit Ägypten. Immer- 
hin ist mit der Berufung auf diesen Thatbestand auf Grrund der quellen- 
kritischen Anschauung über unsere Urkunden, wie sie im bisherigen 
vertreten ist, ungleich mehr erreicht, als auf Grund der alten Annahme 
über den Pentateuch als schriftstellerische Einheit. Dieser alten An- 
schauung gegenüber war es verhältnismäfsig leicht, anzunehmen : ein mit 
Ägypten vertrauter, früher etwa eine Weile dort lebender Schriftsteller 
habe die Josefsgeschichte verfafst und in ägyptisch aussehendes Gre- 
wand gekleidet. Bei der jetzt allgemein anerkannten Annahme zweier 
verschiedener Hauptquellen für die Josefsgeschichte, E und J, ist diese 
Vorstellung des Sachverhaltes beinahe unmöglich gemacht. Die Quellen 
weichen untereinander so weit ab, dafs sie nach Zeit und Ort getrennt 
abgefafst sein müssen. Sie enthalten manche nicht unwesentliche Diffe- 
renzen, so dafs sie sich nicht wohl auf eine gemeinsame schriftstellerische 
Vorlage zurückfuhren lassen, und stimmen doch in dem echt ägyp- 
itschen Gepräge durchaus überein. Es darf also angenommen werden, 
dafs das Ägyptische in der Erzählung nicht mehr als blofs schrift- 
stellerisches Kolorit gelten kann. Es mufs zum Kern der Erzählung 
gehören. Dies weist auf verhältnismäfsig hohes Alter und spricht für 
das Vorhandensein einer alten, aus der ägyptischen Zeit selbst stam- 
menden Tradition. Ist somit aus der ägyptischen Farbe des Berichtes 
auch seine Geschichtlichkeit nicht unmittelbar zu ermitteln , so ist 
immerhin der Nachweis derselben wesentlich gestützt durch ein be- 
achtenswertes Argument für sein hohes Alter. 

Besonderen Wei't hat nun Brugsch ^ auf die von ihm mitgeteilte 
Erzählung einer länger andauernden Hungersnot in Ägypten gelegt. 
Dieselbe ist enthalten in einer Inschrift von El - Kab im Grabe eines 
gewissen Baba, den Brugsch mit grofser Wahrscheinlichkeit als den 
Vater des bekannten Flottenführers A'ahmes nachgewiesen hat. Brugsch 
glaubt darin mit grofser Sicherheit die von der Genesis mit Josef in 
Verbindung gebrachte 7jährige Hungersnot erkennen zu dürfen, da bei 
der aufserordentlichen Regelmäfsigkeit der Nilüberschwemmung eine 
Hungersnot, vollends von längerer Dauer, zu den gi-ölsten Seltenheiten 
zu rechnen sei. 

Es kommt dazu , dafs auch die Zeit der Hungersnot , wie sie 
Brugsch bestimmt, ganz gut zu dem allgemeinen Rahmen pafst, in welchen 
zeitlich Josefs Aufenthalt in Ägypten gesetzt werden mufs. Dabei ver- 
schlägt es nichts, ob man im übrigen die Zeit des Ra'-Saqenen mit der 
des Königs Apepi zu vereinigen sucht oder den letzteren Namen preis- 



1) Gesch. Ägypt., S. 244 ff. 



II. Der bist, (irehalt d. Patriarchengesch. § 19. Josef. 171 

giebt (s. u.). Wir wissen nämlich, dafs A'ahraes, der unter dem gleich- 
namigen König A'ahraes 1., dem Anfänger der 18. Dynastie, eine grofse 
Rolle spielen sollte, unter dem König Ra'^-Saqenen der 17. Dynastie ge- 
boren ist ^ Als Pharao des Josef würde sich damit jener Ra'-Saqenen 
der 17. Dynastie ergeben. Da wir nun aber eine weitere alte Nach- 
richt besitzen, nach welcher Josef unter einem König Apepi nach 
Ägypten gekommen sein soll, so nimmt Brugsch zur Vereinigung dieser 
beiden Daten eine gleichzeitige Herrschaft des Hyksoskönigs "^ Ra'-Sa- 
qenen, mit welchem Josef zu thun gehabt hätte, und des einheimischen 
Königs Apepi an, nach welchem letzteren in national - ägyptischen 
Quellen die Dynastie gerechnet worden sei ^. Wiedemann dagegen 
sieht von jener Hungersnot ab und rechnet Apepi (I.) , unter dessen 
Regierung ihm die Erhebung Josefs wenigstens wahrscheinlich ist, zur 
16. Dynastie. Die beiden Dynastieen wären damit nicht gleichzeitig, 
und Josefs Zeit würde dadurch etwas früher als nach der Bestimmung 
Brugschs fallen, nämlich etwa 1842, während Brugsch 1750 angiebt. 
Eine Entscheidung darüber läfst sich nicht geben. 

Wir stehen nicht an zuzugeben, dafs uns die zeitUche Überein- 
stimmung der Hungersnot mit der mutmafslichen Zeit Josefs und die 
aufserordentliche Seltenheit gröfserer Hungersnöte in Ägypten * Mo- 
mente zu sein scheinen, welche der Gleichsetzung dieser mit der bei 
Josef erwähnten Hungersnot und damit der Geschichte Josefs über- 
haupt eine wesentliche Stütze gewähren. Man wird dagegen nur die 
allgemeine Unsicherheit der Zeitbestimmung des mittleren ägyptischen 
Reiches mit einigem Grund einwenden können. Allein auch sie ist 
gerade für A'ahmes, dessen Zusammenhang mit Baba man nach der 
Lage der Dinge kaum wird bestreiten können, weit weniger vorhanden 
als für die meisten anderen Personen und Epochen dieses Zeitraums. 

Läfst sich somit aus einheimisch-ägyptischen Denkmalen wenigstens 
die Hungersnot in Josefs Zeit mit grofser Wahrscheinlichkeit nach- 
weisen, so sind wir allerdings für Josefs übrige Geschichte, besonders 
seine Erfolge in Ägypten, nicht in derselben Lage. Vor allem fehlen 
uns über Josefs bekannte Finanzoperation, durch welche das ganze 



1) Wiedemann a. a. 0., S. 301. 

2) Gegen die Annahme der Einwanderung unter einem Hyksoskönig äufsera 
sich Lepsius, Chronol. I, S. 380ff. und PRE."^ I, S. 174; Ebers, ÄgBMo., S. 260. 
Allein die Hyksos haben jedenfalls ägyptische Sprache und Sitte angenommen. 

3) Krugsch a. a. 0., S. 247. 

4) Wogegen schwerlich die nicht auf thatsächliche Vorgänge, sondern auf in 
profetischer Rede geäufserte Möglichkeiten sich beziehenden Stellen Jes. 19, 5 ff. 
Zach. 14, 18 (Köhler, Bibl. Gesch. 1, 1.581 angeführt werden können. 



173 Erstes Buch. B. 1. Kap. Die Zeit der Patriarchen. 

Land mit Ausnahme der Ländereien der Priester Kroneigentum, das 
Volk aber nach Art von Leibeigenen das Feld des Königs zu be- 
stellen und den Fünften als Pachtzins zu entrichten verpflichtet wird, 
alle altägvptischen Nachrichten. Allerdings wissen wir, dals diese An- 
gaben im ganzen zu dem Bilde stimmen, das wir sonst über Verfassung 
und Verwaltung Ägyptens besitzen ^ Dafs aber gerade der Fünfte 
entrichtet wird, und vollends durch wen dies so Avurde, darüber wissen 
wir aus den Denkmalen nichts. Auch den griechischen Berichterstattern 
Herodot und Diodor ^ ist darüber etwas Sicheres nicht zu entnehmen. 
Wohl aber ergiebt, wie uns scheint, gerade eine Abweichung jener 
beiden griechischen Autoren vom biblischen Bericht ein sicheres Datum. 
Der letztere erwähnt nämlich, dafs die Priester, da sie vom Könige 
ihren Unterhalt bezogen, nicht genötigt waren, ihre Ländereien zu ver- 
äufsern. Damit stimmt nun zwar der Umstand, dafs wir in alt- 
ägyptischen Nachrichten überall die Priesterschaft als grofsen Grund- 
besitzer antreffen •^. Nicht aber scheint damit in Einklang zu bringen, 
dafs sowohl nach Herodot als nach Diodor * neben dem König und 
den Priestern auch die Krieger als Grundbesitzer genannt werden. 
Wenn nun aber Herodot ° erwähnt, dafs ein König vor Öethos den 
Kriegern ihre Ländereien erst übergeben, Sethos aber sie ihnen wieder 
entrissen habe; und wenn andei'seits Diodor "^ als den Namen jenes 
ersteren Königs geradezu Sesostris nennt: so ist, es mag das geschicht- 
liche Verhältnis dieser beiden Könige Sethos und Sesostris zu einander 
sein, welches es wolle ', jedenfalls so viel ersichtlich, dafs Diodor sowohl 
als Herodot für eine frühere Zeit nur den Priestern und dem Könige 
Landbesitz zuschreiben. In dieser Beziehung also stimmen die Klas- 
siker und die Genesis vollkommen überein. Fällt nun, wae aus den 
Klassikern glaubhaft wird, die Einsetzung der Krieger in Landbesitz 



1) Herod. II, 109: Sesostris verteilte das Land unter alle Ägypter, so dafs 
jeder ein gleiches viereckiges Stück erhielt, wovon dann der König in Form einer 
jährlichen Abgabe seine Einkünfte bezieht. Ferner z. B. Ebers bei Riehm, HWB., 
S. 326. 

2) Ich verweise auf die eingehende , alle Stellen erörternde Behandlung der- 
selben bei Riehm, HWB., S. 703. 

3) Ebers bei Riehm, HWB., S. 32(3. 

4) Her. II, 168. Diod. I, 73 f. 

5) II, 141. 

6) I, 54. Die Stelle kann nach dem Zusammenhang doch nur auf den Krie- 
gern überlasseue Ländereien bezogen werden. 

7) Meist wird Sesostris als Vermischung von Sethi I. und Ramses II. gefafst 
(Ebers bei Riehm, HWB., S. 332). 



II. Der bist. Gehalt der PHtriarcheiigesch. § 19. Josef. 173 

selbst schon in verhältnisniäfsig frühe Zeit, so wird daraus ferner er- 
sichthch, eine wie alte Erinnerung auch in dieser Beziehung uns das 
Alte Testament bewahrt hat. Unsere Erzählung mufs vor die Zeiten 
des Sesostris Diodors zurückgreifen und ist ebendamit jedenfalls für 
ihre Hauptsachen als geschichtlich wahrscheinlich gemacht ^. 



1) Vgl. dagegeu Kueneu, Theol. Tijdsclir. V (1871), S. 2G6ff., wo jedoch nur 
auf Her. II, 109 und Diod. I, 54. 57 Rücksicht genommen ist. Die Unebenheiten 
der biblischen Erzählung selbst (S. 268 ff.) beweisen nichts, da es sich nicht um 
die Form, sondern den wesentlichen Inhalt des Berichtes handelt. 



2. Kapitel. Mose und der Wtistenzug. 



I. Die Tradition der (Quellen. 

§ 20. 
Die Erzählung von J. 

Fast überall in den Büchern Exodus bis Josua sind die beiden 
ältesten Quellen J und E durch den deuteronomischen Redaktor mit 
solcher Freiheit benützt, dafs es weit schwerer fallt als in der Genesis, 
sie auseinander zu halten. Es könnte deshalb naheliegen, hier auf den 
Versuch reinhcher Scheidung derselben zu verzichten und ihre Zu- 
sammenfassung und Ineinanderarbeitung in der Gestalt, wie sie in der 
deuteronomischen Redaktion (R**; Wellh. JE) vorliegt, der geschicht- 
lichen Untersuchung zugrunde zu legen. Allein thatsächlich treten doch 
so reichliche Spuren jener ursprünglichen Quellenschriften zutage, dafs 
der Geschichtschreiber überall da, wo die beiden ältesten Relationen 
irgend auseinander treten, doch sich genötigt sieht, jede für sich ins 
Auge zu fassen. Wir ziehen es daher vor, den Versuch getrennter Ab- 
horung jener Quellenschriften auch hier zu wagen. Liefert er der Na- 
tur der Sache nach nicht auf allen Punkten ein zweifellos gesichertes 
Resultat, so bietet er immerhin in den wichtigsten Angelegenheiten der 
mosaischen Geschichte manches interessante und überraschende Ergeb- 
nis. Ich lasse hier die Quelle J, wenngleich ich sie nicht für älter 
halten kann als E , vorangehen , weil sie vielfach den Ton angiebt 
und mehrere allgemeine Fragen besser bei ihr als bei E zum Austrag 
gebracht werden. 

1. Die Schrift des J enthielt jedenfalls eine Mitteilung über die 
Vermehrung der Nachkommen Jaqobs in Ägypten und die gegen sie 
angewandten Mafsregeln des Pharao, besonders den Befehl der Ermordung 
der israelitischen Knaben. Aber es hält schwer, die Spuren dieser Er- 



I. Di(! Traditiou. i; 2(». Die Erzählung von J. 175 

Zählung im heutigen Zusammenhang noch mit Sicherheit zu ermitteln. 
Sie zeigen sich hier und im Folgenden nur in einzelnen Bruchstücken K 
Natürlich lassen dieselben auf eine einst vollständigere Erzählung des 
Hergangs, die der jetzigen von E stammenden Darstellung parallel 
läutt, schlieisen. 

Ebenso besais J , wie aus einem stehengebliebenen Keste - hervor- 
geht, eine Erzählung über die Aussetzung des Mose und seine Aui- 
lindung und Aufnahme durch Pharaos Tochter. Grrofsge worden er- 
schlägt Mose einen Ägypter und flieht nach Midjan. Hier wohnt er 
bei Re'uel, dem Priester von Midjan, und gewinnt dessen Tochter Sip- 
pora zum Weibe. Sie gebiert ihm Gershom ^. Am Sinai erscheint 
ihm der Engel des Herrn im feurigen Busch und eröflhet ihm das 
Vorhaben J ah ves, Israel aus der Hand der Ägypter zu befreien und 
ins Land der Kena'aniter zu führen. Mose soll nach Ägypten zurück- 
kehren und dem Volke * Jahves Ratschlufs mitteilen. Zugleich soll er 
vom Pharao die Entlassung Israels drei Tagereisen weit in die Wüste 
zu einem Opfer für Jahve fordern. Dabei wird ihm schon in Aus- 
sicht gestellt, dafs Pharao sie nicht freiwillig werde ziehen lassen ^. — 
Mose sucht sich dem Auftrag Jahves zu entziehen mit dem Einwand, 
Israel werde ihm nicht glauben. Zu seiner Beglaubigung werden ihm 
daher von Jahve drei Zeichen gegeben, die er vor Israel thun soll: 
sein zur Erde geworfener Stab wird zu einer Schlange : seine Hand, 
in den Busen gelegt, Avird aussätzig; Nilwasser, das Mose ausgiefst, 
soll zu Blut werden. Einem zweiten Einwand Moses: er habe eine 
schwere Zunge, begegnet Jahve mit der Frage, wer dem Menschen die 
Sprache gegeben habe : er werde mit ihm sein *>. 

Ob in diesen ursprünglichen Zusammenhang noch die mifsmutige 
endgültige Absage Moses '' gehört: Sende wen du senden willst, worauf 
Jahve erzürnt erklärt: Aaron, der ihm eben entgegenkomme, solle 
reden, was Mose ihm in den Mund lege, — hängt davon ab, wie über 
das weitere Auftreten Aarons in diesem Zusammenhang gedacht wird. 
Die Frage ist für die ganze geschichtliche Stellung und Bedeutung 



1) Es gehören hierher als Minimum Ex. 1 , 22 (geg. Dillm.) und 20 b (geg. 
Kuenen); vielleicht auch einige Worte aus V. 14. 

2) Ex. 2, G. 

3) Ex. 2, 11 — 14 (Wellh. geg. Dillm.). li;-23. 

4) So wohl in J ursprünglich statt der Mitteilung an die Ältesten. 

5) Teile aus Ex 3, 2 (bes. 2a«); ferner 3, 4a. 7 f. (wohl aufserSb,'^) Kib— 22 
(einzelnes in diesem Abschn., bes. in \. IS abgerechnet). 

6) Ex. 4, 1-12. 

7) Ex. 4, 13— IG; vgl. Wellh. X\l, S. 541. 



176 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

Aarons von Belang, bedarf daher einer etwas näheren Erörterung. Be- 
kanntlich nimmt in J wie in E dem Pharao gegenüber thatsächlich 
Mose selbst das Wort, während in P Aaron für Mose und in dessen 
Auftrag redet und handelt. Wenn nun hier plötzlich, und dazu, wie 
ein Blick auf den Text lehrt, in etwas unvermittelter Weise und etwas 
brüchigem Zusammenhang, Aaron eingeführt wird, so liegt der Gedanke 
an einen nachträglichen Eingriff der Redaktion nahe. Derselbe scheint 
unterstützt zu werden dadurch, dafs auch von Pharao fast jedesmal, 
nachdem Mose geredet hat, plötzlich Aaron als mitanwesend vorgeführt 
wird und Pharao selbst Mose und Aaron anzureden pflegt, wogegen 
dann die Fürbitte selbst wieder von Mose allein vorgenommen wird ^ 
Demgemäfs hat denn Wellhausen ^ angenommen, die Einführung Aarons 
stamme vom Jehovisten (JE), der „gerade bei der Fürbitte die Assi- 
stenz Aarons für angemessen hielt". Allein ist, wie wir mehrfach 
sahen, die Existenz dieses Wellhausen sehen JE überhaupt keineswegs 
gesichert, so wird sein Eingreifen gerade in diese Angelegenheit um so 
zweifelhafter, wenn weder J noch E hier ursprünglich Aarons Mit- 
wirkung besafsen. Aus der Luft kann JE Aaron nicht gegriffen haben. 
Wollte man einen redaktionellen Eingriff hier vermuten, so mufste er 
von R*^ oder R** auf Grrund von P vollzogen sein. Denn diese Quelle 
allein legt solchen Nachdruck auf Aarons Mitwirkung, dafs ein Re- 
daktor, der ihre Erzählung kannte, allerdings eine Ausgleichung zu 
suchen veranlafst sein konnte. Aber die Art und Weise des Auf- 
tretens Aarons im Text macht es' mir mehr als zweifelhaft, ob es sich 
hier überhaupt um die Thätigkeit eines blofsen Redaktors handeln 
kann. Legte ein solcher einmal Wert auf Aarons Anwesenheit, weil er 
die Tendenz verfolgte, Aaron eine hervorragende Teilnahme an der 
ganzen Angelegenheit zuzusprechen, so mufste er den von ihm ver- 
mifsten Namen auch überall, mindestens immer schon beim Auftreten 
Moses vor Pharao, einsetzen. Gerade da fehlt er. Dies beweist, dafs 
es sich überhaupt nicht um eine absichtliche redaktionelle Korrektur, 
sondern um ursprünglichen Text dabei handelt. 

Die Möglichkeit scheint mir immerhin zu bleiben, dafs die vor- 
läufige Ankündigung der Mitwirkung Aarons des Leviten in 4, 13 — 16 
durch den letzten oder den deuteronomischen Redaktor auf Grund des 
Textes von P in ihrem ursprünglichen Bestände etwas alteriert worden 



1) Vgl. Ex. 7, U. 26; 8, IG; 9, 1. V,): 10, 1 mit Ex. 8, 4. 8. 21. 24; 9, 27. 
28; 10, 3. 8. 11. 16. 17 einerseits und mit s. .ö. 22. 25; 9, 29 imd 8, 8. 26; 9, 
33; 10, 18 anderseits. 

2) JDTh. XXI, S. 538. 541. 



1. Die Traditiou. v? 20 Die Erzählung von J. 177 

ist^, wie vielleicht auch 4, 27 — 31^ erst aus dieser späteren Hand 
stammt. Aber die Ereignisse vor Pharao scheinen mir bestimmt nach 
den ursprünglichen Quellen berichtet zu sein. Die Unabsichtlichkeit, 
Zufälligkeit und Anspruchslosigkeit der Erwähnung Aarons spricht ent- 
schieden dafür. Dagegen mag sich allerdings die Frage erheben, ob 
nicht auch hier wieder zwei Strömungen innerhalb J selbst sich geltend 
machen ^, deren eine den Vorgang ohne Aaron sich dachte, wogegen 
die andere seine Mitwirkung voraussetzte *. Unter allen Umständen 
scheint Aaron der Levit schon zum ursprünglichen Bestände der Quelle 
J, wie sie uns heute vorUegt, zu gehören. 

Jahves Befehl folgend kehrt Mose nach Ägypten zurück =. Unter- 
Avegs tritt ihm Jahve entgegen und droht ihm den Tod — augen- 
scheinlich, weil Mose nicht beschnitten ist. Er läfst erst von ihm ab, 
nachdem Sippora mit einem Feuerstein ihren Sohn beschnitten und 
Mose mit der Vorhaut desselben berührt hat **. 

In Ägypten angelangt tritt Mose (in Begleitung Aarons) vor den 
König mit der Forderung: er habe das Volk zu einem Fest für Jahve 
in die Wüste zu entlassen. Vom König trotzig abgewiesen, wiederholt 
am folgenden Tag Mose in Aarons Gegenwart jene Forderung mehr- 
mals fast mit denselben Worten, jedesmal eine neue Plage über den 
König und sein Land verkündigend für den Fall , dals Pharao seiner 
Forderung nicht entspreche '. Die Ausführung der Plage ist im Bericht 



1) Die Brüchigkeit des Zusammenhangs und die Vorstellung, dafs hier Aaron 
thatsächlich reden, nicht blofs anwesend sein soll, weist darauf. 

2) Hier sind die Altesten Israels und Aaron neben Mose gestellt. Jene weisen 
in diesem Zusammenhang auf E, dieser auf J. 

;>) S. auch Bruston, Les deux johovistes in Revue de thdol. et pbil. 1885, 
p. (j. 

4) Eine andere Lösung giebt Vatke, Einleit. , S. 175 tf. , der annimmt , dai's 
immer, wo Mose allein auftritt, E rede (7, 15 bezöge sich dann nicht auf 4, 3 f., 
sondern auf einen ausgefallenen Bericht von E über das erste Wunder). Der 
zweite Teil der Erzählung dagegen, wo Aaron anwesend ist, soll nach ihm jedes- 
mal aus J eingefügt sein. Diese Annahme erklärt das Wegbleiben Aarons zu 
Anfang, aber wo bleiben dann die Altesten 3, 18? 

5) Ex. 4, 19 (?) und dazu jedenfalls eine V. 20 a entsprechende Notiz. 

6) Ex. 4, 24—26. 

7) Ex. 5, Ib. 2. 4; 7, 14 — 17b« (Verwandlung des Nil in Blut); 7, 23 (Jü- 
licher,' JPTh. 1882, S. 83.87). 25—29; 8, 4— IIa (Frösche); S, 16—28 (Ge- 
schmeifs); 9, 1—7 (Viehsterben); 9, 13—21. 23b (gegen Vatke). 27—30 (Hagel; 
die letzten Verse gehören zu J gegen Wellh., Dillm., Vatke; auch C'>n^N beweist 
hier nicht, Jül., S. 93). 33. 3i; 10, 1 — 11. 13b. 14b — 20 (Heuschrecken; eine 
etwas andere Scheidung vgl. Jül., S. 95); 11, 1 f . (?) 4—7 (Sterben der Erst- 
geburt). 

Kittel, Gesch. dor Hebräpr. 12 



178 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

des Verfassers nicht mehr selbst erzählt, sondern vorausgesetzt. Dehn 
in der Mehrzahl der Fälle läfst Pharao Mose und Aaron vor sich rufen und 
verlangt, dafs sie zu Jahve um Abwendung der Plage beten. Aber es 
stimmt mit dieser Erzählungsweise überein, dafs es die Voraussetzung 
von J ist, dafs nicht Mose die Plagen ausführt, sondern sie nur an- 
kündigt und Jahve selbst sie vollzieht ^ 

Die letzte Plage, das Sterben aller Erstgeborenen in Ägypten, hat 
endlich die Wirkung, dafs der König Israel ziehen heifst. Die Ägypter 
selbst bestürmen Israel, das Land zu verlassen. So schnell vollzieht 
sich ihr Weggang, dafs sie nicht mehr Zeit finden, ihr Brot fertig zu 
backen. Sie nehmen den ungesäuerten Teig mit sich und backen ihn 
unterwegs zu Mazzen. Auch lassen sie sich von den Ägyptern kostbare 
Gerätschaften und Gewänder mit auf den Weg geben. So ziehen sie 
aus, und Jahve selbst weist ihnen den Weg, am Tag in einer Wolken-, 
des Nachts in einer Feuersäule vor ihnen herziehend '^. 

Nach ihrem Weggang erst wird der Umgebung des Pharao klar, 
dafs es sich für Israel nicht um ein blofses Opferfest in der W'^üste, 
sondern um ein Entrinnen aus der Knechtung der Ägypter gehandelt 
habe. Pharao sammelt sein Heer und zieht Israel nach. Plötzlich sieht 
Israel am Schilfmeer die Ägypter hinter sich. Das Volk murrt gegen 
Mose und wird von ihm auf Jahves Hilfe gewiesen. Die Wolkensäule 
verläfst ihren Ort, tritt Israel in den Rücken und kommt so zwischen 
Israel und die Ägypter zu stehen, so dafs über Nacht die Heere nicht 
zusammenkommen können. Zugleich trocknet Jahve über Nacht das 
Meer durch einen starken Ostwind aus ^. Noch in der Nacht ziehen 
die beiden Heere hinüber, am jenseitigen Ufer beginnt der Kampf*. 
Gegen den Morgen verwirrt Jahve durch die Feuersäule die Ägypter, 
zugleich hemmt er die Räder ihrer Wagen, so dafs die Ägypter be- 
stürzt zurückfliehen, während gleichzeitig das Meer, zurückkehrend, sie 
verschüttet ^. 

Vom Schilfmeer aus zieht das Volk an den später Massa und 
Meriba genannten Ort, wo es von Mose Wasser begehrt. Jahve befiehlt 
ihm: Gehe vor dem Volk her nach . . ., dort stehe ich vor dir auf 
einem Felsen ...''. 



1) Vgl. bes. Wellh. XXI, S. 533 ff. 

2) Ex. 12, 29. 30a^b. 31—36 (der Hauptsache nach). 39; 13, 21 f. 

3) Ex. 14, 5 f. 9a« (bis annPs)- lOab« (bis -i^-c)- U— U. 19b. 20. 21a;J. 

4) Dieser Satz fehlt im heutigen Text, ist aber nach dem folgenden zu er- 
gänzen. Vgl. Wellh. XXI, S. 54G. 

5) V. 24 f. 27ai3b. 28 b. 30 f. 

i)) Ex. 17, lb;J. 2. 7, und von V. ö und 6 die im Text gegebenen Worte. 



I. Die Tradition. § 20. Die Erzählung von J. 179 

Sehi* wahrscheinlich ist, dafs auch J wie E die aus alter Quelle 
stainmende Amaleqiterschlacht ^ berichtete. Sodann mufs auch hier die 
Ankunft am Gottesberg, den J Sinai nennt, wogegen E die Bezeichnung 
Horeb geläufig ist, erzählt gewesen sein. Darauf kündigt Jahve Mose 
an, dafs er nun sich ihm offenbaren und am dritten Tag vor allem Volk 
auf den Sinai herabkommen werde. In grofsartiger Theofanie kommt 
er herab und inift Mose auf den Berg. Mose erhält den Auftrag, dem 
Volk zu gebieten, dafs niemand zum Berge sich nahe *. 

2. Von hier an verläfst uns der ursprüngliche Faden von J noch 
mehr als bisher. Der Redaktor stiefs offenbar an dieser Stelle in seinen 
Quellen auf gröfsere Stücke ganz ähnlichen Inhalts. Dieselben liefsen 
sich nicht wie in den rein historischen Partieen durch Trennung der 
Glieder und ihre darauf folgende Ineinanderschiebung zu einem Mosaik- 
werk zusammengefügt erhalten, sondern mufsten teilweise fallen gelassen 
werden. Dies Schicksal scheint ein gröfserer Teil des Textes von J in 
der Sinaigeschichte getroffen zu haben. Was erhalten blieb, mufste 
naturgemäfs zum Teil an ganz andere Orte, als es ursprünglich einnahm, 
versetzt werden. So sind wir genötigt, die Trümmer von J mühsam 
und teilweise an entlegenen Stellen zusammenzusuchen und werden uns 
bei diesem Sachverhalt auch nicht wundern können, wenn das eine 
oder andere Glied nur durch Versetzung ^ von seiner jetzigen Stelle an 
eine andere in den Zusammenhang gefügt werden kann. 

Unmöglich konnte der Dekalog von R hier schon zweimal berichtet 
werden. Die Thatsache, dafs er nur einmal mitgeteilt ist, beweist nicht 
gegen sein Vorhandensein in J. Das in Ex. 34, 11 — 2G uns noch er- 
haltene kleine Gesetzbuch für ein Analogen des Dekalog, ja für das 
ursprüngliche Zehn wort zu erklären ^, ist gewifs eine Verirrung. Schon 
die Zahl von 10 Worten ist bei demselben nur mit gröfster Willkür 
zu erreichen. Es ist vielmehr der uns noch gebliebene Rest der auch 
bei J dem Dekalog folgenden „Gesetze und Rechte", also ein verkürztes 
Analogon zu Kap. 21 — 23. Die Versetzung des Ganzen an diese Stelle 
begreift sich nach dem Obigen von selbst. Wir werden also nicht fehl- 
gehen, Avenn wir den Dekalog als diesem Gesetzbuch vorangehend 
denken und vor 84, 11 einfügen. 

Der Hergang der Sinaivorgänge war denmach in der Erzählung 
von J mutraafslich folgender. Nach der Ankunft am Sinai und den 



1) Ex. 17, .s— IG. 

2) Ex. 19, (9 a?) 11. 12. 18. 20. 21. 

3) Eine solche nimmt auch Dillm., ExLev., S. 334 mit E.x 34, 11—2»; vor. 

4) S. Wellhausen, JOTli. XXI, S. 551 ff. Gesch. Lsr ', S. 404 ff. 

12* 



180 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsterizug. 

Kap 19 erzählten Präliminarien verkündet Jahve den Dekalog. Sodann 
wird Mose auf den Berg gerufen ^. Er weilt hier 40 Tage und Nächte ^, 
während welcher ihm Jahve ^ die zehn Bundesworte des Dekalog auf 
die steinernen Tafeln schreibt. Zu dem Zehnwort fügt Gott wie in E 
gleich die übrigen Gesetze und Rechte und befiehlt Mose, diese Worte 
d. h. den Inhalt jener Gesetze * aufzuschreiben. Auf Grund derselben 
wird der Bund mit Israel geschlossen. An welcher Stelle die Bund- 
schliefsung selbst in J eingefügt war, läfst sich nicht mehr bestimmen. 
Inzwischen aber hat das Volk, ungeduldig über Moses langes Ver- 
weilen, Aaron vermocht, ihm Götter zu machen, die vor ihm hergehen. 
Aaron hat aus dem Geschmeide der Israeliten ein gegossenes Kalb ver- 
fertigt und veranstaltet ihm ein Fest. Jahve selbst teilt Mose mit, was 
unten geschehen ist und heifst ihn vom Berge herabsteigen °. In der 
Nähe des Lagers angelangt, wirft er die Tafeln zu Boden, dafs sie zer- 
schellen. Aaron imd dem Volk macht er Vorhalt über ihrer schweren 
Versündigung. Am anderen Morgen steigt er noch einmal auf den 



1) Von dem in Ex. 24, 13—18 dreimal wiederkehrenden Satze: „Und Mose 
stieg auf den Berg" mul's jeder der Hauptquellen ihr Anteil zufallen, so auch 
J. — Eine andere Möglichkeit mit Beziehung auf IM, 1 tf. s. u. 

2) Hierher gehört der an seiner jetzigen Stelle durchaus verlorene Vers 
84, 28. Die Fortsetzung von 34, 27 kann derselbe unmöglich bilden, da ja die 
Worte 34, 11- 2(5 nach V. 27 schon von Mose geschrieben sind. Denn nicht 
zum Schreiben, sondei-n nur zum Empfang der rrebote kann Mose die vierzig 
Tage gebrauchen Der letztere ist aber an dieser Stelle längst vorüber. Rd hat 
den Vers, den er im Zusammenhang nicht mehr verwerten konnte, an den Schlufs 
seiner ganzen Darstellung der Sinaivorgänge gestellt, wo er allerdings eine gewisse 
Verwirrung anrichten konnte. 

3) El", nicht Mose ist im ursprünglichen wie im heutigen tY. 1) Zusammen- 
hang das Subjekt von ^niD"'"!- ^I^" vergleiche den häufigen Subjektswechsel gerade 
in dieser Quelle. Wellhausens (XXI, S. 554) Annahme scheitert daran, dafs (s. o.) 
das von Mose Geschriebene schon in V. 27 angegeben ist, die Bundesworte in 
V. 28 also nicht der Inhalt von 34, 1 1 — 2G sein können, besonders aber au iPDriDl 
V. 1. Auch ist V. 27 weder von Tafeln noch von 10 Worten etwas gesagt. 
V. 27 wird in ein Buch, V. 28 auf steinerne Tafeln geschrieben : vgl. auch Vatke, 
Einl., S. 352. 

4) Dafs das V. 27 Aufgeschriebene (34, 11 — 26) nicht das Zehnwort selbst, 
sondern das jetzt allerdings verstümmelte Analogen des Bundesbuchs war , zeigt 
am deutlichsten eine Vergleichung des Wortlauts von V. 27 mit dem von 24, 4. 7: 
34, 27: ,, Schreibe diese Worte nieder, denn auf Grund dieser Worte habe ich 
mit dir und Israel einen Bund geschlossen". 24, 4. 7: „Und Mose schiüeb die 
Worte JaLves nieder . . . und nahm das Buch des Bundes und las es dem 
Volk vor". — Die Tafeln von V. 28 gehören augenscheinlich nicht hierher. 

5) Ex. 32, 1—8 (von Kuenen Ond.'-, S. 244. 24(5 ohne genügenden Grund 
TJ und E3 zuü'ewiesen). 



I. Die Tradition. § -JO. Die Erzählung von .1. 181 

Berg und erbittet Gottes Verzeihung. Jahve erklärt, zur rechten Zeit 
werde er die Schuld ahnden. Für jetzt soll Mose mit dem Volk au 
den Ort seiner Bestimmung auibrechen und er werde seinen Engel vor 
ihm hersenden '. Traurig legt das Volk seinen Schmuck ab, woraus 
Mose das Stiftszelt errichtet '^, welches dem Volke von jetzt an die un- 
mittelbare Gegenwart Jahves am Sinai ersetzen niufs. Ehe sie weg- 
ziehen, erhält Mose noch den Befehl, zwei neue Tafeln an Stelle der 
von ihm zerbrochenen auf den Berg zu bringen, damit Jahve sie aber- 
mals beschreibe ^. 

Noch während des Aufenthalts am Sinai hatte Mose sein Schwager 
Hobab (ben Reuel) besucht* ... Da Israel nun, Jahves Befehl fol- 
gend, vom heiligen Berge aufbricht, bittet ihn Mose, das Volk zu ge- 
leiten : Hobab kenne die Lagerplätze der Wüste und würde so „ ihr 
Auge" sein können. Er verheilst ihm reichen Lohn in Kena an. Hobab, 
der sich zunächst weigert, scheint dennoch eingewilligt zu haben. Denn 
das spätere Israel kennt ein von Hobab sich ableitendes qenitisches 
Geschlecht als Teil des Volkes ^. 



1) Ex. 32, 19 (20). 21—24. 30—34. Wegen V. 30 ist V. 9-14 wohl Zusatz 
aus R*^ (Wellh. JE); doch können diese Verse auch ursprünglich und dafür 
30 — 34 Zusatz sein. Dazu gehört dann jedenfalls 33, 3 b. 4. 

2) Dies mufs auch hier berichtet gewesen sein. Wellh. XXI, S. 5G3 Anm. — 
Schwer fügt sich der folgende Abschnitt 33, 12 — 23 in den Zusammenhang der 
ursprünglichen Quelle. Wellh. (S. 5G3f.) will einen grofsen Teil desselben JE zu- 
weisen, und es ist sehr wohl möglich, dafs Rd oder ein anderer wie schon im Bis- 
herigen so besonders hier, wo es sich um die wichtige Angelegenheit der Wieder- 
aussöhnung Jahves mit Israel handelt, freie Zusätze gemacht hat. Teile der Er- 
zählung, besonders in V. 19—23, können gut E, oder wohl eher J, ursprünglich 
angehört haben. Aber es ist bei der Brüchigkeit dieser Elemente keinerlei Mög 
lichkeit, den anfänglichen Zusammenhang herzustellen. 

3) Es 34, 1—5 (Kuenen z. T. E, aber vgl. ijtQ ^- 4), wogegen V. 6-9 wolü 
Zusatz von R<i sein mögen. — Wellh. XXI, S. 553 erklärt V. 1 von ai^iyNiii an 
für Zusatz von JE und sieht die Verse überhaupt demgemäfs für einen Bericht über 
ein erstmaliges Erscheinen Moses auf dem Sinai an. Nötig ist diese Deutung 
nicht; für geradezu unmöglich vermag ich sie aber nach dem allgemeinen Ein- 
druck dieser Verse nicht zu erklären. Doch kann, auch wenn Wellh. recht hat, 
nur QiJüNi^ und der Rest von -i»i\s an redaktioneller Zusatz sein. In diesem 
Fall läge hier der auf Kap. 19 folgende Anfang der Sinaigeschichte des J vor, 
auf den dann die Mitteilung des Dekalog selbst (an Mose, nicht das Volk^ folgte. 
Der weitere Verlauf ist derselbe wie oben ausgeführt. 

4) Aus Kap. 18, das hierher gehört, standen in J V. Ib und Teile von 
V. 9-11. Diese Reste weisen auf eine gröfsere, wohl derjenigen von E konforme 
Erzählung. 

5) Num. 10, 29—32. Die Einwilligung Hobabs ist von R weggelassen wegen 
Ex. 18, 27. Vgl. aber Stellen wie Rieht. 1, IG; 4, 11. 1 Sam. 15, 5f. 



1H2 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

3. Auf dem von neuem angetretenen Wüstenzuge murrt nun das 
Volk wider Mose um Brot. Jalive teilt Mose mit, er werde Brot vom 
Himmel regnen lassen, zugleich aber wolle er sehen , ob das \ olk sein, 
Gesetz halte. Sie sollen jeden Tag aufser dem Sabbat davon sammeln, 
am Tag vor diesem aber zwei Teile. Am Morgen gewahren sie leine 
Körner am Boden , dem Reife ähnlich , die sie Man nennen. Sie 
sammeln , mancher selbst mehr als er für den einzelnen Tag bedarf; 
das Übergebliebene wird unbrauchbar. So wird Israel von Jahve ge- 
speist bis zur Grenze Kena'ans ^. 

Das Mischvolk aber, welches mit Israel aus Ägypten zog, erweckt 
im Volke dem Man gegenüber das Gelüste nach Fleisch und Zukost, 
wie sie Ägypten in Menge geboten. Mose, darüber betrübt, klagt Jahve, 
weshalb er allein die Last des Volkes tragen müsse. Jahve giebt ihm 
aui den Altesten Israels, die Mose schon bisher als Alteste und Ordner 
des Volkes kennt und benutzt hat, 70 Männer an die Seite. Dem 
Volk aber verhelfst er auf den anderen Tag Fleisch bis zum Überdrufs. 
Zu den Erwählten gehört auch Josua ^. 

In Qadesh angelangt, sendet Mose Kundschafter nach Kena'an, aus 
jedem Stamm einen Mann, darunter Kaleb und Josua. Sie sollen in den 
Negeb und auf das Gebirge ziehen und sehen, wie Land und Volk be- 
schaffen sei. Sie gelangen bis Hebron, das sieben Jahre vor So an in 
Ägypten erbaut ist (also schon bestand). Dort herrschen die Riesen- 
kinder Ahiman, Sheshaj und Talmaj .... Sie erzählen Mose, dafs 
sie in ein Land von Milch und Honig gekommen seien, aber auch, dafs 
das Volk stark, seine Städte fest, seine Bewohner Riesen seien ^. Amaleq 
wohne im Negeb, der Kena'aniter am Meere und zoi- Seite des Jordan *. 
Das Volk, erschreckt, weint die Nacht durch ^ und hadert wider Jahve 
und Mose. Kaleb und Josua reden ihm Mut zu. Jahve aber verhängt 



1) Ex. la gehört wegen des Sabbatgesetzes und wegen V. 9f. 23. 33 f. (Ewald, 
Dillm.) erst hierher. In J standen ... V. 4f. 14—16. 18b— 21. 27-30 (? Wellh. 
D"^). 35b. — Anders Jülicher, der keinen zweiten zusammenhängenden Bericht 
neben P in Ex. 16 findet. 

2) Nu. 11, 4— G. 10-29 mit Dillm. Doch müssen die VV. (vgl. z. B. die 
Zahl 600000) überarbeitet sein. Ganz anders Kuenen Ond.'-, S. 155. 244 mit Zu- 
hilfenahme von E2. — 24 — 29 könnte auch von R<i sein. 

3) Nu. 13, 17b— 19. 22. 27 (gegen Meyer, ZAW. I, S. 139; V. 26b;i sind 
parallel, daher nicht aus derselben Quelle, vgl. auch den Wechsel des Numerus). 
28 f. — Kuenen Ond.^, S. 151 will gav keinen Bericht von J anerkennen. 

4) S. über den Vers Meyer, S. 124; dagegen Dillm., der schon V. 29 E zu- 
weist. Die Entscheidung kann zweifelhaft sein. 

5) Num. 14, Ib (s. Dillm., NuDtJos., S. 74 f.). 3 f. 8 f. 30—33. 



1. Die Traditiou. i; 2U. Die Erzähluog von J. 183 

ein Strai'urteil über das \'olk : aufser Kaleb und Josua soll niemand 
vom Volk in das verheifsene Land kommen. Reumütig will das Volk 
nun doch hinaufziehen, wird aber von dem dort wohnenden Kena aniter 
und Amaleqiter [bis Horma?] zurückgeschlagen ^ 

Gleichzeitig zieht der Kena'aniterkönig von 'Arad gegen Israel und 
nimmt einen Teil des Volkes gefangen. Israel thut das Gelübde : wenn 
Jahve ihm Sieg gebe, sollen die kena'^anitischen Städte gebanntj,werden ^. 
Später, als Jahve den Kena' aniter in Israels Hand gegeben hat, nennt 
Israel den Namen jenes Ortes ^ Horma * . . . . Lange Jahre wohnt 
das Volk in Qadesh, wo auch Äürjam stirbt ^ . . . 

Der in E erzählte Kampf mit dem Emoriter ist hier nicht er- 
wähnt. Unbestimmte, aber immerhin längere Zeit nach jenen Ereig- 
nissen steht Israel endlich an der Südostgrenze Kena ans, bereit, gegen 
das Land vorzudringen. Um dasselbe zu erreichen, mufs Israel mit 
Moab zusammentreflen. Der König von Moab Balaq fürchtet füi- seinen 
Besitzstand. Gemeinsam mit dem in jeuer Gegend ansässigen Zweig 
der Midjaniter ^ sendet Balaq ins Land der 'Ammoniter "^ zu dem Zau- 
berer Biram. Dieser stellt zwar sofort in Aussicht, dafs er auch um 
alle Schätze Balaqs Israel nicht verfluchen könne, wenn Jahve es nicht 
zulasse, geht aber doch mit. Unterwegs wird ihm auf wunderbare 
Weise durch das Reden seines Tieres kund, dafs Gott über seine Reise 
zürnt. Doch soll er nun mit den Männern weiterziehen, aber nichts 
reden , als was Gott ihm sagt ^. Balaq empfängt ihn und führt ihn 
nach der Gassenstadt (Qerijjot = 'Ar Moab?). Aber statt des Fluchs 
mufs Bil'am Segen über Israel verkünden ^. J und E haben je min- 



1) Über Spureu vou J in Xum. 14, 19—45 s. Dillm., NuDtJo., S. 80. Die 
Lesart ijy^^ darf nicht mit Meyer, ZAAV. I, S. 133 einfach verworfen werden; sie 
ist ein Rest von J. nD"in ^'^"^ "iHD passen nicht zu J. 

2) Nuni. "21, 1. 2. Die Verse verstehen sich am besten als direkte Fort- 
setzung von 14, 39 ff. Beide schlieisen sich nicht aus (Meyer). — Dillm. , S. 88 
findet zwischen beiden Erzählungen noch lieste einer aus J stammenden Qorah- 
geschichte. 

3) Der Ort der Schlacht ist nicht 'Arad selbst , sondern , wie Rieht. 1 , 17 
zeigt, Sex)hat. 

4) V. 3 ist vorgreifende Notiz, vgl. Jud. 1, 17. 

5) Num. 20, la^b (^Yellh. XXI, S. 577). 

6) Was freilich Schwierigkeiten bietet, daher vielleicht doch mit Wellhausen 
XXI, S. 579 an eine Interpolation aus P zu denken ist. S. dagegen Dillmann, 
S. 141. 

7) So nach der Lesart i^qt' ij^ Dillm., S. 142. 

8) Xum. 22, 3a. 4 (s. aber oben Note <>). 5a^. 7a. 18. 21a. 22 — 35a. 

9) Num. 24, 2—19. 25; vgl. 22, 18 = J. V. 20—24 ist späterer Zusatz, die 
drei letzten Worte von V. 10 Zusatz von Rd. 



184 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose uud der Wustenzug. 

destens zwei Sprüche Birams. Die jetzige Zusammenstellung der vier 
Spriiche nacheinander ist das Werk der Redaktion. 

Auf einen Kampf scheint Balaq es nach den Eröffnungen Birams 
nicht ankommen zu lassen. So dringt Israel ungehindert bis Shittim 
vor und wohnt dort. Hier läfst sich das Volk zu buhlerischem Um- 
gang mit den moabitischen Frauen und zur Teilnahme an ihren Götzen- 
festen verleiten. Zur Strafe werden die beteiligten Volkshäupter aus 
der Gemeinde ausgetilgt '. 

Mit Berufung auf ihren Viehbesitz wünschen die beiden Stämme 
Gad und Rüben hier im Osten zu bleiben. Mose findet in diesem 
Verlangen einen Mangel an Gemeingeist. Erst auf die Zusage, dafs sie 
den anderen Stänmien Waffenhilfe zur Eroberung des Westens leisten 
werden, erklärt Mose sich mit ihrem Wunsche einig ^. 

Hier ^ tritt nun das Deutei'onomium störend in den Zusammenhang- 
aller drei Hauptquellen ein. Der Faden derselben kann erst am Ende 
jenes Buches wieder angesetzt werden. Unsere Quelle schliefst die 
Geschichte Moses am kürzesten ab. Möglicherweise ist die Ankündigung 
seines Todes, die jedenfalls vorhanden war, uns noch in ihr erhalten *. 
Dann aber eilt sie zu Moses Tode. Er stirbt auf dem Gipfel der Pisga, 
nachdem ihm Jahve das ganze Land Gif ad bis Dan gezeigt hat ^. 



§ 21. 
Die Erzählung von E. 
1. Nachdem Josef und jenes ganze Geschlecht gestorben, kommt 
ein neuer König in Ägypten auf, der Josef nicht kannte. Ihm werden 
die Söhne Israels zu zahlreich. Er fürchtet, sie könnten sich zu Ägyp- 
tens Feinden schlagen. Daher werden die Söhne Israels beim Bau 



n Num. 25, 1. 2. 4. 

2) Zu J gehörten jedenfalls Bestandteile von Num. 32, doch sind sie schwer 
auszuscheiden, da das Kapitel stark überarbeitet ist. Man wird mit Dillmann 
jedenfalls den Kern des Berichts in Ib. 2a. 3. 5—13. 23. 25—27 hierher rechnen 
dürfen. S. dazu Kuenen Ond.^ S. 248. 

3) Einige Verse will Dillmann im B. Numeri noch für J festhalten, nämlich 
Num. 33, 52. 55 f. 

4) Dillmann findet sie in Deut. 31, 16—22: immerhin müfste sie überarbeitet 
sein. 

5) Deut. 34, laßh. 5 (Dillm. V. 4, der aber wohl zu Rd gehört). 



I. Die Tradition, ij -1. Die Erzählung vou E. 185 

der Städte l^itom und Ka'amses durcli Frondienst gedrückt ^ Dazu 
erteilt der Pharao den hebräischen AVehmüttern Sliit'ra und Pu a den 
Befehl, alle hebräischen Knaben in der Greburt zu töten ^. Ein Ehe- 
paar aus dem Stamme Levi hält daher sein neugebornes Knäblein 
zuerst verborgen und setzt es dann im Nil aus, wo es von des Pharao 
Tochter entdeckt und gei'ettet wird. Die Königstochter erzieht den 
Knaben und nennt ihn Mosheh als den von ihr aus dem Wasser Ge- 
zogenen ^. Zum Mann geworden muls Mose eines Frevels halber, der 
vor Pharao gekommen ist, fliehen, gelangt nach Midjan und wird hier 
der Eidam des Priesters Jitro *. 

Eines Tages, als er dessen Schafe weidend an den uralten Gottes- 
berg Horeb gelangt ist, erscheint ihm Gott in einem feurigen Busche. 
Er offenbart sich ihm als der Gott der Väter und heifst Mose zum 
Pharao gehen, damit er Israels Entlassung aus Ägypten fordere. Auch 
in dieser Quelle sucht Mose Gottes Auftrag sich zu entziehen. Gott 
verhelfst ihm seinen Beistand und nennt ihm als Zeichen seiner gött- 
lichen Sendung die Thatsache, dafs das Volk nach seiner Befreiung- 
Gott an diesem Berge dienen werde. Als weiteres Mittel seiner Be- 
glaubigung bei den Söhnen Israel nennt er ihm seinen Namen Jahve. 
Er befiehlt ihm in Ägypten die Altesten Israels zu versanmieln und 
mit ihnen zum Pharao zu gehen , um Israels Entlassung zu fordern ^. 
Dazu soll er den Gottesstab zur Hand nehmen, um mit ihm in Gottes 
Namen Wunder zu thun. So geht denn Mose zu seinem Schwieger- 
vater Jitro (Jeter) zurück und kündigt ihm seinen Weggang nach 
Ägypten an. Jitro läfst ihn in Frieden ziehen *'. 

Nach Ägypten zurückgekehrt geht Mose in Begleitung der Älte- 
sten Israels '^ zum König mit der Forderung , Pharao solle Israel zu 



1) Ex. 1, 6 (geg. Kuen. Wellh.). 8—12. 

2) Ex. 1, 15— 20a. 21; nach Kueneu auch 20b, nach Dillm. auch 22. 

3) Ex. 2, 1— 6 a. 7—10. 

4) Aus Kap. 2 gehört hierher wohl nur noch V. 15, der aber eine Erzählung, 
wie sie in V. 11 — 14 cuthalten ist, voraussetzt. 

5) Ex. 3, 1 — 3 (der Hauptsache nach). 4b— (I. 9— 16a und von V. 18 min- 
destens die ersten Worte nach dem Atnach. 

6) Ex. 4, 17 (welcher Vers ursprünglich den Schlufs einer Erzählung des E 
über die Mose gegebenen Zeichen bildete). 18 (Vatke geg. Wellh.). 20b— 23. Weib 
und Kind läfst er bei E (vgl. 18, 2a) vorläufig in Midjan. 

7) Ex. 5, la. Der Text von E hatte hier und V. 20 statt pnN die Worte 
{i ijp] nach 3, 16a. 18. Hier ist die Änderung Werk des R, hervorgerufen durch 
die Nennung Aarons in J und P. Vgl. Wellh. XXI, S. 542. Dillm., ExLev., 
S. 48. Vatke, Einl., S. 173. 



IMO Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose uud der Wüstenzug. 

einer Festfeier in die Wüste entlassen. Pharao schlägt die Bitte ab 
lind verschärft Israels Lasten. Stroh zum Ziegelstreichen, das bisher 
geliefert Avurde, soll ihnen jetzt entzogen werden. Das Volk klagt Mose 
an, dieser wendet sich an Jahve, welcher Hilfe verheilst '. 

Damit ist auch für diesen Verfasser der Übergang zu den Plagen 
gewonnen. Aon der Erzählung über diese selbst sind uns nur noch 
Bruchstücke erhalten. Aber sie genügen, um eine Darstellung des Her- 
gangs deutlich zumachen. Mose kommt (mit den Altesten) zum Pharao 
und kündigt an, er werde mit seinem Stab den Nil in Blut verwan- 
deln, dafs die Fische sterben und das Wasser unbrauchbar werde. 
Pharao bleibt hart, Mose führt die Drohung aus ^. . . . Erst bei der 
Hagelplage setzt unsere Quelle Avieder ein und berichtet, wie Mose 
abermals auf Jahves Befehl seinen Stab ausstreckt, diesmal gegen den 
Himmel, dafs er Gewitter und Hagel entsendet ; nur Gosen bleibt ver- 
schont ^. Ebenso ist ims noch ein kurzer Bericht dieses Verfassers 
über die Heuschreckenplage erhalten, woran der Redaktor eine unserer 
Quelle eigentümliche Mitteilung über die Verhängung dreitägiger Fin- 
sternis über Ägypten reiht. Pharao ist nun bereit, Israel, jedoch ohne 
seinen Viehbesitz, ziehen zu lassen. Mose, der hierauf nicht eingeht, 
erhält vom König den Befehl, ihm nicht mehr unter die Augen zu 
treten. Er geht mit den \A^orten : ich werde dein Angesicht nicht mehr 
sehen, aber deine Knechte werden zu ni i r kommen *. 

. . . Ein Bericht des E über das darauf folgende Sterben der Erst- 
geburt in Ägypten fehlt uns, ist aber im Zusammenhang vorausgesetzt. 
Durch diese Heimsuchung bewogen, läfst Pharao mitten in der Nacht 
(indem er seine Knechte zu Mose sendet) Israel sagen, es möge eilends 
das Land verlassen. So zieht Israel aus (von RaSusesV) nach Sukkot, 
. . . Mann Fufsvolk ohne die Weiber und Kinder. Dazu zieht zahl- 
reiches Mischvolk mit aus Ägypten ''. Auf dem nächsten Wege über 
das Philisterland führt Gott Israel nicht, weil es diesem streitbaren 
Volke gegenüber noch zu wenig kriegsgeübt ist. Vielmehr heilst Gott 



1) Ex. 5, o. 5 — G, 1. lu V. 2U stand ursprünglich (s. o.) : die Altesten. 

2) Ex. 7, 17 f. (Jülicher) 2Üa^b. 21a (geg. Dillm.). 24 (?). 

3) Ex. y, 22. 23a. 2-t— 26 (Wellh. XXI, S. 535). 31 f. 35a. 

4) Ex. 10, 12. 13a«. 14a«. 21—27. 28f. (Jül. 98 geg. Wellh. Dillm.); 11, 8 
(dieser Vers, zu E gehörig, schliefst sich unmittelbar hier an, geg. Wellh., Dillm., 
Jül.). 

5) 12, 30 a« uud vielleicht einiges in V. 32 und 35. V. 37 f. ganz (wohl 
mit Ausnahme der Zitier (iOOOOO uud des Namens Ra'mses, die aus P eingetragen 
sein mögen). 



I. Die Tradition. [§ 21. Die Erzäluug vou E. \H7 

sie gegen das Schill'meer liinziehen. Josefs Gebeine nehmen sie mit 
sich ^ 

Pharao aber verfolgt sie mit allen seinen Wagen, darunter 600 
erlesene. Gott beüehlt Mose: erhebe deinen Stab, recke deine Hand 
über das Meer und spalte es, dals die Kinder Israel trocken dui'chs 
Meer ziehen können. Sodann rückt der Engel Gottes von der Spitze 
des Heeres an dessen Rücken und die Israeliten ziehen unter seinem 
Schutze trockenen Fufses durch ^. . . . 

Drüben angelangt ergreift Mirjam die Profetin, Aarons Schwester, 
die Handpauke, die Weiber Israels folgen ihr nach zum Keigeutanz. 
Sie stimmt den Jubelgesang an: 

Singet Jahve, denn hoch hat er sich verherrlicht, 
Kofs und Keiter warf er ins Meer ^. 

Aaroias Name begegnet uns hier zum erstenmal in dieser Quelle. 
Das Lied mag wohl schon in dieser Form mehr enthalten haben, als 
jene zwei Strofen, wird aber von E nicht vollständig mitgeteilt, weil 
ihm (in einer zweiten Quelle) noch eine andere, ausführlichere Gestalt 
des Triumfgesanges bekannt ist. Er teilt diese ebenfalls, Mose in den 
Mund gelegt, mit ^. Jenes ältere, wohl aus der Mosezeit selbst her- 
rührende Lied ist hier für den Gebrauch des Volkes in Kena'an zu 
einem kunstvoller gegliederten Psalm umgearbeitet. Es ist wohl Be- 
standteil eines alten Liederbuches ^. 

Vom Schilfmeer zieht das Volk nach der AVüste Shür und gelangt 
nach Mara. Das bittere Wasser wird durch einen von Mose in den 
Quell gelegten Baumzweig suis gemacht. Mose aber giebt hier dem 
Volke „Gesetz und Recht", d. h. er schlichtet seine Streitfälle •*. Auf 
der weiteren Reise — der Ort ist in E nicht mehr klar — hadert das 
Volk abermals mit Mose um Wasser. Jahve befiehlt Mose, er solle 



1) Ex. 13, 17—19. Kueueu schliefst hieran auch V. 21 f., schwerlieh mit 
Kecht. 

2) Ex. 14, 7. iUy. 16. 19a. 22a. Hier bricht E ab. 

3) Ex. 15, 20 f. Die Zugehörigkeit zu E kann schon wegen pKi^J ^^^^ wegen 
Num. 12, 1 if. nicht bezweifelt werden. Dafs der Name Mirjam in 2 , 1 ti'. fehlt 
(Jül., S. 124) beweist nicht dagegen. Auch Moses Name wird dort nicht genannt. 

4) Ex. 15, 1 — 18, wozu auch V. 19 gehört. 

5) Vgl. DiUm., ExLev., S. 154. 160. Über V. 17 vgl. Wellh. , Prol.'-, S. 23 
Anm., aber auch S. 374 Anm. und Kuen. Ond.'^, S. 233. — Sehr wohl möglich ist 
übrigens auch, dafs das Lied von J aus seinen Quellen mitgeteilt ist. 

6) Ex. 15, 22—25 (Dilhn., Kuen. E geg. Jül.). Der folgende Vers, welcher 
Moses Richterthätigkeit als Gesetzgebung fafst, ist Zusatz vou 11^. 



188 Firstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wiistenzug. 

mit einigen der Altesten Israels auf den Berg gehen und mit seinem 
Stab den Fels schlagen, so werde Wasser aus ihm kommen V 

Der Beduinenstaram der 'Amaleqiter greift Israel an. Bei Rehdim 
kommt es zur Schlacht. Josua kämpft mit der auserlesenen Mann- 
schaft Israels , Avährend Mose von Aaron und Hur unterstützt seinen 
Gottesstab hochhält, wodurch Israel der Sieg wird '■^. 

2. Die Amaleqiterschlacht ist ohne Zweifel nahe dem sinaitischen 
Gottesberge gedacht ^. Um den Besitz der Oasen am Sinai mag es 
sich im Kampfe gehandelt haben. Mose hatte ja im Sinne, hier mit 
dem Volke eine längere Zeit zu verweilen. vSo kann Israel nun un- 
gehindert am altheiligen Gottesberge sein Lager beziehen. Hier sollen 
sich grofse, für das Volk ewig denkwürdige Dinge vollziehen. Mose 
steigt zu Gott auf den Berg. Es wird ihm der Befehl, das Volk solle 
auf den dritten Tag sich bereit halten. In der That künden an dem- 
selben Donner und Blitz die Herabkunft Gottes auf den Berg an. 
Mose führt das Volk aus dem Lager Gott entgegen an den Fufs des 
Berges ^. 

Vom Berg aus redet Gott zum Volk die zehn Worte. 

Das Volk, erschrocken durch die Gottes Stimme begleitenden Don- 
ner, bittet, Mose möge allein mit Gott reden und dann ihm Gottes 
Willen verkünden. So redet Gott zu Mose und offenbart ihm die 
weiteren dem Volke geltenden Gesetze und Rechte ^. Sie bieten eine 
etwas bunte Zusammenstellung von Vorschriften zivil- und kriminal- 
rechtlicher Art für das bürgerliche Leben Israels, damit verbunden 
sodann kurze Verordnungen über die Opfer und Festfeiern. Dieses 
sogen. Bundesbuch E abzusprechen, wie nach dem Vorgang Stähelins 
WeUhausen thut, ist kein genügender Grund vorhanden ^\ 



1) Ex. 17, 3 — (), aber iu V. 5f. mit Teilen von J gemischt. Aus der Er- 
wähnung des Stabes und der Ältesten geht die Zugehörigkeit des Hauptberichtes 
zu E hervor, geg. Vatke. Für ZHH^ V. 6, das Jül. und Va. als Glosse ansehen, 
lies -|pi3. — Kaji. 16 gehört hinter Num. 10. 

2) Ex. 17, 8 — IG nach eigener, ohne Zweifel alter, Quelle (V. 14) wohl von E 
mitgeteilt. 

3) Der Besuch Jitros Kap 18 gehört wie Kap. 16 an eine spätere Stelle, 
.schon wegen V. 16. 20. 

4) Ex. 19, 2 b. 3 a. 10. 13—17. 19. 

5) Ex. 20, 1 — 10. 12 — 17, aber mit manchen späteren Zusätzen von R^, be- 
besonders in der 1. Hälfte. V. 18 — 26 (die Versetzung von V. 18 f. vor V. 1 
|Jül., Kue.] ist nicht nötig;. Kap. 21. 22. 23, 1--7. 20—22. 

6;^ Wellh. XXI, S. 556 fF. Nach ihm sollen Kap. 21-23 (zu.sammen mit 19, 
20—25; 20, 23 — 26: 24, 3—8) J zugehören. Allein schon dafs ihn rein sachliche 
Erwägungen, zum Teil höchst gesuchter Art, leiten, mufs befremden. Der Sprach- 



I. Die Tradition, t; "21. Die Erzählung von E. 18J) 

Nach Einpl'ang des Gottesgesetzes kehrt Mose zurück und thcilt 
dem Volke mit, was Gott geredet. Dieses verspricht, alle Gebote Got- 
tes zu halten. Mose schreibt sie auf; er baut sodann am Fufse des 
Berges einen Altar und liilst die Jünglinge Israels ein Bundesopter 
bringen. Das vorher geschriebene Buch des Bundes liest er sodann 
dem Volke vor und verpflichtet dasselbe feierlich auf das Bundesgesetz ^. 
Daiauf ruft Gott Mose noch einmal avif den Berg, ihm die zwei Stein- 
tafeln mit den darauf geschriebenen Geboten einzuhändigen. Mose steigt 
mit .seinem Diener Josua wieder hinauf Das Volk - läl'st er unter 
Aarons und Hürs Leitung zurück. Vierzig Tage imd Nächte bleibt 
j\Iose dort und empiängt die steinernen Tafeln ^ , beschrieben mit Got- 
tes Finger ^. 

Während der Rückkehr hört Josua im Lager grofses Getümmel 
und glaubt, es sei Kriegslärm. Mose, der genauer hört, erklärt, was 
sie vernehmen sei nicht Schlachtruf, sondern Wechselgesang. Dem 
Lager nahegekommen sieht Mose das unter Aaron und Hur zurück- 
gelassene Volk im Tanz um ein goldenes Kalb und in wilder Zügel- 
losigkeit. Entrüstet zerschmettert er die Steintafeln, zerreibt das Bild 
zu Staub und mischt ihn in die Quelle, aus der das Volk trinken mufs. 
Mit Hilfe der Leviten, die sich zu ihm vmd Jahve schlagen, und ein 
Blutbad unter dem Volke anrichten, schafft er Ordnimg. Dem Stamm 
Levi wird daher das Priestertum Jahves übertragen ^. Als Strafe des 
Abfalls erhält das Volk den Befehl, nun vom Horeb aufzubrechen. Sie 
können wegen ihrer Versündigung nicht mehr am Wohnort Gottes 
bleiben. Ein Engel aber soll sie geleiten ■'. Ihren Schmuck, den sie 



gebrauch spricht entschieden für E. vgl. C">n^N) ~f.3N "• '^- f^egeu Wellh. s. 
Dillm., ExLev., S. 2l9f. : Jül., S. 305 ff.; Kueuen Ond.^, S. U9f.; Vatke, Ein!., 
S. 340 f. 

1) Ex. 24, 3—8. Gegen Wellhausens Folgerung (XXI, S. 55G) das Volk ver- 
pflichte sich nur auf das von Mose Kiindgegebene, spricht deutlich genug der 
Wortlaut: .,alle Worte, die Jahve geredet, wollen wir thun" V. 3. 7. 

2) So ist V. 14 statt „die Ältesten" zu lesen. Die jetzige Lesart stammt aus 
R zur Ausgleichung von V. 14 mit 2 und 10. 

3) Vgl. die Ausscheidung der 10 Worte bei Vatke, S. 338. Der Inhalt der 
zwei Tafeln mag etwa so gedacht werden, wie Vatke angiebt. Die Quelle von E 
(und ,1) selbst hatte aber wohl schon etwas mehr Text. 

4) Ex. 24, 12-14. 18 b; 31, 18 b. 

5) Ex. 32, 15—20 (Kuen., Dillm. nur bis IDafc; allein es ist doch fraglich, ob 
der Rest von V. 19 und 20 vom Vorhergehenden getrennt werden dürfen. Die 
Erwähnung der Tafeln V. 15 f. hat nur den Zweck, auf ihr nachheriges Schicksal 
zu weisen). 25 — 29. 

i'i) Ex. 33, 1 — 3 a, aber mit Zusätzen von Rd. 



190 Ei-stes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

von Horeb her ^ noch an sich haben, legen sie ab. Mose ei'richtet 
daraus die Stiftshtitte (und wohl auch die Lade ''') und stellt sie aufser- 
halb des Lagers auf. Josua, Moses Diener, ist die Hut des Zeltes 
anvertraut -^ 

Die Lagerplätze am Horeb sind die Glegend, in welcher Mose ein- 
stens schon als Hirte Jitros geweilt hatte. Von hier gegen Süd und 
Ost, dem Meerbusen zu, zelten die Angehörigen seines Weibes. Dieses 
selbst samt den Kindern hat Mose nach unserem Verfasser hier in der 
Heimat zurückgelassen. So eilt denn Jitro , auf die Kunde von dem, 
was in Ägypten und am Horeb geschehen, herzu, Mose aufzusuchen 
und ihm Sippora mit den Kindern zuzuführen ^. Mose berichtet ihm 
des nähern, was Jahve an Israel gethan, und Jitro preist Israels Gott 
als den höchsten unter allen Göttern und bringt ihm Opfer dar. Aaron 
und die Ältesten Israels nehmen am Mahle teil. Tags darauf sieht 
Jitro zu, wie Mose allein und ohne Gehilfen dem Volke Recht spricht. 
Er giebt ihm den Rat, Mose möge zwar auch in Zukunft den Verkehr 
des Volkes mit Gott selbst vermitteln und so dem Volke Gottes Satzungen 
und Weisungen offenbaren : aber daneben solle er zu seiner Hilfe taug- 
liche Männer aus dem Volke zu Obersten über 1000, 100, 50 und 10 
bestimmen und ihnen die leichteren Rechtsfälle zur Entscheidung über- 
lassen. Nachdem so Mose auf Jitros Rat das Gerichtswesen seines 
Volkes „für alle Zeit" (V. 26) neu geregelt hat, bricht Israel, dem 
göttlichen Befehl folgend, vom Gottesberge auf und zieht drei Tage- 
reisen weiter. Die Bundeslade zieht voran ^ und weist die Lagerstätten 
an. Wenn sie sich erhebt, ruft Mose: Stehe auf Jahve, dafs deine 
Feinde sich zerstreuen . . ., wenn sie ruht: Kehre wieder Jahve zu den 
Myriaden der Tausende Israels! ^ Die beiden Worte sind ohne Zweifel 
alte , in der Überlieferung der Heldenzeit feststehende Sprüche ', mög- 
licherweise in der späteren Zeit bei Zügen mit der Lade noch in Ge- 
brauch stehend. 



1) Über die Erklärung von 3.3, 6 s. Dillm., ExLev., S. 345. 

2) Diese Notiz ist zwischen V. 6 und 7 zu ergänzen. Wellh. XXI, S. f^(i2f. •, 
DiUm., ExLev., S. H45. 

3) Ex. 33, 5—11. 

4) Hierher gehört wohl der von R schon vor die Sinaibegebenheiten gelegte 
Bericht Ex. 18, 1 a. 2 a (,2 b ist harmonistischer P^insatzn 3—27, doch in V. 8— 10 
mit kleinen Teilen aus J vermengt. 

5) Die Worte „drei Tagereisen weit" sind wohl Glosse, Wellh., Kuen. Ond "^ 
S. ;322. 

6) Num. 10, 33—36. 

1) Ewald, Gesch. Isr.» II, S. 31. Delitzsch in ZkWL. 1882, S. 2:35. Dillm., 
NuDt.To., S. 53. 



I. Die Tradition. § 21. Die Erzählung von K. l»t 

Auf dem Zuge bricht, als Strafe für unwillige Klagen des Volkes, 
am Ende des Lagers Feuer aus, das erst durch Moses Fürbitte ge- 
hemmt wird. Der Ort heifst daher Tab'erä ^ Auch die wunderbare 
Speisung mit Man, die in unserer Quelle so gut wie in J genauer be- 
schrieben war, genügt dem Volke bald nicht mehr. Es verlangt nach 
Fleisch. Jahve zürnt und treibt durch einen Wind Wachteln in grofser 
Zahl vom Meere her. Aber noch sind die Wachteln dem Volke unter 
den Zähnen, da trifft es eine grofse Plage. Der Ort heilst Q.ibrot ha- 
Taawä *. 

Um einer Kuschitin willen, die Mose neben Sippora, oder wohl 
eher nach ihrem Tode geehelicht hat, erheben sich Mirjam und Aaron 
wider Mose ^. Weil Gott auch mit ihnen, nicht allein mit Mose geredet 
hat, heischen sie die gleiche profetische Geltung wie er. Alle drei 
müssen sich beim Stiftszelt vor dem Lager versammeln. Mirjam wii-d 
aussätzig, aber auf Moses Gebet wieder geheilt ^. 

An der Südostgrenze Kena'ans angelangt sendet Mose von Qadesh 
aus zwölf Kundschafter nach dem verheilsenen Land, darunter Kaleb. 
Josua bleibt bei Mose zurück. Sie sollen das Land erforschen und 
von seinen Früchten mitbringen. Die Kundschafter gelangen bis zum 
Traubenbach unweit Hebron, von wo sie eine Traube und andere 
Früchte mitnehmen. Die Früchte des Landes zeigen sie den Ihrigen. . . . 
Das mutlos gewordene Volk beschwichtigt Kaleb, während seine Ge- 
nossen ängstlich vom Hinaufziehen abraten, denn dort wohnen Riesen ^. 
Das Volk läfst sich bereden, und so folgt die Strafe Jahves ''.... Reu- 
mütig will Israel nun doch gegen Kena'an vordringen und, als Mose 
abredet, es auf eigene Faust versuchen. Aber der Emoriter, der auf 
dem Gebirge wohnt, kommt herab und schlägt Israel zurück bis 
Horma ^ 

Über die lange Zeit des nun wieder beginnenden Wüstenaufent- 



1) Num. 11, 1—3 (Kuen., DiUm. E). 

2) Ein Rest davon ist Num. 11, 7 — '.t. Die Fortsetzung sind die Worte 
"iND "'"' i^N inil i" V. 10 (vgl. V. 1. 33, auch Wellh. XXI, S. 569 1 und sodann 
V. 30-34. 

3) Über V. Ib siehe geg. Wellh., S. 069: Dillm., S. 64. 

4) Num. 12, 1 — 15. Kuenen Ond.^ S. 244 schreibt das Kap., wohl bes. wegen 
V. 1 E-^ zu. 

5) Num. 13, 20. 23 f. 26 b^. 30 f. 32c. 33. V. 30f. mit Dillm. gegen Meyer 
:= E, weil sonst durch 14, 8 f. eine Wiederholung entstünde. 

6) Der Bericht hierüber ist durch J verdrängt. 

7") Num. 14, 39—45. Der Hauptbericht ist aus E (Meyer in ZAW. I, S. 1531. 
Die im Text gegebene Korrektur ■»iDjs'n aus Deut. 1, 44 drückt in V. 43. 45 die 
ursprüngliche Lesart von Y^ aus. 



193 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der AVüsteuzug. 

haltes schweigt unsere Quelle fast ganz. Nur zwei Ereignisse werden 
in sie verlegt, der Aufstand des Datan und Abiram und die Versün- 
digung Moses. Jene zwei Rubeniten erheben sich wider Moses (und 
Aaruns?) Führerschaft. Als Angehöi'ige des ersten Stammes fordern 
sie gleiches Recht mit dem Levistamme. Mose kündigt ein Gottes- 
gericht an, die Empörer werden von der Erde verschlungen ^. Ist 
diesem Ereignis keine Ortsangabe beigefügt, so führen die daran an- 
gereihten Vorgänge am Haderwasser deutlich auf die Gegend von 
Qadesh, wo demnach Israel auch nach dieser Quelle ^ sich längere oder 
lange Zeit aufgehalten hat. Der Hergang selbst ist im heutigen Text 
nicht mehr klar zu ermitteln. Was sich sicher ergiebt, ist nur, dafs 
ein Murren des Volkes um Wasser Mose und Aaron Anlafs zur Ver- 
sündigung giebt ^. 

3. Nach Verflufs der Wartezeit sendet Mose von Qadesh aiis Boten 
an den König von Edom mit der Bitte um freien Durchzug durch sein 
Gebiet. Edom verweigert denselben, und so ist Israel genötigt, im 
weiteii Bogen sein Land zu umziehen. Unterwegs wird das Volk aus 
]\Iangel an Speise und Wasser mutlos. Gott straft es durch feurige 
Schlangen. Durch eine von Mose aufgerichtete eherne Schlange werden 
die Gebissenen geheilt: die heidnische Schlangenverehrung wird in den 
Dienst des lebendigen Gottes gestellt •*. 

Aus einem alten Stationenverzeichnis, das auch im Deuteronomium 
wieder benützt wird, werden nun einige der Lagerorte Israels, nach- 
dem es Edom umgangen hat, aufgeführt : das Bachthal des oberen Zered 
und das südliche Ufer des (oberen) Arnon •^. Israel steht infolge dessen 
jetzt an der südösthchen Grenze des Emoritergebiets gegen Moab hin. 
Hierzu citiert unser Verfasser ein altes Liederbuch aus der Zeit der 
Heklenkämpfe, „das Buch der Kriege Jahves'-, welches über den jetzt 
eingeleiteten Zug gegen die Emoriter sang: 



1) Num. IG, Ib. 2a«. 12—14. 15 b. 25f. 27 b— 31 (34?). Der Hauptberieht 
scheint aus E (Kuen.). Dillmanu will daneben Spuren eines solchen aus J 
finden. 

2) Auch wenn 20, la/Sb, wie wir annahmen, zu J gehört. Vgl. Deut. 1, 46. 
Ki. 11, 17, welche Stellen wohl auf E zurückgehen. 

3) Num. 20, 3—5. 7 — 11. 13. Doch kann bei den vielen Anklängen an P die 
Zugehöi'igkeit zu E immerhin zweifelhaft erscheinen. 

4) Num. 20, 1.4—21 (Mey., Kuen., Dillm. geg. Wellh.); 21, 4a^b. 5—9. 
Vgl. dazu Baudissin, Studien I, S. 289. Reufs, Gesch. d. AT., S. 166. Dillm., 
NuDtJo , S. 120. 

5) Num. 21, 12f. Vgl. Deut. K», 6 f. [Mey., S. 119. Dillm., S. 121). 



I. Die Tradition. § 21. Die Erzählung von E. 193 

Das Wäheb in Sflfä [durchzogen wir] nnd die Bachthäler des Arnon, 
Anch den Abhang der Thäler, welcher sidi bis zur Stätte von 'Ar erstreckt 
und sich lehnt, an die Grenze von Moab '. 

Nördlich vom Arnon zieht Israel am Rande der Wüste hin weiter 
nach Be'er, einer Brunnenstation, die noch später im Volke mit den 
altertümlichen Strofen besungen wird: 

Steig auf Brunnen! Singt ihm zu! 
Dem Brunnen, den Fürsten gruben — den die Edeln des Volkes bohrten, 
Mit dem Scepter, mit ihren Stäben ^. 

Das alte, oben schon zum Worte gekommene Stationenverzeichnis 
wird hier von E vorgreifend noch weiter benützt. Von der Wüste 
(an deren Rand der Brunnen lag) ziehen sie nach Mattana, von hier 
nach dem Gottesbach; von da nach Bämot und von hier zum Thal 
im Feld Moab an der Höhe der Pisga. Pisga ist wohl der Nebo der 
Priesterschrift ; Israel steht somit jetzt dem Nordende des Toten Meeres 
und der Jordanmündung gegenüber ^. 

Zuvor aber schickt Israel vom Arnon aus * Boten an den Emoriter- 
könig Sihon mit derselben Bitte, welche früher au Edom ergangen war. 
Sihon jedoch zieht gegen Israel, bei Jahas kommt es zur Schlacht. 
Israel besiegt ihn und erobert sein Land gegen Norden vom Arnon 
bis zum Jabboq, und bis Ja'zer, das die Grenze der 'Ammoniter be- 
zeichnet, gegen Osten ^. Israel nimmt des Emoriters Städte weg und 
wohnt in (besetzt) Heshbon und ihren Tochterstädten. Dieses Heshbon, 
eine von Haus aus moabitische Stadt, war in einem kurz vorhergegan- 
genen Kriege Sibons gegen Moab von Sihon dem früheren Moabiter- 
könig abgenommen worden. Auf diese Niederlage Moabs und zugleich 
(am Anfang und Ende) den Sieg Israels über Sihon bezieht sich ein 
von E hier eingefügtes altes ^ Lied : 



1) Num. 21, Uf. 

2) Num. 21, 16 -18 a. 

3) Num. 21, 18b— 20. Vgl. über das Verhältnis dieser VV. zum Vorher- 
gehenden und Nachfolgenden Kuen. Ond.*. S. 152. 

4) Deut. 2, 2ü heifst der Ort genauer Midbar Qedemot. Die Scene greift 
hinter V. 18 b zurück 

5) S. Dillm. zu Num. 21, 24. 

(5) Über das Alter desselben vgl. gegenüber Ed. Meyer, ZAW. I, S. 128 ff. 
auch ZAW. V, S. 36 ff. (welcher das Lied auf die jüngste Vergangenheit des Ver- 
fassers, d. h die Kämpfe des Mesha" bezieht) Kuenen, Theol. Tijdschr. XVIIT, 
S. 479 ff und Ond S S. 230; Dillm., NuDtJo., S. 129 und die obige Erörterung 
auf S. 82. Über die Annahme, V. 26 sei blofser Flickvers , weil ein cmoritisches 

Kittel. G.-8ch. d-r Uobräer. 13 



194 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

Kommt [immerhin] nach Heshbon — gebaut nnd befestigt werde die Stadt 

Sihons. 
Denn Feuer ging aus von Heshbon — eine Flamme aus Sihons Burg; 
Sie frnfs die Stadt Moabs — die Herren der Höhen des Arnon. 
Weh dir Moab — zunichte bist du Volk des Kemosh! 
Er gab hin seine Söhne zu Flüchtlingen — seine Töchter zu Gefangenen dem 

Emoriteikönig Sihon .... 
Wir beschossen sie; zunichte war Heshbon bis Dibon — wir legten an bis 

Nofah, Feuer bis Medeba ^ 

Der Moabiterkönig Balaq, durch Israels Sieg über die Emoriter 
besorgt, läfst auch hier den Seher Biram, und zwar aus Petor am 
Eufrat, kommen, damit er Israels Vordringen hemme. Er weigert sich 
anfangs zu kommen, Avilligt aber, nachdem Gott ihm die Erlaubnis 
gegeben, ein. Balaq zieht ihm an die Grenze seines Gebietes nach Ir 
(Äv) Moab am Arnon entgegen. Von da geleitet er ihn in das von 
Israel besetzte Gebiet nördlich vom Arnon nach Bamot Ba^al. Statt zu 
fluchen segnet Biram Israel. Dasselbe geschieht, als Balaq, den Stand- 
ort wechselnd, ihn auf das Späherfeld führt '■^. 

Zum Kampf mit Moab kommt es nicht. Wohl aber schliefst Israel 
(in Shittim?) sich dem Dienst des in jener Gegend verehrten Ba'al 
Pe'^or an. Ein durch Mose angeordnetes Blutbad straft die Schuldigen ^. 

Das Weideland im Osten des Jordan erbitten sich die Stämme 
Gad und Kuben. Sie wollen ihre Weiber und Kinder und ihren Vieh- 
besitz hier zurücklassen, erklären sich aber zugleich bereit, ehe sie hier 
sich dauernd niederlassen, dem Volke bei der Eroberung des westlichen 
Landes Waffenhilfe zu leisten. Gad erhält zum Bau, bzw. Wiederauf- 
bau acht, Ruhen sechs Städte im südlichen Teil des Ostlandes ^. Den 
nördlichen Teil des Ostlandes, Gif ad, erobern dann später die manassi- 
tischen Geschlechter Makir und Jair. Ebenso erobert ein Geschlecht 



Reich gar nicht existierte, ebenfalls Kuen. Ond.'-, S. 230. Wie übrigens der Autor, 
falls er den Namen des früheren Königs von Moab nicht kannte und einen selbst- 
erfundenen Namen nicht einsetzen mochte, statt nu'N")n 2ND T^D '^'ch hätte ohne 
lange Umschreibung ausdrücken sollen (vgl. Meyer, ZAW. V, S. 41), ist nicht 
klar. 

1) Num. 21, 27 — 30. Die Rede geht in V. 27 von Israel an die Emoriter. 
V. 28 f. erzählen Sihons Sieg über Moab, V. 30 Israels Sieg über Sihon. V. 31 — .35 
ist wohl späterer Zusatz. 

2) Num. 22, 2. 3b. 5 — 17 (Kleinigkeiten in V. 5 und 7 ausgenommen). 19. 
21b. 35 b. 36-38. 40; 23, 1—22. 24 f. (geg. Wellh. vgl. ninSvV. 2NC ntt' V. 17 
imd ri-^p nach Ex. 3, 18: .5, 3). V. 23 und 2Gff. sind Zusatz von R<J. 

3) Num. 25, 3. 5. 

4) Aus dem jedenfalls stark überarbeiteten Kapitel Num. 32 gehören hierher 
V. 16 f. 24. 34—38 und wohl einzelne Teile aus V. Iff. 



1. Die Traditiou. § 22. Die Erzählung von P. 195 

Nobal.i das Gebiet von Qenjit \, das vielleicht in dem Ruinenort Qana- 
wat am Abhang des Haurangebirges wiedergefunden ist ^. 

Die grol'se Einschaltung, welche die Einfügung des Deuteronomiums 
verursacht, hat auch für E den Zusammenhang zerrissen. Die Fort- 
führung desselben folgt erst Deut. 31. Jahve kündigt Mose seinen Tod 
an und bestellt Josua zu seinem Nachfolger ^. Aus älterer Quelle in 
E aufgenommen folgten dann ursprünglich in E ein Lied Moses * und 
sein Segen ^. (Mose stirbt ;) es steht hinfort kein Profet mehr in Israel 
auf, der Gott Angesicht zu Angesicht gesehen hätte ^. 



§ 22. 
Der Erzählungsstoff von P. 
Die nach Ägypten gezogenen Söhne Israels mehren sich dort stark. 
Daher verbittern ihnen die Ägypter das Leben mit harter Fronarbeit ''. 
Sie seufzen und ihr Geschrei dringt vor Gott; er gedenkt seines Bun- 
des mit den Vätern *. Er teilt Mose mit, wie er den Vätern als El 
shaddaj erschienen sei, seinen Namen Jahve aber ihnen noch nicht 
geoffenbart habe ; er wolle Israel aus Ägypten führen ^. Mose hat er 
zum Gott über Pharao gesetzt, sein Bruder Aaron aber soll sein Profet 
sein. Mose soll Aaron Befehl geben, worauf dieser mit seinem Stab 
die Wunder thut. Jahve aber wird Pharaos Herz verhärten, dafs er 
die Söhne Israel nicht ziehen läfst. Mose ist zu jener Zeit 80, Aaron 
83 Jahre alt. Aaron verrichtet mit seinem Stab auf Moses Befehl das 



1) Num. 32, 39. 41 f., eine von E hier gleich eingefügte vorgreifende Mit- 
teilung, aus der dann später bei (P ? und) R die Meinung entstanden ist, als hätte 
Halbmanasse schon in mosaischer Zeit einen Teil des Ostlandes besetzt. 

2) Weiter südlich (Bäd.^, S. 313) braucht Qenät nicht gedacht zu werden. 

3) Deut. 31, 14—23 (?). Vgl. Kuen. Ond.^ S. 124. 152. 250. Er nimmt den 
Abschnitt für JE in Anspruch. Dillm. weist V. 16 — 22 J zu. 

4) Darauf weist Deut. 32, 44, welcher Vers ein Lied Moses voraussetzt. Das 
heute als Lied Moses geltende Lied Deut. 32. l — 43 kann (gegen Kuen. Ond.*, 
S. 124. 152 und Dillm. , NuDtJo. , S. 394) weder von E noch von J stammen, 
sondern ist jüngeren Datums. Rd hat dasselbe vorgefunden und an Stelle des 
älteren Moseliedes des E eingesetzt. S. auch Stade in ZAW. V, 279 ff. 

5) Deut. 33, 1—29 (V. 1 Zusatz von E). 
G) Deut. 34, 10. 

7) Ex. 1, 1—5. 7 (V. a/S wohl Zusatz des R). 13. 14 (z. T.). 

8) Ex. 2, 23aj3— 25. 

9) Ex. 6, 2-30 (Kuen. V. (j— 8. 13—30 = R). 

13* 



196 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose uud der Wüsteuzug. 

erste AVunder (Verwandlung des Stabs ia eine Schlange). Die ägyp- 
tischen Zauberer ahmen es nach ^ In derselben Weise vollzieht sich 
das zweite (Verwandlung alles Wassers in Ägypten in Blut) und dritte 
Zeichen (Frösche) ^. Beim vierten (Läuse) versagt die Kunst der Zau- 
berer und vom fünften (Pestbeulen) werden sie selbst heimgesucht '*. 

Vor der Erzählung des Auszugs wird nun von P die Verordnung 
des Passah eingelegt, worauf der Zug aus Ägypten kurz geschildert 
wird. Von Ra'^mses ziehen sie 600 000 Mann stark nach Sukkot, nach- 
dem sie 430 Jahre in Ägypten geweilt hatten *. Auch die Heiligung 
der Erstgeburt wird sofort beim Auszug schon geboten ^. 

Von Sukkot ziehen sie nach Etäm, von hier sollen sie auf Jahves 
Geheifs sich nach Pihahirot am Schilfmeer wenden. Hierher jagt Pharao 
ihnen nach. Israel schreit zum Herrn. Mose reckt seine Hand über 
das Meer, da spalten sich die Wasser . . . die Ägypter verfolgen Israel 
bis zur Mitte des Meeres . . . Mose reckt abermals seine Hand aus, 
da kehrt das Meer zurück und bedeckt die Ägypter *^. Sie gelangen 
nach Elim, wo sie zwölf Q.uellen und siebzig Palmbäume finden ''. 

Von hier gelangen sie am fünfzehnten Tag des zweiten Monats 
nach dem Auszug zur Wüste Sin zwischen Elim und dem Sinai. Die 
ganze Gemeinde murrt wider Mose und Aaron um Brot und Fleisch. 
Die Herrlichkeit des Herrn erscheint in der Wolke, und Jahve verheifst 
dem Volk auf den Abend Fleisch und auf den Morgen Brot. Das 
Volk erhält Wachteln und Man ^. In J ist, wie oben gezeigt, dieser 
Vorgang ursprünglich hinter den Sinaivorgängen erzählt gewesen ; in P 
ist er bereits an eine vorsinaitische Ortlichkeit geknüpft. 

Das nächste Lager ist Refidim ^. Was sich hier ereignet, hat R 



1) Ex. 7, 1— lo. 

2) Ex. 7, 19. 20 a«. 22 (23? s. o.); 8, 1—3. 

3) Ex. 8, llajSb — 15; 9, 8 — 12. Als Abschlufs gehört hierzu vielleicht noch 
11, 9 f., doch 8. Jül., S. 8G. 

4) Ex. 12, 1—20. 28. 37 z. T. (s. o.) 40 f. 43—51. Die Ordnung ist hier 
durch R gestört: Dillm. setzt V. 14—20 hinter 49, V. 40 f. hinter 50, die Aus- 
führung des Strafgerichts hinter V. 28; Jül. will 12, 1—14 zu P, 15-20 zu P« 
rechnen (jedoch vgl. ßinD V. 7). 

5) Ex. 13, 1. 2 (geg. Jül.). 

6) Ex. 13, 20; 14, 1—4 (Wellh. V. 3f. = E). 8. 9a,ib. lOb/^. 15. 17. 18. 
21a«b. 22 b 23. 26. 28 a. V. 29 wohl Glosse. 

7) Ex. 15, 27. 

8) Ex. 16, 1—3. 9—13. 14f. (jedenfalls zum Teil) lGb-18a. 22—26. 
31-35 a. — Wellh. V. 14f. = JE; Jül. will aufser 4f. 28-30. 32-34 (= Rd) 
alles P zuweisen; Kuenen setzt aulserdera 22 — 27 = R. 

9) Ex. 17, lab«. 



I. Die Tradition, i; 22. Die Erzählung von P. 197 

aus J und E mitgeteilt. Von hier gelangt das Volk zur Wüste Sinai 
(im dritten Monat nach dem Auszug) ^ Auch die Sinaivorgänge sind 
zunächst ganz nach den älteren Q,uellen wiedergegeben. Dals auch P 
den Dekalog einst mitteilte, kann wohl keinem Zweifel unterliegen. 
Dasselbe wird schwerlich vom Bundesbuch gesagt werden können. 
Denn die Wahrscheinlichkeit überwiegt, daf's in P an Stelle des letz- 
teren die Beschreibung der Stiftshütte und die ausführliche Priester- 
gesetzgebung getreten war. So wie der Zusammenhang unserer Quelle 
sich heute noch herstellen läfst, entsteht der Schein, als wäre nach P 
Mose am siebenten Tag nach der Ankunft am Sinai sofort ^ — ohne 
vorherige Mitteilung des Dekalog — zur Entgegennahme der Beschrei- 
bung der Stiftshütte aut den Berg gerufen worden ^. 

Ks folgt nun diese Beschreibung selbst und im Anschlufs daran 
der Bericht über die Ausführung der Stiftshütte **. Ehe Mose zur Aus- 
führung des Werkes vom Berge entlassen wird, erhält er die zwei 
Tafeln des Zeugnisses ^. Auch wäre es möglich , dafs P zwischen 
Offenbarung und Ausführung der Stiftshütte eine Notiz über das gol- 
dene Kalb eingelegt gehabt hätte; doch können die betreftenden Worte ^ 
auch Glosse sein. Es ist daher wahrscheinlicher, dafs P diese Aaron 
wenig empfehlende Erzählung wegliefs und Moses Herabsteigen vom 
Berge sich ohne weitere Störung vollzogen dachte ^. 

Die Erzählung von P erleidet nun eine grofse Unterbrechung durch 
Einschaltung des grofsen anderweitig von uns näher besprochenen Kom- 
plexes von Gesetzen. Dieselben sind als Mose sofort nach Errichtung 
der Stiftshütte von dieser aus gegeben gedacht und füllen das ganze 
Buch Levitikus und einen erheblichen Teil von Numeri aus. Erst 
mit Num. 10, 11 wird der lange abgerissene Faden der Erzählung 
wieder vorläufig aufgenommen. Im zweiten Monat des zweiten Jahres, 
also nach etwa einjährigem Verweilen am Sinai, erhebt sich die W^olke 



1) Ex. 19, 2 a. V. 1 mit der Zeitbestimmung scheint Nachtrag (P2V) zu sein. 

2) Falls nicht in 24, 1—3. 9 — 11 Reste aus P erhalten sind, was (vgl. Nadab 
und Abihu) immerhin wahrscheinlich ist. In keiner der andern Quellen lassen die 
Verse, weder nach Zusammenhang noch nach Form oder Inhalt, sich unterbringen 
(Dillm. J, Kuen. E, s. noch Wellh. XXI, S. 557, aber auch S. 558; Jül., S. 315). 

3) An Ex. 19, 2a schliefst sich sofort 24, 15b-t8a an (Kuen. 18a = E). 

4) Ex. 25, 1 — 31, 17; 35, 1 —40, 38. 

5) Ex. 31, 18 a. 

6) Einiges aus Ex. 32, 15, wozu wohl V. 35 zu fügen wäre, könnte hierher 
gehören. 

7) Er hatte wohl hier die Erzählung über Moses glänzendes Antlitz Ex. 34, 
29-32 (33—35). So Wellh., S. 56(J; Dillm., S. 332 (Kuen. = R). 



198 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

über der Wohnung des Zeugnisses: die Söhne Israels brechen von der 
Wüste Sinai auf und ziehen nach der Wüste Paran ^ Auf dem Wege 
liegt Qibrot ha-taawä, von wo das Volk nach Haserot aufbricht -, um 
sodann die Wüste Paran zu erreichen ^. 

Die AVüste Paran reicht im Norden bis an den Negeb Judas. 
Daher werden von hier aus Kundschafter nach Kena'an gesandt. Es 
sind zwölf Stammhäupter, deren Namen P mitteilt. Sie gelangen von 
der Wüste Sin (Nordende von Paran) bis nach Rehob im hohen Nor- 
den Kena'ans. Nach vierzig Tagen kehren sie zu Mose, Aaron und 
der Gemeinde zurück mit der Nachricht, das Land fresse seine Be- 
wohner *. Das Volk beginnt gegen Mose und Aaron zu murren. 
Josua und Kaleb, die zu den Kundschaftern gehörten, reden ihm Mut 
zu. Jahve aber verhängt die Strafe, dafs die Söhne Israels von zwan- 
zig Jahren und darüber hier in der AVüste sterben werden: entsprechend 
den vierzig Tagen der Kundschaft sollen sie vierzig Jahre in der Wüste 
wandern. Nur Josua und Kaleb werden das Land sehen ^. 

In die Zeit der 38jährigen Wanderung fällt der Aufstand Qorahs 
und seiner Rotte. Es ist wahrscheinlich , dafs uns über sie zwei Be- 
richte aus P erhalten sind. Jedenfalls hat Qorah mit den Rubeniten 
Datan und Abh'am ursprünglich nichts als die aufrührerische Gesinnung- 
gemein. Er ist nach dem einen Bericht abtrünniger Levite (Wellh. 
JudäerV) und verbindet sich mit 25(» nichtlevitischen Yolkshäuptern 
gegen Mose und Aaron, besonders gegen das lev'itische Priestertum. Sie 
proklamieren die Heiligkeit der ganzen Gemeinde und protestieren im 
Namen der Laienstämme gegen das priesterliche Vorrecht Levis. Die 
Herrlichkeit des Herrn vor der Stiftshütte entscheidet gegen sie. Jahve 
will das ganze auf ihrer Seite stehende Volk vernichten, läfst sich aber 
bewegen, Qorah und die Seinen mit ihren Häusern von der Erde ver- 
schlingen zu lassen ''. Ein zweiter späterer Bericht in P kennt Qorah 
als Haupt einer aus 250 ihm gleichgesinnteu Leviten bestehenden Ver- 
schwörung der zurückgesetzten Leviten gegen das aaronitische Priester- 



1) Num. 10, 11 f. V. 13—28 mag wohl späterer Zusatz zu P sein. 

2) Num. 11, 35. Von den Vorgängen bei Qibrot ha-taawa hatte P vielleicht 
einen Beriebt. Vgl. die Spuren in 11, 24 a und in V. 18—22. 

3) Num. 12, 16. 

4) Num. 13, 1— 17a. 21. 25. 2tJab«. 32a b. 

5) Num. 14, la. 2. 5—7. 10 (mit Dillm. , Kuen. setzt la. 2a. 3. 5—7. 10. 
26—38 = P). 26—29 (Kuen. von R überarbeitet). 34—39. 

6) Dies ist der Bericht von Pi in Num. 16, 2—7 a. 15 a. (18.) 19—23. Teile 
von V. 24. 26. 27 (die Lesart :-\);^i ptyo^ Kuen., Dillm. ist nicht nötig; Pi und 
E, welche dieselbe Todesart haben, sind hier verschlungen). 32—34. 



1. Die Traditiou. § 22. Die Erzähluug vou P. 199 

tum. Sic werden bei der Stiftshütte durch Feuer, das von Jahve aus- 
geht, verzehrt ^ 

An den ersteren, den Hau})tbericht in P, schliefst sich die Erzählung 
von Aarons blühendem Stabe, der das Priestertum des Stammes Levi 
gegenüber den Laienstämmen (nicht Aarons gegenüber den übrigen 
Leviten) dem über den Untei'gang der Meuterer murrenden Volke vor 
Augen führt ''^. Ohne Zweifel haben auch die zwei folgenden Gesetze 
über die Stellung der Priester und Leviten und über die Verunreinigung 
durch Tote * ihre jetzige Stellung in P, wenn nicht ihre Entstehung, 
ihi'em Zusammenhang mit der Qorahgeschichte zu danken. 

In die Zeit der 38 Jahre gehören auch bei P die Vorgänge bei 
Qadesh in der Wüste Sin. Israel hat auch bei P seinen Hauptsitz in 
dieser Gegend (Paran). Das Volk murrt um Wasser, Mose und Aaron 
aber versündigen sich selbst dabei in einer auch hier nicht mehr klar 
zu erkennenden Weise. Deshalb sollen auch sie das verheifsene Land 
nicht sehen *. 

Nach dem Aufbruch von Qadesh gelangt Israel im 40. Jahre des 
Auszugs ^ nach dem Berge Hör. Damit ist die Grenze Edoms erreicht. 
Die hier genannte Grenze " Edoms kann wohl nur die Südgrenze sein. 
Aaron stirbt hier ^ Es folgen sofort mit (wohl zufalliger) Auslassung 
von Salmona und Punon * die Stationen Obot und Ijje 'Abärim, womit 
die Ostgi-enze Moabs erreicht, Edom also wie in E von Süden und zu- 
gleich Moab von Osten her umgangen ist ^. Auch für P wie für die 
anderen Quellen ist der Name Bifams mit diesen Gegenden verknüpft, 
wenngleich er hier eine andere Rolle spielt. Die Weiber Midjans'^ ver- 
leiten die israelitischen Männer zur Unzucht; eine Plage von Jahve 
rafft 24000 von Israel weg, bis Pinhas kräftiges Eingreifen ihr Einhalt 



1) So P^ iu Nuai. IG, la. 7 b. 8—11. IG. 17. (18.) 35; 17, 1—5. Vgl. zum 
ganzeu Kapitel Wellh. XXI, S. 572 ff.; Kueu., Th. Tijd. XII, S. 139 ff.: DiUm., 
NuDtJo., S. 87 ff., auch Kittel, ThStW. II, S. 39. 162—165. 

2) Num. 17, 6-28. Vgl. dazu meine Erörterung der Stelle in ThStW. II, 
S. 162 f. 

3) Num. 18 und 19. 

4) Num. 20, la«. 2. 6. 12; vgl. V. 2i. 

5) Num. 33, 38; nach dieser Stelle ist die hier fehlende Ziffer zu ergänzen. 

6) Jedenfalls kann wegen rii'p^ ^^- ^^ ^^^' ^^'^ht i n Edom gesucht werden . 
S. Dillm., NuDtJo., S. 116. 

7) Num. 20, 22-29. 

8) Vgl. Num. 33, 41. 42. 

9) Num. 21, 4aß. 10. 11. 

10) Man kann deshalb immerhin schon bei Num. 22, 4. 7 an Reste von P 
denken s. o. 



200 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

thut *. Dieser Frevel ist in P auf Veranlassung Bil'ams geschehen^ der 
Midjan den Rat gab, Israel so durch Gottes Zorn zu verderben ^. Ein 
Vernichtungskrieg Israels gegen Midjan ist die Folge ^. Zwischen die 
beiden letzten Erzählungen sind in P die Musterung Israels am Ende 
des Wüstenzuges, dazu einige Gesetze *, sowie endlich die Ankündigung 
von Moses Tod und Josuas Weihung zum Nachfolger Moses eingelegt. 
Dieser soll auf dem Gebirge 'Abarim sterben, nachdem er das Land 
übersehen hat ^. 

Rüben und Gad (und Halbmanasse V) erbitten sich und erhalten 
Gebiete im Osten. Zu ihnen gesellt sich später das inanassitische Ge- 
schlecht Makir ^. 

Das den Zug durch die Wüste noch einmal überblickende Stationen- 
verzeichnis ^ , der Befehl zur Vernichtung der Einwohner des Landes 
und die Bestimmung seiner Grenzen, sowie einige nachgetragene An- 
ordnungen ^ schliefsen das Buch Numeri ab. 

Erst am Ende des Deuteronomiums taucht unsere Quelle wieder 
kurz auf. Die wenigen vor der eigentlichen Eroberungsgeschichte noch 
in ihr gegebenen Notizen sind von R aus begreiflichen Gründen von 
ihrem ursprünglichen Orte hierher versetzt worden. Mose erhält den 
Befehl, nun auf den Berg 'Abarim, den Berg Nebo im Lande Moab 
gegenüber von Jericho, zu steigen, damit er das Land Kena"^an über- 
sehe und dann sterbe ^. Er thut so (und stirbt), 120 Jahre alt. Josua 
wird sein Nachfolger ^^. 

1) Num. 25, H — 19-, nach Kuen. wäre V. lt> — 1^, nach DiUni. 10—13 späterer 
Zusatz in P. 

2) Num. 31, 8. 16, was hierher zu ergänzen ist. 

3) Num. Kap. 31. Der heutige Text ist ein ziemlich später Zusatz zu P, 
wohl auf Grund jener ursprünglichen, zu Num. 25, 6flf. gehörigen Notizen. 

4) Jene in Num. 26, diese in 27, 1—11. 28-30, 1. Zu Num. 30, 2ff. s. 
Dillm , S. 185. 

b) Num. 27, 12—23. 

6) Teile von Num. 32 gehören jedenfalls zu P wegen Num. 34 , 14 f. •, Jos. 
13, 15 ff. Vgl. Kuen. Ond.'', S. 100 f.; Dillm., NuDtJo., S. 193. Von P stammen 
wohl V. 2. 4. 18—22. 28—32. 40. Ob Halbmanasse V. 33 ebenfalls von P oder 
von R stammt ist unsicher, letzteres aber wahrscheinlicher. 

7) Num. 33, 1—49, wohl auf Grund älterer Schriftstücke von P mitgeteilt, 
aber in der heutigen Gestalt stark durch die (kürzende und an einigen Stellen er- 
weiternde oder den Sinn ändernde s. unt. § 23, Nr. 6) Hand von E gegangen. 
S. übrigens Dillm., NuDt Jo , S. 202. Kayser, Vorexil. Buch, S. 07 ff. Wellh. XXH, 
S. 453. Kuen. Ond.^ S. 101. 325. 

8) Num. 33, 51. 54. Kap. 34—36. 

9) Deut. 32, 48-52. 

10) Deut. 34, la<r. 7 a. 8f Dillm. zieht dazu V. 5, den ich lieber J zuweisen 
möchte. 



II. Der bist. Gehalt, i? 23. Das AT. für sicli. 301 

Eine besondere Charakteristik der Thätigkeit des Redaktors (R'') 
in diesem Teil des Pentateuch zu geben, ist nach dem oben (§ 14, 
Nr. 2) Ausgeführten nicht nötig. Seine Arbeit ist in der Hauptsache 
dieselbe wie in der Genesis. Sie unterscheidet sich nur dadurch , dafs 
im weiteren Verlauf des Pentateuch R*^ teilweise erheblich stärker ein- 
gegriffen hat als in der Genesis. Dadurch war R'' vielfach schon vor- 
gearbeitet. Im Übrigen bleibt ihm auch hier seine Hauptaufgabe, 
welche schon in der Genesis darin bestand, auf Grund des in P vor- 
liegenden Schemas den ganzen Stoff, soweit es ging, einheitlich zu 
gruppieren. Entsprechend der gröfseren Reichhaltigkeit und Verschieden- 
heit der zusammen zu bringenden Stoffe gestaltet sich seine Aufgabe 
jetzt schwieriger als in der Genesis. Dafs er sein Ziel hier unvoll- 
kommener erreicht hat als dort, ist nicht seine Schuld. 



II. Der historische Oehalt der Mosegeschichte. 

§ 23. 
Das Alte Testament für sich. 

1. Es gilt nun, die im Bisherigen auseinandergenommenen Fäden 
des Geflechtes, wie es unsere heutige Überlieferung darstellt, wieder 
zusammenzuhalten. Dabei ergiebt sich ein Bild, welches bei mannig- 
facher Verschiedenheit im einzelnen doch eine bedeutende Überein- 
stimmung in fast allen wesentlichen Momenten, dazu eine grofse Zahl 
augenscheinlich glaubwürdiger Züge aufweist. In kurzen Strichen ge- 
zeichnet, zeigt das Bild, welches unsere Überlieferung von jener Epoche 
der hebräischen Geschichte gewährt, die folgenden Hauptzüge. 

Israel, unter Führung des Stammes Josef aus seinen alten Sitzen in 
der Nachbarschaft seines Bruderstammes Edom ausgezogen und nach 
Ägypten gewandert, hält sich dort, in Goshen wohnend , unbestimmte ^ 
Zeit auf. Es behält seine Sprache, seine nomadischen Lebensgewohn- 
heiten und seine angestammte Religion — die letztere wenigstens teil- 

1) Nacfi P in Ex. 12, lOf. 430, nach Gen. 15, i:5 (rund) 400 Jahre, nach 
anderen Stellen (Ex. 6, 16 ff. Num. 26, 29 ff. Ruth. 4, 18 ff. 1 Chrou. 2, 18 ff. ; 
7, 22 ff. u a.) bedeutend kürzer; bei den Juden nach Sam. LXX. Joseph., bei 
vielen Kirchenvätern und Neueren 215 Jahre. Yp}. Dillmann, ExLev., S. 120 f. 



303 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteuzug. 

weise ^ — bei. Das zähe Festhalten Israels an seiner nationalen und 
religiösen Eigenart, dazu die Sorge, Israel möchte einmal mit den 
Feinden Ägyptens gemeinsame Sache machen '^, bestimmen die Ägypter, 
mehr und mehr zur Unterdrückung der früher unbehelligt geduldeten 
FremdHnge überzugehen. Besonders werden sie zu harten Frondiensten 
augehalten. Es war darauf abgesehen, da Israel sich Ägypten nicht 
freiwillig anschlofs, es mit Gewalt und durch langwierigen Druck seines 
Volkstums zu entwöhnen ^. Israel empfindet die den eingeborenen 
Ägyptern altgewohnte, den freien Hirten aber unwürdig dünkende 
Knechtung * ; aber es findet nicht die Kraft und den Entschlufs , das 
Joch abzuschütteln. Da ersteht Israel in Mose ein Retter. Ein Tot- 
schlag, aus Liebe zu seinem Volke an einem Ägypter verübt, führt ihn 
in die Wüste am Sinai. Er wird dort Eidam eines der arabischen 
Hirtenfürsten. Im Umgang mit ihm, dem Priester seines Stammes, 
mehr noch in der grofsartigen , den Menschen Gott näher bringenden 
Einsamkeit der sinaitischen Wildnis, geht Mose eine neue Gotteserkenntnis 
auf. Jahve, der lebendige Gott, erschliefst ihm sein Wesen. In ihm 
erkennt er die Kraft, sein Volk zu befreien. 

Er kehrt zurück nach Ägypten und lehrt den neuen Gott, der zu- 
gleich der Gott der Väter Israels ist. Er weckt mit dem neuen Glauben 
an Israels Gott des Volkes Mut und Selbstvertrauen. Israel ist bereit, 
Ägypten den Rücken zu kehren und Mose in die Wüste zu folgen. 
Gottgesandte Heimsuchungen Ägyptens ^ benutzend, entflieht Mose mit 
seinen Volksgenossen. Er will sie zunächst zui* Wüste und nach dem 
Gottesberg geleiten, der, von altersher als Sitz der Gottheit bekannt, 
ihm selbst zur geweihten Stätte geworden war. Hier will er auch sein 
Volk der Erkenntnis seines Gottes näher führen. 

Am Ufer des Roten Meeres wird Israel von den nachsetzenden 
Ägyptern eingeholt: kaum zum Leben gebracht, ist die Schöpfung 
Moses schon mit der Vernichtung bedroht. Ein plötzHch eingetretenes 
Naturereignis, in dem Israel für alle Zeiten die rettende Hand seines 
Gottes erkannt hat, läfst Israel das Meer ungefährdet durchschreiten, 



1) Vgl. die Phrase „der Gott deines Vaters" Ex. 3, 6; 15, 2; 18, 4. lu 
Moses Vaterhaus wenigstens wird also der alte Grott — nicht aber als Jahve , s. 
uut. — verehrt. Anderseits s. aber auch für den andern (gröfsern ?) Teil des Vol- 
kes Jos. 24, Uff. Ez. 16, 8: 20, 5 ff. 23 ff. (Am. 5, 25 f.?). 

2) Ex. 1, 9 f. 

3) S. Ewald, Gesch. Isr.» II, S. 11 ff. 

4) Vgl. den so oft wiederkehrenden Ausdruck „Haus der Knechte". 

5) Die Plagen sind in der Überlieferung verschieden, s. oben § 20fi". ; die 
Thatsache aber steht der Tradition fest. 



II. Der hist. Gehalt. § 23. Das AT. für sich. 303 

während die nachrückenden Feinde mit Rossen und A\'^agen von den 
Fkiten verschlungen werden. 

Am Sinai offenbart Mose dem geretteten Volke den Willen seines 
Gottes. In Jahves Namen giebt er ihm ein Gesetz und schliefst Gottes 
Bund mit ihm. Israel ist nun Jahves Eigentum und sein Volk ge- 
worden. Als sichtbares Pfand seiner Gegenwart, als Stätte der Ver- 
ehrung und heiliges Palladium giebt Mose dem Volke eine Gotteslade. 
Ihr schützendes Zeit ist die Stiftshütte. 

Nach dem Sinai zieht Israel hin und her durch die Wüste, auf 
weitem Räume seine Herden weidend. Aber das Verlangen, die alten 
Sitze im Norden der Halbinsel zu gewinnen, verhört es nicht aus den 
Augen. So gelangt das Volk nach Qadesh, einer Wüstenstation am 
Südrande des heihgen Landes. Ein Versuch, nach Norden vorzudringen, 
schlägt durch die Zaghaftigkeit des Volkes selbst fehl. Lange Jahre 
kann Israel, aufgerieben und uiedergescldagen, nicht mehr an ein Vor- 
dringen denken. So ist ein jalu"zehntelanger Aufenthalt bei und um 
Qadesh die Strafe seiner Feigheit und seines mangelnden Vertrauens 
zu Jahve. 

Erst nach einem Menschenalter gewinnt Israel Kraft und Gelegen- 
heit, sein Vorhaben auszuführen. Ein Zweig der Emoriter, der Be- 
sitzer des gröfsten Teils von Kena'an, hat unter seinem König Silion 
die Israel blutsverwandten hebräischen Stämme der Moabiter und 
'Ammoniter aus ihren Sitzen verdrängt. 'Ammon wird die Gegend des 
oberen Jabboq, Moab das Gebiet uördHch vom Arnon bis zum unteren 
Jabboq geraubt. Heshbon wird Hauptstadt dieses neuen Kena'aniter- 
reiches. Mose ergreift den Anlafs, mengt sich in den Streit und er- 
obert Sihons Reich ^ Vom moabitischen Gebiet behält er den bis jetzt 
von Sihon eroberten Teil für sich. Den Moab gebüebenen, von Sihon 
ohne Zweifel ebenfalls bedrohten, läfst er Balaq. Ebenso scheint er 
mit 'Ammon zu vei'fahren -. 

Das eroberte Gebiet teilt Mose den Stämmen Rüben und Gad zu. 
Er stii'bt sodann, ohne den Jordan übersclii'itten zu haben und über- 
läfst seinem Diener Josua sein Werk. 

2. Die Skizze iiat die Hauptdaten, wie sie in den Quellen über- 
einstimmend erzählt sind oder der Wahrscheinlichkeit nach in ihnen 
standen, aufgezählt. Es ist jedoch ersichtlich, dafs für den historischen 
Charakter der mosaischen Geschichte weder dieses Einvernehmen der 



1) Über die niutinalsliche Einheit der Quellen auch iu diesem Punkte s. mit. 
S. 207 f. 

2) Nach Rieht. 11. S. darüber uuteu. 



304 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

Quellen in den Hauptpunkten, noch selbst der ihm sich zugesellende 
Eindruck der Glaubwürdigkeit für sich schon mafsgebend sein können. 
Denn neben der Übereinstimmung unserer Nachrichten steht in anderen 
Punkten ein unleugbares Auseinandergehen derselben. Auch können 
wir meist nicht mehr ermessen, inwieweit Nachrichten, welche mit einer 
früheren Quelle übereinkommen, von der späteren selbständig oder in 
Abhängigkeit von jener früheren wiedergegeben sind. Zu alledem liegen, 
wie wir sahen, unsere drei Hauptquellen E, J und P ihrer Abfassungs- 
zeit nach um eine Reihe von Jahrhunderten hinter der mosaischen 
Periode. Wir werden daher nach weiteren Gründen für die Glaub- 
würdigkeit der Vorgänge der mosaischen Geschichte zu suchen haben. 

Die Untersuchung zur Quellenkunde hat gezeigt, dafs besonders 
der Schrift des E, aber auch derjenigen von J alte und zum Teil den 
Ereignissen gleichzeitige Dokumente zugebot standen. Auf sie haben 
wir unser Augenmerk zu richten. 

Wir stofsen hier zunächst auf jene alten Lieder, welche besonders E 
in seine Darstellung ver woben hat. Man darf annehmen, dafs sie als Aas- 
druck der geweihten, von grofsen Ereignissen erzeugten Stimmung 
einzelne JJöhepunkte der mosaischen Geschichte begleiteten. Später 
wurden sie aufgezeichnet, oder sind sie von Mund zu Munde fortgetragen 
worden. Den Anfang macht das Meeriied^, jener schwungvolle, bald 
Mose, bald Mirjam in den Mund gelegte Triumphgesang bei Israels 
Errettung am Roten Meere. Der Aufbau des Liedes läfst eine kürzere 
ältere und eine erweiterte jüngere Fassung unterscheiden. Mag die 
letztere auch erst in Kena'an ihre heutige Form erhalten haben, in der 
sie einen kunstgerechten Psalm darstellt, so ist jedenfalls das kürzere 
Lied ungleich älter. Es trägt das Gepräge der Ursprünglichkeit und 
würde dasselbe ohne Zweifel auch nicht verlieren, wenn uns an Stelle 
des heute erhaltenen Bruchstückes - das ganze Lied in seiner Urgestalt 
aufbewahrt wäre. Anzunehmen, das Lied sei künstlicher Niederschlag 
der über den Durchgang durchs Schilfmeer umlaufenden späteren Sagen, 
wäre bodenlose Skepsis. Psychologisch unbegreiflich, würde diese An- 
nahme durch die schöne Schlichtheit und die edle Grolsartigkeit ' des 
Lieds vollends gerichtet. Wo fördert bewufste Fiktion der Epigonen 
solche Kraft und Reinheit der Begeisterung zutage? 

Ist das Lied ursprünglich, so ist es ein kurzes aber vielsagendes 
Dokument für eine grofsartige Katastrophe, in der Jahve Israels Feinde 
mit „Rofs und Reitern ins Meer warf". Dafs das Meer nur das Schilf- 



1) Ex. 15, 1-19. 20f. S. oben S. 83 und 187. 

2) Ex. 15, 20 f. 



II. Der hist. Gehalt. § 23. Das AT. für sich. 205 

ineer, die Feinde nur die Israel nachjagenden Ägypter, die Zeit nur 
die des Auszugs sein kann, lehrt nicht allein der in der zweiten Fassung 
dem Liede beigegebene Kommentar, sondern mit ihm die überein- 
stimmende Tradition unserer alttestam. Quellen. Sind dieselben durch 
eine so schwerwiegende Urkunde wie das Meerlied hinsichtlich des 
Hauptereignisses, der Katastrophe, beglaubigt, so gewinnt auch der ge- 
schichtliche Zusammenhang, in den sie dasselbe stellen, an geschicht- 
lichem Licht und Gewicht. Ohnehin ist dieser Anlafs der einzig mög- 
liche, und es kann niemand im Ernste in den Sinn kommen, an einen 
anderen denken zu wollen. 

Die Thatsächlichkeit des Durchgangs durch das Kote Meer und 
der Vernichtung der ägyptischen Verfolger wird nicht erschüttert durch 
die Wahrnehmung, dafs unsere Erzähler über die begleitenden Umstände 
des Vorganges verschiedene Traditionen zum Ausdruck bi-ingen. Selbst 
die Unmöglichkeit, den wahren Sachverhalt nach seinen einzelnen Mo- 
menten lieute noch mit voller Klarheit aus der Verschiedenheit der 
Uberlieferungsschichten herauszuheben, könnte das gesicherte Ergebnis 
hinsichtlich des Vorganges selbst nicht beeinträchtigen. Wellhausen ^ 
hat, dem Berichte von J folgend, versucht, den wirklichen Vorgang zu 
ermitteln. Nach ihm wäre die durch P — und wohl auch E ^ — 
geläufig gewordene Vorstellung des Sachverhaltes, als wären die Feinde 
schon beim Nachrücken von der zurückkehrenden Flut überrascht wor- 
den, nicht genau der Wirklichkeit entsprechend. Vielmehr sind nach 
J beide Heere durch den von einem Winde über Nacht wasserleer 
gemachten Meeresarm gezogen. Drüben entspinnt sicli der Kampf, das 
Terrain ist der Entfaltung ihrer Streitmacht mit Rossen und Wagen 
ungünstig: sie geraten in Verwirrung und treten den Rückzug an, auf 
das Anhalten des Landwindes hoffend. Beim Rückzug durch das See- 
bett ändert sich der Wind, die Flut kehrt zurück und begräbt sie. 

Diese Darstellung hat vor der andern den Vorzug der eingehen- 
den greifbaren Schilderung in vollendet naturwahrer Anschaulichkeit. 
Man wird auch nicht zu der Annahme berechtigt sein, dafs hier eine 
spätere Rationalisierung des älteren wunderbareren Bildes erkennbar 
sei. Denn so sehr die Darstellung in J die natürliche Vermittelung 
des Gottesgerichtes durch Kommen und Gehen des Landwindes ins 
Licht stellt: so liegt ihr doch nichts ferner als die Neigung, das wun- 
derbare Eingreifen Jahves in dem Naturereignis zu beseitigen. Der 



1) Abrifs der (iesch. Isr., S. 6. 

2) E bricht heute beim Durchgang selbst ab (s. § 21'), seine Erzählung war 
aber wohl eher P als J gleichartig. 



306 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteuzug'. 

Wind und die Verwirrung der Feinde kommen von Jahve. Offenbai' 
hat hier J die älteste Quelle zur Verfügung. Er berichtet den Vor- 
gang der wunderbaren Gotteshilfe so, wie er sich ohne allen Zweifel 
im Leben selbst abgespielt hat, mit allen Einzelheiten, wie sie der Be- 
richterstatter beinahe selbst erlebt, jedenfalls aus neuester, unmittelbar 
dem Leben folgender Überlieferung geschöpft haben mufs. E und P 
repräsentieren eine spätere Stufe der Tradition, in welcher das Wesent- 
liche, das Eingreifen Jahves, dem frommen Bewufstsein geblieben ist, 
die Einzelheiten und die Naturbasis der Gottesthat dagegen dem ge- 
schichtlichen Sinn sich verwischt haben. 

Der Ertrag unseres Ergebnisses ist reich. Nicht das Lied allein, 
sondern alle drei Hauptquellen haben geschichtlichen Boden unter sich. 
Der Meerzug ist geschichtliche Thatsache. Diese selbst aber fordert 
ihre Anknüpfung nach rückwärts wie nach vorne. Der Aufenthalt in 
Ägypten, der Auszug von dort, der Weiterzug in die Wüste gegen den 
Sinai sind damit von selbst gesichert. 

3. Es empfiehlt sich, vom Beginn des Wüstenzuges aus sofort das 
Ende ins Auge zu fassen. 

Übereinstimmend ^ berichten unsere Quellen von einem lange Zeit 
währenden Aufenthalt Israels in Qadesh. Ebenso sind sie darüber voll- 
kommen einig, dafs Israel schliefslich von Qadesh aus nicht den di- 
rekten, südnördlichen Weg nach Palästina eingeschlagen habe, sondern 
sich nach Osten wandte, um in der Gegend der Jordanmündung ins 
Westjordanland einzudringen. Es mufste sich demnach für alle drei 
Erzähler - fragen, wie Israel sich mit den auf seinem Wege angesiedel- 
ten Völkerschaften: Edom und Moab (und "^Ammon) auseinandersetzte. 
Dafs das zunächst in Frage kommende Edom nicht durchzogen, sondern 
im grofsen Bogen umgangen wird , erzählt E ausführlich, während P 
es wenigstens erwähnt ^. Dasselbe mufs für Moab nach P und be- 
sonders nach Rieht. 11, 1 7 angenommen werden. E erzählt nun weiter, 
wie Mose auch an Sihon den König der Emoriter die Bitte um Durch- 
zug stellen läfst, hier aber die abschlägige Antwort nicht ebenso gelassen 
aufnimmt wie von Edom (und Moab), um so weniger als Sihon selbst 
die Anfrage sofort mit Kriegsrüstung beantwortet. Es kommt zum 
Kampf. Mose siegt. Sihon s von dessen Vorgänger den Moabitern (und 
"^Ammonitern) eben abgenommenes Reich fällt in Israels Hände. 



1) S. oben § 20—22. 

2) Auf den Bericht in Deut. Iff. braucht nicht näher eingegangen zu wer- 
den; er will nicht als selbständige Erzählung, sondern als freie paränetische Ver- 
arbeitung des in E ihm vorliegenden Erzählungsstoflfes gelten. 

^) S. oben S. 199. 



II. Die Tradition, i; 2:). Das AT. für sich. 207 

Es ist min in hohem Grade aiiffhllend , dafs weder J noch P den 
Kampf g;egen Silion erwähnen. Schon von hier aus könnte man auf 
die von Meyer und Stade vertretene Annahme * geraten, dafs der Kampf 
gegen Sil.ion gar kein ursprüngliches Traditionselement, noch weniger 
also geschichtliche Thatsache, sondern blofse Erfindung von E sei. 

Ist es nämlich auch nicht richtig, dafs J und P den friedlichen 
Durchzug Israels durch Edom und Moab annehmen — wie Meyer '"^ 
will — , so erweckt immerhin das Schweigen der beiden Quellen über 
Sihon gerechte Bedenken. Allein die Annahme Mej^ers löst die Schwierig- 
keit nicht, jedenfalls nicht für P. Denn mag E den Silion frei eingesetzt 
haben oder nicht: — P ist erheblich jünger als E, ja er ist für Meyer 
und Stade kaum noch Geschichtschreiber, sondern Kompilator aus 
früheren Quellen : was kann er also für einen Grund haben, den Kampf 
gegen Sihon, der ja Israels Glanz nur erhöhen mufste, zu streichen? 
Man sieht, von P selbst kann die Wegla-ssung Sibons nicht wohl her- 
rühren, .sie mufs von R stammen, der bei E die ausführlichste, am 
meisten auf authentische Dokumente gestützte Erzählung findet und 
dieser den Vorzug giebt. Dieselbe Erwägung gilt für J unter der 
Annahme, dafs J jünger als E sei und diese Quelle kenne. Aber auch 
für die Anhänger der Annahme von Js höherem Alter mufs jedenfalls 
die abgerissene und offenbar verstümmelte Gestalt des J in jenem Zu- 
sammenhang ins Gewicht fallen. Nicht allein Sihon ist nicht erwähnt, 
auch das Verhältnis zu Edom ist mit keinem Worte — weder Durch- 
zug noch Umgehung — berührt, überhaupt ist von Israels Wohnen in 
Qadesh aus sofort auf Bilam übergegangen ^. So abrupt hat am we- 
nigsten J erzählt. Mag immerhin der Grund der Verstümmelung mög- 
licherweise in gewissen Abweichungen seines Textes von E ruhen : dafs 
der Kampf mit Sihon hier gar nicht erzählt gewesen sei, darf nicht aus 
der heutigen Gestalt von J geschlossen werden. 

Ich gehe also von der Annahme aus, dafs J und P so gut wie 
E den Kampf mit Sihon kennen und ihr scheinbares Schweigen Werk 
des R ist. Dieselbe wird besonders dadurch empfohlen, dafs ohne den 
Krieg gegen die Emoriter die Eroberung des Ostjordanlandes sich über- 
haupt nicht denken liefse. Schon das Verhalten Balaqs und seine Furcht 
um den Rest seines Gebietes haben gar keinen Sinn, wenn Israel im 
Frieden durch Moab zog, wie Meyer als Tradition bei P von J an- 
nimmt *. Was hatte Balaq für einen Grund , Israel fluchen zu lassen, 



1) S. oben S. 82 und 193 f. 

2) ZAW. V. S. 47 f. — Über P vgl. oben S. Ifti); über J das Folgende. 

3) S. oben S. 183. 

4) a. a. O. 



ä08 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

wenn dieses nur als Freund kommt und von Moab in sein Gebiet 
aufgenommen wurde? Wohl aber hat die Furcht Balaqs ihr Recht, 
wenn Israel sich eben als achtbare Kriegsmacht erwiesen hatte und 
nun das moabitische Gebiet, statt es Balaq zurückzustellen, selbst be- 
setzt hält. 

Ferner sind P und J mit E darüber einig, dafs es zum Kampf 
mit Moab nicht kam. Wenn nun Israel vom Moabitergebiet aus den 
Einfall in Kena'an beginnt, und doch wohl nicht anzunehmen ist, dafs 
Moab Israel freiwillig den längeren Aufenthalt in den 'arbot Moab ge- 
stattete : so bleibt auch von dieser Seite nichts übrig , als dafs wir die 
Notiz des E, Moab habe kurz zuvor sein Gebiet zum Teil an Silion 
verloren und Israel habe diesem das Moabitergebiet abgenommen, als 
in J und P ebenfalls vorausgesetzt annehmen. Dasselbe Resultat er- 
giebt sich, wenn man in Betracht zieht, dafs bei dem Zusammentreffen 
der Überlieferung inbezug auf die Vermeidung des Kampfes mit Moab 
und Edom in jenem Falle Israel überhaupt ohne Schwertstreich bis an 
den Jordan gelangt wäre. Dies mag schwerlich der Sinn der Erzählung 
bei J und P gewesen sein. 

Was denn die Geschichtlichkeit dieser den Hauptquellen gemein- 
samen Aktion gegen Silion anlangt, so ist sie, wie sich früher ^ erwiesen 
hat, quellenmäfsig sehr wohl begründet. Die von Meyer und Stade 
geäufserten Zweifel an dem hohen Alter des von E in seine Erzählung 
eingeschalteten Liedes ^ haben sich uns als nicht begründet erwiesen 
Wir haben es vielmehr hier mit einem alten geschichtlich höchst wert- 
vollen Dokument zu thun, welches uns verbürgt, dafs in der mosaischen 
Zeit die Kena'anäer (Emoriter) unter Sihon sich auch im Ostjordan- 
lande festsetzten und hier Moab und 'Amraon ^ zum Teil aus ihren 
Sitzen verdrängten. Israel glaubt sich berechtigt, dem Eindringling zu 
wehren, behält aber das ihm abgenommene Gebiet für sich, was Balaqs 
Sorge um den Rest seines Landes und sein Vorgehen gegen Israel 
erklärt. 

Allein man erklärt *, die Erzählung des E sei deshalb unglaub- 
haft, weil sie den thatsächlichen Verhältnissen widerspreche. In Wirk- 
lichkeit, sagt Meyer, seien diese Gegenden, welche die Erzählung und 
das Lied als Reich Sihons bezeichnen, recht eigentlich moabitisch. Die 
Beweise dafür sind der Zeit Mesha's und Jesajas entnommen , für 



1) S. oben S. 82, aucli 193f. 

2) Num. 21, 27—30. 

3) Nach Rieht. 11, 12ff. zu ergänzen. 

4) Meyer in ZAW. I, S. 128. 



II. ])vr bist Ochalt. S 23. Das AT. für sich. 309 

welche Periode freilich niemand an der AV'ahrheit dieses Satzes zweifelt. 
Allein was wissen wir über den Bestand des Moabitergebietes in mo- 
saischer Zeit, abgesehen von den Nachrichten bei E? Sofern die 
Quellen die Gegend als „ IMoabitergebiet " benennen, so haben sie hierzu 
das volle Recht, da das Land vorher und nachher moabitisch ist, so- 
mit wohl den Namen 'arbot Moab als feste geografische Bezeichnung 
{"ührtc \ 

4. Ist der Kampf mit Sihon gesichert, so wirft auch er wieder 
sein Licht nach vor- und rückwärts. Mit dem letzteren haben wir es 
hier zu thun. 

Die Quellen wissen übereinstimmend davon, dafs Israel, ehe es 
nach dem Gefilde Moab aufbricht, sich in Qadesh und der Umgegend 
lange Zeit aufhielt '^. Mag immerhin — wie heute fast allgemein an- 
genommen wird ^ — P von den übrigen Quellen darin abweichen, dafs 
sein Verfasser Israel erst am Ende des Wüstenzugs nach der Station 
Qadesh selbst gelangen läfst, obwohl ich diese Annahme nicht für nötig 
halten kann * : so stimmen doch auch darin wieder die Nachrichten in 
bedeutsamer Weise überein, dafs Israel in der Gegend von Qadesh ^, 
nämlich in der Wüste Sin — dem nördlichen, Kena'an naheliegenden 
Teile der \\''üste Paran, — langen und zwar unfreiwilligen Aufenthalt 
genommen habe. Als Grund des in der Tradition auf 38 Jahre an- 
gegebenen Aufenthalts in der Wüste, dessen gröfster Teil der Gegend 



1} Auch die Annahme Meyei's (ZAW. V, S. 44}, Sihons Gebiet sei selbst im 
Sinne von Rieht. 11 gar nicht Moab und Amnion abgenommen, sondern ursprüng- 
lich emoritisches Gebiet gewesen, kann ich nicht für richtig halten. Ohne jene 
Voraussetzung hätte der 'Ammoniter in Rieht. 11, 13 gar keinen Anlafs jene Ge- 
biete als sein Eigentum zu reklamieren. Nur übertreibt er, indem er statt 'Ammon 
und Moab nur 'Ammon setzt-, Jiftah berichtigt ihn V. 15. Der einzige Sinn seiner 
Erörterung kann sein, dafs Moab und 'Ammon allerdings die ehemaligen, aber 
nicht durch Israel , sondern durch Sihon vertriebenen Besitzer jener Gebiete 
■waren , daher sie auch kein Recht haben , dieselben von Israel zu reklamieren. 
Läge dieser Gedanke nicht zugrunde , so brauchte Jiftah sich gar nicht in die 
Erörterung einzulassen. 

2) S. oben S. 183. 192. 19!) und dazu Deut. 1, 4G. Rieht. 11, 17. 

3) S. Riehms HWB , S. 802. 882; Dillmann, NuDtJo., S. 110. 

4) Oben S. 199 ist die Ankunft in Qadesh in die Zeit der 38 Jahre verlegt. 
Auf Num. 33, 36 f. kann man sich nicht viel berufen: auch hier müssen unter 
den 40 Stationen einige mit sehr langem Aufenthalt gedacht sein. Darunter wird 
Qadesh sein Dazu ist dort sehr auffallend, dafs der P so wichtige Aufenthalt in 
der Wüste Paran im Verzeichnis ganz übergangen ist, überhaupt P in seinem 
Texte sich nur teilweise an Num. 33 liält. S. unten S. 214. 

5) Über die Lage des Ortes vgl. Palmer , Der Schauplatz der 40JHhrigen 
Wüstenwanderung, S. 2G9ff. : Palest. E.vplor. Fund 1S71, S. 2()f. 

Kittel, Gesch. der llpljrii.M- 14 



310 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

von Qaclesh zufällt, wird ebenfalls übereinstimmend Israels Zaghaftig- 
keit gegenüber einem im zweiten Jahr nach dem Auszug aus Ägypten 
von Mose auf Jahves Befehl gefafsten Plane der Eroberung Kena'ans 
von Süden her angegeben. 

Von J hat man dies bestritten ' und gesagt, dieser Autor kenne 
den 40jährigen Aufenthalt in der Wüste nicht. Doch ist eine solche 
Abweichung des J von E und P auf Grund der oben gegebenen 
Quellenscheidung ^ nicht wahrscheinHch. 

Ich kann keinen Grund sehen, der uns bestimmen dürfte, an der 
Geschichthchkeit des 40jährigen Aufenthaltes Israels in der Wüste zu 
zweifeln ^. Sie ist durch den Pentateuch selbst und dazu noch durch 
Amos 5, 25 zu gut gestützt. Das Wahrscheinlichste wird dabei immer 
bleiben, dafs Israel allerdings nicht die ganze Zeit in der Wüste hin 
und her gezogen ist, sondern den gröfsten Teil dieser Frist seinen 
festen Mittelpunkt in Qadesh selbst besafs, mag man nun diesem Auf- 
enthalt die von Wellhausen gegebene ^ oder die von uns oben versuchte 
Deutung beilegen, also den vorausgegangenen Plan der Eroberung Re- 
na' ans von Süden her festhalten oder nicht. 

5. Wir kommen zu den Sinai vergangen. Ist der Durchzug durch 
das Rote Meer geschichtliche Thatsache, wie Avir nach dem Obigen an- 
nehmen zu dürfen glauben, so ergiebt schon der innere Gang der Sache 
selbst die Richtung des Zuges der Israeliten gegen den Sinai hin. 
Stellte Ägypten sich feindselig zum Auszug der Söhne Israels, so gab 
es kein besseres und naturgemäfseres Mittel, sich seinem störenden 
Einflufs zu entziehen, als wenn Mose den breiten Meeresarm zwischen 
Ägypten und Israel legte, d. h. der Südspitze der Halbinsel sich zu- 
wandte ^. 

Den Beweis für diese Richtung des Zuges liefert denn in der 
That ein altes, nach dem Berichte des E und wohl auch des J von 
Mose selbst verfafstes Schriftstück ^ , welches von einem Kampfe mit 
'Amäleq erzählt. Mag dasselbe in der That von Mose stammen 
oder etwa von späterer Hand aufgezeichnet sein: jedenfalls lag es 
einem jener beiden Erzähler, wenn nicht beiden, als ein uraltes Schrift- 
stück vor. Ich halte die Annahme seiner mosaischen Abkunft für 



1) Meyer, ZAW. J, S 140. 

2) Vgl. S. 182 f. 

?>) Dies thut auch Hitzig, Gesch. Isv.. S. (57: s. auch Duncker' I, S. 416. 

4) Abrifs d. Gesch. Isr., S. 7; auch Duncker* I, S. 398. 419. 

5) S. Duncker, Gesch. d. Altert.^ I, S. 419. 
ü) Exod. ] 7, 8 ff. 



11. Der hist. Gehalt. § 23. Das AT. für sich. 311 

durchaus nuiglich. Unter allen Umständen wird man das Schriftstück 
als wohlbeglaubigtes Dokument über einen Vorgang der mosaischen 
Zeit ansehen müssen. 

Nach ihm trifft Israel, kurz ehe es zum Sinai kommt, mit 'Amaleq 
feindlich zusammen. Die Tradition hat uns die Erinnerung bewahrt, 
dal's Mose mit dem sinaitischen Araberstamm der Midjaniter ver- 
schwägert war und ehe er sich an die Spitze Israels stellte, lange Zeit 
bei ihnen weilte. Es ist denn auch an sich wahrscheinlich, dafs Mose, 
wollte er mit der Befreiung seines Volkes nicht auf unüberwindliche 
Schwierigkeiten stofsen, sich des Entgegenkommens der sinaitischen 
Araberstämme versicherte. Fand er unter ihnen nicht Freunde für sich 
und die Seinen, so war seine Sache zum voraus verloren. Daher ist 
es ein durchaus glaubwürdiger Zug der Erzählung, dafs der priester- 
liche Stammesfürst der Midjaniter, dessen Name durch die Verschieden- 
heit der Überlieferung uns in ein gewisses Dunkel gehüllt bleibt ^, mit 
Mose in enger persönlicher Beziehung und dafs sein Stamm zu Israel 
im Verhältnis der Freundschaft stand. Der Glaubwürdigkeit die- 
ser Nachricht, dafs einer der sinaitischen Araberstämme Israels Vor- 
marsch in die Halbinsel guthiefs, thut auch der weitere Umstand keinen 
Eintrag , dafs nicht einmal der Name desselben unzweifelhaft fest- 
steht 2. 

Trifft also hier Israel auf seinem Wege Entgegenkommen und 
Verständnis für das enge Verwandtschaftsverhältnis, durch Avelches es 
mit den Arabern der Sinaihalbinsel nach Herkunft \md Vorgeschichte 
verbunden war : so wird ihm dagegen durch einen andern jener Stämme, 
das streitbare 'Amäleq das Vordringen zum Sinai zu verlegen gesucht. 
Die 'Amäleq handeln wohl im Bewufstsein ihres gutes Rechtes auf den 
Besitz der Oasen am Sinai, welche schwerlich Waideplätze genug 
boten, \\m ihnen selbst und Israel zusammen Unterhalt zu schaffen. 
Bei Refidim ^ kommt es zur Schlacht. Jahves Beistand hilft Israel zum 
Siege. 

Der Weg zum Sinai steht Mose damit offen. Er führt sein Volk 
dorthin. Längere Zeit dient die Gegend um den Sinai Israel als Auf- 
enthalt, bis es von hier weiter gegen Norden und damit an die Grenze 



1) E nennt ihn Jitro, J Re'üel, während Hobab (ben Re'uel) als der Bruder 
der Sippora erscheint. S. oben § 20. 21, bes. S. 181. 

2) Gewöhnlich (bei 11 und J) Midjaniter genannt, heifst er daneben Qeniter 
(Qain); s. unten § 2tJ, Nr. 1, auch Stade, Gesch. 1, S. 131 f.; P^wald, Gesch. Isr.' 
II, S. 64 f.; Dilhnann, ExLev., S. 18. 

3) Über die Lage des Ortes s. Ebers, Durch Goscu z. Sinai'-* (1881), S. 221 ff. 

14* 



212 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

seines späteren Landes vordringt. Am altheiligen GottesLerg, in der 
grofsartigsten Umgebung, welche die ganze Halbinsel aufzuweisen hat, 
sollen sich dem Volke wichtige, für seine ganze Zukunft bedeutsame 
Vorgänge abspielen. Darch Mose offenbart sich ihm sein Gott Jahve. 
Mose, der Erlöser und Führer seines Volkes, wird hier sein Profet und 
Gesetzgeber. 

Um die Vorgänge am Sinai ist, was ihren Verlauf im einzelnen 
anlangt, ein tiefes und fast undurchdringliches Dunkel gelegt. Fast 
auf keinem Punkte der ganzen alttestamentlichen Überlieferung sind die 
Berichte so sehr in sich verschlungen und in demselben Grade ver- 
worren, wie sie es hier durch das Bestreben der Redaktion, dieses 
wichtigste Stück der nationalen Geschichte einheitlich zu gestalten, ge- 
worden sind. Nicht einmal über den Namen des Berges bietet die 
Tradition eine volle Übereinstimmung. Doch Icann es wohl keinem 
Zweifel unterliegen, dafs es ein und derselbe Berg ist, welchen E Ho- 
reb, J und P Sinai nennen '. Noch weniger will es gelingen, aus den 
von unseren Quellen gebotenen Anhaltspunkten mit voller Sicherheit 
zu ermitteln, welcher der Berge des gröfseren Gebirgsstockes im Süden 
der Sinaihalbinsel vom Alten Testamente unter jenem Doppelnamen 
gemeint war '^. 

Trotzdem kann über das Dafs des Zuges zum Horeb-Sinai, d. h. 
zu dem im hebräischen Altertum mit diesen Namen bezeichneten Berge, 
kein Zweifel herrschen. Die wohlverbürgte Schlacht gegen die feind- 
seligen 'Amäleq hat den Weg dazu geebnet. Ist sie geschichtlich, so 
ist auch der Weiterzug zum Sinai Thatsache. Doch besitzen wir 
auch über den Inhalt der sinaitischen Vorgänge eine selbständige 
Kunde; mit ihr ist das Dafs derselben unabhängig von der 'Amäleqiter- 
schlacht erwiesen. 

So wirr nämlich auch an diesem Punkte die einzelnen Fäden der 
Erzählung durcheinanderlaufen mögen : das Eine geht aus allen Be- 
richten als ihr Kernpunkt deutlich hervor: das Zentrum aller hier vor 
sich gehenden Ereignisse ist die Offenbarung Jahves am Sinai in einem 
das Leben des Volkes regelnden Gesetze. Inbetreft' seines Inhaltes und 
Umfanges gehen über dies Gesetz die einzelnen Erzähler auseinander — 
fast noch stärker als hinsichtlich des äufseren Verlaufs der Gesetzgebung. 
Nichts ist natürlicher, als dafs es sich so verhält. Denn kein Ereignis 
konnte dem Volke so am Herzen liegen , keines so vielfach weiter- 



1) S. darüber Dillmann, ExLev., S. 241'. 

2) Vgl. die eingehende , alle in Betracht kommenden Punkte behandelnde 
Erörterung bei Ebers, Durch Gosen z. Sin.*, S. 392 ff'. 



II. Der liist. Gehalt. 5< -J;?. Das AT. für sich. 218 

erzählt werden wie dieses. Aber in der Sache selbst sind alle Erzähler 
einig. 

Sollte (■:> uns nun gelingen, aus den uns heute als mosaisch vor- 
liegenden Gesetzen ihren ursprünglichen Kern herauszuschälen, so wäre 
damit schon grolso Wahrscheinlichkeit erbracht, dals wir in ihm das 
eigentlich mosaische Gesetz, d. h. jene von Mose selbst schon am Sinai 
gegebene Regelung des Lebens seines Volkes besälsen. Zur wirklichen 
Gewilsheit würde die Wahrscheinlichkeit, wenn wir imstande wären, 
diesen Kern als von Mose stammend zu ervveisen. 

Für beides lälst sich der Nachw^eis erbringen. Die ältesten Be^^tand- 
teile der pentateuchischen Gesetzgebung und deren eigentlicher Kern 
sind, wie sich früher zeigte, die unter dem Namen Dekalog und Bundes- 
buch zusammengetalston Stücke. Nun berichten unsere Urkunden ^, dafs 
das letztere Gesetz von Mose selbst in Jahves Auftrag niedergeschrieben, 
das erstere, der Dekalog, von Jahve auf zwei Steintafeln geschrieben, 
ihm übergeben wurde -. ^%•gleicht man mit dieser Mitteilung die Be- 
schaftenheit jener Stücke selbst, so ist es freilich ersichtlich, dafs in der 
Form, wie wir Dekalog und Bundesbuch besitzen, weder das eine noch 
das andere unmittelbar mosaisch sein kann. Die Kritik mufs freien 
Spielraum haben, die späteren Zusätze und Erweiterungen, die auch 
hier durchaus begreiflich sind, auszuscheiden. Ist dies aber geschehen, 
so mufs bei dem einen wie bei dem andern Dokument der ursprüng- 
liche Kern übrig bleiben. Von ihm ist uns mosaische Abkunft be- 
zeugt in einer Weise, die durch die Seltenheit dieses Zeugnisses, durch 
den Inhalt und die gedrungene, lapidare Form dieser zwei Grund- 
gesetze, wie endlich durch die oben in ihrer Thatsächlichkeit festge- 
stellten Umstände ihrer Entstehung allen Glauben verdient ^. 

6. Hiermit ist der Kreis derjenigen Hauptthatsachen geschlossen, 
welche sich meiner Meinung nach aus den alttestamentlichen Berichten 
unmittelbar als historisch feststellen lassen. Es ist damit nicht gesagt, 
dafs nicht eine Reihe, und vielleicht eine erhebliche Anzahl von Nachrich- 
ten, welche die Quellen uns bieten, in demselben Mafse auf Geschicht- 
lichkeit Anspruch erheben können. Aber es fehlen uns die Mittel, den 
Nachweis dafür zu führen. ITber einige, aber nicht unwichtige Einzel- 
heiten ist noch zu reden. 

Über die Lagerstätten Israels in der Wüste besitzen wir aufser 



1) Ex. 24, 4. 7; 34, -27. 

2) Ex. 31, 18; .34, 2H; vgl. V. 1. 

3) Über die Leugnung dieses Thatbestandes durch Wcllhauson und die daran 
von ihm geknüpften Folgerungen ist oben § 20 und 21 eingehend gehandelt. 



314 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

den gelegentlichen Angaben bei J und den Resten alter Stationenver- 
zeichnisse ^ in E eine weitere bedeutend vollständigere Aufzählung ^ 
in P. Dieselbe führt sich auf Mose zurück. Wenigstens berichtet P 
in seiner Einleitung zu dem Verzeichnis ^, dafs Mose dasselbe aufge- 
schrieben habe. Es darf daher angenommen werden, dafs P ein altes, 
auf Moses Hand zurückgeführtes Verzeichnis als Vorlage diente. Aber 
sei es nun, dafs P selbst schon die alte Vorlage erweiterte und zum 
Teil etwas umänderte, sei es, dafs sie von einem seiner Nachfolger 
Änderungen erfuhr: in seiner heutigen Gestalt ist Num. 33 nicht das 
ursprüngliche, authentische Stationenverzeichnis, wie P es vorfand. Denn 
es stimmt in seinem heutigen Bestand wie zu den anderen Erzählern, 
so auch zu P nicht. Die Ankunft in Qadesh tritt im Verzeichnis, so 
wie es heute lautet, erst am Ende des Zuges auf*. Wenigstens scheint 
es so, denn ein längerer Aufenthalt dort ist nicht angegeben, und es 
sind bis zum Jordan nur noch neun Stationen, während schon einund- 
zwanzig vorangingen. Dagegen ist der in P so wichtige Aufenthalt in 
der Wüste Paran-Sin, wozu Qadesh gehört, gar nicht genannt. Dies 
beweist, dafs P das Verzeichnis weder verfafst, noch, so wie es dasteht, 
benutzt hat. Vielmehr ist dasselbe stark durch die Hand von R ge- 
gangen, welcher (neben einzelnen Zusätzen) besonders bei V. 36 f. stark 
gekürzt oder geändert hat. Er hat entweder die Stationen nach 
Qadesh Aveggelassen oder Qadesh an eine bedeutend spätere Stelle im 
Text gesetzt, als die Vorlage angab, um das Verzeichnis mit dem Er- 
zählungskomplex des Pentateuch in seiner heutigen Zusammenstellung 
in Einklang zu bringen ^. So entsteht der Schein, als wäre Israel erst 
so spät nach Qadesh gekommen, während doch E J und P es früher 
dort (bzw. in Paran) eintreffen lassen. 

Es geht daraus hervor, dafs Num. 33 uns über die Lagerstätten 
Israels in der W^üste keine ganz zuverlässige Auskunft mehr erteilt, 
da es zwar auf eine alte mit ihren vielen Namen ursprünglich höchst 
wertvolle Vorlage zurückgeht, wir dieselbe aber heute nicht mehr rein 
und nicht mehr in der Ordnung des Originals besitzen. Dazu bieten 
gerade die im erzählenden Text des Pentateuch nicht genannten Namen 
hinsichtlich ihrer Erklärung die gröfsten Schwierigkeiten ^. 



1) Num. 21, 12f. 18b— 20. Deut. 10, 6. 

2) Num. 33; vgl. oben S. 209. 

3) Num. 33, 1—4; vgl. V. 2. 

4) Num. 33, 36; vgl. Y. 37. 

5) Vgl. dazu oben S. 209 und 200. 

6) S. hierüber Dillmann, NuDtJo. zu Num. 33: im übrigen vgl. noch Riehm 
im HWB , Art. Lagerstätten. 



11. l)ev liist. Gehalt, i^ 2:;. Das AT. für sieb, '^15 

Geringe Klarheit besitzen wir tiucli über die numerische Stärke 
der aus Ägypten ziehenden und in Kena'an eindringenden Söhne Israel. 

Die von P angegebene Ziffer von (iüOOÜO Waffenfähigen *, welche 
auf eine Gesamtzahl von 2 — 3 Millionen Seelen schliefsen Heise, ist 
entschieden zu hoch gegriffen. Die Verhältnisse Israels selbst so gut 
wie diejenigen Gosheus und der Wüste lassen darüber keinen Zweifel ^. 
Leider ist durch K um der Einheit willen die auch in E angegebene 
Zahl ^, welche gewifs niedriger lautete, gestrichen. So ist man auf 
blofse Vermutung angewiesen , für welche sich einzig im Deboralied * 
ein Anhaltspunkt ergiebt. Doch wird man erheblich höher greifen 
düi'fen. 

Endlich ist auf das Wüstenheiligtum Moses ein BHck zu werfen. 
Die eingehende von P entworfene ^ Schilderung eines kostbaren Stifts- 
zeltes, welches die heilige Lade bergen sollte, kann nicht wohl histo- 
risch sein, weniger wegen der Unmöglichkeit einer so kostbaren und 
kunstreichen Ausführung des Zeltes '', als weil wir aus der Darstellung 
von E noch einen Einblick in die viel einfachere Beschaffenheit des 
mosaischen Wüstenzeltes gewinnen ^. Auch E weifs, dafs das Zelt aus 
dem Schmucke der Israeliten, also in einer gewissen Kostbarkeit her- 
gestellt war, aber es bleibt doch ein gewöhnliches Zelt, kein Kunst- 
und Prachtbau. Dies ist der geschichtliche Thatbestand **. Die Be- 
schreibung in P entspricht der A'^orstellung, welche mau sich in späterer 
Zeit — wohl auf Grund der Anschauung an den allmähhch immer 
kostbarer gewordenen Heiligtümern — vom heihgen W^üstenzelt der 
Mosezeit gebildet hatte. Das eigentliche Heihgtum aber, an dem Jahves 
Gegenwart dem Volke offenbar wurde, scheint schon in der Mosezeit 
die heilige Lade gewesen zu sein '■*. Sie entspricht den Laden anderer 



1) Ex. 12, 37. Num. 1 f. (11, 21 RV). 

2) S. Schieiden, Die Landenge von Sues, S. 186 Ö. ; Nöldeke, Unters., S. 115; 
Reul's, L'histoire sainte, p. 85 sqq. ; Dillmann, NuDt Jo. , S. 5 ft. Doch vgl. auch. 
Ewald, Gesch. Isr.^ II, 276 ff.; Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 19«. 

3j Ex. 12, 37. S. oben S. 186. 

4) Jud. 5, 8: „4()0üU in Israel", iiämlicb Kriegstüchtige. 

5) Ex. 25 ff. 

6) S. die Litteratur von Vater und de; Wette an bis auf Graf, Colenso und 
Kueneu bei Dillmann, ExLev. , Ö. 269 und in den Realwörterb. : anderseits bes. 
Riggenbach, Die mos. Stiftshütte- (1867). 

7) Ex. 33, 6 ff. Die Verfertigung ist zwischen V. 6 und 7 (wegen Ex. 25 ff. 
31 ff.) ausgefoUen. Vgl. Num. 10, 33 ff. 

8) Eine Analogie s. bei Diod. Sic. 2(.t, 65: die ftod oy.i,v>] tler Karthager. 

9) Num. 10, 33 ff. 



210 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteazug. 

Völker. Wie sie noch in späterer Zeit als Gewähr der Gegenwart und 
Hilfe Gottes Israel in den Kampf begleitet, so zieht sie schon in Moses 
Zeit vor dem Volke her. Nur enthält sie nicht nach Art jener heid- 
nischen Laden ein Jahvebild oder einen heiligen Stein ', wovon sich 
keinerlei Spur erhalten hat, sondern die zwei Gesetzestafeln. 



i^ 24. 
Fortsetzung. Mose nnd seine Religion. 

1. Mit Absicht ist im vorigen Paragraphen der Name Mose im 
ganzen vermieden und nur gelegentlich genannt. Die Tradition fülut 
aber bekanntlich das Werk der Befreiung Israels, seiner Führung durch 
die Wüste wie seiner religiösen Gestaltung, auf ihn zurück. Die ge- 
waltige und entschlossene Persönlichkeit Moses ist ihr der Retter Is- 
raels, der Stifter seines Volkstums, der profetische Gründer der israeli- 
tischen Rehgion. Stehen wir auch damit auf geschichtlichem Grunde, 
oder hat die dichtende Sage diese Figur aus sich selbst gebildet und 
als leuchtende Erscheinung an die Spitze der Geschichte der Nation 
gestellt ? 

Es hat sich erwiesen, dafs die Geschichte des Auszugs und der 
Wüstenwanderung wenigstens eine Reihe von Hauptdaten darbietet, die 
als geschichtlich gesichert festgehalten werden dürfen. Israel hat 
Ägypten verlassen, ist durchs Rote Meer zum Sinai gezogen, hat dort 
seine spätere Gottesverehrung und Lebensordnung erhalten und ist so- 
dann nach Qadesh und danach an die Ostgrenze Kena'ans weiter ge- 
wandert. Ja wir besitzen noch einige Dokumente, welche ihren Ur- 
sprung auf diese kurzweg die mosaische Zeit genannte Periode der Wü- 
stenwanderung, aller Wahrscheinlichkeit nach mit Recht, zurückführen. 
Nun enthält von jenen alten Dokumenten freilich nur eines ^ den Na- 
men Moses selbst. Doch ist dieses eine schon, bei der Kargheit der 
ältesten Nachrichten, von Gewicht. Dazu bringen die Berichterstatter 
wie das ganze nationale Werk jener Tage, so besonders einen Teil 
jener Dokumente, in die nächste Beziehung zu Mose. Auch einige der 
früheren unter den litterarisch thätigen Profeten ^ wissen , auch Avenn 



1) So Seinecke, Gesch. Isr. I, S. 165 f.; Stade, Gesch. Isr. I, S. 44H. 457; Meyer, 
Gesch. d. Altert. I, S. 358. 

2) Der Bericht über die Amaleqiterschlacht Ex. 17. 

3) Hos. 12, 14. Micha 6, 4; vgl. Jer. 7, 25. Jes. 63, 11. 



II. Der liist. (lehalt. § 24. Mose und seine Religion. 317 

sie nicht geradezu den Niinien nennen, die Erhebung der alten Zeit 
sich nicht anders als in Verbindung mit Moses Person zu denken. 

Die Geschichtlichkeit der Person Moses wird aber durch eine Er- 
wägung allgemeinerer Art vollends zur (iewil'sheit erhoben. Stehen die 
Ereignisse jener Zeit im allgemeinen fest, so fordern sie selbst zu ihrem 
X'^erständnis eine Persönlichkeit ähnlicher Art, wie die Quellen sie in 
Mose darbieten. Allem nach ist Israel in Ägypten nichts weniger als 
eine Nation: gerade sie muls erst geschaffen werden. Den unter- 
drückten und geknechteten Massen, die in Gefahr sind, das eigene 
Selbst zu verlieren, mufste erst der Geist der Zusammengehörigkeit und 
der Selbstbehauptung wieder eingehaucht werden. Ein solches Werk 
vollzieht sieh nicht von selbst. Es geschieht nur, wenn als treibende 
Kraft eine die andern überragende, den Gedanken des Volkstums mit 
heiliger Begeisterung in ihnen zur Flamme entfachende Persönlichkeit 
hinter der Masse steht. Beim Auszug ist Israel ein Volk geworden. 
Mose hat es dazu gemacht. Ohne ihn blieb Israel, was es war. 

Dazu kam vollends der Auszug selbst und die Ereignisse am Sinai. 
Der Zug aus Ägypten und durch die Wüste, der Kampf mit den nach- 
setzenden Ägyptern und widerstrebenden Amaleqitern und was alles 
sonst die Wüste bringen mochte, sind Dinge, die eine feste einheitliche 
Leitung voraussetzen. Der ungeordnete Haufen hebräischer Geschlech- 
ter, welchen Mose in Ägypten vorfand und der sich ihm anschlofs, 
hätte das von sich aus nicht vermocht. Es bedurfte dazu eines Füh- 
rers, der imstande war, die Menge zu beherrschen, die widerstreben- 
den Elemente zusammenzuhalten, die zagenden aufzurichten, dem Feinde 
zu wehren, den Streit zu schlichten — kurz eines genialen Leiters, eines 
umsichtigen Feldherrn und Richters , eines entschlossenen , wagenden 
Patrioten an der Spitze des neugeschaffenen Volkes ^ 

Endlich die religiöse Neubildung in Israel, wie sie an den Aufent- 
halt in der Wüste sich knüpft, die neue Gottes- und Rechtsoffenbarung, 
läfst sich noch Aveniger als die vorhin genannten Ei'rungenschaften jener 
Zeit loslösen von einer eigenartig gotterfüllten, profetischen Persönlich- 
keit. Bahnbrechend neue Gebilde auf dem Gebiete der Religion und 
Sitte vollziehen sich am allerwenigsten spontan aus den Tiefen des 
Volkslebens heraus. Sie schlummern hier, aber sie steigen nicht auf, 
ohne dafs ein von ihnen in seinem innersten Wesen erfafster Geist sie 
in sich vorfindet, ergreift, erkennt und verkündet und so zum reli- 
giösen und moralischen Heros, zum Profeten seines Volkes wird. Der 
Name Mose thäte nichts zur Sache. Hätte die Sage den Träger des- 

1) S. Duncker, Gescli. •'. Alertt."' I, S. oÜTf. 



318 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteiizug. 

selben frei erschaffen, so mülste ein anderer seine Stelle ausgeiüllt 
haben. Aber da er gut bezeugt, dazu Avohl nicht einmal hebräischen 
Klanges ist ^, haben wir allen Grund, ihn festzuhalten. 

2. Ist also Mose geschichtliche Person, so darf er als solche zn 
allermeist um seiner religiös - morahschen Schöpfung willen gelten. Sie 
ist das Grrofsartigste , Fruchtbarste und Bleibendste, was Mose hervor- 
gebracht hat. Aus ihr ist später die Einheit des Volkes, welche unter 
der Macht seiner Persönlichkeit und dem Druck der Ereignisse jetzt 
vorläufig geworden war, zu einer gewissen Dauer und Haltbarkeit er- 
wachsen. Auf ihr hat sodann das Staatsleben Israels sich aufgebaut. 
Und wurde das letztere bald wieder zerstört — sie hat sich erhalten. 
Sie hat in den erschütternden Schicksalsschlägen , welche die Jahr- 
hunderte der Geschichte über Israels Volkstum brachten, dieses lange 
kräftig und bis heute, wenn auch vielfach entartet und entstellt, wenig- 
stens notdürftig am Leben erhalten. Sie hat, während längst der Staat 
dem Untergang geweiht, das Volk der Zersplitterung und unfruchtbaren 
Sonderbestrebungen preisgegeben war, neue lebenskräftige und welt- 
bezwingende Triebe gezeitigt. 

Wie erklärt sich dieses Rätsel der Geschichte? Ganz gewifs nicht 
durch das Bestreben Moses, eine Weltrehgion zu stiften. Aber auch 
nicht durch die besonders günstigen Schicksale und Verhältnisse, welche 
seinem Volke und seiner Stiftung vor andern geblüht hätten. Denn 
die äufseren Verhältnisse waren in andern Völkern, deren Machtstehung 
ungleich gröfser oder deren Einflufs auf andere der Verbreitung und 
Verewigung ihrer Religion viel günstiger war, ungleich mehr dazu an- 
gethan. Warum also hat der Glaube des Nillandes, warum der Meso- 
potamiens, warum haben die Religionssysteme der Philister und der 
nieerbefahrenden Kena'anäer nicht dieselbe Bedeutung erlaugt? Es 
mufs von Anfang an in der Religion Moses etwas gelegen sein, was 
sie zu einer besonderen Entwickelung befähigte. Es mufs in ihr die 
Kraft gelebt haben, trotz ungünstiger Verhältnisse, trotz der Schwäche 
und des Zusammenfalls der Nation, ja alle ihr ungünstigen Faktoren 
schliefslich überwindend und in ihren Dienst ziehend, sich zu solcher 
Macht und Pracht, zu solcher Reinheit, Kraft und Höhe zu entfalten, 
wie wir sie später vor uns sehen. Das heilst: Mose selbst schon mufs 
seinem Volke etwas gegeben haben, das seinen Glauben über den der 
andern Völker — der Heiden — hinaushob, ihn reiner, fruchtbarer, 



1) S. schon Josephus Arch. II. 9, G. c. Ap. 1, 31; richtiger aber Lepsius, 
Chrono!. I, S. 326 ; Ebers, Durch Gosen-, S. ö39. 



II. Der bist. Gehalt. § 24. Mose und seine Religion. 319 

«ntwickelungskrät'tiger machte. Was dies war, werden wir zu fragen 
haben. 

jMan hat mehrfach in neuerer Zeit \ an ältere N'orgänger •^ an- 
schUefsend, sich bemüht, den Nachweis zu erbringen, dais der sogen, 
ethische Monotheismus Israels, wie die Profeten seit Arnos und Hosea 
ihn zum vollendeten Ausdruck bringen, nicht die Religion der mosai- 
schen Zeit, sondern ein Erzeugnis eben jener, dann im engeren Sinne 
die profetische Zeit genannten, Periode der schreibenden Profeten ge- 
wesen sei. Aus dem sogen, vorprofetischen , jener Periode vorangehen- 
den, Gottesglauben Israels habe sich mit Notwendigkeit unter dem Ein- 
flufs der Weltereignisse der profetische Glaube in seiner Reinheit ent- 
wickelt. 

Nun wird man schwerlich leugnen können, dafs allerdings der 
Glaube der alten Zeit, so auch derjenige Moses, nach manchen Rich- 
tungen hin anderer Art war und noch unentwickeltere Gestalt zeigt als 
derjenige jener profetischen Epoche. Der Begriff der Welt und des 
Weltreiches, wie ihn jene Profeten in erschütternder Weise unter den 
erbarmungslosen Hammerschlägen des Schicksals kennen lernten, war 
Mose'^und seiner Zeit fremd. Was ein Weltreich und ein Weltherrscher 
war, lehrte erst Assur. Jetzt erst stellten die Profeten dem irdischen 
Grofskönig den überirdischen Allkönig, Jahve den Weltbeherrscher, und 
dem Weltreich das Gottesreich gegenüber. Und sind Weltreich und 
Welt noch aufser Moses Gesichtskreis, so auch der Gedanke an die 
göttliche, die sittliche W^eltordnung , die alles in der Welt bewegt und 
auf das Gottesreich zusteuert. Erst an dem Widerstreit von Ideal und 
Wirklichkeit, an der grimmen Not der Zeit, lernen die Profeten in 
dem Ringen nach Harmonie und nach Ausgleichung der herben, für 
Israel trostlosen Wirklichkeit mit der Idee ihres Gottes diese Erfahrung 
machen. Sie erfinden jenen Begriff des Gottesreiches und der mora- 
lischen Weltordnung nicht, aber sie entdecken ihn, sobald sie die Fäden 
ihres überkommenen mosaischen Glaubens zusammenfassen und das Bild 
ihrer veränderten Zeit darein verweben. 

Aber es ist anderseits auch nicht berechtigt, die Erkenntnis dieses 
Fortschritts, welcher in der Entfaltung der mosaischen Gedanken durch 
die Profeten gemacht ist, dahin auszubeuten, als wäre die ältere Zeit, 



1) Kuenen, Godsdienst van Israel ; Duhni, Theologie der Profeten ; Wellhausen, 
Abrifs ; Stade , Gesch. Isr. : Kuenen , Volksreligion und Weltreligion (Berlin 
1883). 

2) Besonders Vatkes bibl. Theol. I. S. die übrige Litteratur bei König, Die 
Hauptprobleme der altisr. Religionsgesch. (1884), S. 2f. 



220 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

so auch die Zeit Moses, eine Periode der blofsen Naturreligion gewesen 
und als hätte Mose selbst nichts anderes geleistet, als dal's er auf das 
gemeinsam semitische Heidentum, das er im übrigen unverändert bei- 
behielt, den Namen Jahves übertrug ^ Wäre dies der Fall, wäre 
Moses Religion nur im Namen Jahves geübtes gemeinsemitisches Heiden- 
tum gewesen, so erklärten sich weder die Wirkungen der Religion in 
Israels alter Zeit selbst, noch die oben besprochene mächtige Entfaltung 
derselben. Denn es liefse sich dann nicht erkennen, weshalb nicht 
Kemosh oder Ba'al, oder Amon-Ra' und llu dem Jahve den Rang 
streitig zu machen imstande waren. 

Die hier zurückgewiesene Meinung übersieht zwei Punkte. Einmal 
nämlich, dafs jene Profeten, so gewifs sie sich bewufst sind, Israels 
alten Glauben den neuen Verhältnissen anzupassen, doch nichts anderes 
sein wollen, als die Erhalter und Erneuerer eines alten in ihrer Zeit 
nur vergessenen und beiseite gesetzten, nicht aber die Gründer eines 
neuen Glaubens ^. In ihren wichtigsten W^ahrheiten, die sie verkünden, 
wissen sie sich im Einklang mit der dem Volke bekannten und längst 
ihm verkündigten Tora Jahves ^. Sodann aber kann ich es nicht für 
richtig halten, wenn neuerdings vielfach die ganze vorprofetische Pe- 
riode als einheitliche Grofse zusammeugefafst und der profetischen Pe- 
riode gegenübergestellt wird. So gewifs anzuerkennen ist, dafs Israel 
in den Zeiten der Richter und der ersten Könige in vielen Stücken 
Elemente der kena'anäischen Naturreligion sich zu eigen gemacht hat, 
so ist es doch nicht berechtigt, zu ignorieren, dafs jene Zeiten der 
mosaischen gegenüber vielfach einen Niedergang bedeuten. Der Auf- 
schwung der Moseperiode, die unleugbar in derselben lebende originale 
Kraft und Begeisterung einer grofsen schöpferischen Zeit wird aber 
ganz vergessen, wenn der Volksglaube und die Institutionen der Zeit 
nach Mose zum Mafsstab der sogen, vorprofetischen Periode genommen 
werden und man sodann die mosaische Zeit nach der Analogie jener 
letzteren darstellt. 

Die mosaische Zeit und Moses Werk müssen vielmehr aus sich 
selbst und von den in ihnen lebenden Kräften aus verstanden werden. 



1) S. gegenüber Älteren wie Kaiser, Daumer, Ghillany u. a. Dillmann, Über 
den Ursprung d. Alttest. Relig. 1865 ; ferner aus neuerer Zeit König, Hauptprobl., 
S. 7 ff. 

2) S. König, Hauptprobl., Ö. 14 f. 

3) Vgl. Aussprüche wie Am. 2, 4: Juda verschmäht Jahves Tora; Hos. 2, 15: 
Israel hat Jahve vergessen: 4, 6: es hat die Tora seines Gottes vergessen: M, 12: 
Jahve hat Israel Torot in Menge vorgeschrieben ; Mi. 6, 8 : dem Mensehen ist ge- 
sagt, was Jahve fordert. 



II. Der bist. Gelialt. § 24. Mose und seine Roligiou 281 

Hierzu können uns nur die freilich spärlichen, aber doch ausreichenden 
Quellen der mosaischen Geschichte den Schlüssel bieten. Für unsere 
Frage ist der mosaische Dekalog entscheidend. Aus ihm raufs das 
Eigentümliche der Religionsstiftung Moses zu entnehmen sein. 

Der Dekalog, wie wir ihn heute besitzen, ist reichlich mit kom- 
mentierenden Zusätzen und Erweiterungen versehen. Die zehn Worte, 
wie sie auf den Steintafeln standen, mögen gelautet haben ^: 

1. 

Ich bin Jahve dein Gott [der dich aus Agyptenland geführt hat]. 
I. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. 
II. Mache dir kein Götterbild. 

III. Führe den Namen deines Gottes Jahve nicht zum Betrug im 
Munde. 

IV. Gedenke des Sabbattags, ihn zu heiligen. 
V. Ehre ^"ater und Mutter. 

2. 

VI. Morde nicht. 
VII. Brich nicht die Ehe. 
VIII. Stiehl nicht. 
IX. Rede nicht Lügenzeugnis gegen deinen Nächsten. 
X. Begehre nicht das Haus deines Nächsten. 

Das Programm der neuen Religion liegt in dem Satze, der die 
zehn Worte einführt: Ich bin Jahve dein Gott -. Es ist angesichts 
dieser Einführung des Dekalogs und angesichts der übereinstimmenden 
bestimmten Behauptung ^ des entgegengesetzten Thatbestandes durch E 
und P wie durch die Profeten * schwer glaubhaft, dafs der Name Jahve 
schon vor Mose in Israel sollte existiert haben •'*. Der einzige mit Jahve 
zusammengesetzte Name aus älterer Zeit, derjenige von Moses Mutter 
Jokebed, scheint mir am wenigsten dafür zu verwenden. Denn bei 
der Unklarheit seiner Bedeutung " liegt die Möglichkeit zu nahe , dafs 

1) Vgl. Ewald, Gesch. Isr.^* II, S. 231; Vatke, Einl., S. 338. Vatke streicht 
Nr. II und setzt die Überschrift als Nr. I, mufs aber dann störenderweise die 
zweite Tafel mit Nr. V anfangen. 

2) Besonders, aber zu ausschliefslicb, betont dies Wellhausen, Abrifs, S. 9 ff. 

3) Ex. 3, 14; 6, 3. Die Übertragung de? Namens in die l'rzeit bei J ist 
nicht Theorie, sondern naive Geschichtslosigkeit. 

4) Hos. 12, 10; 13, 4. Ez. 20, 5. 

5) So Thohu'k, Üb. d. Ursprung d. Nam. Jahve (Verm. Sehr. 18(57), S. 201 ; 
Nestle, Isr. Eigennam., S. HO; Kuenen, Godsd. I, S. 27t). 

G) S. Nestle, Eigennam , S. 77. 



222 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteuzug. 

er eine s}3ätere Umbildung im Sinne des neuen Gottesglaubens erfah- 
ren hat. 

Die Bedeutung des Kamens Jahve ist nicht übereinstimmend er- 
mittelt. Unter allen Umständen Avird man kein Recht haben, sie aufser- 
halb des hebräischen ^ oder gar des semitischen ^ Sprachgebietes zu 
suchen. Aber auch innerhalb desselben bleibt die Wahl zwischen den 
zwei Haupterklärungen, derjenigen, welche in dem Worte eine Qal- ^ 
und derjenigen, welche in ihm eine Hif'ilform ^ erkennen will. Die 
erstere würde die Bedeutung: der Seiende, die zweite den Begriff des 
Seinschaffenden , des Schöpfers ergeben ^. In beiden Fällen ergiebt 
schon der Inhalt des für Gott gewählten Namens eine erhebliche, und 
zwar zugunsten Israels ausfallende Verschiedenheit zwischen den Gottes- 
namen der Nachbarvölker und dem Israels. Ba al Molek Milkom u. s. w. 
drücken alle nur das Bewufstsein der Abhängigkeit aus ; der verehrende 
Mensch ist zugleich der dienende Sklave. Nun heifst freilich Jahve, 
wie jeder Gott, auch oft genug der Herr. Aber das Wesentliche seines 
Verhältnisses zu Israel, wie es der Hauptname ausdrückt, ist nicht die 
beherrschende J\Iacht und herrische Gewalt, sondern die fördernde Hilfe. 
Darin ist schon die erste Grundlinie des Gedankens gegeben, dafs Is- 
rael Gottes erstgeborner Sohn ist^, dafs Gott Israel liebt. Schon der 
Name Jahve hob, in seiner Tiefe gefafst, über die Naturreligion hinaus. 
]\Iochte immerhin Israel si)äter oft genug ihn wie einen der übrigen 
Götternamen ansehen ^ und selbst mit Ba'al vertauschen, so hatte es 



1) So llartmauu, Laud, Movers, Lenoruiant : ferner Delitzsch, Paradies, S. 158 fl".; 
Schrader, KAT.l S. 23 ff. 162 ff. S. dagegen Baudissin, Studien I, S. 222 ff. ; 
Nestle, Eigennam., S. 83 f.; Dillmanu , ExLev. , S 34; Philippi in Ztscbr. für 
Völkerpsych. 1883, S. 175ff. 

•2) Vatke, Bibl. Theol , S. 072; J. G. Müller, Die Semiten in ihr. Verh. zu. d. 
Indog, S. l(;3ff. ; K.lth, Gesch. uns. abeudl. Phil. I, S. 140. 

3) Dillmanu, ExLev., S. 33: Delitzsch in PRE '^ VI, S. 5()3 : Mühlau- Volck, 
Lex.io, s. 32G. 

4} Lagarde, ZDMG. XXII, S. 33Uf.: Psalter, juxta Hebr. Hier., p. 153sq. ; 
Schrader, ZDMG. XXXIV, S. 404 und in Schenkels Bib. Lex., Art Jahve: Bau- 
dissin, Stud. I, S. 229; Nestle, Eigennam., S. 89. 91 ff. 

5) Ich ziehe die zweite Bedeutung der ersten, mir zu abstrakt scheinenden, vor 
(s. m. Bem. im Lit. Centr. Bl. 1881, Sp. 171). Die Bedeutung „Fäller" vermutet 
neuerdings Stade, Gesch. Isr. I, S. 429; vgl. schon bei Nestle, Eigeun., S. 92. 

6) Ex. 4, 22 

7) S. die nächste Anni. Dal's Israel sich zu Jahve ganz in dasselbe Verhält- 
nis setzte, wie Moab zu Kemosh, 'Amnion zu Milkom u. s. w. (Kuenen, Godsd. I, 
S. 222: Stade, Gesch. Isr. I, S. 5. 113. 429 und bes. Meyer, Gesch. d. Alt. I, 
S. 372), ist damit nielit gegeben. S. König, Hauptpr., S. 39. 



II. Der bist. Gehalt. § 24. Mose und seine Religion. 323 

oben seinen Sinn vergessen. Im Sinne Moses mufs der Name mehr 
bedeutet haben. 

Nock höher hebt das Verbot, andere Götter neben Jahve zu ver- 
ehren, Israels Gottesglauben über den anderer V()lker empor. Ob Mose 
die Existenz anderer Götter neben Jahve geglaubt hat, wissen wir 
nicht; er spricht sich darüber nicht aus. Das nachmosaische Israel hat 
es zum Teil gethan ^ Es läl'st sich eben daher auch nicht sagen, ob 
Mose den absoluten oder den relativen Monotheismus, die Einzigkeit 
Gottes im strengen Sinne oder die blolse Einzigartigkeit, mit diesem 
Gebote verband. Trotzdem steht er auch mit ihm weit über den ihn 
umgebenden Rehgionen. JMag auch in ihnen ein einzelner Gott die 
erste Stelle als Hauptgott den anderen gegenüber behaupten : überall 
duldet er jene neben sich. Jeder derselben hat teils das ihm ent- 
sprechende weibliche Prinzip , teils ihm untergebene Untergötter neben 
sich. Jahve allein schliefst jeden Gott neben sich aus ^. Der Poly- 
theismus und dessen überall sich tindendes Korrelat, die Naturreligion, 
sind damit im Prinzip überwunden. 

Israel ist Jahves Volk. Es erhält von ihm Hilfe im Krieg ^ und 
in den Segnungen der Natur *. Doch kann die Hilfe auch ausbleiben, 
Avenn Israel Jahves Zorn aiif sich gezogen hat ^. Es erhält ferner von 
ihm seine Tora, die Kundgebung seines Willens. Im Namen Jahves 
spricht Mose Eecht '^ und giebt er Gesetze. Auch dies mag bei andern 
Völkern sich finden. Auch ihnen sind die Götter nicht allein Spender 
des Lebens und Segens, sie können selbst die Wächter des Rechts und 
der guten Sitte, die Rächer menschlicher Schuld sein. Die Assyrer 
haben schon in relativ früher Zeit ergreifende Bufspsalmen gesungen. 
Aber es kommt doch alles auf den Inhalt der Gesetze und des Rechtes 
an. Das Gesetz, wie es Mose offenbart, bringt das Gute reiner, keu- 
scher, vollendeter zum Ausdruck als Recht und Sitte der Nachbarn. 
Und mag es seinen Satzungen nach dem ägyptischen Totenbuche noch 
so verwandt sein ^: es atmet einen anderen Geist, den Geist echter 



1) Besonders Hiebt. 11, 24. 1 Sa. 2(u li)f. S. hierüber besonders Baudissin, 
Studien I, S. 55 ff. 

2) So auch Stade, Gesch. Isr. I, S. 438. 

3) Ex. 14f. (Rieht. 5). Ex. 17; die ,, Kriege Jahves". 

4) Ex. 14, 21 (ai"!"? m"li; ferner die Versorgung in der Wüste, die Kint'üiirung 
nacli Kena'an. 

5) Num. 14; s. oben S. 209 f.. 
G) Ex. 15, 2(5 vgl. Jos. 24, 25. 

7) Ebers bei Riehm, HWB , S. 322a; Dillmann. ExLev., S. 2(>(;. 



334 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose uml der Wüstenzuf». 

Frömmigkeit, wahrer Menschlichkeit, edler Würde, Freiheit und Men- 
schenachtung \ 

Man streitet, ob der Begritf der sittlichen Heiligkeit Jahves dem 
Mosaisraus bekannt sei, weil spätere Zeiten vielfach seine Heiligkeit 
als physische Eigenschaft, als verzehrende Macht und Unnahbarkeit 
verstanden haben ^. Jedoch der Sache nach kann — mag der Begriff 
selbst noch gefehlt haben — eine Religionsstiftung nicht ferne von jener 
Art der Heiligkeit Gottes gewesen sein, in welcher Grott selbst nach so 
vielen Seiten hin der Urheber und Wächter nicht allein des vermeint- 
lich Guten, sondern des wirklich Guten und sittlich Reinen, d. h. des 
Heiligen ist. Ist auch Mose der Begriff der sittlichen Weltordnung 
noch nicht erschlossen: den der sittlichen Volksordnung kann man 
ihm nicht bestreiten. — Man ist ferner uneins darüber, ob JVIose schon 
die Idee des Bundes, den Jahve mit Israel geschlossen habe, sollte er- 
fafst und seiner Zeit erschlossen haben ^. Auch hier mag es immerhin 
sein, dafs der Gedanke eines auf Gegenseitigkeit der Verpflichtungen 
ruhenden Vertrages erst der Reflexion späterer Zeiten entstammt. Aber 
die Sache selbst, der Thatbestand einer am Sinai vollzogenen Bund- 
schhefsung, deren Bundesakte das „Buch des Bundes '' war, ist uns 
doch zu deutlich überliefert ^, als dafs sie einfache Übertragung späterer 
Ideen auf die alte Zeit sein könnte. War auch der Begriff' berit zu 
Anfang gar nicht im Sinne eines Vertrages, sondern einfach im Sinne 
einer von einem Teile, von Gott, gegebenen Festsetzung gedacht, so 
war doch die Fortbildung zu dem im AVorte berit mitenthaltenen Ge- 
danken der gegenseitigen Verpflichtung naheliegend. Sie konnte sich 
von selbst, und nach kena'anäischer Analogie nicht erst in der profe- 
tischen Zeit, vollziehen^. Man darf annehmen, dafs der Begriff ba'al 
berit eher von Israel zu den Heiden als umgekehrt von jenen zu Israel 
überging. 

Steht damit der Jahve Moses nach so vielen Seiten über den ge- 
wöhnlichen Volksgöttern der Nachbarstämme, so kann es schlielslich 
auch nicht befremden, ihm schon durch Mose die Bildlosigkeit zuge- 



1) S. m. Sehr. Sittliche Fragen (1885), S. 131. 

2) Kuenen, Volksrelig. und Weltrelig., S. 115; Stade, Gesch. Isr. I, S. 4.»3 f. 
Auf der anderen Seite Bredenkamp, Ges. und Prof., S. 41 ff, König, Hauptpr , 
S. 80 ff. 

3) Wellhausen, Gesch Isr.', S. 434 f. : Prol.^ S. 443 f., Abrifs, S. 44. Ander- 
seits Bredenkamp, Ges. und Prof., S. 21ff. ; König, Hauptpr,, S. 84 ff". 

4) Ex. 24, 4 ff. 

5) S. Baethgen in Theol. Lit. Z. 18«7, Nr. 4. 



II. Der bist. Gehalt. § '24. Mose und seine Religion. 335 

schrieben zu sehen '. Man hat gerade dieses Stück des Dekalogs am 
meisten bezweifelt '■'. Besonders hat man sich auf die unleugbar in 
nachmosaischer Zeit lange mehr oder minder unbeanstandet geübte 
Verehrung Jahves im Bilde berufen ^. Allein die durch den letzteren 
Umstand geschaffene Schwierigkeit wird mit der Streichung des Bilder- 
verbotes aus dem Dekaiog nicht gehoben. Das Zentralheiligtum, wie 
wir zu Salomos, Davids und Elis Zeit es kennen lernen, hat ohne allen 
Zweifel kein Jahvebild besessen *. Jene Zeiten müssen also das Bildei'- 
verbot gekannt haben. Und doch finden wir trotz des Verbots in der 
Richter- und Königszeit die Neigung zum Bilderdienst. Sie schafft sich 
endlich im Nordreiche seit Jerob'am I. ihre bleibende Stätte, so sehr, 
dafs selbst Elias und Elisa im Kampf gegen den Fremdkult diesen 
illegitimen Jahvekiüt noch dulden müssen, ^^'^enigstens ist uns von 
ihnen keine Aufserung gegen ihn bekannt. Dies beweist zur Genüge, 
dafs aus dem thatsächlich geübten Bilderdienst auf das Nichtvorhanden- 
sein des Verbotes kein Schlufs zu ziehen ist. Dasselbe würde die Ver- 
gleichung des zu Zeiten, selbst durch Salomo, geübten Fremdkultes mit 
dem Verbot der Verehrung anderer Götter belegen. Sucht man ander- 
seits in der Geschichte nach dem Punkte, an dem dieses Verbot hätte 
entstehen können, so wird man notwendig bis in die Zeit Moses 
zurückgeführt. Das Bilderverbot mufs demnach ein Stück seiner Gesetz- 
gebung gebildet haben: Mose will mit ihm den Dienst Jahves in be- 
stimmten Gegensatz zu der im Heidentum üblichen Versinnlichung des 
Göttlichen stellen. Die Erhebung seiner Religion über den polythei- 
stisch-sinnlichen Naturdienst erreicht damit ihren Höhepunkt. 

Fassen wir zusammen, so ist das Eigenartige, was Moses Religions- 
stiftung über die heidnischen Religionen hinaushob, was ihr die Zukunft 
sicherte und sie zum Kleinod Israels und der Menschheit bestimmte, 
darin gegeben: sie weifs ihren Gott nicht als den Gewalthaber, sondern 
als den lebenspendenden Helfer, in dem die Idee der Liebe geborgen 
liegt; sie weifs denselben als den Gott einziger Art, der alle andern 
ausschliefst und birgt darin seine schlechthinige Einheit; sie kennt ihn 
als den Rechtspender und Richter und ahnt in der Ploheit seiner Ge- 
bote und seines Richtens seine Heiligkeit und Bundestreue-, sie erkennt 



1) S. König, Die Bildlosigkeit des legitimen JaUvekultus (IrtHf!); auch dessen 
Hauptpr., S. 5;jff. ; Dillmann, ExLev., S. 20Hf. 

2) Vatke, Bibl. Theol. I, S. 238 f.; Dozy, Die Isr. zu Mekka, S. 38: Kn.'ncn, 
Godsd. I, S. 2n2f. 2.S3ff.: Stade, Gesch. Isr. I, S. 4W. 

3) S. besonders .Stade, Gesch Isr. 1, S. 44J»ff. 

4) Von Stade, S. 46<) wie es .scheint bestritten. 

Kittel, Gesch. d«i- llehriier. lö 



22(» Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteiizug. 

ihn als den Unsinnlichen, Geistigen und vollendet damit den Protest 
gegen die herrschenden Glaubensarten. 

3. Noch ist ein Wort über die Frage zu sagen: woher Mose die- 
sen Glauben schöpfte. 

Die negative Seite derselben ist im Bisherigen erledigt. Darf als 
erwiesen angesehen werden, daft; der Name Jahve nicht aufserhebräischen 
Ursprunges ist, so ist damit auch die Entlehnung der Idee und des 
Dienstes Jahves vom Auslande abgewiesen. Im Ernste konnte es sich 
in dieser Hinsicht nur um Ägypten handeln. Die eine Zeit lang be- 
liebte Meinung, als habe Mose aus der ägyptischen Geheimlehre die 
Idee Jahves aufgenommen ^, bedarf heute keiner eingehenden Wider- 
legung mehr ^. Eher könnte sich etwa fragen, ob nicht Mose aus dem 
Kreise der im weitex-en Sinne hebräischen Stämme den Namen und 
Dienst Jahves autgenommen habe. Man hat in dieser Beziehung daran 
erinnert, dafs Mose seine erste Jahveoifenbarung während .seines Aufent- 
halts bei dem Priester von Midjan erhielt; dafs er auch künitig von 
ihm sich beeinflussen liefs; endlich dafs der Sinai selbst, der Sitz 
Jahves, im Gebiete jenes midjanitisch-qenitischen Wüstenstammes lag ^. 
Doch fehlen gerade darüber, dal's Jahve ursprünglich der Gott der 
Qeniter war, alle Nachrichten'*, was um so befremdlicher ist, da wir 
in einem andern Stücke , der Verfassung Israels , den qenitischen Ein- 
flufs noch in der Tradition verfolgen können °. 

Ist sonach Jahve, der Lebenzeugende, Alleingebietende, Unsicht- 
bare, weder in Israel schon bekannt gewesen noch von aufsen her 
Mose zugekommen — und wenn je, so wäre er es nur dem Namen, 
nicht dem Inhalte des Begriffes nach — , so bleibt nichts übrig, als dafs 
der Jahveglaube in der Weise wie Mose ihn lehrte, im Innei'n der Seele 
des Mannes selbst entstanden ist. Angeregt von aufsen her, sowohl be- 
fruchtet mit einzelnen Ideen des ägyptischen Glaubenssystems als abge- 
stofsen durch die Vielheit, Sinnlichkeit und Unwürdigkeit des ägyptischen 
wie des semitischen Götterwesens, mag er wohl in der Einsamkeit der 
^^'üste das wahre Wesen Gottes gesucht und gefunden haben. Hier 



1) S. die Litterat. bei Chaiitepie de la Saussaye, Religionsgesch. I . S. 313. 
317: König, Hauptprobl., S, 31. 

2) S. Dillmauu, Urspr. d. alttest. Rel. , S. 12 f.; Stade, Gesch. Isr. , S. 131; 
König, Hauptpr., S. 31; Saussayc, Keligiousgesch., S. 317; über die augeblich in 
Ägypten gelehrte Einheit Gottes auch Wiedemann, Agypt. Gesch , S. 492. 

3) von der Alm; Tiele, Vergel. Ge.schied., S. öö.öff ; Compend., 8. 94: Stade, 
-Gesch. Isr. I, Ö. 130 f. 

4) S Baudissin. .Studien !, S. 228. 

5) Ex. 18. 



II. Der bist. Gehalt. § 24. Mo.so und seine Religion. 337 

miifs durch seine Seele ein Gedanke davon geblitzt sein, dal's das 
GröCste, was er seinem Volke geben könne, welches zu retten er ent- 
schlosseii war, die Erkenntnis der Gottheit sei. Er trat damit für sein 
Volk und — unbewufst wohl, aber doch vielleicht die Gröfse seines Stre- 
ben s ahnend, — für die Menschheit in einen Kampf ein, wie er gewal- 
tiger, solange die Welt steht, auf dem Gebiet des Geistes und der Ge- 
sittung nicht gekämpft wurde. 

Wer den Irrwahn und die erniedrigende Knechtung kennt , worin 
das ägyptische Leben — ohne Zweifel aus seiner Gottesanschauung 
heraus — das Volk des Nillandes gefangen hielt; wer vollends die 
das sittliche Gefühl aufs tiefste beleidigende , alle Menschenwürde in 
den Staub tretende Religionsübung der vorderasiatischen Semiten mit 
ihren sinnverwirrenden Orgien bedenkt und damit den Geist der Re- 
ligion Moses vergleicht, kann die Bedeutung jenes Kampfes um eine 
neue Gottesvorstellung ermessen ^ Die Naturreligion mit ihrer die 
Menschen knechtenden, ihre natürliche Freiheit wie ihre sittliche T\'ürde 
vei'achtenden Tendenz mufste den Völkern mehr und mehr das Erbgut 
der Gesittung und IMenschlichkeit rauben. Mose hat mit seiner" Stif- 
tung für sein Volk und die Welt den Weg zur Freiheit und. 
Menschenwürde und zur Entfaltung reiner Menschlich- 
keit erkämpft. 

Wie in Moses Seele jenes neue und erhabene Wissen von Gott 
geriet — dies bleibt das Geheimnis seines grofsen Geistes. Jeder Ge- 
nius auf Erden ist der Geschichte ein Rätsel. Das gröfste ist immer 
der religiöse Genius. Denn aus der Zeitgeschichte läfst sich jede geniale 
Neubildung wohl zu einem Teile, nicht aber ohne Rest erklären. Den 
gröfsten Rest aber, weil sie am tiefsten in die verborgenen Gründe des 
Lebens eingreift, läfst die religiöse Schöpfung. 

Der Historiker steht hier vor einem Geheimnis, das fast einzigartig 
in der Geschichte dasteht. Eine Lösung zeigt sich niir, wenn in jene 
Lücke ein Faktor eingesetzt wird, dessen Recht streng historisch nicht 
mehr zu erweisen ist. Es giebt Punkte im Leben der Menschheit, 
wo die Geschichte in Geschichtsphilosophie übergeht und die Speku- 
lation mit ihrem rückschauenden und deutenden Lichte die sonst 
dunkel bleibenden Gänge des geschichtlichen Prozesses erleuchten mufs. 
Hier ist ein solcher. Nur eine unmittelbare Berührung Gottes 
selbst mit dem Menschen kann die wahre Gotteserkenntnis erzeugen 
oder den Menschen nm einen wirklichen Schritt ihr näherbringen ^. 



1) S. Ranke, Weltge.^ch. I. 1, S. :J7f. 

2) S. Dillmann, Über d. Urspr. .1. altt. Relig., S. 19 ff. 



lö^^ 



338 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteiizug. 

Denn in sich selbst tindet der Mensch nur die Welt und sein eigenes 
Ich. ^Yeder das eine noch das andere giebt mehr als das Heidentum ; 
jenes eine niedere, dieses eine höhere Form desselben. Leuchtete in 
Mose der Gedanke auf, dafs Gott weder die Welt noch das idealisierte 
Bild des Menschen, sondern dafs er der Herr des Lebens und der über 
Vielheit und Sinnenwelt erhabene Öchöpfer der sittlichen Gebote ist, 
welcher den Menschen nicht niederdrückt, sondern ihn adelt: so hatte 
er dieses Wissen nicht aus seiner Zeit und nicht aus sich selbst — 
er hatte es aus unmittelbarer Offenbarung dieses Gottes in seinem 
Geniüte. 



§ 25. 
Die ausländischen Nachrichten. 

Man hat in früherer Zeit viel darauf gehalten, die Beweise für 
die Geschichtlichkeit der Vorgänge unseres Zeitraumes durch auslän- 
dische ^, besonders ägyptische Nachrichten zu stützen. Neuerdings 
dagegen hat man sich mehrfach, und vielleicht in zu hohem Grade 
skeptisch zu jenen Bemühungen gestellt ^. Ich habe den Versuch ge- 
macht zu zeigen, dafs es ausländischer Hilfe zur Stützung der Glaub- 
würdigkeit der mosaischen Geschichte in ihren Grundzügen nicht be- 
darf Um so unbefangener wird sich jetzt der Wert jener aufser- 
israelitischen Kunden beurteilen lassen. Erweisen jene Stützen sich 
morsch, so haben wir keinen Grund, dies zu bedauern; sollte die eine 
oder die andere sich tragfähig zeigen, so kann sie nur zur willkomme- 
nen Bestätigung unserer Ergebnisse dienen. 

Wir haben schon oben ^ gehört, dafs man grofsen Wert darauf 
legte, den Namen der Hebräer in ägyptischen Zeugnissen zu finden. 
Würde dieser Fund sich bestätigen, so wäre er selbstredend für uns 
von der gröfsten Bedeutung. Allein es zeigte sich, dafs die Gleich- 
setzung der ägyptischen 'Apuriu mit unsern 'Ibrim, wenn auch man- 
ches für sie spricht, doch höchst unsicher ist und daher nicht zur 
Stützung der biblischen Nachrichten verwendet werden kann. 



1) Hinsichtlich der späteren aufserbiblischen, besonders jüdischen, Erzählungen 
über Mose vgl. die Abhandlung von L. v. Ranke „Über die Darstellung der Ge- 
schichte des Moses in den Antiquitäten des Flav. Josephus" in dessen Weltgesch. 
III, 2, S. 12 fF. 

2) Stade, Gesch. Isr. I, S. 129; Meyer, Gesch. d. Ah. I, S. 349. 

3) S. oben S. 166 und bes. Wiedein., Ägypt. Gesch., S. 491. 



IJ, Der liist. behalt, i; 2;'). Die ausliiudischen Naclirichtoii. 329 

In noch höherem Grade trifft dasselbe Urteil hinsichtlich des Na- 
mens Moses zu, welchen man ebenfalls in ägyptischen Quellen hat fin- 
den wollen ^ 

Es fragt sich, ob die Sachlage durch die jüngst vorgenommenen 
Ausffrabunffen Ed. Navilles erheblich verändert ist '■^. Dieselben sind 
daher etwas genauer ins Auge zu fassen. Zunächst haben sie jeden- 
falls für die biblische Geographie einen gewissen Ertrag gebracht. 
Hatte man früher fast ^ übereinstimmend das in der mosaischen Ge- 
schichte eine Rolle spielende Pitom an der Stelle des heutigen Teil el- 
Kebir oder etwas südwestlich davon beim heutigen Teil Abu Suloiman ■* 
gesucht, Ra'mses dagegen an die Stelle von Teil el-Maskhuta (Abu 
Keishib) verlegt '\ so hat Naville den Beweis geliefert , dafs Teil el- 
Maskhuta die Stelle des alten Pitom einnimmt ^. Ferner wird man 
Naville kaum widersprechen können, wenn er aus den in Teil el-Mas- 
khuta vorgefundenen Resten von aus Ziegeln erstellten rechtwinkligen 
nach oben offenen Räumen erschliefst, dafs es sich hier um Kornspeicher 
handle, Pitom also in der That den im Exodus ihm zugesprochenen 
Charakter einer Stadt mit Lagerhäusern getragen habe ^. Die Lage 



1) S. Lauth, Moses der Ebräer, 1868, und Moses Osarsyph in ZDMG. XXV 
(1871), S. 139 ff.; vgl. auch noch Moses Hosarsyphos 1879 und Aus Ägypt. Vorzeit 
1881. Dagegen: Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 236. Dillmann, ExLev., S 16. Ebers, 
Gosen'^ S. 561. Orelli in PRE.^ X, S. 305. Wiedemann, Ägypt. Gesch., S. 492. 

2) Ed. Naville, The store-city of Pithom and the route ot' the Exodus 
(2^ edit.), Loud. 1885. Vgl. dazu besonders Dillmanu, Über Pithom, Hero, Klysma 
hl Sitz.-Ber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1885, XXXIX; ferner: Naville, Pithom- 
Heroopolis in Acad. XXV (22. March 1884) ; Brugsch, Pithom und Ramses in Deutsche 
Revue, März 1884; R. S. Poole, Pithom in Acad. XXV (24. May 1884); Ebers in 
Müncii. AUg. Zeitg. 1885, Nr. 110 f. (Beil.) und in Z^itschr f. ägypt. Spr. 1885, 
S. 45ff. ; Lansing, Pithom the treasure city in Mouthly Interpr., Nov. 1885. 

3) Widerspruch erhoben u. a. Brugsch, Hist."^, p. 9. 135 und Dictionu. geogr. 
I, p. 80. Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 205 ff. Ebers. Durch Gosen^ S. 510 (für 
Pitom). 

4) Lepsius, Chronol., S. 345. 357. Ewald, Gesch. Isr.' II, S. 20 f. Schieiden, 
Landenge von Sues, S. 165. 173 f. Dillmann, ExLev., S. 7. Ebers, Durch Gosen*, 
S. 496. 

5) Lepsius, Chronol., S. 345ff. Ewald, Gesch. Isr.'* 11, S. 18. Schieiden, 
Landenge von Sues, S. 175 f. Dillmann, ExLev., S. 8. Ebers, Durch Gosen^ 
S. 514 ff. 

6) S. Naville, Store-city of Pithom, p. 5sqq. und gegenüber Lepsius, Ztschr. 
f. ägypt. Spr. 1883, S 41 ff., ebenda p. 29 sqq. Vgl. dazu Dillmann, Pithom Hero 
Klysma, S. 2 f. 

7) Store city of Pithom, )>. 9 sq. — Lansing a. a. O. widerspricht übrigens, 
da man Getreide luiter freiem Himmel aufbewahrt habe , offene Räume hingegen 



330 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüsteuzug. 

des Ortes an der Ostgrenze Ägyptens und die Thatsache der vielen 
von den Pharaonen unternommenen Feldzüge nach Syrien können diese 
Deutung nur bestätigen. 

Was ist damit für die Geschichte gewonnen'? Wir erhalten die 
Überzeugung, dals der Schriftsteller, welcher uns Pitom nennt, sowohl 
über die Lage, als über die Bestimmung dieses Ortes sehr wohl unter- 
richtet war. Diese Erkenntnis mag Vertrauen zu seiner sonstigen Dar- 
stellung erwecken, mehr aber darf daraus nicht geschlossen werden. 
Er könnte auch Vorgänge sagenhafter Art an historische und ihm be- 
kannte Orte geknüpft haben. 

Doch glaubt Naville die Tragweite seiner Ausgrabungen nicht auf 
diese Berichtigung unserer geographischen Kenntnisse beschränken zu 
müssen. Von Königsnamen nämlich, welche eine Zeitbestimmung für 
die betreffenden Bestandteile der Ausgrabung zulielsen, haben sich bei 
Pitom gefunden : Ramses IL, Sheshonq I. und Osorkon IL Kein Name 
hingegen weist auf einen Herrscher vor der Zeit Ramses IL ^ Wissen 
wir nun ohnehin schon, dafs Ramses II. in diesen Gegenden Bauten er- 
richtete - ; und legt dazu die Bibel mit der Notiz, dafs der Pharao zu- 
gleich mit Pitom eine Stadt Ra'mses baute ^, den Gedanken an 
Ramses IL als Erbauer jener beiden Städte nahe*: so wird man' nicht 
umhin können, der von Naville betonten Thatsache erhebliches Ge- 
wicht beizumessen. Wird sie sich fernerhin bestätigen und werden 
sich keine älteren Königsnamen oder sonstige Beweise höheren Alters 
in Teil el-Maskhuta finden, so wird man bei diesem Zusammentreffen 
von Indizien immerhin annehmen müssen, dafs Ramses IL in der That 
der Erbauer von Pitom ist ^. 

Dafs Ramses IL die Hebräer drückte, ist freilich damit in den 
Denkmalen noch nicht direkt gesagt, noch weniger, dafs er gerade mit 
ihrer Hilfe jenes Pitom und Ra'mses baute, und dafs dieselben darauf 
unter ihm oder seinem Nachfolger aus Ägypten entflohen. Ein zwin- 
gender Beweis ist eben damit für die Geschichtlichkeit jener That- 



der Überschwemmuug preisgegebeu gewesen seien [ ; doch schwerlich mehr als frei- 
liegende Getreidehaufeu]. 

1) Naville. Store-city ot' Pithom, p. 11 sq. 

2) S. Wiedemann, Ägypt. Gesch., S. 441. 443f. 

3) Ex. 1, 11. 

4) An Raiuses I. kauu wohl kaum gedacht werden. Er scheint keine Neigung 
zu Bauten besessen zu haben (Wiedemann, Agypt. Gesch., S. 414). 

5) Auch Wiedemann, Agypt. Gesch., S. 444 hält Ramses II. für den Erbauer 
von Tanis, worin doch wohl das biblische Ra'mses zu erkennen sein wii'd s. 
Meyer, § 240). Ka'mses und Pitom aber gehijreu nach Ex. 1, 11 zusammen. 



II. Der liist. (Jclialt. $ 20. Die au.slJindischcti Nachrichten. 'i'H 

Sachen auö den ägyptisclica Mitteilungen noch nicht geführt. Aber 
eine nicht unbedeutende Stütze ist der biblischen Erzählung immerhin 
gegeben. Wiifste nämlich der biblische Erzähler nach Verflufs von 
Jahrhunderten den Zeitpunkt der Erbauung jener Städte noch richtig 
anzugeben — denn in den Zeitraum , in welchen die Bibel die Be- 
drückung der Israeliten in Ägypten verlegt, haben wir sie nach dem 
obigen Befund bis auf weiteres jedenfalls zu setzen — , so besitzt er 
damit ein Wissen von der Vergangenheit, welches noch weit mehr als 
seine geographischen Kenntnisse zeigt, wie wohl unterrichtet er war. 

Die Möglichkeit ist natürlich auch jetzt nicht ausgeschlossen, dafs 
E durch gelehrte Forschung Kunde über die Erbauung von Pitom und 
Ra'mses besafs und an sie die national - israelitische Tradition von der 
Bedrückung der Hebräer und ihrem Auszug anschlofs. Aber jeder- 
mann wird zugeben, dafs diese Annahme ihre erheblichen Schwierig- 
keiten besitzt. Die Existenz, Lage und Beschaffenheit ägyptischer 
Städte zu kennen, war jed^ Hebräer, der überhaupt einmal in Ägyp- 
ten gewesen war, leicht. Die Geschichte einer Jahrhunderte alten Stadt 
zu erforschen mufste, vollends einem Ausländer, ungleich gröfsere 
Schwierigkeit bieten. Man wird unbedenklich und mit gutem histo- 
rischem Gewissen behaupten dürfen: die Annahme, dafs E hier einer 
alten in seinem Volke noch lebendigen Tradition gefolgt ist, welche die 
wirklichen Begebenheiten in der Erinnerung bewahrt hat und welche 
einen Beleg ihrer historischen Treue in seiner richtigen Angabe über 
Pitom gewinnt, ist erheblich wahrscheinlicher als die andere, dals E in 
Ägypten sich gelehrte Kenntnis über die Erbauung jener Städte 
sammelte und sie an die israelitischen Sagen anknüpfte. 

Ist es denn nach den ägyptischen Zeugnissen immerhin in hohem 
Grade wahrscheinlich, dafs Ramses IL Pitom baute und, wie die Bibel 
beifügt, die Hebräer dabei verwandte, so würde sich damit auch die 
Frage nach der Zeit des Exodus wenigstens annähernd lösen lassen. 
Ramses IL wäre dann der Pharao der Bedrückung, und es könnte sich 
nur noch fragen, ob unter ihm selbst oder erst unter einem seiner 
Nachfolger der Auszug erfolgte. 

Die Mehrzahl der Forscher hat sich daher auch neuerdings auf 
Ramses IL als den Pharao der Bedrückung geeinigt und den Auszug 
der Hebräer teils unter seinem Nachfolger Merenptah, teils, in der Zeit 
der Wirren beim Übergang von der 19. zur 20. ägyptischen Dynastie 
verlegt. War man nämlich früher geneigt, einer alten Tradition fol- 
gend, den Aufenthalt Israels in Ägypten mit dem Einfall der sogen. Hyk- 
sos zusammenzubringen, so hat man sich in neuerer Zeit der Ansicht 
zugeneigt, dafs viel eher die von Manetho erzählte Austreibung der 



332 Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

Aussätzigen aus Ägypten in nähere Verbindung mit jenem Ereignis zu 
setzen sei. 

Der Sachverhalt ist in den Hauptzügen folgender: 
Josephus 1 erzählt, in Manethos Geschichtswerk habe ein von ihm 
mitgeteilter Bericht gestanden. Nach demselben haben unter der Re- 
gierung des ägyptischen Königs Timaeus (Timaos und Timios) Fremd- 
linge von unbekannter Herkunft ^ Ägypten von Osten her angegriffen 
und erobert. Die Eingeborenen werden mil'shandelt, die Tempel zer- 
stört, und einer der Barbaren, Salatis genannt, wird König von Ägyp- 
ten. Er residiert in Memphis und befestigt besonders den Osten des 
Landes gegen einen von ihm befürchteten Einfall der mächtigen Assyrer. 
Im saitischen (richtiger sethroitischen) ^ Nomos baut er die nach einer 
alten Sage Avaris genannte Stadt * zu einer überaus starken P^'estung 
um. Sie erhält 240 000 Mann Besatzung und wird der Stützpunkt 
seiner Macht. Ihm folgen eine Reihe weiterer Herrscher, deren Namen 
Manetho nennt ^. Das Volk führte den Namen Hyksos. Hyk bedeute 
in der heihgen Sprache: König, Sos sei gleich Hirte, das Ganze somit 
Hirten-Könige^. Nachdem die Fremdlinge 511 Jahre lang ^ über 
Ägypten geherrscht, konnte sie endlich Alisphragmuthosis (Misphrag- 
muthosis) ^ besiegen, und sein Sohn Thummosis vermochte sie zum 
friedlichen Abzug. Sie gehen nach der Wüste, lassen sich hernach in 
Judäa nieder und gründen Jerusalem. 

Josephus '', indem er der Geschichte der Fremdlinge eine andere 



1) c. Apion. I, 14. Vgl. Eusebius, Praep. evang. X, 13; Jul. Afric. und 
Euseb. bei Syncell. ed. Bonn. I, p, 113 sq. 

2) Nach Manetho bei Josephus wären sie einigen zufolge Araber, bei Afric. 
und Euseb. hingegt^}! Phöniken gewesen. 

3) So Jul. Afric. und Euseb. Für Salatis haben dieselben Saites. 

4) Über die Lage dieser Stadt (= Hatuar) s. Meyer, Gesch. d. Alt. I, 
§ 110. 

5) S. über die Namen und ihre Varianten bei Euseb., Afric. und dem Scho- 
liasten zu Plato Meyer, Gesch. d. Alt. I, S. 137 f. Wiedemanu, Ägypt. Gesch., 
S. 284. 

6) Über die andere von Josefus mitgeteilte, augeblich auf ein anderes Exemplar 
des Manetho zurückgehende, falsche Etymologie von Hyksos = Kriegsgefangene 
s. besonders Wiedemann, Ägypt. Gesch., S. 285 f. Über die richtige Deutung des 
Namens s. ebenda S. 286 und dazu die Lesart Hykussos bei Euseb. praep. ev. 
X, 13. 

7) Andere Zahlen bei Jul. Afric. S. Duncker, Gesch. d. Alt. P, S. 107 f.; 
Meyer, § 112. 

8) So bei Eusebius. 

9) c. Apion. I, 14. 16. 26. Anders Müller, Joseph, geg. Ap., S. 120. 



11. DvY liist. (lieliall i; "Ji"). Die ausländischen Nacbrichton. 3*{'{ 

Deutung giebt, als sein Gewährsmann, erklärt sie für die Hebräer. 
Spätere Gelehrte haben sich an ihn angeschlossen K 

Allein mag auch, trotz mancher Ungereimtheiten, welche nur auf 
Anachronismus oder späterer Erfindung ruhen können -, die Erzählung 
des Manetho einen Kern gescliichtlicher Wahrheit enthalten ^, wie sowohl 
die sprachlich richtige Ableitung des Namens der Hyksos als die innere 
Wahrscheinlichkeit eines solchen Nomadeneinfalles und die Angaben 
des Papyrus öallier I andeuten: so können dieselben unter keinen Um- 
ständen mit den Hebräern gleichgesetzt werden. Denn weder kommen 
diese nach ihi-er eignen Tradition als Erobei-er, noch ist nach den in 
neuerer Zeit aller Wahrscheinlichkeit nach * gefundenen Denkmälern 
aus der Zeit der zweiten Hyksosdynastie anzunehmen, dafs die Hyksos 
überhaupt semitischer Abkunft waren ^. Sie scheinen vielmehr ent- 
weder Kuschiten ^ oder Innerasiaten ' ( Akkader ? Elamiten '?) gewesen 
zu sein. 

Es liegt daher immerhin näher, an eine Beziehung der Israeliten 
zu den von Manetho und manchen Späteren genannten Aussätzigen zu 
denken. 

Auch hierüber verdanken wir eine genauere Mitteilung dem Josephus ^. 
Der Umstand, dafs er sie selbst für unglaubwürdig erklärt '', kann bei 
seiner bestimmten Tendenz nicht allzu schwer ins Gewicht fallen. Nach 
Josephus berichtete Manetho : König Amenophis begehrte die Götter zu 
schauen. Ein weiser, dem König gleichnamiger Mann ^^ verhelfst ihm 
Erfüllung seines Wunsches, wenn er zuerst das Land von Aussätzigen 
und Unreinen befreie. Der König läfst alle mit körperlichen Gebrechen 



1) Hengsteuberg, Die Buch. Mos. und Agypt., S. 2ÜUÖ". Seyffarth, Chronol. 
Sacra, p. 24. Hofmann, Agypt. und Israel. Zeitrech., S 21 f. Uhlemann, Israeliten 
und Hyksos, S. 74 ff. 

2) S. Duncker, Gesch. d. Alt. P , S. 107 f. Wiedemann , Agypt. Gesch., 
S. 287 f. 

3) S. Duncker, Gesch. d. Alt. I'', lutttf". Wiedemann, Agypt. Gesch., S. 287 ff. 
Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 227 f. Meyer, Gesch. d. Alt.I, § HO f. 

4) Sicherheit besteht nicht, da die Denkmale auch von den Hyksos usurpiert 
sein könnten. S. Meyer, Gesch. d. Alt. I, S. 133. 

5) S. Wiedemann a. a. 0., S. 289f. Meyer a. a. 0., i; 109. Dazu dio Ab- 
bildung bei Ebers in HWB., S. 330. 

(i) Maspero, Gesch. d. morg. Volk., 8. 167 ff. 

7) Brugsch, Verh. der intern. Orient. - Kougr. (Berlin 1881) 11, 3, S. 7tiff. 
Meyer, Gesch. d. Alt. I, § 137. 

8) c. Apion. I, 26. 27. 

9) ddeonoTtjg uv^oXoyovuevn^ c. Apion. I, Ki. 

10) S. über ihn Wiedemann, Agypt. Gesch., S. 38;"). 



334 Erstes l>uch' B. 2. Knp. ^^ose und der Wüstenzug. 

Behafteten — 8<»000 Menschen ' — - aus ganz Ägypten zusammen- 
bringen und schickt sie zu schwerer Arbeit in die Steinbrüche, giebt 
ihnen aber später die einstige Hirtenstadt Avaris zum Wohnort. Hier 
wählen dieselben sich einen ehemaligen Priester aus Heliopolis, Osarsiph, 
zum Anführer. Er giebt ihnen Gesetze und befiehlt, daf's man Avaris 
befestige und sich zum Krieg gegen Ägypten rüste. Er selbst geht nach 
Jerusalem zu den verjagten Hyksos und gewinnt sie zum Kampfe gegen 
Ägypten. Sie rücken mit 200 000 Mann an. — Amenophis bringt zu- 
erst seinen fünfjährigen Sohn Sethos, nach seinem Vater auch Ramses 
genannt, beim König von Äthiopien in Sicherheit. Darauf stellt er 
sich mit 300 000 Mann den Feinden entgegen. Er wagt jedoch keine 
Schlacht, sondern zieht sich zunächst nach Memphis, sodann nach 
Äthiopien zurück. 13 Jahre weilt er hier in der Verbannung, und 
diese ganze Zeit ist Ägypten den vereinten Unreinen und Hyksos in 
die Hände gegeben, welche es greulich mifshandeln, die Götterbilder 
zerstören und die heiligen Tiere schlachten. Osarsiph nennt sich jetzt 
Moses. Nach Verlaiif der 13 Jahre kehrt Amenophis zurück, schlägt 
die Eindringlinge und verfolgt sie bis an die syrische Grenze. Manetho 
hält die Aussätzigen für die Väter der Juden. 

Ganz ähnlich geartete, in Einzelheiten abweichende, aber in der 
Hauptsache denselben Typus bietende Erzählungen dieses Herganges 
finden sich bei einer Reihe anderer Autoren, so Chäremon -, Lysimachus ^, 
Hekatäus von Abdera ^, Apion selbst^, Diodor von Sicilien " und 
Anderen ". 

Die Mehrzahl der neueren Forscher hat sich geneigt gezeigt, einen 
gewissen, wenn auch vielfach mit sagenhaften Zuthaten umgebenen ge- 
schichtlichen Kern auch in dieser Erzählung von einer Beunruhigung 
Ägyptens durch Elemente, welche mit Syrien in näherem Zusammen- 
hang standen , anzuerkennen •^. Besonderen Anlafs dazu gab der Um- 



1) Chäremon giebt sogar 250000 an. 

2) Joseph, c. Ap. I, 32. 

3) Joseph, c. Ap. I, 34. Er nennt den jedenfalls viel späteren König Bok- 
choris. Ihm folgt auch Tacitus, Hist. V, 3 sqq. 

4) Diod. Sic. XL, 3. Seine Darstellung ist wohlwollender als die des 
Manetho und der meisten Übrigen. 

5) Joseph, c. Ap. II, 2. 
<;) XXXIV, 1. 

7) S. darüber Duncker , Gesch. d. Alt. P, S. 404«. Ewald, Gesch. Isr.'' 
II, S. 123 ff. 

8) Meyer, Gesch. d. Alt. I, S. 270 findet den historischen Kern in der von 
oder vor Manetho willkürlich mit Moses und dem Exodus verquickten monotheisti- 
schen Reform des Chiienaten Amenliotep IV.\ 



II. Der hist. Gebalt. >j "25. Die ausländi.schen Nachrichten. 335 

stiind, dafs auch der Papyrus Harris für etwa dieselbe Zeit, in welcher 
Manetho aller Wahrscheinlichkeit nach sich die Herrschaft der Unreinen 
denkt, eine Unterdrückung Ägyptens durch einen syrischen Abenteurer 
meldet \ 

Zugleich glaubte man dann auch in dem Umstand, dafs die Gegner 
Ägyptens als Unreine und Aussätzige dargestellt werden, eine zwar 
gehässige und in der Sage verzerrte, aber doch noch imverkennbare 
Anspielung auf die Hebräer, welche den Ägyptern gegenüber für religiös 
unrein gelten ^, erkennen zu dürfen ^. Doch darf, will mau die Aus- 
treibung der Unreinen mit dem Wegzug der Israeliten zusammen- 
bringen, nicht verschwiegen werden, dafs in diesem Falle anzunehmen 
ist, die spätere national-ägyptische Sage habe nicht allein die Ver- 
wechselung von religiös und physisch Unreinen und die willkürliche 
Gestaltung von einer Menge Einzelheiten vollzogen, sondern auch hin- 
sichtlich des Charakters der ganzen Feindschaft sich getäuscht. Die 
Herrschaft eines syrischen Volkes über Ägypten, wie sie sowohl Manetho 
als der Papyrus Harris berichten, pafst zu der israelitischen Tradition 
nicht. Die Hebräer kommen im Frieden, nicht als Eroberer, und sind 
in Ägypten gedrückt, nicht Bedrücker. Auch ihr Weggang erfolgt 
nicht als Vertreibung im Kriege. Es müfsten also etwa die Plagen und 
die Vernichtung des ägyptischen Heeres den Anlafs gegeben haben, 
dafs die spätere ägyptische Sage, wie sie Manetho darstellt, den Weg- 
gang der Juden und das im Papyrus Harris berichtete Unglück, die 
ohnehin zeitlich einander nahe stehen mochten, zusammenschweifste. 
Ursprünglich müssen sie getrennte Dinge gewesen sein. 

Dürfte nun — obwohl ich dies nicht mit Sicherheit zu behaupten wage 
— angenommen werden, dafs in Manethos Bericht auf ägyptischer Seite eine 
selbständige Erinnerung an den Exodus vorliege, so müfste sich auch dann 
noch fragen, in welche Zeit der ägyptischen Geschichte derselbe einzu- 
reihen sei. Die Namen Ramses, Amenophis, Sethos - Ramses * scheinen 
am ehesten zu den Königen Ramses H. , ^ferenptah und Seti II. zu 



1) Vgl. Eisenlohr, Der grofse Papyrus Harris etc. (Leipz. 1872), be.s. S. 13 fF. 
Brugsch, Gesch. Agypt., S. 580 f., wo auch die allerdings zum Teil höchst auf- 
fallende Ähnlichkeit dieser Erzählung mit der des Manetho über die l'nreinen 
nachzusehen ist. Vgl. auch Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 233. 

2) Gen. 43, 32; 46, 34. 

3) S. Ewald, Gesch. Isr. IP, S. llOfF. Wiedemann, Ägypt. Gesch., S. 49.t und 
die Mehrzahl der unten S. 236, Anm. 1 genannten Autoren. 

4) Genauer bei Josephus: Rhampses, Amenophis, Sethos-Rhamesses ; bei Jul. 
African. und Syncellus: Rhapsakes (Rhamp.scs), Amenephthes (Men.), Rhamcsses. 
S. Lepsius, Königsbuch Anh., S. 16 f. Ebers, Gosen", S. 5.%. 



23ft Erstes Buch. B. 2. Kap. Mose und der Wüstenzug. 

stimmen, welche ebenfalls im Verhältnis zu Vater, Sohn nnd Enkel zu 
einander stehen. Demgemäi's haben auch die meisten Neueren sich 
neben Ramses II. als dem Pharao der Bedrückung auf Merenptah als 
denjenigen des Auszugs geeinigt \ Man wird in der That nicht leugnen 
können, dals unter dem Amenophis des Josephus Manetho selbst niemand 
anders als Merenptah gemeint haben kann ^. 

Trotzdem sprechen, auch wenn die Beziehung zwischen den Aus- 
sätzigen und den Hebräern anerkannt wird, noch manche neuerdings 
geltend gemachten Gründe gegen Merenptah. Die Macht Ägyptens ist 
unter ihm nicht, wie Manetho vermuten läfst, gering und bedroht, 
sondern noch auf ihrer Höhe ^. Entscheidend aber ist, dafs Merenptah 
im Frieden und bei gutem Alter, nicht aber im Kampf gegen die Ausländer 
oder bei ihrer Verfolgung gestorben sein soll *. Hätte Manetho selbst schon, 
was aber wegen seiner Nennung von Vater und Sohn nicht wahrschein- 
lich ist, Amenophis geschrieben, so käme dazu, dafs dieser Name gar 
nicht auf ihn , sondern auf Amenhotep weist ^. Hingegen führen die 
bei Manetho und im Buch Exodus vorausgesetzten Verhältnisse viel 
eher auf Zustände, wie sie der Papyrus Harris als nach dem Tode des 
Merenptah und Seti IL bestehend schildert. Der Pharao des Auszugs 
mülste demnach einer der nächsten Vorgänger Set-nechts, des Begründers 
der 20. Dynastie, Amen-raeses oder Sa-Ptah gewesen sein ^. Dies wiese 
in die Zeit um 1300 v. Chr. 

Doch ist auch dies, wie sich aus dem Obigen ergiebt, mehr Vermutung 
als gesichertes Resultat. Mit einiger Sicherheit ergeben die ägyptischen Nach- 
richten bis jetzt nur Ramses II. als den Pharao der Bedrückung. Für den 
Auszug läfst sich die Stelle in der ägyptischen Geschichte für jetzt noch 
nicht näher bestimmen als dahin, dafs derselbe in der Zeit nach 
Ramses II. und vor dem Beginn der 20. Dynastie erfolgt ist. 

Auch die Richtung des Zuges läfst sich nach den bis jetzt ge- 



1) Lepsius, Chronol., S. 323 ff. und RRE.2 1, S. 173 f. Bunsen, Bibelwerk I, 
S. CCXII und V, S. 133 ff. Chabas, M^langes egypt. I, p. 43 sq. und Recherches, 
p. 139 sqq. Ewald, Gesch. Isr. IV, S. 1100'. Delitzsch, Genes.*, S. 450. Duncker, 
Gesch. d. Alt. P, S. 400. Brugsch, Gesch. Ägypt., S. 582. Ebers, Gosen-, S. 78 
und im HWB., S. 383. 

2) Beweis dafür ist, dafs Jul. Afric. und Syncell. für Amenophis geradezu 
fA]menephthes bieten. Demnach wäre Amenophis Mifsverständnis des Joseph, oder 
ein alter Schreibfehler in seinem Exemplar des Manetho. 

3) Maspero , Gesch. d. morg. Volk. , S. 257 f. Wiedemann , Agypt. Gesch., 
S. 477. 493. 

4) Wiedemann a. a. 0., S. 477. 

5) S. Meyer, Gesch. d. Alt, S. 271. 

6) So mit Maspero und Eisenlohr auch Wiedemann, Agypt. Gesch., S. 493. 



II. Der bist. Gehalt. § 25. I)js ausläudischen Nachrichten. 2li7 

wonnenen Identilikationon biblischer Orte aus den ägyptischen Denk- 
malen nicht näher feststellen '. Nur soviel wii'd sich mit Bestimmtheit 
behaupten lassen, dafs der von J3rugsch ^ vorgeschlagene Weg der 
Israeliten über die Nehrung des JSirbonissees nicht dem wahren Sach- 
verhalt entspricht, unter dem Öchilfmeer des Exodus vielmehr nach wie 
vor das Rote Meer zu verstehen ist ^. 



1) S. gegenüber E. Naville Dillmaun, Pithoni Hero Klysma, S. 8 f. 9 f. 

2) Report of the proceedings of the second intern, congr. of Orient. (Loud. 
1874), p. 28; L'Exode (Lpz. 1875), p. 11. sqq. Vgl. vor ihm besonders Schieiden, 
Landenge von Sues, S. 191 ff. 

3) S. bes. Ebers, Gosen^ S. 107 ff. Riehm im HWB., S. 552 ft'. 



3. Kapitel, Die Eroberung Kena'ans. 

Dals Mose vor dem Eintritt seines Volkes in das westjordanische 
Land starb, ist eine allen unsern Quellen gemeinsame Überlieferung. 
Erst nach seinem Tode schicken die Stämme Israels sich an, jenen 
Hauptteil des gelobten Landes zu gewinnen. 

Die Geschichte der Eroberung ist uns im Buche Josua zusammen- 
"hängend erzählt. Aber auch hier lassen sich verschiedene Berichte 
scheiden. Ln grol'sen Ganzen sind es, wie oben gezeigt worden ist, 
dieselben Quellen, welche der Pentateuch darbot, aber mit dem Unter- 
schied, dafs die dort reichlicher flielsenden älteren Berichte E und J 
hier erheblich spärlicher erhalten sind. Dazu lassen die verhältnis- 
mäfsig Avenigen Spuren , welche mit einiger Sicherheit auf" J weisen, 
noch mehrlach die Annahme zu, dali? sie uns heute nicht mehr genau 
in derjenigen Gestalt vorliegen, in welcher sie aus der Feder ihres 
ersten Verfassers geflossen sind. Nicht viel anders steht es mit E: 
auch diese Quelle ist im Buche Josua nur in wenigen Resten vor- 
handen ; ob im Buch der Richter und etwa gar im Samuelbuche Be- 
standteile von ihr sich nachweisen lassen, nuits die weitere Untersuchung 
ergeben. 

Die späteren, wenngleich viel eingehenderen Berichte, in welche 
heute diese Trünunerstücke verwoben sind, sind zwar an Umfang viel 
beträchtlicher, bringen aber wenig oder kein Material zur Kenntnis der 
Hergänge bei. Sie arbeiten mit dem älteren Uberlieferungsstotfe und 
bearbeiten denselben unter ihren eigentümlichen morahschen und theo- 
kratischen Gesichtspunkten. Unsere Kunde über die Vorgänge der Er- 
oberung beschränkt sich daher auf zwar in hohem Grade wertvolle, 
aber dem Umfange nach wenige Mitteilungen. 

Zum Glück für den Stand unserer Kenntnis jenes Zeitraums hat 



ij 26. l'bor.sicht in Kiclit. 1 und 2. 33d 



<^ 



auch das Kichterbuch ein grölseres Stück vun J aufbewahrt, das eine 
Reihe vou wertvollen Notizen enthält. Wir haben uns zunächst mit 
diesem wichtigen Bestandteil ältester t'berlieferung zu befassen. 



Die Übersicht über die Eroberung in Rieht. 1 und 2, 1 — 5. 

1. Der Text. Dieses Erzählungsstück \ obwohl äufseilich dem 
Verband des Kichterbiiches zugewiesen, gehört, wie seit einiger Zeit 
erkannt ist, seinem Inhalte nach nicht dem letzteren, sondern dem 
Buche Josua zu. Es kann ursprünglich nicht als Einleitung zur Ge- 
schichte der Richterzeit, welche Stelle es jetzt vertritt, gedient haben, 
A\'^enigstens nicht in der \\'eise, dals darin Ereignisse aus der Zeit 
nach Josua berichtet gewesen wären. Nur die Überschritt konnte 
früher etwa darüber tauschen. ^^'ird sie losgelöst - , so kann kein 
Zweifel sein, dafs wir es hier mit einer noch einmal über die Ereig- 
nisse der Eroberung, somit auf den Anfang unseres heutigen Josua- 
buches zurückgreifenden Erzählung zu thun haben. Streng genommen 
ist das Stück mehr Übersicht als wirkliche Erzählung Es kann sich 
daher sehr wohl die Frage erheben, ob es nicht in der That biofses 
Excerpt ^ einer ausführlichen . dem heutigen Josuabuchc parallelen Er- 
zählungsschrift sei. 

Hierzu kommt die willkommene Thatsache , dafs wir im jetzigerv 
Buch Josua selbst noch — teilweise wörtlich gleichlautende — Par- 
allelen zu einzelnen Versen dieses Stückes besitzen. Über das gegen- 
seitige Verhältnis dieser übereinstimmenden Abschnitte haben Meyer 
und Budde cehaudelt. Ersterer * hat durchwes," den Richtertext bevor- 



1) Ö. im allgemeiueu darüber Studer, Das Buch d. liichter IHi).') ('" 1^J4:"2)^ 
S 1 ff. Wellh., JDTh. XXI, S. 585, Anm. 2 uud Einl.*, S. 181 ff. ; Ed. Meyer, Kritik 
der Berichte über die Erob. Palast. ii> ZAW. I (1881}, S. llTff : Bertheau, Das 
Buch der Kichter^ 1883, Ö. Iff.; Budde, Richter uud Josua in ZAW. VII (1887), 
S. t«tf. 

2) Wellh., JDTh. XXI, S. .08.") hielte für sachgeujälser die Worte: „nach dem 
Tode Moses", woraus jedoch nicht folgt, dafs die Aufangsworte ursprünglich so 
hiefseu. Die Formel gehört der Redaktion au. S. im übrigen Bertheau, Richt.''^ 
S. 5f.; Meyer, ZAW. I, S. 135. Wellh., Eiul.*, S. 181. Stade, Gesch. Israels, 
S. 13G 

3) So schon Wellh.. JDTh. XXI, S. 585. 

41 ZAW. I, Ö. 131 f.; ihm stinnnt bri P.ertheau a. u 0., 8. XVIII. 



"240 Purstes Buch. B. o. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

zugt und läfst die entsprechenden Notizen in Josua einfach von ihm 
entlehnt sein. Budde ^ dagegen hat, wie ich glaube, den Nachweis 
erbracht, dafs mehrfach das Josuabuch den früheren Text besitzt^. 
Dieser Befund erhöht die Wahrscheinlichkeit der Annahme, dafs wir 
es in Kicht. 1 mit einem blofsen Excerpt, genauer noch: einer bedeu- 
tend verkürzten und da und dort etwas veränderten Wiedergabe einer 
einst ausführlicheren Erzählung über die Eroberung Kena'ans zu thun 
haben. Spärliche Reste jener alten Erzählung und zwar, wie es scheint, 
mehrfach, wenngleich nicht durchweg, ihrem ursprünglichsten Bestände 
näher stehend, sind uns in jenen Parallelversen des Buches Josua er- 
halten ^. 

Aber auch jenes Excerpt liegt uns im heutigen Kichterbuch nicht 
unvermengl vor. Es ist durch die Hand des Redaktors dieses Buches 
an mehreren Orten überarbeitet und dem Inhalt des Buches angepafst. 
Von hier stammt die Überschrift '*. 

Bei der Wichtigkeit jenes in Rieht. 1 vorliegenden Bestandteils 
unserer ältesten Überlieferung ist es notwendig, den Wortlaut die- 
ser Übersicht über die Eroberung, so weit er sich gewinnen läfst, 
wenigstens in der ältesten uns heute noch erreichbaren Gestalt zunächst 
festzustellen. Es kann dies nach dem Obengesagten nur geschehen durch 
Zuhilfenahme der Paralleltexte im Buche Josua, zu denen noch einige 
anderen mit Rieht, i zusammengehörigen Stücke jenes Buches kommen. 

„ . . . Und die Söhne ^ Josef redeten mit Josua : warum hast du mir 
nur ein Los und eine Mefsschnur als Erbteil gegeben, da ich doch viel 
Volk bin, weil ^ Jahve mich bis hierher gesegnet hatV Und Josua 
antwortete ihnen: wenn du viel Volk bist, so steige hinauf in das 
Waldland Gif ad ^ und rode dir daselbst °, wenn dir das Gebirge Efraim 
zu enge ist. — Und die Söhne Josef sprachen: das Gebirge reicht uns 
nicht zu, aber eiserne Wagen sind in Händen aller Kena'aniter, die 
im Flachland wohnen, (besonders) bei denen, welche Bet-sheän und 



1) ZAW. VJI, S. DTff ; vgl. auch schon Dillni., NuDtJo., S. 442. 

2) Wenngleich dies nicht immer zutrifft, z. B. in Jos. lö, 13; auch in Jos. 
IT, 11 ist zum Teil jüngerer Text. 

3) Vgl. Budde, ZAW., S. 115 f. 
•4) Rieht. 1, la. 

5) Ursprünglicli vielleicht: das Hans Josef. Vgl. dazu Dillmanu, NuDtJo., 
«. 54(). 

6) Lies -i\t*N-^y- 

7) So nach Budde, S. 1"25. 

8) Die folgenden Worte: im Lande des Perizziters und der Refaim sind, weil 
in LXX fehlend, wohl Glosse. 



§ '26. Übersicht in Rieht. 1 und 2. 341 

ihre Tochterstädte und welche die Ebene Jizre'el innehaben. Josiia 
antwortete dem Hause Josef ^: du bist viel Volk und hast, grolse 
Kraft, du sollst nicht nur ein Los haben. Dir soll das Gebirge Gil'ad ^ 
gehören, denn es ist noch Wald und du magst ihn roden und seine 
Ausgänge gewinnen (= darüber hinausgreifen in die Ebene). Denn 
du wirst (dann) den Kena'aniter vertreiben, obwohl er eiserne Wagen 

besitzt und stark ist (Jos. 17, 14— 18 3) .* " 

„Da frugen die Söhne Israel bei Jahve: wer von uns soll zuerst 
wider den Kena'aniter hinaufziehen, mit ihm zu kämpfen? Jahve 
sprach : Juda soll hinziehen , siehe ich habe das Land in seine Hand 
gegeben. Aber Juda sprach zu seinem Bruder Shim'on: zieh du mit 
mir hinauf in mein Los, dafs wir (zusammen) mit dem Kena'aniter 
kämpfen, so werde ich auch mit dir in dein Los ziehen. So zog 
Shim'on mit ihm . . . . ^ Und sie fanden den Adonibezeq bei Bezeq ^ 
und kämptten wider ihn und schlugen den Kena'aniter und den Pe- 
rizziter ^. Adonibezeq aber floh, und sie jagten ihm nach und ergriffen 
ihn und hieben ihm die Daumen an Händen und Füfsen ab. Da 
sprach Adonibezeq : Siebzig ^ Könige mit abgehauenen Daumen an 
Händen und Füfsen lasen auf unter meinem Tisch: wie ich gethan 
habe , so vergilt mir Gott. Und sie ^ brachten ihn nach Jerusalem, 
wo er starb (Rieht. 1, ib — 3. 5—7). Jahve aber war mit Juda, und er 



1) Die Worte: Efraitn und Manasse wohl ebenfalls nach LXX zu tilgen. 

2) So nach Budde. S. 125. 

3) Möglich ist es immerhin, dafs dies ganze Stück ein Zusammenhang war. 
Die Rede würde dann in V. 16 neu aufgenommen. So Budde, S. 125f. Weit 
einfacher aber ist es (vgl. Dillm., S. 548), mit Y 16 einen andern Bericht be- 
ginnen zu lassen. V. 14 f. ist dann = E, V. IG — 18 = J. Auch finde ich dann 
die Verwirrung- nicht so grofs, wie Budde klagt. Die Formmerkmale von J finden 
sich wesentlich nur in V. Iß ff. In V. IG sind zu Anfang der Rede wohl einige 
Worte in der Weise der Frage in V. 14 zu ergänzen. — Vgl. auch Wellh., JDTh., 
XXI, S. 600, ferner Stade, Gesch. Isr., S. 1G3. 

4") In V. 4 ist aufser einigen Ausdrücken (worüber Meyer, ZAW. I, S. 135) 
besonders das Auftreten Judas allein befremdend, daher ich ihn mit Budde, ZAW. 
VII, S. il5 lieber beiseite lasse. An seiner Stelle standen etwa die noch erhal- 
tenen Worte : Und Jahve gab den Kena'aniter in ihre Hand. 

5) Über den Vorschlag Buddes, S. 149, statt ,, bei Bezeq" zu lesen „den Kö- 
nig von Jerusalem" s. unten bei Besprechung von Kap. 10. 

6) V. 5 ist von Meyer, S. 135 ohne Grund gestrichen. 

7) Vielleicht nyDtt' ^" lesen. 

S) Natürlich die Seinen, so mit Retifs und Cassel, Budde, S. 95 f. — Das alte 
Mifsverständnis, als wären die Judäer das Subjekt, hat beim i'berarbeiter zu V. 8 
geführt, im Widerspruch mit V. 21. Auch V. 9 (i-i^) mag im Zusammenhang da- 
mit und durch dieselbe Hand entstanden sein. 

Kittel, GescU der Hebräpr. 16 



342 Purstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

eroberte das Gebirge. Aber die Bewohner der Ebene vermochte er 
nicht zu verjagen, denn sie hatten eiserne Wagen. Auch den Jebusiter 
von Jerusalem konnten ^ die Söhne Judas ^ nicht verjagen, und er 
blieb unter ihnen wohnen in Jerusalem bis auf diesen Tag^' (Rieht. 1, 
19. 21 ^. Jos. 15, 63). 

„Kaleb aber dem Öohn des Qenaz * wies er (Josua) sein Erbteil 
inmitten der Söhne Juda an , und zwar Hebron , wie Mose ^ befohlen 
hatte. Und Kaleb ^ zog gegen den Kena'aniter, der in Hebron wohnte. 
Hebron aber hiefs vorher Qirjat-arba'. Und Kaleb schlug [vertrieb?] 
die drei Riesenkinder Sheshaj, Ahiman und Talniaj. Von dort zog er 
hinauf ^ gegen die Bewohner von Debh\ Debir aber hiefs vorher Qirjat- 
sefer. Und Kaleb sprach: wer Qirjatsefer schlägt und es einnimmt, 
dem will ich meine Töchter 'Aksa zum Weibe geben. Otniel, der 
Sohn des Qenaz , der ** jüngere ^ Bruder Kalebs nahm es ein ; da gab 
ihm Kaleb seine Tochter 'Aksa zum Weibe. Als nun 'Aksa ihm zu- 
geführt ward, reizte sie ihn f Otniel) an, er möge von ihrem Vater 
ein'" Feld verlangen. Sie glitt nämlich vom Esel, und Kaleb sagte zu 
ihr: was ist dir? Sie sprach zu ihm: gieb mir doch einen Segen; 
denn nach einem dürren (südlichen) Land hast du mich vergeben, so 
gieb mir denn Wasserbrunnen ! Da gab er ihr Wasserbrunnen in der 
Höhe und in der Niederung" (Jos. 15, 13. 14 = Rieht. 1, 20. 10 
z. T.; Rieht. 1, 11 — 15 = Jos. 15, 15 — 19). 

„Und die Söhne des Qeniters Hobab^', des Schwagers Mose, zogen 

1) So nach Budde, S. 99 aus Josua 15, (53. Ein Rest des gestrichenen Ge- 
dankens findet sich noch in dem >2>i-n,-i^ nS ^^ ^^■ 

2) So statt Benjamin nach Jos. 15, 63. 

3) Die Einschaltung dieser zwei Verse, sowie des V. 2U an diesen Ort und 
ihre Umstelhmg ist durch Jos. 15 , 13 ff. geboten S. Meyer , S. 137. Budde, 
S. 97 ff. 

4) Sohn Jefunne in Jos. 15, 13 ist schwerlich ursprünglich. J scheint über 
Kalebs Vater eine andere Tradition zu besitzen. 

5) Hier hat Rieht. 1, 20 das Ursprünglichere gegenüber Jos. 15, 13. Der u»- 
sprüngliche Text ist oben aus diesem Vers und Rieht. 1, 10. '20 zu ermitteln ge- 
sucht. 

6) Nach dem Zusammenhang statt Juda in Rieht. 1, 10. Die Änderung dort 
ist durch die Versetzung der Kalebverse veranlafst. . 

7) in Rieht. 1, 11 lies 'pyti nach Hollenberg, ZAW. 1, S. 101. 

8) Nur diese Fassung ist möglich. S. Dillm., NuDtJo., S. 523. 

9) Fehlt in Jos. 15, 17. 

10) In Rieht. 1. 14 lies nach LXX in Jos. niU'- 

11) Lies ijipn ijn. Der Name ist ohne Zweifel ausgefallen. Der Vorschlag 
von Meyer (ZAW. I, S. ,137: von Budde, ZAW. VIT, S. 152 angenommen), zu 
lesen: ,,nn(l Qain der Schwager Mose" scheitert trotz Rieht. 4, 11, wo Qain das 



ij 2t;. Übersicht in Rieht. 1 und 2. 241$ 

herauf aus der Palnienstadt ' zu den Söhnen Juda in die Wüste Juda, 
die am Abhang ^ von 'Aräd ^ liegt. Und sie machten sich auf und 
wohnten * bei dem 'Amaleqiter ^. Und Juda zog mit seinem Bruder 
Shim'on, und sie schlugen den Kena'aniter, der zu Sephat ^' wohnte und 
bannten es, und er nannte den Namen der Stadt Horma. Und das Gre- 
biet des Edomiters ^ erstreckte sich vom Skorpionensteig an nach Petra 
hin ^^ und weiter hinauf" (Rieht. 1, 16. 17. 36). 

„ Und die Söhne '' Josephs zogen ihrerseits hinauf gegen Betel. 
Bei ihnen war Josua^'l Und die Söhne Josefs liefsen Betel auskund- 
schaften. Die Stadt hiefs aber früher Luz. Da sahen die Wächter einen 
Mann, der zur Stadt herauskam. Sie sprachen zu ihm : zeig uns doch 
den Eingang der Stadt, so werden wir dir Gnade erzeigen. Er zeigte 
ihnen den Eingang der Stadt. Sie aber schlugen die Stadt mit des 
Schwertes Schärfe, und den Mann und sein ganzes Geschlecht liefsen 
sie gehen. Der Mann ging ins Land der Hittiter und baute eine 
Stadt und nannte sie Luz, so heifst sie bis auf diesen Tag (Rieht. 1, 
22—26). . . ." 

„Aber die Söhne Israel vertrieben nicht den Geshuriter und 
Ma'akatiter, und Geshftr und Ma'akä blieben wohnen in Israel bis auf 



qenitische Geschlecht ist, daran, dals der Schwager Moses nie sonst Qaiu heifst. 
Von den zwei in LXX überlieferten Namen kann nach Num. 10, 29 (J) nur 
Hobab hier gestanden haben. Rieht. 4, 1 1 bestätigt dies. 

1} Ob Jericho? ist nicht ganz sicher, da wir Hobabs Entschliefsung Num. 
10, 29 ff. nicht kennen. Es könnte auch ein südliches Tamar gemeint sein (s. 
Bertheau z. d. St.). Dann müfste jedoch ij^-^n gelesen werden. Doch steht die 
Wahrscheinlichkeit aufseite Jerichos. 

2) Nach der Lesung T-no^ mit van Doorniuck und Budde, S. 102; vgl. LXX 
Luc. £7U xcraßciaeuji l-lQciif. 

3) Dafür Sephat zu setzen (^Meyer, S. 137) ist kein Grund. 

4) Entweder sind die Verba pluralisch zu lesen oder ist hier Qain als Name 
des Stammes ausgefallen. 

5) So nach Hollenberg, ZAW. I, S. 102. 

6) Die Korrektur in Arad (Meyer, S. 132. 137") ist unnötig. S. oben zu 

§ 14. 

7) So nach Hollenberg, ZAW. I , S. 104 und noch genauer Budde , ZAW. 
Vn, S. 109. 

8) y^DH Budde, S. 110. Ebenda über die Versetzung dieses Verses. 

9) Lies -.J3. Vgl. Bertheau, S. 35. 

10) Der Vorschlag Buddes, S. 144 statt niH"» ^^^ hXX Luc zu lesen ,-|"ini 
und dieses als Änderung für yü,'ini anzusehen, klingt zwar willkürlich, hat aber 
doch, wie mir scheint, guten Grund. Die Lesart der LXX ist, wenn sie nicht im 
Texte stand, unerklärlich. Anderseits ist in Rieht. 1 die Neigung des Uber- 
arbeiters, Juda einzusetzen, auch sonst vorhanden. 

ir,* 



244 Erstes Bucli. B. 3. Kap. Die Eroberung Keua'aus. 

diesen Tag ^ Und Manasse vermochte nicht ^ zu erobern: Bet-aheän, 
Ta'anak, Dör, Jible'am, Megiddo — je mit ihren Töchtern. So mochte der 
Kena'^aniter in dieser Gegend wohnen bleiben. Aber als die Söhne Israel 
erötarkten, machten sie den Kena'aniter dienstbar, vertrieben ihn aber nicht 
(Rieht. 1, 27 f. := Jos. 17, 11 — 13 ^). Efraim vermochte den Kena'ani- 
ter, der in Gezer wohnte, nicht zu verjagen. Und der Kena'aniter wohnte 
inmitten Efraims bis auf diesen Tag, aber er wurde dienstbar *. Se- 
bulon vermochte nicht zu verjagen: die Bewohner von Qitron und von 
Nahalol. Und der Kena'aniter wohnte in seiner Mitte und wurde 
dienstbar. Asher vermochte nicht zu vertreiben die Bewohner von 
'Akko, Sidon, Ahlab, 'Akzib, Helba, Aphik und Ivehob. Und Asher 
wohnte inmitten der Kena'aniter, die jene Gegend bewohnten, denn er 
konnte sie nicht vertreiben. Naftali konnte nicht vertreiben die Be- 
wohner von Bet-shemesh und von Bet-'anat und wohnte inmitten der 
Kena'anäer, und sie wurden ihm dienstbar'^ (Rieht. 1, 29 = Jos. 16, 10. 
Rieht. 1, 30—33). 

„Die Emoriter aber drängten die Söhne Dan aui das Gebirge und 
liefsen sie ^ nicht in die Ebene herabsteigen. So machten sie ihnen ilir 
Erbteil zu enge ^' ; da zogen die Söhne Dan hinauf und griffen Leshem ^ 
an und eroberten es und schlugen es mit der Schärfe des Schwertes, 
nahmen es in Besitz und wohnten darin und nannten Leshem Dan 
nach dem Namen ihres Vaters Dan. So mochte der Emoriter in Har- 
heres Ajjalon und Sha'albim wohnen bleiben Als aber die Hand des 
Hauses Josef schwer (auf ihnen LXX) lag, wurden sie dienstbar^' 
(Rieht. 1, 34 '^ + Jos. 19, 47a [= Jos. 19, 47b der LXX, und nach 
diesem Text ^ teilweise herzustellen]. Jos. 19, 47 b. Rieht. 1, 35). 

1) Über die Zugehörigkeit dieses Verses (Jos. 13, 13) zu unserem Zusammen- 
hang s. Budde, S 117 f. 

2) iSdi N^ scheint wieder in Josua (17, 12) ursprünglicher erhalten. 

3) Über das Verhältnis der beiden Texte s. Bertheau, Rich+er*, S. 37ff. ; Dillm., 
NuDtJo., S. 544 f: Budde, ZAW. VIT, S. 104 f. - Im ganzen ist jedenfalls der 
Richtertext hier ursprünglicher, mag im übrigen das Fehlen einiger Städte in LXX 
Vat. dem ersten Bestand des Josuatextes entsprechen (Bertheau, Budde) oder auf 
absichtlicher Verkürzung ruhen (Dillm.). 

4) Nach Jos. 16, 10 ergänzt. 

5) Nach LXX Jos. 19, 47 xai ovx Otcoy ui'tovs mit Budde, S. 120 zu lesen üi^Pj N*?! 

6) S. Budde, S. 120. LXX fährt fort e»hiljay an' ca'ruiv to oqiov jf^c, fitgi- 
rfoc, was Budde m. E. mit Recht (= hebr. zübni b)2:\ nno '\p'']i^^i ^.Is Grundlage 
des seltsamen QnO ]1 "»JD h)2i Na'^1 ansieht (Mas. Text Jos. 19, 47 a). 

7) Mit Wellhausen, De gent. Jud., p. 37 vielleicht Leshäm zu sprechen. 

8) V. 34—36 werden von Meyer mit Unrecht angefochten. Der Hauptgrund 

mag für ihn i-ioxn ^ • ^^ s^^^- 

9) Über das Verhältnis der beiden Texte s. besonders Dillmann , NuDtJo., 



t; 2(;. rbersidit in Kicbt. 1 und 2. 245 

„ Und der Engel Jahves zog hinauf von Gilgal nach Betel zum 
Hause Israels ^ Dort oj)terte man dem Jahve" (2, 1 a. ob). 

2. Die Verteilung und Josua. Beim Blick auf dieses ganze 
Erzählungsstück fällt nun freilich sofort in die Augen, dafs der Faden 
desselben nicht ununterbrochen fortläuft. Er ist mehrfach abgerissen 
und mufs dann je und je etwas künsthch hergestellt werden. Dennoch 
zeigt sich deutlich, dafs die heute auseinandergesprengten Glieder Teile 
eines einst wohlgeordneten Ganzen gewesen sind. Nicht nur sind sie 
in den formellen Merkmalen zusammenstimmend "^ und lassen ohne Aus- 
nahme auf die Schrift J schliefsen, sondern sie sind auch von einem 
einheitlichen Gedankengang beherrscht und weisen so auf eine bestimmte, 
unter allen Umständen sehr frühe in die Tradition Israels aufgenommene 
Vorstellung über den Hergang der Gewinnung Keua'ans. 

Als Grundgedanke tritt, ist die von uns befolgte Anordnung 
der Stücke richtig, heraus, dafs das Land, ehe man zur Eroberung 
schreitet, an die einzelnen Stämme verteilt wird. Nach dem Sinn der 
ganzen Übersicht scheint es nicht dem Zufall überlassen, wie die Stämme 
sich gerade in Kena'an Landbesitz erwerben. Vielmehr wird gemein- 
same Verabredung getroffen und ihr gemäfs jedem Stamme ein gewisses 
Gebiet als sein Los zugeteilt. Die Voraussetzung dieser Mafsregel ist 
die Teilung des Volkes in Stämme. Wann dieselbe sich vollzogen hat, 
ist nicht mitgeteilt. Sie ist als in der Hauptsache abgeschlossen ange- 
nommen. Die einzelnen Geschlechter sind schon soweit unter sich zu- 
sammengeschlossen gedacht, dafs sie, wenngleich sich als Glieder der 
Gesamtheit fühlend, doch im ganzen für sich stehen und selbständig 
ihre Gebiete in Besitz nehmen. Die letztere Vorstellung blickt deutlich 
durch: die Stämme gehen, soweit ihr Vorgehen hier erzählt ist, für 
sich vor. Findet eine Ausnahme tiiervon statt, so wird sie ausdrück- 
lich erwähnt: Juda schliefst sich mit Shim'on zusammen, das Haus 
Josef geht gemeinsam ans Werk. Von fast allen hier genannten Stäm- 
men wird einzeln aufgeführt , was sie nicht erobern konnten ; schon 
hieraus ist zu entnehmen, dafs der Erzähler als ihre , nicht als des ge- 



S. 567 und Budde, ZAW. VII, S. W.S'ä. Oifenbar hat LXX iu Jos. l'.t, 47 f. einen 
vollständigeren und älteren Text bewahrt, aus dem der MT. der Josua- und Rich- 
terstelle je in eigentümlicher Wei.se verkürzt ist. 

1) So Budde, S. IGG teilweise uach LXX. Vielleicht könnte man wegen Jos. 
18, 1 auch an Shilo denken. Jedeufall.s .scheint liier bei J, wie Jos. 18, 1 bei P, 
das Bewufstsein noch vorhanden, dal's vor David die Bundeslade aulserhalb Juilas 
war. Dillm., NuDtJo., S. Gif) weist übrigens V. 1 und f) E zu. 

2) S. darüber aufser Meyer, ZAW. I, ^> L'^.S besondere Buddf in ZAW. VII, 
S. 97flF. an verschiedenen Orten. 



346 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Keua'ans. 

samten Israel Aufgabe die Eroberung ihres Stammgebietes annimmt 
und ohne Zweifel einst auch ihre positiven Schritte zur Gewinnung 
ihrer Gebiete erzählte. 

Notwendig mufs sich hier die Frage erheben: ob eine solche vor- 
läufige Verteilung und die nachfolgende Einzeleroberung der Gebiete 
nicht zwei sich gegenseitig widersprechende Vorstellungen seien, die 
gar nicht von einem und demselben Schriftsteller erzählt sein konnten. 
Man wird geneigt sein, zu sagen : gerade die Thatsache der vereinzelten 
Eroberung, die als gesicherte historische Erinnerung durchblicke, schliefse 
diejenige der vorhergehenden Verteilung aus. Denn hätten die Stämme 
soviel Zusammenhalt besessen, um die Gebiete zu verteilen, so hätten 
Klugheit und Pflicht geboten, auch durch gemeinsame Aktion das Land 
zu erobern, statt Stamm für Stamm sich selbst zu überlassen. Die 
vorausgehende Verteilung verfällt somit dem Verdacht, als wäre in ihr 
künstliches System, und die andere Vorstellung hat das Vorurteil für sich, 
dem natürlichen Hergang zu entsprechen. Der wirkliche Gang der Dinge 
würde demnach gewesen sein, dafs im Laufe längerer Zeit ein Stamm 
um den andern den Jordan überschritt, jeder den ihm zusagenden oder 
durch die Umstände ermöglichten Gebietsteil sich erstritt und so nach 
Verflufs geraumer Zeit allmählich alle Stämme wenigstens im Gebirge 
des Westlandes sich festgesetzt hatten. Hierzu scheint es keiner Vor- 
verteilung zu bedürfen. Ja sie scheint, als unnatürlich und durch wenig 
geschichtliche Analogieen gestützt, schon für sich das Gepräge späterer 
Erfindung an sich zu tragen. 

Zwei Umstände scheinen mir den auf der Verteilung allerdings 
liegenden Verdacht zu beseitigen: die Spuren thatsächlichen Zusammen- 
gehens der Stämme jedenfalls vor, aber auch noch nach der Verteilung, 
und die Leitung Gesamtisraels durch Josua wenigstens bis zu einem 
gewissen Punkte. Von Rieht. 1 an zerfällt allerdings Israel in unserem 
Stücke in zwei Hauptgruppen: Juda und Shim'on stehen für sich, da- 
neben das Haus Josef und die übrigen ihm sich anlehnenden Stämme, 
wesentlich also die Nordstämme. In dieser Zweiteilung den blofsen Re- 
flex der Verhältnisse der nachsalomonischen Königszeit sehen zu wollen, 
würde ungerechtfertigt sein. Die Verschiedenheit der Josefstämme und 
des Hauses Juda ist im Gegenteil so alt als Israel selbst. Sie spiegelt 
sich durch die ganze Geschichte, und die Trennung unter Jerob'am ist 
selbst nur eine ihrer Wirkungen, nicht ihre Ursache. Aber innerhalb 
dieser Scheidung ist trotzdem eine Gemeinsamkeit unverkennbar: nicht 
nur geht Juda mit Shim'^on zusammen: auch das Haus Josef geht zu- 
nächst gemeinsam vor, und erst im weitern Verlaufe treten die Stämme 
auseinander. Besonders die Art und Weise, wie unser Verfasser neben 



§ 2(). llbersicht in Kiclit. 1 und 2. 347 

der zusammenfassenden Bezeichnung „Haus Josef" • sehi' wohl die 
Unterscheidung von Efraim und Manasse ^ handzuhaben weifs, ist hier- 
für bezeichnend. Dort treten die beiden Führerstämme gemeinsam, hier 
jeder für sich auf. Treten aber jene zusammen, so darf ohne weiteres 
angenommen werden, dafs ihnen die kleineren Bruderstämme sich an- 
schlössen, ja dal's die Benennung Haus Josef zum Teil geradezu die 
Nordstämme überhaupt, das spätere Reich Israel, bezeichnet. In der 
in unserem Zusammenhang vereinzelt erhaltenen Bezeichnung Söhne 
Israels ^ tritt dies noch zutage. 

Das selbständige Handeln der iStämme kann demgemäfs nicht das 
Einzige» gewesen sein , was die Überlieferung über die Eroberung Ke- 
na'ans wufste : sie mufs neben dem Vorgehen Judas im Bunde mit 
Josef ein gemeinsames Auftreten der Josefstämme, d. h. des Hauptteils 
Israels, gekannt haben. Die beiderseitigen Andeutungen der Tradition 
vereinigen sich so, dafs der Bund der Nordstämme bis zu einem ge- 
wissen Ziele gemeinsam agiert, von da an aber — nachdem die Haupt- 
arbeit gethan ist — jeden Stamm sich selbst überläfst. 

Ist diese Vorstellung des Hergangs als die in J vorliegende richtig 
erkannt, so ist damit, zunächst für diesen Schriftsteller, aber auch für den 
thatsächlichen Verlauf der Dinge, zugleich die Bedingung der Vorvertei- 
lung erfüllt *. Gegen sie kann dann nicht mehr das getrennte Vorgehen 
der Einzelstämme angeführt werden. Denn dasselbe ist dann durchaus 
nicht in dem Mafse, als es zunächst scheint, vorhanden gewesen. Und 
es war unter keinen Umständen das Einzige, was die Überlieferung 
kannte. Die Annahme, dafs es sich so verhält, wird ganz wesentlich 
unterstützt durch die in den Quellen deutlich durchblickende Thatsache 
der einheitlichen Leitung des ganzen Israel durch Josua. 

Man hat in neuer Zeit mehrfach in Josua keine historische Person 
sehen zu dürfen geglaubt. Er schien nur der von der Sage testge- 
haltene Wiederschein der glanzvollen Gestalt des grofsen Mose zu sein. 
Hatte vollends die Sage der Eroberung Kena'ans in der Weise sich be- 
mächtigt, dafs auch hier an Stelle des wahren Herganges ein unnatür- 
licher Zusammenschlufs der Stämme gleich dem der mosaischen Zeit 
frei gestaltet wurde: so bedurfte dieser Zusammenhalt der Verkörpe- 



1) Rieht. 1, 22. Jos. 17, 14. 

2) Rieht. 1, 27 f. (= Jos. 17, llff.j. V. 29 {= Jos. IH, 10). 

3) Jos. 13, 13. 

4) Höehstens der Umstand könnte noch in Frage kommen, ob etwa auch in 
J, wie es sich später bei E herausstellen wird, die Gebietszuweisung sich zunächst 
blofs auf Juda-Öimeon und Josef erstreckte und die andern Stämme erst später 
nachfolgen. S. darüber noch unten § 29. 



248 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

rung in einem Führer, welcher, vom Geiste Moses erfüllt, in seiner Weise 
und als sein Nachfolger das begonnene Werk zu Ende brachte. Be- 
sonders die Annahme, dafs die Quelle J Josua nicht kenne ^ und die 
Eroberung des Landes ohne Rücksicht auf ihn darstelle , schien dieser 
Beseitigung Josuas eine willkommene Bestätigung zu bieten. Nahm 
man anderseits wahr, dais gerade E, die efraimitische Quelle, Josua 
öfter erwähnte und sogar sein Grabmal auf dem Gebirge Efraim noch 
kannte: so schien der Schlufs genügend gerechtfertigt: Josua sei über- 
haupt keine Person, sondern der Name eines efrairaäischen Clans, 
dessen gleichnamigen Stammesheros man in Timnat Seres begraben 
dachte ^. 

Dieser Schlul'sreihe ist in erster Linie die von Kuenen ^, sodann 
von Dillmann * und jüngst wieder von Budde '' geltend gemachte 
Thatsache gefährlich, dafs Josua in J sogut als in E sich findet. In 
der That kann hieran nicht wohl gezweifelt werden. Dafs neben im- 
zweifelhaftem Vorkommen Josuas in J sein Name in Rieht. 1 total fehlt, 
hat wohl besonders zu jener Annahme beigetragen. Allein sein Weg- 
bleiben erklärt sich hier nur zu natürlich aus der Notwendigkeit, ihn 
zu beseitigen, wollte die Erzählung überhaupt im Richterbuch Aufnahme 
finden. Die sicher als Redaktionszusatz erkannten Anfangsworte des 
Buches: „nach Josuas Tode" lassen darüber jeden Zweifel schwinden. 
Anderseits setzt , worauf Budde ^ richtig aufmerksam macht , schon der 
Beginn der oben wiedergegebenen Übersicht mit der Frage: wer soll 
den Kampf beginnen ? und die Bezeichnung der Gebiete als Los deutlich 
genug eine vorangegangene gemeinsame Abmachung, und diese eine 
einheitliche Leitung voraus. Richter Kap. 1 kann unter keinen Um- 
ständen der Anfang eines selbständigen Zusammenhangs sein, sondern 
greift notwendig auf einen früheren zurück. Ihn haben wir im Buch 
Josua wenigstens in einem Reste gefunden. Jener Rest aber hängt so- 
fort mit der Person Josuas zusammen : sobald wir über das Richterbuch, 
wo Josua gestrichen werden mufste, hinaus den Faden der Erzählung 
verfolgen, tritt Josua wie von selbst an die Spitze — ein deutliches 
Zeichen, dafs die Tradition von J ihn sehr wohl kannte. 

3. Ergebnis. Damit sind denn auch schon die Hauptpunkte an- 

1) Meyer a. a. 0., S. 134 und schon Wellh. , JDTh. XXI, S. 585; ferner 
Stade, ZAW. I, S. 147; Gesch. Isr. I, S. 135. 161. 

2) Meyer a. a. 0., S. 143, Anm. 2. 

3) Onderz.^ § 13, No. 14. 

4) Im Kommentar zu NuDtJo. mehrfach. 

5) ZAW. VIT, S. 130 f. 
G) a. a. 0., S. 96. 128 f. 



§ l'H. i'lbersicht in Rieht. 1 und 2. 34» 

gegeben, uus denen der Hergang der Eroberung, wie ihn unsere tJber- 
sicht enthält, sich zusaninieusetzt. 

Die Kinder Israel liaben noch unter Moses Leitung den Osten, 
wenigstens in der südlichen Hälfte, gewonnen. Die Stämme Kuben 
und Gad lassen sich hier nieder, werden deshalb in der l Übersicht nicht 
mehr erwähnt; die Hauptmasse des \^olkes überschreitet den Jordan in 
der Gegend des Toten Meeres bei Gilgal. Dies geschieht unter des 
Efraimiten Josua Leitung \ der nach Moses Tode die Führung Israels 
übernommen hat. Von Gilgal aus wird der Angriff auf das Westjordan- 
land unternommen, und zwar so, dal's das feste Lager des Volkes dauernd 
hier ist: der Engel des Herrn und die Bundeslade bleiben hier, bis sie 
nach der Eroberung von Betel dorthin fortrücken. Li dieses Stand- 
quartier kehren sie also wohl nach den einzelnen Thaten vorläufig 
wieder zurück. Jedenfalls bis zur Eroberung Jerichos sind die Stämme 
geschlossen vorgegangen. 

Nun, nachdem sie festen Fufs im Westlande gefafst haben, scheiden 
sie sich in die zwei durch Stammverwandtschaft nahegelegten Abteilungen 
Juda und Josef, je mit den an sie sich anlehnenden Stänunen und Ge- 
schlechtern. Zuvor aber Avird unter Leitung Josuas jedenfalls den 
Hauptstämmen , wohl aber zugleich jedem Stamm , ein bestimmtes Ge- 
biet in dem zu eroberndea Lande zugeteilt. 

Juda mit dem dem Gebiete nach auf ihn angewiesenen Stamm 
Shim on'geht auf Jahves Geheifs zuerst vor, besiegt einen kena'anitischen 
Oberkönig Adonibezeq und setzt sich im Gebirge Juda fest. Der ju- 
däische Stammesfürst Kaleb, dem mit Juda verschmolzenen Clan Qenaz 
entstammend, erhält für seine Verdienste beim Wüstenzug die uralte 
Feste Qirjat-arba' zugeteilt. Er bezwingt das dort hausende Riesen- 
geschlecht und nennt die Stadt Hebron. Ein anderer judäisch-qenizzi- 
tischer Gaufürst 'Otniel, als Kalebs (jüngerer) Bruder bezeichnet, erobert 
das südjudäische Debtr und wird Kalebs Eidam. An Juda schliel'st 
sich femer der aus der Sinaihalbinsel kommende Beduinenstamm der 
Qeniter an, dem Israel durch Mose engverbunden war. Er hatte sich 
entweder überhaupt Israel angeschlossen, hatte dann den Jordan mit 
überschritten und war nach der Eroberung Jerichos und der bald dar- 
auf folgenden Trennung Judas von dem Gros der Stämme mit diesem 
nach Süden gegangen. Oder aber hatte er sich nach dem Weggänge 
Israels aus der Sinaigegend vorläufig in der Wüste gehalten, hatte, um 
den Anschlufs an Israel zu gewinnen, sich allmählich nach Norden ge- 



1) Jos. 17, (,1-it.) lt)t}' liicht. 1, '22 fsills die Lesung seines Namens dort 
richtig ist (s. oben S. 243). 



250 Erstes Buch. B. r5. Kap. Die Eroberung Kenaans 

zogen und war vom Negeb aus jetzt zu Juda gestolsen. Er führt in 
der Wüste Juda sein Beduineuleben fort. Ebenfalls südlich von Juda 
von den qenitischen und amaleqitischen Beduinen begrenzt, vielfach wohl 
auch zwischen ihnen wohnend, setzt sich mit Hilfe Judas Shim on fest. 
Als Südgrenze des gelobten Landes gegen Edom hin gilt der Skorpionen- 
ateig genannte Pafs Safä. 

Wendet sich Juda von Jericho aus südlich, so die Josefstämme 
nach Norden. Ihnen schliefst sich der efraimitische Führer Josua an. 
Josua darum blofs zum efraimitischen Stammeshelden ' zu macheu, ist 
jedenfalls nicht im Sinne unserer Quellen. Das oben mitgeteilte Bruch- 
stück einer Gebietsanweisung durch Josua '^ geht ohne allen Zweifel von 
der Voraussetzung aus, dafs der Führer in derselben Weise, wie er dem 
Haus Josef sein Los zuteilt, auch den anderen Geschlechtern ihre 
AVohnsitze bestimmt hat. 

Nirgends wird auch das getrennte und von der Führung Josuas 
losgelöste Vorgehen Judas auf Eifersucht oder Stammeszwist zurück- 
geführt. Vielmehr ist der Sachverhalt, so wie er sich abspielt, als das 
Natürliche und von selbst Gegebene gedacht. Kamen die Stämme vom 
Jordan her, so mufsten bei Jericho ihre Wege sich trennen. Juda 
mit Shim'^on und seinen gewifs nicht unbedeutenden Unterstämmen Qain 
und Qenaz konnte von jetzt an, war den Feinden der Zuzug von Nor- 
den her durch Josua und die Seinen abgeschnitten, ganz wohl den Kampf 
mit den südlichen Kena'anäern selbständig auf sich nehmen. Damit ist 
aber auch gegeben, dafs die Annahme, Juda sei von Süden her ins 
Land eingedrungen ^, wenigstens in dieser Tradition keine Stütze hat. 
Die Trennung bei Jericho weist auf einen vorausgegangenen gemein- 
samen Jordanübergang. 

Als gemeinsame Handlung der unter Josuas Leitung stehenden 
Josefstämme mufs jedenfalls die durch den Verrat eines Bürgers be- 
günstigte Einnahme Betels angesehen werden. 

Hier bricht unsere Übersicht ab. Dem Redaktor ist es, weil seine 
Aufgabe ist, vom Buch Josua auf das Richterbuch überzuleiten, nicht 
mehr um die positiven Erfolge, sondern um die Mifserfolge, welche die 
Zustände der Richterzeit erklären, zu thun. Sicherlich aber hat J einst 



1) Hierzu ist Kuenen a. a. 0. geueigt; vgl. schon Wellhausen, JDTh. XXI, 
S. 585. S. übrigens weiter unten S. 265. 

2) Jos. 17, 14 ff. 

3) Hierzu scheint sich mit Kuenen u. a. Budde, S. 129 zu neigen, obwohl er 
anerkennt, dafs die Tradition von J auf gemeinsamen Übergang bei Jericho 
weist. 



§ '21. Bis zum Bündnis mit Gib'on 251 

sowohl die aulser der Einnahme Betels bekannten Waffenthaten Josuas 
An der Spitze der vereinigten Stämiae, als auch die Erfolge der ein- 
zelnen Stämme für sich berichtet '. Spuren einer ausführlicheren Form 
seiner Erzählung, als sie Rieht. 1 besitzt, haben wir oben schon gefunden. 
Sie oder ihr verwandte Elemente weiter zu verfolgen wird unsere nächste 
Autgabe sein. Würde sich ergeben, dal's etwa noch weitere Erfolge 
von Israel gemeinsam — aufser Juda und Shim'on — errungen wur- 
den, so hätten wir ein Recht, die oben angedeutete Annahme für be- 
stätigt zu halten: dafs nämlich Josua bis zu einem gewissen Punkte 
die Eroberung an der Spitze der vereinigten Josefstämme, denen die 
kleineren Nordstämme sich angeschlossen hatten, vollzog, von da ab 
aber die Stämme sich selbst überliefs und fortan nur an der Spitze 
Efraims, des Hauptes der Josefstämme, blieb. Als jener Punkt, von 
dem an Josua sich auf Efraim zurückzog, könnte zum voraus am 
passendsten die Eroberung des Gebirges Efraim angenommen werden. 



§ 27. 
Die Eroberung Kena'ans nach dem Buch Josua bis zum Bündnis mit 

Gib'on. 

Die Erwartung bestätigt sich. Eine Anzahl von Abschnitten im 
Buch Josua führt die in der Übersicht angeregten Fäden fort und zwar 
so, dafs dieselben vielfach in das dort offen gelassene Fach werk aus- 
füllend sich einfügen. Es empfiehlt sich, unter diesen Stücken jedesmal 
zunächst diejenigen ins Auge zu fassen, welche mit Rieht. 1 in näherer 
Verwandtschaft stehen und daher J zugerechnet werden müssen. Der 
Anschlufs derselben an die uns bekannte Übersicht wird dadurch am 
besten gewahrt. 

Sofort erhebt sich treilicli eine litterarische Frage. Haben wir in 
Rieht. 1 ein Stück vor uns, das fast ausnahmslos den Charakter des 
Excerpts hat, und wohl auch in der That als ein solcher Auszug aus 
einem gröfseren Erzählungsganzen angesehen werden mufs; und haben 
sich ihm einzelne Stücke aus Josua als auch nach dieser Seite hin 
gleichartig - mit Rieht. 1 angeschlossen : so ist die Frage , ob die jetzt 
in Rede stehenden J-Bestandteile des Buches Josua derselben Art sind. 
Ihrer Erzählungsweise nach scheinen sie, wenn sie auch meist kurze und 

1) S. Buddc, ZAW. VII, S. 104. 128. Bcrtheau, Rieht.», S. XXVIII. S. 2 f. 

2) Über eine trotzdem bestehende Verschiedenheit s. oben S. 239 f. 244. 



252 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

nur in Bruchstücken vorhandene Berichte sind, doch nicht den Cha- 
rakter biofser Excerpte zu tragen. Wir werden sie demnach weniger 
für direkte Fortsetzungen von Rieht. 1 als für Parallelen zu ihm halten 
müssen, die vielleicht dem Originalwerke angehörten, aus welchem der 
in Rieht. 1 noch vorhandene Auszug entnommen wurde. Doch können 
sie an sich auch einer späteren Ausgabe desselben angehören. 

1. Josua an der Spitze Gesamtisraels. Rieht. 1 liel's an- 
nehmen, daJs hier Josua als an der Spitze des ganzen Volkes den Jor- 
dan überschreitend und von Gilgal aus gegen Jericho und das Gebirge 
vordringend gedacht war. Diese Annahme wird zur Gewifsheit erhoben 
durch die ersten Kapitel des Buches Josua. Dieselben bieten uns eine 
Reihe teils mit Rieht. 1 in engem Zusammenhang stehender, teils von 
jener Übersicht unabhängiger Berichte, in welchen der Hergang in 
der dort angedeuteten Weise vor sich geht. Die deuteronomistische 
Überarbeitung hat diese älteren Berichte teils erweitert, teils etwas 
umgestaltet, ohne aber ihren ursprünglichen Charakter ganz zu ver- 
wischen. 

Ein(; deuteronoraistisch gehaltene Einleitung * bereitet den Jordan- 
übergang und den Kampf um das gelobte Land vor. Sie hat vielleicht 
einzelne ältere Elemente '^ verwandt, ist aber im ganzen von D^ frei 
eingearbeitet ^. Wir haben dieselbe als rhetorisch - paränetische Ein- 
führung für unsern Zweck beiseite zu lassen. Ebenfalls vorläufig zu 
übergehen ist die daran angeschlossene Erzählung über die Auskund- 
schaftung Jerichos *. Sie hängt mit der Geschichte der Eroberung dieser 
Stadt enge zusammen. 

Als erstes Hauptereignis tritt uns der Übergang über den Jordan 
entgegen ^. Wellhausen hat darin zwei ältere Berichte ausgeschie- 
den '', in denen aller Wahrscheinlichkeit nach die Erzählungen von E 
und J erkannt werden dürfen. Der leitende Gedanke seiner Schei- 
dung bleibt, wenn auch die Zuteilung sich etwas anders gestalten 
mag ^. 

Der Gang der Erzählung in J läfst sich etwa so herstellen. Von 
Shittim aus, wo das Volk längere Zeit gelegen war, dringt Josua vor 



1) Jos. Kap. 1. 

2) Es könnte sich etwa um die Verse 1. 2. 10. 11 handeln. 

3) S. Hollenberg. StKr. 1874, S 473. Wellh. , JDTh. XXI, S. 586. Kuen. 
Ond.*, § 7, No 26 

4) Kap. 2. 

5) Kap. .) und 4. 

6) JDTh. XXI, S. 586 flf. 

7) Vgl. auch Dillm., NuDtJc, S. 450ff. 



J; 27. Bis zum Biiuilnis mit Gib'ori. 353 

gegen den Jordan ^ Hier stellt er dem Volk für den folgenden Tag 
Jahves AVunderhilfe in Aussicht ^. Sodann giebt er ihm das Zeichen 
an, an dem Israel Jahves Allmacht erkennen könne: die Lade Jahves 
des Herrn der Erde werde vor ihnen herziehen, und wenn die Fülse 
der Priester, welche sie tragen , im Wasser stehen , werden die Wasser 
abbrechen und zu Haufen stehen. So geschieht es. Als das Volk zum 
Jordan Übergang sich anschickt und die Priester mit der Lade das 
Wasser betreten , stellt sich das neu zufliefsende Wasser, während das 
übrige sich verläuft. Die Priester bleiben mit der Lade mitten im 
Flufsbett stehen, bis das ganze Volk durchgezogen ist ^. — Nachdem 
dies geschehen, erhält Josua den Befehl, vom Standort der Priester im 
Jordan zwölf j Steine nach dem Lagerort der nächsten Nacht mitzu- 
nehmen als Wahrzeichen in ihrer Mitte *. 

Kürzer lautet die Darstellung in E. Josua bricht in der Frühe 
mit dem ganzen Israel an den Jordan auf (von Shittim?). Hier ver- 
sammelt er die Söhne Israels mn sich, damit sie Jahves Befehl ver- 
nehmen ^. Sie sollen zwölf Männer auswählen, welche vor der Lade 
her in die Mitte des Jordanbettes gehen. Jeder soll einen Stein auf 
der Schulter dorthin tragen zum ewigen Gedächtnis für die Söhne Is- 
rael. Darauf vollzieht sich der Übergang : sobald die Träger der Lade 
an den Jordan herankommen und ihre Füfse das Wasser nur berühren, 
weicht dasselbe zurück ^. . . . 

Der letztere Bericht weist sich durch seine gröfsere Einfachheit, 
die Anschaulichkeit seiner Darstellung und die gröfsere innere Wahr- 
scheinhchkeit des Wahrzeichens im Strome selbst, statt am Ufer (zur 
Erinnerung an den Übergang), als der mutmafslich ältere aus'. Was 



1) Jos. 8, laj'tfb: vgl. Num. 25, 1 = J. 

2) Jos. 3, 5; vgl. Num. 11, 18 (Ex. 19, 22?) = J. 

3) Jos. 3, 10a (10 b ist Zusatz von D2). 11 (statt pn^H '""es n'H'' Wellh., 
S. 587). 13f. (V. 14 am Ende streiche nn^n)- 15b. 16 f. 

4) Jos. 4, la (Dillm. E). Ib. 3 (von ijs}^ au). Ga (wegen c^^lp '^^'^ besser 
zum Malzeichen auf dem Lande ijafst). 8. 

5) Jos. 3, la«>' 9 (in J ist der Vers überflüssig und störend: vgl. auch die 
ersten Worte mit denen in V. 5). 

6) Jos. 3, 12; 4, 5. 7b; 3, 15a (lies i'p^d: Dn">S."ni)- Die hier vorgekommene 
Umstellung ist dadurch geboten, dafs 4, 5 notwendig vor den Übergang gehört. 
V. 4 wird dann wie V. 2 überflüssig und ist nur von R* eingefügt, um den An- 
schlufs der versetzten Teile herzustellen. R* oder eher D2 gehört auch V. 6 b 
und 7 a, da pHI ^b direkt an V. 5 aiischliefst. 4, 9 fängt neu an und gehört 
zu keinem der beiden Hauptberichte mehr. 

7) Kuen. Ond.'', 4} 8, No. 20 weist ihn J zu, aber in erheblich anderer Ab- 
teilung. 



254 Erstes Buch. B. ."5. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

nachfolgt oder zwischeneingearbeit ist, stammt teils ^ von P, teils ^ von 
D^, teils wohl auch von R^, kann aber für die Erhebung des That- 
sächlichen entbehrt werden. Es werden keine neuen Züge hinzuge- 
brucht , sondern bald E bald J erweitert oder beide vermittelt. Zu J 
gehört vielleicht noch die Notiz, dafs das Steinmal den Namen Gilgal 
erhielt ^. 

Ist dies der Fall, so gehört schon deshalb der älteste Kern einer 
an den Jordanübergang unmittelbar sich anschliefsenden Erzählung 
wenigstens zum Teil zu E. Dieselbe bietet eine andere Erklärung des 
für jene Anfangszeit in Kena'an so wichtigen Ortsnamens Gilgal. 
Hollenberg "* hat den Kern der Erzählung folgendermafsen herausge- 
schält: „In jener Zeit sprach Jahve zu Josua: mache dir Steinmesser 
und beschneide ^ die Söhne Israel. Da machte sich Josua Steinmesser 
und beschnitt die Söhne Israel auf dem Hügel der Vorhäute. Und 
nachdem das ganze Volk beschnitten war, bheben sie im Lager, bis 
sie wieder heil waren. Jahve aber sprach zu Josua: heute habe ich 
die Schmach Ägyptens von euch abgewälzt. Und er nannte den Na- 
men des Ortes Grilgal bis auf diesen Tag" ^. 

Die Erzählung wird gewöhnlich für einheitlich genommen und 
daher aus dem obigen iind andern Gründen von Dillraann ganz E zu- 
gewiesen. Sie ist es aber nicht. Schon die doppelte Bezeichnung für 
den Ort der Beschneidung : Hügel der Vorhäute und Gilgal mufs hierauf 
führen. Auch hier haben daher wohl E wie J dasselbe Ereignis mit 
kleinen Differenzen berichtet '. 

Auch diese Erzählung ist von R*^ stark überarbeitet ^ wesenthch zu 
dem Zwecke, um die hier mitgeteilte Notiz von der Annahme der Be- 
schneidung durch Israel bei der Einwanderung in Kena'an mit der 
Angabe von P zu vermitteln, nach welcher schon Abraham die Beschnei- 
dung für sich und seine Nachkommen angenommen hatte. Ferner hat 

1) Vielleicht in 4, 9. 15—17. 11». 

2) Aufser den schon genannten Stücken besonders 3, 2 — 4. t!— 8, sodann die 
Hauptsache von 4, 10 an. 

8) 4, 20 ; doch kann wegen d V'~l '^^^^ ^^^ Quelle von 4, 9 hierher gehören. 

4) a. a. 0., Ö. 49of. 

5) 3T\t'l *^d n^Jtt' ^st wohl mit LXX (Vat. und Luc. zu streichen. 
«) Jos. 5, 2 f. 8 f. 

7) Zu J gehörte wohl 5, 2 f. 8 (V. 8 a vgl. m. 3, 17 b; 4, la [letzteres von 
Dillm. ohne Grund E zugewiesen]) ; V. 9 dagegen ist eine Etymologie in der 
Weise des E und stimmt inhaltlich zu ihm, da für ihn jedenfalls Gilgal den Na- 
men nicht von jenem Steinmal erhalten haben kann. 

8) Ihm gehört 5, 4 — 7, wohl auch V. 1. Doch könnte hier auch an D^ ge- 
dacht werden 



§ 27. Kis zum Bündnis mit (übon. 255 

der Kedaktor eine kurze Notiz aus P über die Feier des Passa in 
Gilgal hier eingereiht '. Ganz am richtigen Orte wäre hier auch die 
aus E stammende Notiz über die Josua gewordene Erscheinung eines 
Mannes, welcher sieh ihm als der Fürst des Heeres Jahves kundthut "^^ 
falls statt Jericho Gilgal als Ort der Begebenheit angenommen werden 
dürfte. Gehört das Ereignis nach Jericho, so stünde es besser an einem 
späteren Orte. 

Dem Übergang über den Jordan mul's der AngritF auf die Ke- 
na'aniter folgen. Ist der Übergang bei Shittim oder jedenfalls in der 
Nähe der Jordanmündung erfolgt, so steht dem weiteren Vordringen 
zunächst Jericho im Wege. Es ist der Schlüssel des Landes. Das 
nächste Ereignis ist die Eroberung Jerichos ^. 

Die Erzählung darüber steht fast durchweg auf alter Grundlage 
und bietet zwei in eich geschlossene Berichte, welche Wellhausen * in 
fast abthuender Vollkommenheit ausgeschieden hat. Der einfachere Be- 
richt ist hier derjenige von J. Jahve befiehlt Josua, Israel solle die Stadt 
sechs Tage hindurch je einmal (lautlos), am siebenten Tag aber sieben- 
mal (mit lautem Kriegsgeschrei) umkreisen, dann werden sie in die 
Stadt eindringen können. Demgemäfs instruiert Josua das Volk für 
den Umzug: Lärmet nicht und lafst eure Stimme nicht vernehmen,, 
kein Wort gehe aus eurem Munde bis an den Tag, da ich es euch 
sage, dann sollt ihr Kriegsgeschrei erheben. So umkreisten sie die 
Stadt einmal und kehrten über Nacht ins Lager zurück ^ Dasselbe 
geschieht am folgenden Tag und so sechs Tage nach einander. Am 
siebenten Tag umziehen sie die Stadt in derselben Weise (siebenmal?). 
Nun erst heifst Josua das Volk Kriegsgeschrei erheben. So dringen sie 
in die Stadt ein und nehmen sie ". 



1) Jos. 5, iO-1-2. 

2) Jos. 5, 13—15; vgl. Ex. H, 5 = E 

3) Jos. Kap. f>. 

4) JDTh. XXI, S. 589f. 

5) Jos. 6, 3 (,die oben eingeklammerten Worte müssen im Text gestanden 
haben und sind durch R'i beseitigt), i-dß (.was übrigens Dillm., z. d. St. vielleicht 
mit Recht R zuweist). 5h ß (von den meisten dem andern Bericht zugewiesen, 
allein n^y pa'st hier und V. 20 nicht recht zu den gefallenen Mauern). 10. 1 1 
(zu lesen iiyn HN 12D''l)- 

■ B) Jos. 6, 14. 15 a. 16 b. 2U a. 'Mhß (von ^J;1■; an; s. Anm. 5). — Die ange- 
gebenen Verse enthalten das Minimum. Dillm., NuDtJo , S. 462 will es dabei be- 
wenden lassen, Wellh. fügt noch V. 17a. 19. 21. 24, Budde, ZAW. VII, S. 141 
fügt, wohl mit Recht, noch V. 26 bei. Ob auch die Rücksichtnahme auf Rahab 
in V. 17 und 22 f. schon in J gehört, hängt von Kap. 2 ab. Ich halte es nicht 
für unmöglich. 



256 Erstes Biicli. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'aus. 

Erheblich komplizierter, darum wohl später, ist die Darstellung des 
Verlaufes bei E. Hier soll Israel an einem Tag, die Vorhut voran, 
die Priester mit der Lade folgend, sodann das Heer, siebenmal die Stadt 
umziehen. Beim siebenten Umzug stofsen die Priester in die Jobel- 
hörner, worauf das Volk den Kriegsruf erhebt, sodafs die Mauern 
stürzen \ Der Kern dieser Version liegt in den Worten: „Und Josua 
machte sich am Morgen früh auf, und die Priester trugen die Lade 
Jahves. Aber sieben Priester trugen sieben Jobelhörner vor der Lade 
Jahves her, und die Gerüsteten gingen vor ihnen her, und die Nachhut 
folgte der Lade Jahves. Das siebente Mal aber stiefsen die Priester in 
die Hörner, und da das Volk den Schall des Horns hörte, erhoben sie 
lautes Kriegsgeschrei, sodafs die Mauer zusammenstürzte" *. 

Mit dem jetzigen Kapitel G hängt nach vorne die Erzählung von den 
nach Jericho gesandten Kundschaftern und ihrer Errettung durch die 
Hure Rahab '\ nach hinten diejenige von dem Diebstahl 'Akans * zu- 
sammen. Besonders bei der ersteren Erzählung ist es sehr wohl denk- 
bar, dafs sie schon mit einem dieser beiden älteren Berichte verbunden 
war. Ist dies der Fall, so ginge sie jedenfalls von J aus, wofür auch 
manche Anzeichen des Stückes selbst sprechen ^. Auch bei der 'Akau- 
geschichte können manche Zeichen von J geltend gemacht werden, 
doch scheint die P^rzählung durch R'' stark erweitert. 

Zwei Hauptereignisse, welche die Übersicht in Rieht. 1 nur vor- 
aussetzt, nicht aber selbst erzählt, sind nun mitgeteilt: der Jordan- 
übergang ist vollzogen und Jericho, das dem weiteren Vordringen ins 
Land den Rücken decken mufs, ist gewonnen. Bei Jericho scheiden 
sich die Wege. Nordwestlich führt durch das W^adi Matjä der eine 
aufs Gebirge Efraim gegen "^Ai und Betel hin, südwestlich der andere 
hinauf nacii Jerusalem und das Gebirge Juda. Bis hierher ist Josua 
der Führer des gesamten übei- den Jordan ziehenden Volkes gewesen. 
Jetzt kann den immerhin noch nicht zu einer festen Volkseinheit ge- 
schlossenen Stämmen der Gedanke gekommen sein, sich in zwei Haupt- 
kolonnen zu scheiden. Zuvor geht noch unter Leitung Josuas eine 



1) Jos. 6, 4a «b. 5abff. H. 7^9. 12f. 16a. 20b«. 

2) V. 12. liianth [V a^ ist mifsverständlicher Zusatz, ebenso die drei letzten 
Worte des Verses). 16a. 20bor. 

3) Kap. 2. 

4) Kap. 7. 

5) Vgl. die fliefsende und nicht breite Erzählung; ferner aiü^y V. 1, idH ,"ltl?y 
riDNI V. 14, nü/N"! (ohne Namen) und QitfJND V. 3. 4. 5 u. s. w. wie öfter in J 
z. B. Gen. 18, 2. 16; 19, 12; 34, 7 und 24, 21. 26. 30. 61; 37, 15. 16. Dillmann 
denkt an E neben J ; dafs R^ mitthätig war, zeigt jedenfalls V. 10 f. 



§ 27. Bis zum Bündnis mit Gib'on. 357' 

Abmachung über die für die Einzelstämme in Aussicht zu nehmenden 
Gebietsteile voraus. 

80 reiht sich das jetzt Gewonnene ohne Schwierigkeit an das 
früher Ermittelte an. Der Jordanübergang und die Eroberung Jerichos 
bilden die Voraussetzung der an der Spitze unserer obigen Übersicht 
stehenden Landesverteilung und müssen zeitlich vor sie fallen. Wie 
lange nach dem Jordanübergang der Aufenthalt im festen Lager zu 
Gilgal gedacht werden mufs, ist nicht wohl zu ermitteln. Lnmerhin 
jedoch scheint er nicht allzu kurz gemeint zu sein. Zuerst verläfst 
hierauf Juda mit Shim'on das gemeinsame Standquartier; sodann 
machen — wohl einige Zeit später — die Söhne Josef, Efraim und 
Manasse, sich gegen das Gebirge Efraim hin auf. Das Lager in Gilgal wird 
als Rückhalt noch beibehalten. Damit ist auch die Frage erledigt, 
was aus den andern Stämmen wird. Die Voraussetzung ist jedenfalls, 
dafs sie ihren Weg über das erst zu erobernde Gebirge Efraim nehmen, 
d. h. dafs sie sich an Josef und Josua vorläufig anschliefsen. 

Hiermit ist der Anschlufs an das Buch Josua wieder gewonnen. 
Die Fortsetzung seiner Erzählung ist als Schilderung der Erfolge Jo- 
suas an der Spitze des Hauses Josef und der sich ihm vorläufig an- 
schliefsenden Stämme anzusehen. Die Geschicke Judas werden für 
jetzt beiseite gelassen. 

2. Josua an der Spitze des Hauses Josef. Der Weg nach 
dem Gebirge durch das Wadi Matjä wird durch die kena'anitische 
Königsstadt 'Ai verlegt. Ihre Eroberung ist das nächste Ziel Josuas. 
Auch sie ist in doppelter Erzählung berichtet, wie schon Knobel und 
Schrader^ sodann noch genauer Wellhausen ' erkannt haben. Die rich- 
tigere Scheidung hat hier übrigens jüngst Dillmann ^ vollzogen. 

Die Erzählung von J setzt einen früheren , mifslungenen Versuch 
der Eroberung voraus ^ und knüpft damit an Bestandteile von Kap. 7 
an. Josua macht sich aufs neue gegen 'Ai aui'. Vor der Stadt ange- 
langt sendet er von seinem Standort aus * in der Naclit 3000 (?) ^ 



1) JDTh. XXI, S. 592 f. Er scheidet einen zweiten Bericht in V. 3a. 12f. 
14. 18. 20 c. 2(j aus. Kuen. Ond.^, § 8, No. 2U stimmt ihm zu und erkennt darin 
den Bericht des J, ebenso Budde , ZAW. VIT, Ö. 141 ft"., der jedoch lieber nur 
V. 18b für ursprünglich hielte. Vgl. übrigens auch schon Ewald, (iesch. Isr.-'' II, 
S. 350. 

2) NuDt.Io., S. 472. 

3) V. 5. 

4) Nicht von Gilgal aus, woraus natürlich folgen würde {VVcllh. Kuon.j. daf» 
3a und 3b verschiedenen Berichten angehören. .S. Dillm , S. 473. 

5) Der Text hat 30000; vielleicht darf p^'S^i' gel"sen werden. 

Kittel, Gesch. dar Hebräer. 17 



358 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

Mann ab mit dem Befehl, sie sollten einen Hinterhalt hinter der Stadt 
bilden. Er selbst wolle mit dem Heere die Stadt angreifen : ziehen die 
Feinde ihnen entgegen wie das vorigemal, so heuchle er Flucht; wäh- 
rend der Verfolgung soll dann der Hinterhalt die von Verteidigern ver- 
lassene Stadt besetzen und sie in Brand stecken. Dem Befehl gemäfs 
lagert sich der Hinterhalt über Nacht zwischen Betel und 'Ai. Zwei 
felsige Anhöhen bieten nach van de Velde ' zwischen Tellel-Hadschar, der 
heutigen Stätte 'Ais, und Beitin, dem dreiviertel Stunden nordwestlich 
davon gelegenen Betel, Gelegenheit zu verdeckter Aufstellung. Josua 
aber bleibt die Nacht über im Thalgrunde '^ vor der Stadt, dem Wadi 
Matjä lagern, um am Morgen den Angriff zu beginnen ^. Wie der 
König von 'Ai (am Morgen) Israels ansichtig wird, beeilt er sich, es 
anzugreifen. Josua aber und ganz Israel lassen sich schlagen und 
fliehen in der Richtung der Wüste d. h. wohl gegen Osten ^ nach der 
vor 'Ai liegenden (öden?) Hochebene zwischen dem Wadi Matjä und 
dem Wadi Suwenit. Die von 'Ai verfolgen sie und lassen die Stadt 
offen zurück. „Da erhob sich der Hinterhalt eilends, drang in die 
Stadt ein und zündete sie an. Und da die Männer von 'Ai zurück- 
sahen, gewahrten sie den Rauch ihrer Stadt. Aber sie konnten weder 
hierhin noch dorthin fliehen, denn die Israeliten, die zur Wüste geflohen 
waren, wandten sich zurück gegen die Verfolger. Und sie schlugen 
sie , den König aber ergriffen sie lebendig und führten ihn vor Josua. 
Und nachdem Israel die 'Aiten aut dem Felde, nämlich in der Wüste, 
wohin sie ihnen nachgejagt waren, getötet hatten, kehrten sie nach'Ai 
zurück und schlugen es mit der Schärfe des Schwertes, sodafs an 
diesem Tage an Männern und Weibern 1 2 000 erschlagen wurden " ^. 



1) Narrative etc. II, S. 280. Dillm., NuDtJo., S. 473. 

2) So mit Ewald, Gesch. Isr.^ II, S. 350 nach der Lesart r;>T2V^ IIHD V. 9. 
Damit fällt auch die Deutung, als hätte Josua, während der Hinterhalt schon einen 
Tag an seinem Orte war, noch in Gilgal gewellt! 

3) Jos. 8, 3 — 9. Sie bilden einen geschlossenen Zusammenhang, der aber nicht 
auf V. 10 und 11 hinaus ausgedehnt werden darf (Wellh.). Der neue Anfang der 
Rede, die Sprache (,a::)^'i"i, bei E beliebt; die Ältesten wie in Ex. Iff. = E), so- 
wie die neue Ortsbestimmung gegenüber V. 9 zeigen , dafs schon mit V. 10 der 
andere Bericht beginnt. 

4) Dillmann, NuDtJo., S. 475 nimmt, wie es scheint, den westlichen Teil der 
Hochebene an, was aber die Schwierigkeit böte , dafs die Flucht und somit die 
Verfolgung durch die 'Aiten sich in der Richtung nach dem Hinterhalt hin be- 
wegten, während dem Sinn des Textes wie der Sache nach die entgegengesetzte 
Richtung angezeigt er erscheint. 

5) Jos. 8, 14a« 7 b. 15. 16 a. 17 b. 19. 20 (auch 20 b gehört, schon wegen 



§ 27. Bis zum Bündnis mit Gib'on. 259 

In diese Erzählung eingearbeitet, läfst sich ein Bericht von E er- 
kennen '. Josua mustert früh morgens (in Gilgal) das Heer und zieht 
an seiner Spitze mit den Altesten Israels vor 'Ai. Im Norden der 
Stadt lagern sie sich, sodafs das Thal zwischen ihnen und 'Ai liegt — 
demnach an demselben Ort wie in J: am Nordrande des Wadi Matjä, 
an dessen südlichem Rande 'Ai liegt. Dann nimmt Josua 5000 Mann 

und legt sie in Hinterhalt * In der Frühe des folgenden Morgens 

machen die von 'Ai einen Ausfall, der König und sein ganzes Volk. 
[Israel aber flieht] nach dem vorher abgemachten Orte in der Steppe ^. Jene 
jagen Josua nach und trennen sich von der Stadt, sodafs niemand in 
'AI und Betel zurückbleibt. [Israel wendet sich und greift die Ver- 
folger an , der Hinterhalt kommt ihm zuhilfe ^, die ' Aiten werden ge- 
schlagen] und kommen alle um durch die Schärfe des Schwerts bis 
zur Vernichtung ^. Nun heifst Jahve Josua seine Lanze gegen 'Ai hin 
ausstrecken, denn er habe die Stadt in seine Hand gegeben''. Josua 
thut es und zieht sie nicht zurück, bis 'Ai ganz und gar gebannt ist ''. 

Welche der beiden Erzählungen die ursprünglichere sei, ist schwer 
zu sagen. Beiden kommen eigentümliche und originale Züge zu. Auch 
betrifft die Verschiedenheit im ganzen nur Nebendinge. Von erheb- 
licherer Bedeutung ist nur einer der Differenzpunkte, die Erwähnung 
von Betel bei E. Er erinnert unwillkürlich an die in J früher schon 



~I3"ID) notwendig hierher). Ferner ron V. 22 die Worte DpiN )Z)i} (das Übrige 
wie V. 21 ist von Rd ; vgl. besonders die Formel V. 22b). 23. 24a ab. 25. 

1) Über die Zugehörigkeit zu E s. oben S. 258, Anm. 3. 

2) Hier mufs eine Ortsbestimmung ausgefallen sein. Die jetzt im Text ste- 
henden Worte „ zwischen Bet-el und 'Ai westlich von 'Ai " können nur dann hier 
gestanden haben, wenn Betel in V. 17 Glosse wäre. Da dies (trotz des Fehlens in 
LXX) nicht wohl denkbar ist, hat man hier einen harmonistischen Zusatz des 
R"* aus J in V. 9 anzunehmen. Denn lag der Hinterhalt zwischen Betel und 'Ai, 
so können die Beteliten nicht an ihm vorüber denen von Ai zuhilfe eilen. 

3) Nur so geben die Worte einen Sinn. Unter ^j'^'^ ist dasselbe zu ver- 
stehen, was bei J -oio heifst. Das ist der Ort, wohin Josua flieht. Die einge- 
klammerten Worte müssen also im Text gestanden sein. 

4) Allem nach hat hier in E das Eingreifen des Hinterhalts nicht die Be- 
setzung der Stadt, sondern die Besiegung der Feinde zum ersten Zweck. Die 
Stadt wird erst nachher genommen. Auch dazu stimmt die Annahme eines an- 
deren Ortes des Hinterhaltes als in J am besten. 

5) Jos. 8, 10—12 (V. 13 ist Einsatz von Rd). Uaß^. 16b. 17a .. . 2i&ß. 

6) Hierher scheint V. 18 ursprünglich zu gehören. 

7) Jos. 8, 18. 26. Ob im Folgenden noch einiges zu E gehörte, ist, wenn 
auch nicht unmöglich, so doch nicht sicher-, ebenso kann noch einiges, z. B. das 
Schicksal des Königs, in J gestanden haben. 

17* 



360 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

von uns kennen gelernte Erzählvmg von der Eroberung- Betels durch 
das Haus Josef. 

Die leichteste Lösung der Schwierigkeit wäre die auf LXX ge- 
gründete Annahme einer blofsen Grlosse. Allein sie ist hier durch die 
Sinnlosigkeit einer Glossierung des jetzigen Zusammenhangs ausge- 
schlossen. LXX haben im Gefühl hiervon Betel gestrichen, weil nach 
dem jetzigen Text unmöglich die Beteliten an dem Hinterhalt, der 
zwischen Betel und 'Ai liegt, vorüber marschieren können. Ist aber 
Betel quellenhaft in E, so ergiebt sich hieraus die wichtige Folgerung, 
dafs bei E die Unternehmung gegen 'Ai zugleich auch gegen Betel 
gerichtet war. Unsere Erzählung in Jos. 8 ist dann nicht allein eine 
Parallele zu Rieht. 1, 22 f., sondern beide sind genauer die sich er- 
gänzenden Hälften einer und derselben Geschichte. In J sind uns beide 
Hälften erhalten; in E von der Betel betreffenden nur noch dieses 
kleine Restchen. 

Am wahrscheinlichsten werden wir den Zusammenhang der beiden 
Erzählungen in E uns so denken dürfen, dafs Betel als Nachbarstadt 
'Ais diesem gegen den gemeinsamen Feind zuhilte eilte. Entweder ist 
nun anzunehmen, dafs die gegen Israel ausgerückten Betehten samt 
den Bewohnern von 'Ai geschlagen und ihre Stadt dann gleich 'Ai, 
nachdem die Verteidiger getötet waren, mit leichter Mühe genommen 
wm'de. Diese Wendung der Sache hätte wegen der starken Verschie- 
denheit von J den Redaktor veranlassen können, die Erzählung zu 
streichen. Oder aber war, was an sich doch näher liegt, der Bericht 
dem des J konformer. Dann entkamen die Betehten in ilire Stadt und 
Israel hat, nachdem 'Ai genommen war, von hier aus in der Rieht. 1, 
22 AT. erzählten Weise durch Kundschafter und Verrat die Stadt zu 
gewinnen gewufst. 

Wie frei die Redaktion des heutigen Josuabuches mit dem über- 
lieferten Stoff der Eroberungsgeschichte schaltete, zeigt diese Weg- 
lassung der Eroberung Betels. Es scheint, dafs R*^ hauptsächlich nur 
diejenigen Stoffe der Aufbewahrung wert erachtete, weiche ihm vor- 
bildliche Bedeutung für die Nachwelt zu enthalten schienen. Von der- 
selben Freiheit erhalten wir ein für unsere Geschichtskenntnis noch 
mifslicheres Beispiel in den der 'Aigeschichte nachfolgenden Versen ^ 
Mit Betel ist der Weg zum Gebirge Efraim und die Möglichkeit 
des Vordringens nach Norden gewonnen. Entweder sofort oder später 
mufste an Israel die Aufgabe herantreten, dieses eigentliche Zentrum 



1} Jos. 8, 30—35 



§ 27. Bis zum Bündnis mit Gib'ou. 261 

des heiligen Landes zu erlangen K Dafs Israel es eroberte und zwar 
unter Josua — denn hier wurde später sein Grab gezeigt — , ja dafs 
hier in der Kichterzeit das Leben Israels pulsierte, wissen wir aus an- 
derweitigen Nachrichten. Aber wann und wie die Eroberung sich voll- 
zog, darüber ist jede Kunde verloren gegangen. Die Eroberungsge- 
schichte schweigt von Öikem und dem mittleren Lande ganz und gar. 

Dais sie nie etwas über die Eroberung dieses wichtigsten Stückes 
berichtete, iat bei dem engen Zusammenhang, in welchem jene Gebiete 
mit dem Namen Josuas selbst stehen, schlechthin undenkbar. Es 
bleibt nur die Annahme, dafs dieser Teil der Geschichte Josuas uns 
verloren ist-. Einen dürftigen Rest, wie es scheint das Einzige, vv^as 
R* besonders bedeutsam erschien, besitzen wir in Jos. 8, '60 — 35. 
Das Stück ist in der Hauptsache von D^ geschrieben ^. Einzelne 
Teile davon lassen sich jedoch auf E zurückführen. Hierzu gehört 
jedenfalls die Mitteilung, dafs Josua auf dem Berge 'Ebäl Jahve einen 
Altar baute und das Volk dort Brand- und Dankopfer darbrachte *. 
Die Notiz setzt selbstredend die vorhergehende Erzählung über die Er- 
oberung des Gebietes um Sikem voraus. 

Auch nach diesen Kämpfen kehrt Josua wieder ins feste Lager 
nach Gilgal zurück. Ein anderes als das uns bisher bekannte Gilgal 
am Jordan Übergang anzunehmen , liegt kein genügender Grund vor ^. 
Die Rückkehr dorthin ist immerhin auffallend, aber wenn in Betracht 
gezogen wird , dafs Israel nicht aus den vordringenden Kriegern allein 
bestand, sondern auch Weiber und Kinder mit sich führte, nicht uner- 
klärlich. Das befestigte Standquartier am Jordan kann für sie als 
sicherer Aufenthalt, für die Kämpfenden selbst den Wechselfällen des 
Krieges gegenüber jederzeit als Rückhalt dienen. So begreift sich, 
dafs nicht allein die späteren Quellen Josua und Israel nach den 
Kriegsthaten im Lande jedesmal wieder nach Gilgal zurückkehren 
lassen : sondern dafs auch E und J es nicht anders wissen ". 

Hier in Gilgal stöfst Josua nach der Rückkehr von 'Ai und Sikem 
ein Begegnis zu, das bis auf die Zeit Davids herab nachwirken sollte. 
Im Lager zu Gilgal stellen sich Gesandte ein mit alten Säcken auf 
ihren Eseln und geflickten Weinschläuchen. An den Füfsen tragen 



1) Vgl. Dillmann, NuDtJo., S. 478. 

2) S. Köhler, Bibl. Gesch. d. AT. 1, S. 481. 

3) Dillmann nimmt, wie öfter, D selbst als Grundlage an. 

4) V. HO. aib. Vgl. dazu Jos. 24. 

5) S darüber A. Vogel, Luth. Zeitschr. 1873, S. 4 ff. Hengstenberg, Gesch. 
d. A. B. II, ö. 225 f. Köhler, Bibl. Gesch. 1, S. 482. Speakers Bible II, S. 44. 

(i) Vgl. Budde, ZAW. VII, S. 131, Anm. 2. 



362 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

sie schadhafte und ausgebesserte Sandalen, am Leibe alte Kleider; ihr 
Brot, das sie als Zehrung mit sich führen, ist vertrocknet und zu 
Krumen geworden. Sie erklären den Männern von Israel ^ : „ wir sind 
eure Knechte ^, schliefset einen Bund mit uns ". Die Männer von Is- 
rael sprechen zu den Fremdhngen ^: „vielleicht wohnst du in meiner 
Mitte " — d. h. inmitten des Israel zur Eroberung und Ausrottung an- 
gewiesenen Gebietes — »wie sollte ich da einen Bund mit dir schlie- 
fsen?" Sie versichern, dafs sie aus sehr fernem Lande kommen, ver- 
anlafst durch den Namen Jahves. Sie haben gehört, was er an den 
Ägyptern gethan habe, daher haben ihre Altesten und Volksgenossen 
sie hierher gesandt und ihnen aufgetragen, Israel anzubieten: „wir sind 
eure Knechte, so schliefset nun einen Bund mit uns". Sie weisen zum 
Beleg ihrer fernen Herkunft auf ihr Brot, ihre Weinschläuche und 
Kleider, die sie frisch von Hause mitgenommen haben wollen. Da 
nahmen die Männer (von Israel) von ihrer Zehrung und schlössen einen 
Bund mit ihnen *, den Mund Jahves ^ aber trugen sie nicht. Aber 
nach drei Tagen hörten sie, dafs sie ihnen nahe waren und in ihrer 
Mitte wohnten ^. Es waren Vertreter von Gib'on '', Kephira, Be'erot und 
Qirjat-Je'ärim *. 



1) Die Worte; „Josua" und „zu ihm und" in V. 6 sind zu streichen. 

2) Dies scheint mir mit Budde, S. 138 für die Worte „ aus fernem Laude 
kommen wir" einzusetzen. Die letzteren Worte passen unmöglich zum Folgenden. 
Eine Unterwerfung, welche das Bündnis ausschlösse (Dillm. , NuDtJo., S. 481) 
braucht damit nicht gemeint zu sein. Sie würde auch dem Thatbestande, wie ihn 
der Verfasser] jedenfalls kennen mufste, widersprechen. 

3) Als Hivviter werden sie auffallenderweise V. 7 bezeichnet. S. übrigens 
auch Thenius zu 2 Sam. 21. 

4) Dies ist aus V. 15 a heraufzunehmen, s. Budde, S. 138. 

5) Budde a. a. 0., S. 139 vermutet, es könnte hier statt Jahve einst Josua 
gestanden haben. 

6) Jos. 9, 3 — 7. 9. 11 — 14. 16. — Ist diese Herstellung der Erzählung wie sie 
Budde vorschlägt, richtig, so besitzen wir über den Hergang nur einen Haupt- 
bericht, und dieser kann dann nur aus J stammen. Buddes Vorschlag scheint mir 
immer noch die bis jetzt befriedigendste Lösung des höchst verwickelten Problems, 
das in diesem Kapitel liegt, zu bieten; wenngleich anzuerkennen ist, dafs die An- 
nahme zweier Berichte, wie sie Hollenberg und Wellhausen (StKr. 1874, S. 496 
und JDTh. XXI, S. 594) und besonders jüngst Dillmann i^NuDtJo., S. 480) ver- 
treten haben, ebenfalls Gründe für sich hat. Über die Annahme, dafs die Gib'o- 
niten bei E sich bedingungslos unterworfen hätten (Dillm.) s. oben Anm. 2. — 
V. If. 8. 10. 15. 24f. stammen aus Rd bzw. D2, V. 15b. 17-21 aus P. 

7) So nach V. 3. 

8) Diese 3 Städte kommen nach der glaubhaften Notiz in P V. 17 dazu. 
Über die Lage der Orte vgl. aufser Riehm, HWB. und Bädeker'^ besonders Dillm., 
NuDtJo., S. 483. 



§ 28. Der historische Charakter der Erzählung. 363 

Josua, ohne welchen — wohl weil er abwesend war — die Ver- 
handlungen geführt wurden, und der nun, nachdem der Vertrag ge- 
schlossen ist, dazukommt \ stellt sie zur Rede über dem an Israel ver- 
übten Betrug. Er verflucht sie und die Ihren zu ewiger Knechtschaft 
als Holzhauer und Wasserschöpfer beim Altar Jahves, schützt sie aber 
vor der Wut des Volkes, das die Gesandten, nachdem der Betrug ent- 
deckt ist, ermorden will ^. 



§ 28. - 
Der historische Charakter der Erzählung. 
Es ist, ehe wir der weiteren Tradition nachgehen, angezeigt, hier 
einen Ruhepunkt eintreten zu lassen, um die Frage nach dem histo- 
rischen Charakter des bisher ermittelten Traditionsstoffes zu stellen. 

Es gelang bis hierher, nicht unbeträchtliche ältere und quellenhafte 
Elemente über die Führung Israels dm*ch Josua über den Jordan und 
bis Jericho, sowie über die vorläufige ideale Austeilung des Landes durch 
ihn, die Scheidung Judas und der übrigen Stämme, das Vordringen 
Judas mit Shim'on gegen Süden und die Erfolge Josuas an der Spitze 
des Josef hauses imd der ihm angeschlossenen übrigen Stämme bis gegen 
Sikem hin zu verfolgen. 

Mehrfach zeigte sich im bisherigen J als die einzige uns noch fliefsende 
Quelle. Boten sich zwei ältere Berichte dar, so trat bald E bald J als 
die ursprünglichere Fassung enthaltend an die Spitze. Auch hat sich im 
bisherigen Verlauf der Erzählung ein wohlgeordneter in sich gegrün- 
deter Fortgang der Ereignisse ermitteln lassen. Wo in einem Falle 
Zweifel über den einheitlichen Gang der Erzählung aufkommen konn- 
ten — bei der Erwähnung der Vorverteilung des Landes unter die 
Stämme — , da glaubten wir sie durch näheres Eingehen auf das in 
der Erzählung zutage tretende Gesamtbild des Hergangs beseitigen 
zu können. 

Mit alledem ist freilich ein wesentlicher Schritt zum Erweis der 



1) Nur so viel ist an der Annahme Holleubergs, S. 496, dem die Mehrzahl 
der Forscher gefolgt ist: Josua sei ursprünglich in der Gib'ongeschichte gar nicht 
erwähnt gewesen, richtig. S. Budde, S. 138 f. 

2) Zum ursprünglichen Bericht gehören noch Y. 22 f. und 26, besonders die 
letzteren von R^ überarbeitet. 



264 Erstes Buch. B. S. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

Geschichtlichkeit dieser Erzählung gethan ; es ist die notwendige Grund- 
lage für sie gewonnen. Die Geschichtlichkeit des Hergangs selbst aber 
ist auch hier, bei dem Verhältnis der Quellen zum Thatbestande, weder 
mit dem Nachweis der ältesten Tradition noch mit dem Erweis ihrer 
inneren Einstimmigkeit schon wirklich dargethan. Sie ist nur dann 
erwiesen, wenn der übrige uns bekannte Verlaut' der Geschichte sie 
stützt und keinerlei uns sonst feststehende Thatsacben sie verbieten. 

Dieser Prüfung aber kann, glaube ich, die bisher erzählte Ge- 
schichte Josuas und der Eroberung in der Zusammenstellung und 
Vermittelung ihrer verschiedenen Elemente, wie wir sie versucht haben, 
stand halten. 

1. Die Art des Eindringens. Dafs die Persönlichkeit Josuas 
damit nicht beseitigt werden kann, dafs man ihn als ausschliefslich 
efraimäischen Stanimesheros, oder nur als Heros eponymos eines efrai- 
mitischen Clans, der in und um Timnat-heres seinen Sitz gehabt 
hätte, ansieht, mufste oben schon ^ vorgreifend im Zusammenhang der 
in Rieht. 1 vorliegenden Übersicht zur Erörterung kommen. Denn 
einmal ist damit, dafs auf dem Gebirge Efraim später noch sein Grab 
gezeigt wird ^, doch gewifs noch nichts gegen die Geschichtlichkeit 
seiner Person gesagt. Sodann aber ist die Grundvoraussetzung dieser 
ganzen Annahme, die Meinung, als käme Josuas Name in J gar nicht 
vor, sei also erst in E d. h. in Efraim erdacht, quellenkritisch un- 
haltbar. Damit fällt auch die Meinung', als sei das ganze Buch Jo- 
sua erst von E und seinen Nachfolgern dem mythischen Helden zu- 
liebe ersonnen ^. Eallen diese Einwände weg und erklärt es sich 
anderseits zureichend, weshalb in Rieht. 1 Josua heute fehlt, so ist 
denn auch kein Grund, Josua nicht mehr als geschichtliche Gestalt 
anerkennen zu wollen. Im Gegenteil die Israel bevorstehende Auf- 
gabe fordert nach Moses Tode einen Nachfolger des ersten Führers, 
der in seiner Weise und seinem Geiste Israel dem verheifsenen Lande 
zuführte. 



1) Siehe S. 247 f. Einen inschriftlicheu Beleg für die Geschichtlichkeit Josuas 
hätten wir, falls eine von Procop von Caesar. (De hello Vandal. II , 20) und 
einigen andern (Suidas, Moses v. Chorene) erwähnte phönizische Inschrift verbürgt 
wäre. Dieselbe (nach Suidas waren es mehrere) soll bei Tingis (?) in Numidien 
gestanden haben und von vor dem „Räuber Josua" flüchtigen Kena'anäern her- 
rühren. Doch mag die Übersetzung auf Vermutung des Procop beruhen. Vgl. 
Bertheau, Zur Gesch., S. 271. Movers, Phöniz. II, 2, S. 432 f. Ewald, Gesch. 
Isr. 11*, S. 323 f. Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 488. Enc. Brit. XIII, p. 753. 

2) Rieht. 2, 9; dazu Jos. 19, 50 und 24, 30, wo der Ort Timnat Serah heifst. 

3) Meyer, ZAW. I, S. 143. 



§ 28. Der historische Charakter der Erzählung. 365 

Josua ist Et'raimit. Naturgemäfs steht er zu seinem Stamme in 
enger Beziehung. Daraus aber zu schliefsen, dai's Josua, wenngleich 
geschichtHche Person, so doch nur et'raimitischer Stammtürst, nicht aber 
zugleich Führer des Gesamtvolkes gewesen sei *, ist nicht berechtigt. 
Kuenen kann diese Behauptung, nachdem er das Vorkommen Josuas 
in der Tradition des J anerkennt, höchstens auf Grund des von ihm an- 
genommenen nordisraelitischen Charakters von J in seiner Urgestalt ver- 
treten. Darf, wie wir glauben, J als judäische Schrift angesehen wer- 
den, wofür gerade auch Kicht. 1 ein neuer Beweis ist, so ist damit zu- 
gleich gegeben, wie sehr auch in Juda Josuas Führerschaft schon frühe 
anerkannt war. Das ist bei der so bald eintretenden Rivalität zwischen 
Nord und Süd nur zu erklären, wenn die Thatsachen aufseiten Josuas 
standen. 

Ist aber Josua der Leiter und Heerführer des gesamten Israel, so- 
lange es noch gemeinsame Aktion übt : so kann auch kein anderer als 
er den Jordan Übergang und die zunächst geforderte Eroberung Jerichos, 
sowie die vor der Trennung von Juda nötige Verteilung des Landes 
leiten. Über die letztere ist schon gehandelt. Die Eroberung Jerichos 
hingegen und den damit zusammenhängenden Übergang Israels ins 
Westland gerade an dieser Stelle, hat man neuerdings in Zweifel ge- 
zogen. Während nämlich Meyer ""^ dieses Stück der Tradition Israels 
hinsichtlich der Gewinnung Kena'ans als das allein glaubwürdige fest- 
hält, glaubt anderseits Stade gerade hiergegen ernstliche Bedenken äufsern 
zu müssen. Israel ist seiner Meinung nach bei seiner Einwanderung 
in Kena'an überhaupt nicht bei Jericho, sondern erheblich nördlicher, 
in der Gegend des Jabboq über den Jordan gegangen. Was ihn dazu 
bestimmt, ist in erster Linie die von ihm geteilte Voraussetzung, das 
Jericho gegenüberliegende Gebiet sei in frühester Zeit gar nicht israe- 
litischer, sondern moabitischer Besitz gewesen ^. Wir haben diese An- 
nahme früher als unberechtigt geglaubt abweisen zu sollen. Weiterhin 
berult sich Stade auf die Entstehungsgeschichte des Stammes Benja- 
min *. Die Geburt Benjamins im heiligen Lande deute an, dafs dieser 
Stamm erst nach der Einwanderung in Kena an sich durch Loslösung 
einzelner Geschlechter von Josef gebildet habe. Das Gebiet Benjamins, 
zu dem Jericho und 'Ai gehörte , wurde demnach erst in s})ätcrer Zeit, 
von Norden her, für Israel erobert. 



1) So Kuenen Ünd.'^, § i;!, No. 14. 

2) ZAW. I, S. 141 f. 

8) Gesch. Isr. 1, S. 137 f. 
4) ZAW. 1, S. 14(U'. 



366 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

Mir scheint hiergegen manches zu sprechen. Wenn Benjamin erst 
einige Zeit nach der Eroberung Kena'ans entstanden ist, so ist es kaum 
erklärHch, wie so bald nachher aus diesem Stamme der König Israels 
gewählt werden konnte. Die Kämpfe der Richterzeit stehen doch nicht 
so weit von der Zeit Sauls ab, dafs hieran nicht noch eine Erinne- 
rung hätte bleiben müssen. Schwerlich konnte auch der Stamm Ben- 
jamin, war er wirklich so jung, schon unter Saul solche Bedeutung er- 
langt haben, wie die Königswahl sie doch für den Stamm des zu 
Wählenden voraussetzen läfst. Überhaupt aber scheint mir die von 
Stade vorgeschlagene Deutung der Patriarchengeschichte *, so sehr sie 
von berechtigten Grundgedanken ausgehen mag, zu Unzuträglichkeiten 
zu führen, sobald sie in mechanischer Weise angewandt wird. Was 
soll es z. B. heifsen, wenn Benjamin auf der einen Seite der jüngste, 
erst in Kena'an] entstandene Stamm , und anderseits als Oheim von 
Efraim und Manasse doch entschieden älter als diese ist? Hat Ben- 
jamin als jüngster Stamm sich erst von Efraim losgelöst, warum heifst 
er dann nicht Sohn Efraims, sondern dessen Oheim? Hat er sich 
aber, wie vermutlich Stade sich den Sachverhalt denken mag, losgelöst 
zu einer Zeit, als Efraim und Manasse selbst noch ungeschieden als 
Stamm Josef galten — warum heifst er dann nicht Sohn, sondern 
Bruder Josefs, da er doch jedenfalls seiner Gröfse nach viel eher für 
einen blofsen Sohn, d. h. Unterstamm Josefs hätte gelten können als 
Efraim und Manasse? ^ Kurz, man kommt mit diesen Deutungen zu 
keinem Resultat, und man wird gut thun, auf sie nicht allzu viel 
Schlüsse zu bauen. Die Entstehung Benjamins erst in nachmosaischer 
Zeit kann beispielsweise daraus nicht entnommen werden. Damit ist aber 
auch jedes Hindernis der Eroberung Jerichos in Josuas Zeit beseitigt. 

Doch hat man nicht allein die Persönlichkeit Josuas und den Über- 
gang bei Jericho, sondern überhaupt die Art, wie unsere Quellen das 
Eindringen Israels in Kena'an sich vorstellen, in Zweifel gezogen. Nicht 
als Eroberer, sondern friedlich, nimmt Stade an ^, sind die Hebräer nach 
Kena'an gelangt. Lange Zeit waren sie zuerst im Ostjordanlande als 
Nomaden ansässig. Mit der Zeit gingen sie zum Ackerbau über. Ihre 
Volkszahl schwoll an, und sie mufsten nach einem Abflufs ins West- 



1) Vgl. dazu auch Gesch. Isr. I, S. 160 f. 

2) Ferner: was deutet die Geburt Efraims und Manasses von der ägyptischen 
Priestertochter an? Sind Efraim und Manasse ägyptisch-hebräische Mischstämme 
überhaupt, oder sind sie eine Mischung hebräischen Bluts mit dem eines ägyp- 
tischen Priesterstammes ? 

3) ZAW. I, S. 148 f. Gesch. Isr. I, S. 133 f. 138 f. 



§ 28. Der historische Charakter der Erzählung. 267 

Jordanland suchen. Durch Kauf oder Vertrag mögen daher einzelne 
Geschlechter Land von den Ureinwohnern erhalten haben. Der Ver- 
such kriegerischen Vordringens wäre von den Israel überlegenen Ke- 
na'anitern mit leichter Mühe zurückgewiesen worden. Mit der Zeit 
wanderte ein Clan nach dem andern hinüber. Unter den Kena'anitern 
wohnend verschmolz so Israel zum Teil mit ihnen ^ und nahm ihre Kultur 
und ihi'e heiligsten Heiligtümer von ihnen an ^. Nur die Religion war 
die Israels, und so trug das Mischvolk schhefslich israelitischen Typus. 
Die Städte widerstanden länger dieser friedlichen Eroberung. Auch 
sie werden niu* teilweise durch Gewalt gewonnen. Erst mit der Königs- 
zeit beginnt eine Entfremdung und gegenseitige Feindschaft der beiden 
Teile, welche jetzt erst zur schliefslichen Unterjochung der Urbevölke- 
rung führt ^. 

Unbedingt ist anzuerkennen, dafs in dieser Darstellung eine wesent- 
liche Seite des wahren Hergangs durchaus zutreffend herausgehoben ist: 
die Thatsache, dafs Israel nicht durch Gewalt allein in den Besitz 
seines Landes gelangt ist. Das \delfach friedliche Nebeneinanderwohnen 
Israels und der Kena'aniter, wie es in der Richterzeit zutage tritt, ist 
ein deutlicher Beweis hierfür. Ebenso ist die Thatsache, dafs Israel 
lange nicht sein ganzes Land schon unter Josua eroberte, später aber 
keine erheblichen Kämpfe mit den Urbewohnern bestand, hierfür mafs- 
gebend. Aber es ist daneben doch zu beachten, dafs uns zwar ein 
Beispiel von vertragsmäfsigem Abkommen überliefert ist, aber auch 
nur dies eine, und dafs es ausdi'ücklich als die Ausnahme von der 
Regel dai'gestellt wii'd. So wird es in hohem Grade fraglich, ob das 
Eindringen Israels im Westjordanlande sich zunächst nur durch fried- 
lichen Vertrag und erst später etwa in vereinzelten Fällen durch Ge- 
walt sollte vollzogen haben. Die Tradition, wie sie hierüber vor allem 
in den schlichten Mitteilungen in Rieht. 1, aber auch im Buch Josua 
vorliegt, trägt doch zu sehr das Gepräge des aus der Wirklichkeit Ge- 
schöpften, als dafs sie ohne die allertriftigsten Gründe beseitigt werden 
könnte. 

Man wird auch den zwischen beiden Teilen herrschenden Frieden 
nicht allzu hoch anschlagen dürfen. Die Unfähigkeit, die Urbevölke- 
rung zu verdrängen , nötigte Israel , sich mit ihr zu vertragen. Inso- 
fern vermissen wir freilich die „tödliche Feindschaft'' * zwischen beiden. 



1) Gesch. Isr. 1, S. 14U. 

2) ZAW. I, S. 149. 

3) Gesch. Isr. 1, S. 140 f. 

4) Stade a. a. 0., S. 135. 



368 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

Wenn wir aber wissen, dals Israel, sobald es dazu imstande war,, 
überall die Urbevölkerung unterjochte \ so sehen wir daraus, dafs das 
leidlich gute Einvernehmen weniger grundsätzlich, als temporum ratione 
habita bestand. Dals die Unterjochung erst durch Salorao vollendet 
wurde ^, beweist nicht, dals sie nicht schon erheblich früher begann. 
Im Gegenteil , der Umstand , dals schon 8aul gegen die — im Unter- 
schied von andern ihresgleichen — durch Vertrag geschützten Gib'oniten 
mit Gewalt vorgeht ^, deutet deutlich an, dafs er damit einer unter den 
national und theokratisch gesinnten Elementen ^ Israels länger schon be- 
stehenden Strömung nachgab. 

Der einzige Grund, der für die friedliche Ansiedelung geltend ge- 
macht werden kann, ist die verhältnismäfsige Überlegenheit der Kena'anäer 
gegenüber Israel, wie sie in manchen Stellen zum Ausdruck kommt. 
Allein sie findet ihre genügende Berücksichtigung in der Thatsache, 
dafs Israel die Städte und die Ebene mehrfach nicht zu erobern ver- 
mochte. Dadurch ist das spätere Nebeneinanderwohnen und die Not- 
wendigkeit einer friedlichen Auseinandersetzung von selbst gegeben. Dafs 
im übrigen die Kena'anäer, auch wenn sie ihre festen Städte zum Teil 
zu behaupten vermochten und mit Hilte ihrer Wagen in der Feldschlacht 
der Ebene Israel überlegen waren, dieses auch von dem Gebiet, das 
die ältere Tradition als von Israel erobert ansieht, dem Gebirge, zurück- 
zuhalten vermochten, wird sich schwer erweisen lassen. Drang Israel 
nur einigennalsen geschlossen vor, so mufste es den in sich wenig ein- 
heitlich organisierten, in einzelne republikanisch veri'afste Gemeinwesen 
auseinanderfallenden Kena'anitern als achtunggebietende Macht gegen- 
über stehen. Dabei ist die Urbevölkerung, worauf manche Anzeichen 
deuten, ein schon durch längeres Kulturleben in Sittenlosigkeit imd 
darum wohl auch Schlaffheit versunkenes Geschlecht, das mehr durch 
kriegerische Kunst als durch natürliche Kraft den Israeliten impo- 
nierte, und dem in Israel ein noch in frischer Jugendkraft stehendes 
unverdorbenes, an rauhen Kampf und harte Entbehrung gewöhn- 
tes Volk gegenübei-steht. Schwerlich brauchte Israel, da wo es 
mit gleichen Waffen kämpfte , die kriegerische Entscheidung zu 
scheuen. 

Wir glauben somit dabei bleiben zu sollen: an der Spitze Israels 
zog Josua ins westliche Land, Israel zog bei Jericho über den Jordan, 



1) Rieht. 1, 27 ff. Vgl. daneben V. 21. Jos. 13, 13. 

2) 2Sam. 21, Iff. 

3) IKön. 9, 21. 

4) 2Sam. 21, 2 b. 



§ 28 Der historische Charakter der Erzählung. 309 

und es drang nicht sowohl friedhch, als vielmehr kämpfend in Ke- 
na'an ein. 

2. Die einzelnen Vorgänge. Von hier aus wird es denn 
auch keine Schwierigkeit bieten, über den historischen Gehalt der wei- 
teren Erzählung ein Urteil zu gewinnen. Die Berichte über den Jordan- 
übergang und die Eroberung Jerichos stimmen zwar unter sich nicht 
vollkommen überein, geben aber doch ein in den Hauptzügen klares 
und durchsichtiges Bild des Herganges, Israel ist nach ihnen mit 
Jahves wunderbarer Hilfe über den Jordan geschritten und hat in der- 
selben Kraft Jericho erobert. In welcher Weise die Einzelheiten der 
beiden Ereignisse sich folgten, läfst sich mit voller DeutHchkeit heute 
nicht mehr feststellen. Wenn aber Israel das Bewufstsein bewahrte, die 
Wunderhilfe seines Gottes in diesen entscheidenden Anfängen seines 
Vordringens in Kena'an in besonderem Mafse erfahren zu haben — 
wer will deshalb schon den ganzen Hergang in das Gebiet der Dich- 
tung verweisen y ^ 

An den Übergang schliefst sich die Erzählung von Israels Be- 
schneidung an. Auch hierin wird man eine wenn auch frei gestaltete 
historische Erinnerung wiederfinden müssen. Die „Schmach Ägyp- 
tens" ^, welche nun von Israel abgewälzt ist, läfst — worauf auch die 
Geschischte Moses deutet ^ — - keinen Zweifel, dafs in Ägypten Israel 
nicht beschnitten war ^. Die Beschneidung Israels mag somit der Haupt- 
sache nach ein in Kena'an angenommener, jedenfalls hier erst allgemein 
gewordener Brauch sein. Wenn trotzdem P ° sowohl als J *' die Be- 
schneidung schon in der Zeit der Patriarchen bekannt und geübt sein 
lassen, so kann darin, schon weil auch J an dieser Tradition beteiligt 
ist, kein Widerspruch zu unserer Erzählung erkannt werden ^. Viel- 
mehr ist der Hergang wohl so zu denken, dafs schon in alter Zeit mit 



1) Nöldeke, Unters., S. 95 findet in dem Jordanübergang den blolseu Kctlex 
des Durchgangs durchs Rote Meer. Konsequenter würde umgekelut der Zug 
durchs Rote Meer aus dem Jordanübergang abgenommen sein. Denn wenn irgeml- 
etwas Israel feststehen mufste, so war es die Thatsache, dafs es einmal über den 
Jordan gekommen war. 

2) Jos. 5, 9. 

H) Ex. 4, 24 f. Vgl. Wellh., Prol.^ S. nm. 

4) S. Ewald, Altert.% S. 12Gf. Hollenberg, StKr. 1874, S. 4931'. Wellh., 
Gesch. Isr., S. 364 f. Dillm., NuDtJo., S. 4G(». 

5) Gen. 17. 

6) Gen. 34. 

7) So Lagarde, Symmicta I, S. 117. Wellh., Gesch. Isr., S. 3G;\ Stade, 
Gesch. Isr., S. 111. 423. 



270 Erstes Buch. B. 3. Kap. Die Eroberung Kena'ans. 

der Beschneidung begonnen wurde, sie jedoch nie allgemein durchge- 
führt war, in Aegypten sogar wieder abkam und erst jetzt allgemein 
wurde ^. Dafs die Beschneidung nicht erst in mosaischer oder nach- 
mosaischer Zeit neu aufkam, sondern dem Volke von altersher bekannt 
war, findet seine stärkste Bestätigung in der Thatsache, dafs sie gar 
nicht Gegenstand der Gesetzgebung wird, sondern man sie von Anfang 
an als bestehend voraussetzt ^. 

Mit der Gewinnung Jerichos hat, wie wir sahen, in der ältesten 
Tradition Josuas Führerschaft über ganz Israel ihr Ende erreicht. Juda 
trennt sich jetzt mit seinen Nebenstämmen und mit Shim'on ab und 
erobert sein Gebiet. Die Art, wie die Thaten Judas gegen Adonibezeq 
beschrieben sind; die Schilderung der Eroberung Hebrons durch Kaleb, 
derjenigen von Debir durch 'Otniel; das offene Eingeständnis der Un- 
zulänglichkeit Judas in der Ebene und gegenüber den festen Mauern 
von Jebus; die Schilderung der tapferen Recken Kaleb und'Otniel; die 
Einflechtung der Rittersinn und Frauenschöne verherrlichenden 'Aksa- 
geschichte: — das alles trägt so sehr die Farbe des Lebens, dafs man 
kein Recht hat, an der Geschichtlichkeit zu zweifeln ^. Die Annahme, 
dafs die Hergänge zwar geschichtlich sein mögen, aber späterer Zeit 
angehören *, erschwert nur die Festhaltung der Geschichtlichkeit, inso- 
fern die Richterzeit ihre eigenen Kämpfe besitzt und über sie ja manche 
wertvolle eigene Erinnerung bewahrt hat. 

Josua, von jetzt an noch Führer des Hauses Josef und der ihm 
vorläufig angeschlossenen Stämme, wendet sich gegen das Gebirge 
Efraim und erobert 'Ai und Betel. Die Berichte darüber haben die 
Erinnerung bewahrt, dafs der Eroberung 'Ais eine Niederlage voraus- 
gegangen war und die Stadt sodann mit Hilfe einer Kriegslist ge- 
nommen wird, wie dafs Betel durch Mitwirkung eines verräterischen 
Einwohners der Stadt in die Hände der Eroberer fällt. Auch hierin 
dürfen wir geschichtliches Material erkennen. 

Nachdem sodann Josua auf einem in seinen Einzelheiten uns heute 
nicht mehr erkennbaren Zuge das eigentliche Gebirge Efraim bis gegen 
Sikem hin — dieses selbst wohl eingeschlossen — in seine Hände ge- 
bracht, führt er sein Heer zurück nach Gilgal ^. Hier begegnet Israel, wie 



1) Tgl. Dillmann, Gen.=, S. 254. 

2) S. auch Riehm, HWB., Art. Beschneidung. 

3) So Meyer, ZAW. I, S. 141; Stade, Gesch. Isr. I, S. 137: „durchaus nicht 
auf irgendwelcher Überlieferung historischer Ereignisse." 

4) So wohl Wellh., Proleg.^ S. 382. 

5) S. hierüber ober S. 261. 



§ 28. Der historische Charakter der Erzählung. 271 

es scheint in augenblicklicher Abwesenheit des Josua, die Überlistung 
durch die Gesandten von Gib'on und ihren Tochterstädten. Es ist 
nicht ganz leicht, diese Erzählung in den Zusammenhang der Ereig- 
nisse der Josuazeit einzureihen. Daher begreifen sich die mehrfachen 
Versuche, das Bündnis mit Gib'on als erst in der späteren Richterzeit ^ 
oder gar erst kurz vor Saul ^ entstanden anzusehen. Anderseits scheint 
mir die jedenfalls alte Tradition von einer grofsen entscheidenden Schlacht 
bei Gib'on, hervorgerufen durch eine gegen diese Stadt gebildete Koa- 
lition kena'anäischer Könige, doch nur in diesem Bündnis, das natur- 
gemäfs den Kena'anäern als Abfall gelten mufste, seinen Boden zu 
haben. 

Als Hauptgründe für die spätere Ansetzung des Bündnisses mit 
Gib'on werden zwei Umstände geltend gemacht. Den Gib'oniten wird 
der von Israel erschlichene Vertrag gehalten, aber sie werden zu 
Knechten des Heiligtums degradiert. Diese Meinung, nimmt Stade ^ an, 
konnte vor Salomo nicht entstehen. Denn er erst machte die noch 
nicht unterworfenen Reste der Urbewohner zu Hörigen, während unter 
David die Gib'oniten noch ihre volle Freiheit besitzen. Allein sieht 
man die hier in Betracht kommende Notiz* genauer an, so ergiebt 
sich, dafs von Abhängigkeit oder Unabhängigkeit der Gib'oniten gar 
nicht die Rede ist. Nicht gegen die von Saul geplante Entziehung 
ihrer vollen Freiheit erheben sie sich, sondern gegen die von ihm ein- 
geleitete blutige Ausrottung. Es ist also wohl möglich und an sich 
wahrscheinlich, dafs sie schon unter Saul in einem gewissen Zustand 
der Dienstbarkeit sich befanden ^. Hierzu stimmt es auch, dafs in eben 
jenem Zusammenhang bei der Erläuterung des eigentümlichen Verhält- 
nisses, in welchem Gib'on zu Israel stand, durchaus nicht der Eindruck 
erweckt wird, als wäre jenes Bündnis erst durch Saul oder etwa kurz 
vor ihm geschlossen worden *. Vielmehr wird es als etwas von alters- 
her Überkommenes angesehen, als ein Bündnis, das vor Zeiten die 
Söhne Israel geschlossen hatten und das nun, nachdem es Jahrhunderte 
bestanden, von Saul mutwillig gebrochen wird. 

Einen weiteren Grund nennt Budde ''. Das Deboralied zeigt, dafs 



1) Budde, ZAW. VII, S. 135. 

2) Stade, Gesch. Isr. I, S. 161. 

3) Gesch. Lsr. I, S. 135 f. 

4) 2Sam. 21, 1 ff. 

5) Auch der Altar braucht nicht notwendig spätere Zeiten zu verraten. Es 
kann ursprünglich auch die in Gib'on selbst stehende Opferstätte gemeint sein. 

6) Vgl. 2Sam. 21, 2: ,,die Söhne Israels hatten ihnen geschworen". 

7) ZAW. VII, S. 135. 



373 Erstes Bucli. B. 3. Kap. Die Eroberung Kenaaus. 

in der Zeit nach Josua eine tiefe Kluft zwischen Juda und dem Hause 
Josef bestand. Für Debora ist Juda wie nicht vorfanden. Dies, nimmt 
Budde an, erklärt sich nur, wenn von Jebus an, das jedenfalls in 
Händen der Kena'anäer bleibt, bis zum Meere hin ein Streifen kena'a- 
näischen Gebietes läuft, der die Verbindung des mittleren Landes mit 
dem Süden unterbricht. Der kena'anäische Keil geht aber nur dann 
ununterbrochen durch bis Jebus, wenn Grib'on und die ihm zugehörigen ^ 
Städte Beeret, Kefii'a, Qirjat-Je'arim so gut wie die umliegenden Orte 
Jebus ^, Gezer ^, Sha'albim, Ajjalon * zur Zeit der Debora noch kena'a- 
näisch sind, d. h. wenn das Bündnis erst der späteren Richterzeit zu- 
gehörte. 

Zwingend ist auch dieser Grund keineswegs. Denn waren einmal 
Jebus, das als fast uneinnehmbare Feste die Umgegend beherrschte, 
und auf der andern Seite ^ Gezer, Sha'albim und Ajjalon in Händen 
der Feinde, so konnte auch Gib'on, wenn gleich ein fester Platz, Israel 
nicht mehr sonderlich als Stützpunkt dienen. Vollends war dies der 
Fall, wenn es in der Richterzeit nicht mehr im Besitze voller Selb- 
ständigkeit, also wohl unzufrieden und unzuverlässig war. Zu alledem 
aber wissen wir ja nahezu nichts Bestimmtes über die Verhältnisse 
Judas selbst in der Richterzeit. Dafs es von Debora bei ihrer Um- 
schau unter den Stämmen Israels nicht erwähnt wird, ist unter allen 
Umständen auffallend und wird auch dann nicht aufgehellt, wenn wir 
die kena'anäische Scheidungslinie zwischen Israel und Juda noch so 
ausgedehnt vorstellen. 

Das entscheidende Gewicht scheint mir aber auf die schon er- 
wähnte Thatsache zu fallen, dafs bei Gib'on zur Zeit Josuas eine be- 
deutende Schlacht geschlagen wird, welche die Tradition in nächsten 
Zusammenhang mit dem zwischen Israel und Gib'on geschlossenen 
Frieden bringt. Wird jener Kampf sich als geschichtlich herausstellen, 
so ist vollends an der Thatsache des Bündnisses nicht mehr zu zwei- 
feln. Die Schlacht bei Gib'on liegt uns daher zunächst zur Prüfung 
vor. 



1) S. oben S. 2G2. 

2) Rieht. 1, 21. 

3) Rieht. 1, 29. 

4) Rieht. 1, 35. 

5) Vgl. die Karten: Kiepert, Neue Handkarte von Palästina 1883; Stade, 
Gesch. Isr. I zu S. 140; Droysen, Hist. Handatlas, S. 4. 



i? 21). Die Ereignisse nach dem Bündnis mit Gribon. 3 TS 

§ 29. 
Die Ereignisse nach dem Bündnis mit Gib'on. 

1. Die Schlacht bei Gib'on. Der Thatbestand, wie er in 
den Quellen vorliegt, ist folgender. In die Erzählung der auf das 
Bündnis mit Gib'on folgenden Vorgänge ^ verwoben finden wir das so- 
fort dem Leser in die Augen fallende Bruchstück eines alten Liedes 
mit kurzem begleitendem Texte: 

„Damals redete (= sang) Josua - inbetreff^ Jahves am Tage, 
da Jahve den Emoriter dahingab* vor Israel, und sprach vor 
den Augen Israels: 

, Sonne zu Gib'ön halte still — und Mond im Thalgrund von Ajjalön •'"': 
,Und die Sonne hielt ein, und der Mond blieb stehen — bis das Volk 

sich rächte an seinen Feinden'. 

Siehe das ist geschrieben im Buch des Braven. Und die Sonne 
blieb stehen in der Mitte des Himmels und eilte nicht 
unterzugehen fast einen vollen Tag. Und kein Tag war 
wie dieser weder vorher noch nachher, an dem Jahve auf 
die Stimme eines Menschen gehört hätte, denn Jahve 
kämpfte für*" IsraeU' ''. 

Die in der vorstehenden Übersetzung gesperrt wiedergegebenen 
Worte scheiden sich nach Form und Inhalt leicht als Zusätze von D- 
aus. Sie stimmen im Sprachgebrauch zu D^ und bringen zur Erzäh- 
lung nichts Neues hinzu, sondern bieten nur erweiternde Erläuterung 
des übrigen Textes ^. Sieht man von diesen Zusätzen ab , so besitzen 
wir in dem Rest ein jedenfalls sehr altes, am ehesten von E ■* her- 



1) Jos. Kap. IC. 

2) Ohne Grund will Stade, Gesch. Isr. I , S. 50 auch hier Josua beseitigen. 
S. auch Budde, S. 146. 

3) = zum Preis Jahves. ~i3~ mit nachfolgendem ? nur vereinzelt = zu jemand 
reden. Würde es sich um eine Anrede an Jahve handeln, so könnten die Verba 
des Liedaufangs nicht im Imperativ, sondern müCsten in dritter Person stehen. 

4) Die Redeweise i^üb \Di ^S^ Deut. 1, 8. 21 u. ö. 

5) seil. So hicls es damals, oder: so gebot Jahve. 

6) t'N")lL"'^ ünb: "»1 vgl. Deut. 1, ;W; n, 22; 20, 4. 

7) Jos. 10, 12-14. 

8) In V. 12 sind die Worte : .,am Tage" u. s. w neu einsetzende Erläuterung 
zu: „damals redete" u. s. vv. ; V. i;jb. 14 erläutern das Lied. Vgl. weiterhin 
Ewald, Gesch. Isr.'' 11, S. :!:}0. Ilolleabcrg, StKr. 1874, S. 4'.t8. 

9) Dafür spricht schon die Gewohnheit des E, ältere Liedersammlungen zu 

Kittel, Gesch. d<T llebriicr. 18 



374 Erstes Buch. B. 8. Kap. Die Erobernug Keiia'ans. 

rührendes Stück, welches sich auf das uns von früher bekannte Buch 
des Braven beruft. 

Das Stück giebt uns Nachricht von einer bei Gib'on und Ajjalon 
geschlagenen grolsen Schlacht. Die letztere verherrlicht Josua in 
einem zur Erinnerung an sie und zum Preis Jahves nachher ^ gesun- 
genen Lied, in dem er in Kürze den Hergang bei oder nach dem 
Kampfe schildert: durch den wunderbaren Beistand von Sonne und 
Mond gelingt es, die Feinde zu vernichten. 

Was ist die geschichtliche Grundlage des Liedes? Man sagt: 
Dichterworte wollen dichterisch verstanden sein ''^, nicht verständig pro- 
saisch, und kann sich dafür mit Recht auf das Lied der Debora be- 
rufen ^, wo das Kämpfen der Sterne nichts anderes ist als ein hoch- 
poetisches Bild, ein plastisch konkreter Ausdruck des Gredankens eines 
wunderbar glücklichen durch Jahve gefügten Zusammenwirkens aller 
Umstände zum Siege Israels. So soll hier im Liede ein Bild langen 
angestrengten Schiagens und V^erfolgens vorliegen •^. Allein bei aller 
Anerkennung des poetischen Charakters unseres Stückes liegt es doch 
bei der ungleich bestimmter lautenden Form dieses Liedes näher, eine 
Anspielung auf eine bestimmte in Josuas Erinnerung lebende Situation 
und auf besondere Ereignisse des Schlachttages in ihm zu erkennen. 
Nicht um ein blofses Mitkämpfen von Sonne und Mond handelt es sich 
ja, sondern geradezu um ein Stillestehen. Dies kann doch nur auf 
eine aufsergewöhnliche Dauer des Schlachttages deuten, die es Josua 
ermöglichte, das kriegerische Tagewerk zu vollenden. Das Tageslicht 
hielt vor, bis die Arbeit der Rache an den Feinden geschehen war. 
Die Weise, wie das sich vollzog, hat Josua in dem Liede dichterisch 
verherrlicht als ein Stillestehen der Sonne, weil eine andere Erldärung 
ihm nicht zu Gebote stand, und der deuteronomische Überarbeiter hat 
die schon im Liede stehende Deutung in seiner Weise weiter aus- 
gemalt und in verständige Prosa umgesetzt •"'. Sollte uns heute 

citieren (vgl. Num. 20 f.). Dillinaiin, S. 48(^ läfst V. 12 — lü von D, wohl mit An- 
schhifs iui E, verfafst seiu. 

1) Dies geht aus der in der Übersetzung gegebenen Fassung von iiS ~)Dl^i 
hervor. V. 13a« gehört zum Lied. D^ in Y. 14 hat die Worte als Gebetsruf 
an Jahve gefafst und daher als schon während der Schlacht selbst gesprochen ge- 
deutet. S. jedoch oben S. 273, Anm. 3. 

2) Dillmann, NuDtJo., S. 489. 

3) Rieht. 5, 20. 

4) „Es war ein langes Schlagen und Verfolgen, und rückblickend hatte mau 
den Eindruck , als ob der Tag selbst sich verlängert hätte . . ." Dillmann 
a. a 0. 

5; Von ihm stammt die Wendune; V. 14 b. als wären die Worte des Lieds 



§ 29. Die Ereignisse nach dem Bündnis mit Gib'on. 375 

unter dem Einflul's der kopernikanischen Weltbetrachtung jene Deutung 
nicht genügen, so hat man damit noch nicht das Recht , den Vorgang 
einfach in das Gebiet des poetischen Bildes zu verweisen. Ein auf- 
fallendes Langewähren des Tageslichtes bleibt bestehen, auch wenn die 
Weise, Avie es naturgesetzlich sich vollzog, uns unbekannt ist '. Dafs 
der Glaube Israels darin ein Wunder erkannte, zeigt nicht allein die 
nachfolgende Erläuterung, sondern schon das Lied selbst. Ist aber in 
der nachgewiesenen Weise der Vorgang selbst geschichtlich bezeugt, 
so wird man auch heute noch der religiösen Betrachtung der Geschichte 
es nicht verübeln können, wenn sie in dem wundersamen Langewähren 
des Tages ein machtvolles Eingreifen göttlicher Allmacht zugunsten des 
erwählten Volkes sieht ^. 

Eine Schlacht bei Gib'on läfst sich sonach mit Sicherheit aus den 
ältesten Quellen schon belegen. Über ihren Anlafs ist freilich aus der 
allernächsten Umgebung des Liedes oder aus diesem selbst nichts zu 
entnehmen. Wir können also, wenn wir von der weiteren Umgebung 
noch absehen, nur Vermutungen hierüber anstellen. Aber auch sie 
führen schon zu einem gewissen Ergebnis. Ist bei Gib'on gekämpft 
worden, so kann dies unter keinen Umständen gegen Gib'on gemeint 
gewesen sein. Denn die Tradition läfst darüber keinen Zweifel, 
dafs die Bewohner dieser Stadt im Gegensatz zu ihren Volksgenossen 
mit Israel im Verhältnis des friedlichen Vertrages leben. Anderseits 
gilt dieses Verhältnis als etwas Auffälliges und in seiner Art Abnormes ; 
schon hieraus ergiebt sich eine Befehdung durch die eigenen Volks- 
genossen als viel näherliegend. Nicht Gib'on wird in jener Schlacht 
besiegt worden sein, sondern die es um seiner Stellung zu Israel als 
um eines Verrats an der gemeinsamen Sache willen befehdenden 
Kena'anäer. 

Soweit führt der Gang der Sache selbst ^, wenn wir nur das Lied 



ein Gebet Josuas. Selbstredend ist damit nicht ausgeschlossen, dafs auch in E die 
Verlängerung des Tages sich that sächlich auf Josuas Gebet vollzog — nur 
betete er in E nicht das Lied. Der Unterschied ist also mehr ein litterarischer 
als ein sachlicher. 

1) Dafs mit dem Fallieren der Sonne das Zeitmafs überhaupt fehlte (Dillmann, 
S. 490) kann, wenn crsteres nicht angenommen wird, nicht wohl mehr behauptet 
werden. 

2) Vgl. im übrigen über die reiche Litteratur zu dieser Erzählung besonders 
Winer, Realwörterb.M, S. (513 : Zöckler, Beweis des Glaubens IV. S. 248 fif.; 
Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 485; Dillmann, NuDtJo., S. 490. 

3) Gegen Budde, ZAW. VII, S. 146, der eine in iliren Motiven unbekannte 
Schlacht bei Gib'on annimmt. 

18* 



276 Erstes Buch. B. 3. Kap, Die Erobei-uug Keua'aus. 

als die sicherste Grundlage für unsere Kenntnis dieser Vorgänge ins 
Auge lassen. Zeigt sich nun, dafs der weitere Rahmen, in welchen 
dasselbe gestellt ist, hiermit übereinstimmt, so ist damit ein überaus 
günstiges Vorurteil für denselben gewonnen. 

Der Kahmen, welcher das Lied umgiebt, stellt die Erzählung einer 
Koalition kena'anäischer Fürsten dar zur Züchtigung Gib'ons für sein 
Bündnis mit Israel. An der Spitze steht der König Adonisedeq von 
Jerusalem , ihm schliel'seii sich an Hebron Jarmüt Läkish 'Eglon. 
Gib'on ruft Josua um Hilfe an, der sie, von Gilgal heraufziehend, auch 
gewährt. Er überrascht die Feinde, sclilägt sie bei GiVon und ver- 
folgt sie in der liichtung gegen Bet-horon. Während sie den Abhang ^ 
vom oberen zum unteren Bet-horon zur Flucht benutzen wollen, reibt 
ein von Jahve gesandter Hagel - sie auf und tötet viele. Die länger 
währende Verfolgung und die dabei Israel gewordene weitere Hilfe 
Gottes beschreibt sodann das Lied. Nach der Vernichtung der Feinde 
kehrt Josua in das Lager von Gilgal zurück ^. — Neu anhebend und 
daher einer andern Quelle folgend berichtet sodann dasselbe Kapitel 
noch eingehend über die Fortsetzung der Verfolgung bis gegen Maq- 
qedä hin und die Hinrichtung der verbündeten in einer Höhle bei 
Maqqedä geborgenen Könige *. 

Diesen Bericht könnte man — abgesehen von der in \. 15 durch 
die vorzeitige Meldung der Rückkehr nach Gilgal geschaffenen kleinen 
Unebenheit ^ — nach dem , was sich oben über den sachgemäfsen 
Charakter seines Inhaltes gezeigt hat, unmittelbar für geschichtlich an- 
nehmen, wenn nicht in den Einzelheiten seiner Aussagen sich uner- 
wartete Anstände erhöben. Hebron ist, wie wir sahen, längst durch 
Juda erobert, ebenso Debir, das in der aus D- stammenden Fortsetzung 



1) Über die Lage des alteu Bet-horuu uud des heutigen Bet Ür el-foqa und 
et-tahta s. Kiehm, HWB., S. ISO uud Bädeker, Pal.^ S. 18. 

2) Volck in PEE.'' VII, S. 121 denkt an Meteorsteine. 

3) Jos. 10, 1 — 11. 15. V. 1 — 15 stellt, die Zusätze von D^ abgerechnet, eine 
Einheit dar und stammt wohl aus E. So auch Dillm., NuDtJo., S. 485, der jedoch 
12 — 15 als Zusatz von D ausscheidet (ähnlich wie HoUeubcrg, AYellhausen, Budde). 
Aber V. 12 — 14 sind nur stärker überarbeitet, gehörten aber schon anfänglich zu 
E. V. 15 mul's, weil zum Folgenden nicht ganz stimmend, allerdings quelleuhaft, 
also von E sein. Dillmann, NuDtJo. , S. 488. 49<i schreibt ihn aus denselben 
Gründen und mit Berufung auf ^^'-^^'■' bj ^ ^u. 

4) Jos. 10, 16—28, wohl aus J (vgl. V. 21b mit Ex. 11, 7; V. 24 '^n ^-i.s), 
jedoch überarbeitet (besonders V. 25). V. 28 — 43 ist fi-eier Zusatz von D- uud 
verstöfst mehlfach gegen die ältere Tradition; s. u. 

5) Der Vers würde dem Sinn nach hinter V. 27 gehören. 



§ 2V. Die Ereignisse nach dem Bündnis mit Gib'ou. 277 

der Erzählung ebenfalls erobert wird ^ Mindestens kann also der 
König von Hebron an dem Bündnis nicht beteiligt sein. 

Es ist damit zugegeben, dals die Schlacht bei Gib'ou, eben weil 
sie ein glänzender vielbesungener Sieg w-ar, schon frühe zu einer ge- 
wissen Erweiterung des ursprünglichen Sachverhaltes in der Tradition 
Anlafs gegeben hat. Dies sollte nicht zugunsten einer falschen Har- 
monistik bedtritteu werden -. Denn Hebron ist durch Kaleb erobert. 
Anderseits aber ist es ebenso ungerechtfertigt, um dieses Umstandes der 
unberechtigten Hereinziehung Hebrons Avillen, die ganze Erzählung über 
die judäisch - philistäische Koalition gegen Josua über Bord zu werfen ^. 
Sie ist in der Schlacht von Gib'on und dem ganzen Zusammenhang 
der Dinge zu gut gegründet, als dafs dies zulässig erscheinen könnte. 
Jebus, Jarmut, Lakish, 'Eglon sind durch Rieht. 1 direkt oder indirekt 
als von Juda nicht erobert bezeichnet, konnten und mufsten also wohl 
gegen Gib'on gemeinsam vorgehen. 

Freilich sucht man den uuhistorischen Charakter der Erzählung 
besonders noch durch Berufung auf Adonisedeq zu stützen *. Die LXX 
lesen statt dieses Namens ^^iöcoviß&U/.- So liegt der Gedanke nahe, 
dafs es sich hier überhaupt nur um den in Rieht 1 erzählten Kampf 
der Judäer mit Adonibezeq handle, der aber durch die Tendenz der 
späteren Erzähler zu einem Kampf Josuas und Gesamtisraeis wider 
Jerusalem und Juda umgestaltet worden sei. Budde ^ sucht sogar 
scharfsinnig zu erweisen, dafs auch jener Adonibezeq selbst schon gar 
nicht König von Bezeq, sondern in der That von Jerusalem gewesen 
sei. Indem nun vollends an den ebenfalls der Sage angehörigen König 
Malkisedeq von Jerusalem erinnert wird, erscheinen die Fäden in ab- 
schliefsender Vollkommenheit zusammengetragen, aus denen jenes Netz 
der Dichtung, das wir hier um den Namen Adonibezeq gelegt finden, 
gewoben ward. 

Man wird gestehen müssen : die hier vorgeführte Theorie klappt 
in wunderbarer Weise. Aber man wird sich zugleich des Gedankens 
kaum erwehren können : es stimmt hier alles nur zu gut. Die Hypo- 
these, so bestechend sie klingt, arbeitet mit gar zu durchsichtigen Mo- 
tiven, um Vertrauen erwecken zu können. 

1) Jos. lU, ;>}<, wobei aufscrdem das Mifsverstäudnis passiert, dafs V. 37 auch 
der König von Hebron , der längst tot ist , noch einmal erschlagen wird (vgl. 
V. 2G). 

2) S. Keil, Josua, S. 88; Köhler, Bibl. Gesch. I, S. 48C. 

3) Stade, Gesch Isr. I, S. 133. Budde, ZAW. VII, S. VAf. 157. 

4) Wellh., Einl.^ S. 182. Budde, ZAW., S. 147 flF. 

5) a. a. 0., S. 14!l. 



278 Erstes Buch. B. o. Kap. Die Eroberung Kena ans. 

Dafs die LXX Adouibezeq lesen, fällt freilich auf. Allein viel 
leichter ist ein alter Schreibfehler im Gedanken an Kicht. 1 anzuneh- 
men, als dals im masoretischen Text erst in der Zeit nach der alexandrini- 
schen Übersetzung hier sollte Adonisedeq und in Rieht. 1 Bezeq — an 
Stelle von Jerusalem, als sein Kfinigssitz, — eingesetzt worden sein. 
Wenn der späte Anderer sich so weitgehende Eingriffe in den Text 
erlauben konnte, und wenn er so sehr auf Lösung von ^^ idersprüchen 
bedacht war: weshalb hat er dann zwei Verse später ^ Hebron stehen 
lassen, das er doch beliebig in einen bestehenden oder erdichteten Na- 
men wandeln konnte? Hat er das Mittel der Ausgleichung das eine 
Mal und zwar in so durchdachter, fein angelegter Weise angewandt: 
so begeht er einen Widerspruch, der der ganzen Hypothese den Hals 
bricht, wenn er dasselbe Manöver, falls es in demselben Zusammenhang 
gleich nötig erscheinen mufste. ein zweites Mal nun plötzlich nicht vor- 
nahm. Denn es handelt sich hier nicht um ein flüchtiges, gelegent- 
liches Andern eines Abschreibers — so ist die Lesart der LXX ent- 
standen - — , sondern der Anderer legte Jos. 10 und Rieht. 1 vor sich 
und verglich , ob sie stimmen : den einen Anstand ändert er und den 
andern gleich grofsen sollte er haben stehen lassen? ~ ein ungleich grö- 
fseres Rätsel als die Entstehung des aus Rieht. 1 im Ohre liegenden 
Namens Adonibezeq durch einen Schreiber der LXX ! 

Eine Eroberung des Südens und seiner festen Städte ist freilich 
damit von Josua nicht ausgesagt. Sofern sie in dem weiteren Verlauf er- 
zählt wird, scheint sie auf Mifsverständnis des späteren Bearbeiters zu 
ruhen ^. Die Eroberung des Südens war Aufgabe Judas und Shim'ons. 
Hebron und Debir werden von ihm erobert, die übrigen Städte für 
jetzt wohl schwerlich. Josua selbst beschränkt sich darauf, die Feinde 
zu schlagen und zu vernichten. 

2. Der Rest der Nachrichten. Noch eine letzte Waffenthat 
Josuas wird von der Überheferung mitgeteilt. Am entgegengesetzten 
Ende Kena'ans, im hohen Norden *, verbündet sich Jabin, König von 
Häsor, mit einer Anzahl nordkena'anäischer Könige zum Kampf gegen 
Josua. Sie lagern sich an den Wassern Merom, worunter kaum etwas 



1) Jos. 10, 3. 

2) Über die geringe Güte des LXX-Textes im Buch Josua vgl. Dillm., 
NuDtJo., S. 690. 

3) V. 28 — 43; vgl. auch die Beispiele oben S. 277, Anm. 1. 

4) Wohl am ehesten iu der Nähe von Qedesh Naftali zu suchen, sei es nun 
Teil Harrawi (so Guerin, Gal. II, p. 363 sqq. Dillmann, NuDtJo., S. 495) oder 
Teil Churebe (so Robinson, NBF. , S. 479 f., Riehm , HWB. , S. 583: Bertheau, 
Rieht.-, S. 83 f.). 



v> 'i!'. Die Eroigitisse nach dem Büiiduis mit ftiVon. 279 

anderes als der See Hiiie ^ gemeint sein kann -. Hier überrascht Josua, 
Jahves Befehl folgend, die Feinde unversehens und vernichtet sie ^. 

Eine geschichtliche Grundlage mufs auch für diesen Bericht an- 
genommen werden, wenngleich der genauere Hergang sich nicht mehr 
feststellen läist. Ohne Zweifel hat Josua auch nach der Eroberung 
des mittleren Landes — vielleicht erhebliche Zeit nach ihr — noch 
Gelegenheit gehabt, vereinzelte Kämpfe mit den nördlichen Kena'anitern 
zu bestehen. Die spätere in D^ und P niedergelegte Tradition hat die 
hier und im vorigen Kapitel vorausgesetzten vereinzelten Waflfenthaten 
Josuas im Süden und Norden als Vollendung der Eroberung des Lan- 
des durch Josua gedeutet. So folgt denn ein Verzeichnis der von Josua 
geschlagenen Könige ■*, welches eine Reihe von nach den älteren Quellen 
noch nicht eroberten Gebieten ^ in sich begreift und daher eher den 
späteren Stand der Dinge , mifsverständlich auf Josua übertragen , als 
die Erfolge Josuas selbst zur Darstellung bringt '^. 

Hier verläfst uns die Geschichte der Eroberuno;. Die nun folg-en- 
den Kapitel des Buches Josua ' gehören fast ausscbliefslich D- und P 
an und bieten ein Idealbild der Verteilung des Landes unter die ein- 
zelnen Stämme. Sie gehen aus von der Annahme einer vollständigen, bei- 
nahe restlosen Unterjochung des ganzen Landes durch Josua. Sofern 
diese Voraussetzung nicht zutrifft, mag auch jene Verteilung den Stand 
einer späteren Zeit, in der Meiniuig, er sei schon von Josua geschaffen, 
in das Altertum projiziert haben. So wertvoll jene Kapitel als ge- 
schichtliche und geographische Denkmale hinsichtlich der Wohnsitze 
der einzelnen Stämme sind , so können sie doch für den Stand der 
Dinge zu Josuas Zeit nicht unmittelbar als Quelle verwandt werden. 
Soweit Avir darüber eine Kunde zu erhalten vermögen, haben wir sie 



1) Vgl. über ihn Bädeker, Pal.^ S. 272. 

2) So Ewald, Gesch. Isr.'' II, S. 35G ; Hitzig , Gesch. Isr. , S. lOo ; Köhler, 
Bibl. Gesch. I, S. 487; Di lim , NuDtJo., S. 497. S. dagegen auch Keil im Kom- 
mentar zu Jos. 11, 5 u Smeud bei Kiehm, HWB., S. 983 f. 

3) Jos. 11, 1 — 9. Die Ver.;e enthalten eine wohl auf Grund von (E oder) J 
von D^ entworfene Erzählung. Das Folgende (V. 10—23) ist von D- frei hinzu- 
gefügte Erweiterung. 

4) Jos. Kap. 12. 

ö) Vgl. V. 21 f. mit Rieht. 1, 27 f. 

6) Das Bewufstsein der Unvollkommenheit der Eroberung ist auch noch Jos. 
13, 1 erhalten und zwar wohl im anderen Sinne, als dies jetzt der Zusammenhang 
(D*) ergiebt. V. 1 ist älter. 

7) Jos. 13 ff. Über die Quellenscheidung ist noch keine Einheit erzielt; s. 
Wellh., JDTh. XXI, S 496 H. Kuen. Ond.^ § (5, No. 49fr.; § 7, No. 27 ff'. Dillm., 
NuDtJo. zu den betr. Kapp. 



3yO Erstes Buch. B. 3. Kapitel. Die Eroberung Kena'ans. 

jedenfalls in den ältesten Bestandteilen dieser Kapitel zu suchen. Solche 
finden sich, wenn auch nur in bescheidener Zahl. Zum Teil, sofern 
sie nämlich J angehören , haben wir sie schon oben herausgestellt. 
Einige derselben lassen sich aber auch auf E zurückführen. Die letz- 
teren müssen nun noch mit den uns schon bekannten Notizen aus J 
zusammengehalten werden. 

Fast unablässig konnte die bisherige Erzählung dem Faden folgen, 
der durch die Übersicht in J au die Hand gegeben war. Auf allen 
Punkten zeigte sich, dafs die Darstellung mit demselben auszukommen 
vermag und dafs sie durch ihn richtig geleitet ist. Josua geht über 
den Jordan, erobert Jericho, verteilt das Land, lälst darauf Juda nach 
Süden ziehen, zieht selbst mit dem Haus Josef zum Gebirge und hat, 
nachdem er es gewonnen, noch einzelne Kämpfe zm' Behaiiptung des 
Gewonnenen zu bestehen. 

Nun wir am Ende angelaugt sind, tauchen unversehens noch Reste 
einer etwas anderen, wenigstens in einem Hauptpunkte abweichenden 
Vorstellung des Herganges auf, die sich bisher nicht beobachten liefs. 
Nach ihr haben am Ende der Eroberung sieben Stämme noch kein 
Gebiet in Besitz genommen, und weil dies bisher versäumt wurde, wird 
ihnen nun ein solches durch Josua zugeteilt. Wir werden nicht fehl- 
gehen, wenn wir diese Anschauung des Sachverhaltes der Quelle E 
zuweisen. 

Schon früher ist uns ein aller Wahrscheinlichkeit nach E zugehö- 
riges Stück, welches über die Verteilung handelte, zugestofsen ^ Dar- 
nach hat wie J so auch E erzählt, dafs Josua, ehe die Weststämme 
sich nach der Eroberung von Jericho in zwei Hauptteile scheiden, eine 
Verteilung der Gebiete vornahm. Für das Haus Josef wird dies in J 
wie E durch Jos. 17, I4iF. mit Bestimmtheit vorausgesetzt. Ebenso 
setzt J eine solche Loszuteilung für Juda und Shim'on ^ und wahr- 
scheinlich auch für die anderen Stämme voraus ^. 

Treffen wir nun iui Buche Josua aufser den schon herausgehobenen 
Resten älterer Quellen ein älteres Stück *, welchem zufolge nach den 
bisherigen Kriegsthaten Josuas noch sieben Stämme sich kein Erbteil 
erworben haben, sondern es nun erst zugewiesen erhalten: so ist 
ersichtlich, dafs dieses Traditionseleraent nicht zu J palst. Wir werden 



1) Jos. 17, 14 f. Ö. oben S. 241, Aam. 3. 

2) ".^-lU, I^IU 5n Rieht. 1, 3. 

3) Die ganze Situation in Rieht I. wie die Frage: wer soll zuerst hinauf- 
ziehen? V. 1 legt dies nahe. 

4) Jos. 18, 2-6. 8—10. 



§ 20. Die Ereignisse nach dem Bündnis mit Gib'on, 281 

es also E zuzuweisen haben und gewinnen für diese Quelle die An- 
schauung, dafs fürs erste nur den zunächst vorgehenden Stämmen Juda- 
Shim'on und Efraim-Manasse ein Erbteil zugeteilt d. h. die Ermächti- 
gung gegeben wird, ein bestimmtes Gebiet sich zu erobern. Nachdem 
dies geschehen, wird das von ihnen erworbene Land ihnen zugeteilt, 
worüber ebenfalls noch Berichte in E vorhanden zu sein scheinen ^ 
Darauf erhalten die sieben anderen Stämme, die nach Josuas Rüge '"^ 
längst Gelegenheit gehabt hätten, sich um Landbesitz umzusehen, diesen 
durch Josua , und zwar mittelst des Loses ^ zugeteilt. Wahrscheinlich 
vollzog sich dies ursprünglich in Sikem *. Man kann geneigt sein, 
diese ganze Schilderung des Herganges für die ursprünglichste zu halten. 

Nun hat Josua sein Lebenswerk vollendet. Dafs jene sieben 
Stämme ihre Gebiete ganz eroberten, ist mit gutem Bedacht in E nicht 
gesagt, wohl aber sagt uns, wie sich früher zeigte, J, welche Gebiets- 
teile, die einzelnen Stämme nicht zu erobern vermochten. Josuas 
Lebensw^erk besteht sonach darin, die Eroberung zu be- 
ginnen und sie bis zu einem gewissen, dieZukunft Israels 
im Lande verbürgenden Abschlufs zu bringen. Dieser ist 
mit dem, was Josua thut, erreicht. In Sikem entläfst er die Stämme, 
nachdem er zuvor Jahves Wohlthat ihnen ins Gedächtnis gerufen und 
ihnen Treue gegen ihn anbefohlen. 

Es ist ein Abschnitt von besonderer Bedeutung, der Josuas Ab- 
schied erzählt, stark überarbeitet zwar, aber trotzdem reich an alten 
und wertvollen Notizen ^. Der Grundstock desselben gehört wohl E 
an, und es ist schwerlich anzunehmen, dafs die hier gegebenen Er- 
wähnungen der älteren Geschichte im Widerspi-uch mit den Mitteilungen 
dieses Schriftstellers stehen ^. 



1) Jos. 16, 1—3 (xyi = kam aus der Urne, wie Dillmann in V. 1 erklärt, 
mag allerdings im jetzigen Zusammonliang zutreffen; ursprünglich bedeutete das 
"Wort dasselbe wie in V. 2); vielleicht auch 14, 13-19, doch ist dies unsicher; 
ferner Teile von Kap. 17 (s. Dillm., S. 538). 

2) Jos. 18, 3. 

3) Jos. 18, 6. 

4) Vgl. Wellh., JDTh. XXI, S. 597. 

5) Jos. 24. S. darüber besonders Kuen. Ond.'^ § 7, No. 27; § 8, No. 16; 
Dillm., NuDtJo., S. 583 ff. 

6) S. gegenüber Kuen. Ond.'^ § 8, No. 16 bei Dillm., NuDtJo., S. 585 f. 



Berielitimnis*eii iiiid X:u'hträs;o. 



Seite 27, Zeile 2 v. u. lies: loi. 

„ 29, ,, 7 V. u. lies: diese mehr. 

„ 33, „ 5 V. u. füge hinter S. 42 ff. jetzt hinzu: S 203 ff. 

„ 43, „ 18 V. o. füge jetzt hinzu: Steiner in Theol. Zeitschr. a. d. Sehr. 

1887, S. 203 ff. 
„ 44, Anm. 4 füge am Schlüsse bei : Doch vgl. neuerdings die Bemerkungen 

Wellhausens in Deutsch. Lit. Zeit. 1887, Nr. 14, wo auch aus dem 

Urdeuteronomium noch gewisse Bestandteile auszuscheiden gesucht 

wird. 
„ 80, Zeile 12 v. u. Hos: der Thora statt: Mose. 
„ 90, ., 13 V. u. füge bei: S. hierüber jetzt auch Steiner in Theol. Zeitschr. 

a. d. Sehr. 1887, S. 207. 
,, 92 füge zu Nr. 3 bei: Vgl. hierüber ueuex-dings auch Vatke, Einl., S. 402 f. 
„ 121, Zeile 1 v. u. lies: PRE.2 YII, S. 109 ff. 
„ 128, „ lö V. o. lies: Öl. 
„ 187 füge in Anm. 2 bei: Vgl. auch Jos. 24, 7. 
„ 194 „ „ „ 3 zu Zeile 25 v. u. bei: Doch s. Jos. 24, 9 und dazu 

Dillm., NuDtJo-, S. 585. 
„ 199 füge in Anm. 1 bei: Vgl. ferner Kautzsch in Ersch und Grubers Encykl. 

II, 39, S. 3Öff 



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